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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 39
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
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Die Muschel des Todes.

»Als ich vor anderthalb Jahren in einer Dschungel der Insel Rodriguez pirschte, scheuchte ich den Burschen aus einem Felsversteck auf. Er war einer der wildesten und hungrigsten+...«

»Was?« rülpste Louis, ohne aufzustehn; aber er streckte seinen Riesenschädel vor, Fett kleckerte ihm von den Backen, Schweiß von der Stirn, die Augen stülpten sich heraus wie bei 'nem Hummer. »Was? Hungrig? Wenn er hungrig is, will ich 'm was von dem da abgeben. Ich kann nich allens essen, und jetz haben wer massenhaft an Bord. Und ich lieb'n, weil er ehrlich is.«

Unser Gelächter scheuchte ihn zurück. De Ruyter fuhr fort: »Ich hatte eine Büchse in der Hand, und er konnte nicht auskratzen. Ich winkte ihn heran und holte ihn aus. Soweit ich verstand, beschrieb er seine schreckliche Sklavenzeit unter einem holländischen Aufseher. Er mußte mit andern im Norden Fische salzen und Schildkröten greifen, die nach Isle de France gingen. Als die Leute nach Macao aufbrachen, floh er. Seither lebte er allein in den Wäldern von Eiern, Fischen, Obst. – Die alte Leier! Aber ich hatte Mitleid, nahm ihn an Bord. Hier hat er sich, wie Sie gesehn haben, immer einwandfrei geführt.«

Louis erschien abermals, jetzt plumpsatt, und empfahl uns dringend, ein Glas Schiedamer zur Brust zu nehmen, nur um die Schildkröte ruhig zu halten: »Denn ob Se se gleich im Bauch haben, so wird se doch vor Sonnenuntergang nich eingehn, weil se am Morgen geschlacht wurde. Denn nun Torra weg is, hab ich niemand zu Hilfe. 'ner Schildkröte sollt man de Gurgel immer bei Sonnuntergang abschneiden, dann schiebt se augenblicklich ab. Torra weiß das; aber alle übrigen an Bord sind Schafköppe und wissen nischt, – oder doch? Lassen Se diesen kleinen Troppen runterrollen, – er wird se beduseln, und se wird sich bis Sonnuntergang ruhig verhalten, und Se werden nischt mehr von ihr hören. Dieser französische Wein is bloß gut für de Supp, wenn's kein Madeira gibt.«

Er konnte uns nicht überzeugen, daß rauchiger Holländer besser sei als der beste Bordeaux, und füllte sich zum Trost eine Kokosschale, die er einen »Segelmacherfingerhut« nannte. Dann öffnete er das Tor seines »Docks« und ließ das Naß reinkluckern. –

De Ruyter, der ihn öfter reizte als unterbrach, nahm den Faden wieder auf: »Als Sie schliefen, ging ich zu Torra. Auf Befragen erzählte er mir seine Geschichte. Ich geb sie einigermaßen wörtlich wieder:

»Ich bin geboren in einem Fischerdorf. Im Nordosten Madagaskars, in der Bucht von Antongil. Mein Vater war ein armer Mann. Er nahm eine Frau. Sie hatte nur ein Kind. Einen Knaben. Er war kränklich. Er taugte nicht viel. Sie wollt ihn nicht arbeiten lassen. Sie wollt kein Kind mehr. Sie wurde alt. Sie wurde zänkisch. Mein Vater spricht nicht zu seiner Frau. Es ist zwecklos. Aber wie ein kluger Mann geht er hin. Er kauft eine andre. Er bekommt drei Kinder von ihr. Die erste Frau mag das nicht. Sie läßt sie nicht ins Haus. Er geht aufs andre Ufer. Er baut ein neues Haus. Er fängt mehr Fische hier. Er sieht jetzt sein altes Weib nicht. Ihr Sohn ist groß genug zur Arbeit. Er gibt ihm Kahn, Fischnetz, Speer. Er will nicht arbeiten. Sie sind sehr arm.

Ich wurde stark. Ich wurde ein guter Fischer. Mein Vater liebt mich. Ich geb zuweilen meinem Bruder Fische. Hab ich keine, geb ich Muschelgeld. Die weißen Männer (Torra meinte die Franzosen von Isle de France) sehn, der Platz ist gut. Sie sprechen freundlich zu meinem Vater. Sie wollen sein Brotland haben. Sie wollen einen festen Platz machen. Mein Vater will's nicht hergeben. Sie töten ihn. Sie nehmen es. Sie machen meine Mutter, meine Schwester zu Sklaven.

Ich geh in die Berge hinauf. Ich geh rüber nach Nossi Ibrahim. Hier wohnen sehr tapfere Leute. Sie hassen die Weißen. Sie stehlen auf dem Wasser, nicht auf dem Land. Sie machen keine Sklaven. Ich sag ihnen, die weißen Männer kamen, schlugen meinen alten Vater tot. Er war ihnen gut Freund. Sie sagen alle, sie freuen sich: mein Vater hat unrecht getan, er hatte weiße Freunde. Ich sag ihnen, sie nahmen meine Mutter, meine Schwester fort, machten sie zu Sklaven. Sie sagen, das ist sehr schlimm. Sie berufen einen Kriegsrat. Sie sagen, sie wollen mit diesen weißen Männern sprechen. Ein alter Mann sagt, war Freund meinem Vater: ›Nein, es ist nicht gut, mit ihnen sprechen. Ihre Worte sind weiß wie Morgen. Ihre Taten sind schwarz wie Nacht. Es ist nicht gut, mit ihnen sprechen. Es ist gut, sie alle totschlagen.‹ Sie reden viel. Sie sagen: ›Wir tun, wie der weise alte Mann sagt.‹

Sie nehmen viel große Kriegskähne. Sie segeln alle rüber in der Nacht. Der Mond scheint nicht. Die Nacht ist finster. Der alte Mann liebt schwarze Nacht. Er sagt: ›Der weiße Mann ist furchtsam, liebt nicht im Dunklen kämpfen‹.

Die weißen Männer machen ein Fest. Es ist der große Tag ihres guten Geistes. Alle sind betrunken im Land des armen schwarzen Manns. Wir hören sie nicht mehr singen. Wir wissen, sie schlafen. Wir steigen die Hügel herab, machen sie alle tot.

Meine Freunde nehmen alles, was sie finden. Sie gehn weg. Mein Vater ist tot. Ich will dort nicht bleiben. Ich nehm meine Mutter, meine Schwestern. Mein Vater lebte auf der andern Seite. Ich geh dorthin. Mein Vater ist weg. Mein Bruder ist sehr betrübt. Wir sind alle gute Freunde. Ich arbeit für alle. Mein Bruder oft geht fort. Wir wissen nicht, wohin. Er bleibt Tage aus.

Ich geh vier Monde später nach Nossi Ibrahim. Ich will den alten Mann sehn. Er war gut Freund, mehr Monde älter, als ich sagen kann. Ich komm zurück. Ich geh in mein Haus. Es ist Nacht. Ich find niemand. Ich geh zu meinem Bruder. Er stirbt bald vor Kummer. Er sagt: ›Die Maratten kamen in Kriegskähnen, wo du weggingst. Sie nahmen deine Mutter, deine Schwestern. Meine alte Mutter sprach zu ihnen. Sie taugte nicht viel. Sie schlugen sie tot.‹ Er sagt: ›Jetzt will ich Feuer machen, sie verbrennen.‹ Wir gehn voll Kummer. Wir machen einen Scheiterhaufen. Wir verbrennen die Leiche.

Mein Bruder sagt zu mir: ›Es ist nicht gut weinen. Deine Tränen bringen nicht zurück die Weiber.‹ – Und ich sag: ›Warum nahmen sie nicht dich?‹ – Er sagt: ›Oh, ich eilte auf die Berge, sie sahen mich nicht.‹

Ich will zurück zu dem alten Mann in Nossi Ibrahim, ihn um Rat fragen. Aber mein Bruder sagt: ›Nein! Diese Leute sind wenig, arm, verkaufen keine Sklaven. Die Maratten sind sehr groß Volk, machen viel Sklaven. Sie hassen einer den andern wie böse Brüder. Unter den Maratten sind gute Leute. Wir wollen zu ihnen gehn! Einer ist mein Onkel. Er holt zurück, was du verloren hast. Er liebt mich. Laß uns gehn, mit ihm sprechen!‹« –

»Das Ende«, schloß de Ruyter, »können Sie erraten. Der Kindskopf Torra ließ sich von seinem abgefeimten Bruder übertölpeln. Der hatte als Ältester Vaterrechte über die Geschwister geerbt. So stand ihm nach ihren Gesetzen zu, sie alle zu verkaufen, und er tat's. Seine alte Mutter, die weniger eingeteufelt war oder sich fürchtete, widersetzte sich; da erschlug er sie. Torra wurde nach Rodriguez in die Fron geschickt, die Frauen nach Isle de France. Den Ausgang von Torras trauriger Geschichte kennen Sie, auch sein abgekürztes Rechtsverfahren. Nur noch dies: Als wir gestern morgen landeten, schwamm er mit seinen Messern hin, – vermutlich hat er sich Ihnen angeschlossen.«

Ich entgegnete: »Torra hat mich erstaunt. Er war uns fabelhaft nützlich, wies uns den Weg nach den Wällen und dem Tor. Seine unheimliche Beflissenheit verdächtigte ihn schon einer Kriegslist; ich hatte ein Auge auf ihn. Aber als wir eindrangen, schwand jeder Zweifel: er war der bei weitem Tätigste von uns. Ich verlor ihn. Dann sah ich ihn, blutbesudelt von Kopf zu Fuß, aus einer Hütte in die andre stürzen. Wo er war, barst die Luft von Geschrei, – bis alles verstummte. Ich hielt ihn für verrückt und gab schließlich einen Schuß über seinen ›Bug‹ ab; Rufen half nichts. So brachte ich sein Siegesgebrüll zum Schweigen.«

»Aber«, warf Aston ein, »Sie haben uns nichts über die Begegnung mit seinem Bruder gesagt, de Ruyter!«

»Oh, die war ganz brüderlich! Doch ich vergaß, daß er ein Träumer ist, Hellgesichte hat. Also sprach Torra: ›In der Stadt der Maratten such ich überall meinen bösen Bruder. Aber ich find ihn nicht. So fühl ich meinen Kopf, mein Blut wie Feuer. Ich mach alle tot, die ich finde. Ich will auch sterben. Niemand kämpft mit mir. Alle laufen vor Torra weg. Vor einem Mann mit nichts als einem Messer! Sie haben Schwerter, Spieße, Flinten. Stahl schlägt Torra nicht. Eisen trifft Torra nicht. Gewehre verwunden Torra nicht. – Ich komm an Bord. Ich bin krank. Ich bin zornig. Ich leg mich in die Hangmatten im Vorderschiff. Ich will nicht schlafen. Ich hab zu großen Kummer. Ich kann nicht schlafen. Ich leg mich hin. Ich schau auf die See. Ich seh, mein alter Vater steigt vom Grund herauf. In einer großen Muschel. In der Hand das Netz. Er blickt mich an. Er sagt: ›Torra, mein Sohn!‹ – Ich will antworten. Ich kann nicht. Er sagt: ›Deine Mutter, deine Schwestern, wo sind sie?‹ – Ich will sagen: ›Sie sind Sklaven der weißen Männer.‹ – Er versteht mich. Er spricht: ›Nein, Torra, sie sind frei. Schau her! Du bist Sklav, mein Sohn. Sie sind bei mir!‹ Ich seh sie alle drei in der Muschel. Er sagt: ›Dein Bruder, wo ist er?‹ – Ich antworte: ›Ich weiß nicht.‹ Ein alter, runzliger Mann kommt. Der lebt in den dunklen Wolken. Er hat einen langen, feurigen Stab. Er fragt: ›Wo ist er?‹ – Mein Vater schüttelt das Fischnetz. Er fragt wieder: ›Wo ist er? Torra, du bist ein schlechter Sohn. Du bist ein treuloser Bruder deinen Schwestern. Du schickst nicht deinen schlechten Bruder zu dem bösen Geist. Der Geist gebietet mir, ich soll mein Netz nach ihm auswerfen. Bis ich ihn fang, werden wir nicht Ruh haben, nicht Frieden haben. Wir sind verdammt. Wir müssen ihm folgen. Jetzt find ich, er ist bei dir im Schiff. Er allein von meinem ganzen Blut kann schlafen! Torra hat preisgegeben, Torra hat vergessen das Gesetz seines Vaterlandes: Blut um Blut!‹ – Mein Vater wirft das Netz wieder, wieder aus. Der weiße Geist der Wolke schüttelt den Speer. Er ruft den Namen meines Bruders: Schrondoo. – Ich dreh mich um. Ich schau nach der andern Seite. Ich seh meinen Bruder schlafen, wie mein Vater sagt. Ich steig hinab aufs Deck. Ich neig mich über ihn. Ich bin sicher, er ist's. Ich töt ihn. Ich seh durch die Luke auf das Wasser. Ich seh, mein Vater fängt seinen Geist in dem Netz. Der weiße Mann nimmt ihn auf seinen Speer. Sie schrein alle. Sie klatschen in die Hände. Die Muschel versinkt im Meer. Der weiße Geist ist nicht mehr zu sehn.‹ –

Das ist Torras Traumbild. – Was halten Sie davon? Ich versichere Ihnen, der Bursche meint es ernst; denn er bittet mich, ihn über Bord zum Vater gehn zu lassen. Aber mir scheint, die Muschel ist schon beladen genug+...«

»Armer Kerl«, sagte Aston, »ihm ist übel mitgespielt worden, das Unglück hat sein bißchen Verstand ausgelöscht!«

»Himmel«, rief ich aus, »ich weiß nicht, was Sie ein ›bißchen‹ nennen! Der größte Weise des Altertums hätte hierbei den Verstand verloren! Der Mord an seinem Bruder? – Nun, hätte er ein paar tausend solcher Banditen um die Ecke gebracht, – man sollte ihn belohnen, nicht strafen!«

»Sehr wahr«, bestätigte de Ruyter; »aber die menschlichen Vorurteile müssen nun mal die Schalen der Gerechtigkeit beeinflussen: unsre Leute würden meutern, wollt ich Torra begnadigen. Sein Bruder, als der Erstgeborne, hatte Vaterrechte über ihn, durfte Kind und Kegel verkaufen. Der Befehl des Vaters ist zwar im Traum erteilt, könnte indes die Mordtat rechtfertigen. Aber der Vater ist nicht hier, um zu zeugen. So muß Torras Blut jetzt das sühnen, das er vergossen hat.«

»Gewiß wollen Sie das nicht?« fragte ich eifrig.

»Freilich nicht! Aber wir müssen uns stellen, als täten wir's, und – ihn bei Gelegenheit entwischen lassen, wenn wir dem Lande nahe sind.« –

Es war unnötig. Zwei Tage drauf näherte sich Torra samt seiner Wache mit gebundnen Händen dem Bug, schaute auf die See und rief: »Da ist er. Er wartet auf mich. Ich komm, Vater!« Dabei sprang er über Bord, und das Schiff ging über ihn. Jeder Rettungsversuch war zwecklos: das Gewicht der Handschellen zog ihn hinab+...

Die Geschichte und das düstre Ende des armen Teufels stimmten uns eine Zeitlang traurig. Aston, der von dem Seemannsglauben an Träume und Vorzeichen beschattet war, mühte sich später auf Isle de France zu erkunden, ob jener Teil von Torras Traum oder Gesicht, der sich auf das Ableben seiner Mutter und seiner Schwestern bezog, wirklich so verlaufen sei. (Es gab eine Amtsstelle, bei der die Todesfälle unter den Sklaven eingetragen wurden.) Er fand ihn nicht nur bestätigt, sondern auch bei einem Vergleich mit unserm Tagebuch, daß sie innerhalb der vierundzwanzig Stunden geendet hatten, wo Torra sie auf der See erblickt hatte: sie waren bei der Beförderung nach Isle de Bourbon ertrunken. Astons Glaube war hinfort nicht zu erschüttern.

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