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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 38
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Blutrache an Bord.

Da ein Schall, als bewege sich jemand; dann ein Röcheln wie bei einem Erstickenden, wieder ein Gurgeln wie von aufgerührtem Wasser. Wir schreckten auf. Aston fragte: »Was ist los?« Da schlug etwas Schweres im Bug hin. Eine dunkle, nackte Gestalt stürzte auf uns zu. Unwillkürlich fuhr ich nach dem Kris im Gürtel und rief: »Heda, Torra, bist du's?« (Ein von de Ruyter freigelaßner Sklave aus Madagaskar, dem wir sehr gewogen waren.) »Was willst du? Was war das eben für ein Geräusch vorn?«

»Nur Torra töten sein schlecht Bruder mit das.« Er streckte seinen schwarzen, bloßen Arm, dessen Hand ein breites Messer umspannte.

»Was getötet?«

»Mein Bruder, schlecht Bruder Schrondoo.«

»Welchen Bruder? Du bist toll oder betrunken!« (Ich wußte nichts von einem Bruder.)

»Nein, Massa, Torra nicht toll und nicht trink.«

Im Vorderschiff wurde es jetzt laut. Der Mann am Ruder öffnete die Augen: »Recht so! So fort!«

Als Torra die Leute nach achter kommen sah, sagte er: »Massa, Ihr nicht hören mich jetzt. Torra sagen alles; wenn Tag kommen.«

Sie prallten vor dem Messer zurück. Er beobachtete es: »Nicht fürchten Torra! Nicht tun böse. Torra nur töten schlimm Bruder.« Dabei warf er die Waffe in die See. »Massa, Ihr guter Mann, Ihr Freund zu arm schwarz Sklav, Ihr nicht lassen töten Torra jetzt Nacht. Wenn Morgen kommen, Torra sagen alles. Er wünschen dann sterben. Nicht wünschen leben. Gehen zu Vater in gut Land. Nicht Sklav dort. Nicht kommen böser weißer Mann kaufen arm Schwarzen, zu machen Sklav.«

Ich hielt ihn für wahnsinnig und befahl, ihn zu fesseln. Er, unbeweglich, sagte nur:

»Nicht töten Torra Nacht. Töten Torra morgen. Torra müssen sagen alles.«

Ich eilte nach vorn: »Was hat er getan? Wer ist getötet?« Dabei spürte ich mit dem bloßen Fuße etwas Feuchtes, Glitschriges und bemerkte einen dunklen Streifen, der nach den Speigatten ablief. Eine nicht unterscheidbare, triefende Masse in einem fleckigen Kattun lag zusammengeknickt an der Bugkanone. Ein Mann hob sie an: »Hier!« Die Zuschauer: »Allah! Il Allah!« Wieder ein schwerer Fall, – alles trat zurück. Der Mond schien voll auf einen nackten Schwarzen: das Gewand war runtergeglitten, der Kopf durch einen furchtbaren Schnitt fast abgetrennt. Abermals fragte ich, wer es sei. Keine Antwort! Schließlich erkannte ich ihn als einen unsrer jüngst Gefangenen. Ich ließ ihn auf einem Lukengatter hintenausbringen und gab dem Mörder eine Wache. Der grausige Anblick hatte anscheinend jeden Schlaf verscheucht: die Leute standen herum, erschraken über ihre eignen Stimmen, die leise und heiser klangen. Dieselben Kerle, deren Hände, Kleider noch naß waren von dem Gemetzel des Morgens, waren erstarrt über einen einzelnen nächtlichen Mord.

Aston und de Ruyter unterhielten sich, als ich ein leises Lüftchen vom Lande verspürte. Ich schrie: »Alle Mann an die Segel!« Sie setzten sich in Trab, und ich befahl, die Leinwand zu kürzen, die Toppsegel zu reffen und wieder beizusetzen.

De Ruyter trat zu mir: »Wozu alle Mann? Es droht kein Stoßwind, soweit ich sehe.«

»Ich seh auch keinen; aber blinder Schrecken scheint alle befallen zu haben. Ich will ihn dadurch bannen, daß ich sie beschäftige. Sie waren wie verhext, – wenn eine Bö aufgesprungen wäre, hätten wir die Masten verloren, eh sie zur Besinnung kamen.«

»Wohl überlegt, mein Junge!«

Nachdem ich derart die Ebbe in der Seele des Schiffsvolks überwunden hatte, befolgten sie meine Befehle mit gewohnter Munterkeit, ohne sich um das anhaltend stille Wetter zu kümmern; sonst hätte ich mir tausend in den Bart gemurmelte Flüche zugezogen. Dann räumte ich de Ruyter das Deck. Trotz dem Vorgefallnen, trotz der Steifigkeit der Glieder, dem Schmerz im verletzten Bein, dem heftigen Stechen früherer Wunden wurden mir die Augen schwer. Zwar wollte ich mir noch die Ereignisse des Tages vergegenwärtigen; aber ich taumelte, ohne mich »abzutakeln«, auf ein Bett, und weg war ich, sowie mein Kopf das Kissen berührte. Vielleicht ein Zauberkissen+...

Es war nah an Mittag, als mich der Gehilfe des Arztes weckte, um Kampferöl äußerlich, ein Gebräu innerlich bei mir anzuwenden. Louis stand daneben, ordnete einen zweiten Schildkrötenschmaus an und begann eine aufgeregte Auseinandersetzung: »Wozu is Kampfer gut, als um toten Arabern de Nase zu stopfen? Ich haß den Geruch; Sie vielleicht nich? Der Dokter möcht jedermann von Gift leben lassen wie er selbst benebst den Skorpionen und Tausendfüßen. Der Kaptän brauch was, um 'n Leib zu füllen und nich, um de Beine zu schmieren. De Suppe is fertig. Ich bürg davor, se wird'm bis unten in de Zehennägel dringen und in'n Hühneraugen rumlaufen, wann er welche hat. Se heilt allens; etwan nich?«

Ich hungerte wie ein Werwolf und versetzte: »Ja, ich denke.« So wurde der Bursche die Treppe raufgejagt und eine zweite Auflage Schildkröte aufgetragen. Als de Ruyter und Aston herabkamen, fragte ich, was mit Torra geschehen sei.

»Er ist noch so, wie Sie ihn verlassen haben.«

»Haben Sie das Geheimnis gelüftet? Außerordentliches muß ihn zu einer so gräßlichen Tat bewogen haben; er kam mir doch sonst als ein guter, stiller Mensch vor.«

»Ja«, bemerkte de Ruyter, »doch ich habe grade diese Stillen als die Gefährlichsten, Rachsüchtigsten, Blutdürstigsten gefunden. Sie handeln, wo Zankhänse sich mit Reden begnügen. – Haben Sie ihn nicht gestern morgen im Gefecht gesehn, blutig gefärbt wie 'ne Rothaut?«

»Gewiß, – mir graute vor ihm. Er stürzte sich nur mit zwei langen Messern immer in die dicksten Haufen. Ich dachte schon, er sei menschenfresserisch veranlagt; aber er ist so gutherzig wie verwegen. Sie wissen, daß mein Lieblingspapagei kürzlich über Bord gestoßen wurde. Er ihm nach, rettete ihn! Auch sehr ehrlich war er: er hielt sich ständig hier unten auf, wo mehr spanische Taler in den Truhen sind als Zwiebäcke, mehr geistige Getränke als beides zusammen. Und doch hat er nie ein Geldstück veruntreut, noch sich je ein Glas genehmigt! Außerdem kennt Louis ihn als den Verläßlichsten an Bord.«

»Oh«, quietschte Louis, »das muß sein. Ich würd ihm allens Geld in der Welt anvertrauen; denn nischt kann 'n zum Mausen verleiten. Erinnern Se sich nur, als ich bei Ceylon das niedliche kleine Schildkrötchen haschte, von der se alle behaupteten, se is 'n Stück Holz; aber ich wußt, daß es 'ne Schildkröte war. Hö, ich kann 'ne Schildkröte zwanzig Meilen weit erkennen, wenn se nich mehr Schale über Wasser zeigt als dieser Löffel. Das heißt, wenn se schlafen; denn dann lassen se sich gern 'n Rücken von der Sonne brennen. Sie etwan nich? Nun, erinnern Se sich, wie ich se ins Boot hob, so zart wie 'n kleines Kind, ohne se zu wecken? Und dann, als ich ihr mein Messer zwischen de Schalen schmuggelte, streckte se nur eben ihr niedliches Köpfchen vor, schaute mich an und fühlte das Kitzeln der Klinge. Und se hatte grad noch Zeit, es zurückzuziehn, eh se spürte, daß se im Pott auf 'm Feuer war. Oh, der Schwarze is ehrlich und tapfer; denn er schlug 'n Matrosen nieder, der sein Löffel in de Supp stecken wollte! Und ob ich gleich 'n daließ, um 'n Topp zu bewachen, so tunkte er doch nich mal 'n Finger rein, um zu lecken. Oh, er is der ehrlichste Mann von der Welt! Denn jedermann sonst hätt' geleckt; Sie vielleicht nich? Ein Schwarzer is ganz verschieden von 'm Weißen: klaut nischt, nich so viel, daß er an der Supp leckt. Ich lieb 'n Schwarzen deshalb; Sie etwan nich?«

»Los«, sagte de Ruyter, »gib uns Langkork! Klar zum Gefecht!« –

Dies getan, latschte Louis in seine Kammer zurück. Hier hörten wir ihn kröpfen wie 'nen Seeraben und Fettbrühe schlürfen wie'n Elefant seinen Abendtrunk. »Wenn das Schiff in Brand stünde«, meinte Aston, »er würde sich nicht aus seiner Vertäuung rühren; er ist sitzfest! – Nun, de Ruyter, erzählen Sie uns von Torra!«

»Das ist schnell geschehn. Aber ich muß Ihnen vorerst berichten, was ich vor heut nacht von ihm erfahren hatte.«

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