Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward John Trelawny >

Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 37
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
Schließen

Navigation:

Doktor Eisenbart und Lukullus auf See.

Wir waren sicher alle heilfroh, wieder Planken unter uns zu haben. Wir treckten die Schiffe hinaus, weil jeder Wind gestorben war, und warteten die abendliche Landbrise ab. Damit segelten wir sofort los, Richtungspunkt die Insel Bourbon.

Unsre beiden Schiffe hatten nur 14 Gefallne und Vermißte, dazu 28 meist leicht Verwundete. Ich trug's ins Fahrtbuch ein und bemerkte zu de Ruyter: »Der Verlust erscheint mir angesichts der schweren Aufgabe und der zahlreichen Feinde sehr gering.«

»Nein, sehr bedeutend!« rief Louis, der eben die Stiege herabkam. »Sie werden nie mehr 'ne so schöne finden. Lieber hätt' ich sämtliche Leute und allens preisgegeben als sie! Sie vielleicht nich?«

»Was meinst du, Louis?«

»Meinen? Je nu, doch de Schildkröte! Sie haben se gesehn und hätten se retten könn; oder nich? Aber Se denken nur an kleine Mädchens! Meine Schildkröte war ebenso viel wert wie alle Mädchens auf der Welt? Etwan nich?«

Dabei drehte er sich, wie immer bei seinen Fragen, scharf herum und prustete mir mit aufgesperrten Nüstern ins Gesicht.

»Dieser Hindu«, sagte de Ruyter, »glaubt, daß die Welt auf dem Rücken einer Riesenschildkröte ruht.« –

Jetzt kam auch Van Scolpvelt runter, in der einen Hand einige Knochensplitter, in der andern seine Säge, und frohlockte: »Sehn Sie hier, ich hab einen Schädel trepaniert. Schaun Sie, was ich Ihnen gesagt hab, ist wahr. Fühlen Sie die Kanten des Knochens: sanft wie Elfenbein, – haben einen Glanz, eine Glätte, ganz prachtvoll! Ich hab eine Kugel extrahiert, das Großhirn ist unversehrt, nicht um Haargewicht gequetscht.« Er wollte wohl fortfahren, daß der Mann nichts gespürt habe, da erschien ein Gehilfe: er liege im Sterben. »Gelogen!« brüllte Van und stürzte dem Boten, der von dem ausgestreckten Gerät eine Gänsehaut bekam, aufs Verdeck nach. Der Doktor pickte ihn am Hintern, worauf er so schnell hinaufsprang, als hätte Van ihm ein weißglühendes Eisen angesetzt.

Bald wurde unter Louis' Oberleitung ein Mahl aufgetragen, das füglich ein Schildkrötenmahl heißen konnte. Der Oberküchenmeister in Person brachte eine mächtige Holzbütte, auf der eine Flotte von Kähnen hätte scharmützeln können, wischte sich die berußte Stirn mit einem Scheuerlappen und plapperte: »Kosten Se das, und Se werden ewig leben. Hö, schon der Duft is 'n Fest für'n Burgemeister oder für'n Kaiser! Nie hab ich was so Köstliches gerochen; etwan Sie?« Dann marschierte grünliches Rücken- und gelbliches Bauchfleisch an, Geschmortes, Gebratnes, Gehacktes, Geknetetes, Geröstetes, und als alles abgetischt war und wir beinah platzten, verhieß Ludwig der Große: »Jetzt kommen zwei Gerichte eigner Erfindung, und niemand nich besitzt's Geheimnis. Auswärtige Gesandten sind deshalben zu mer geschickt worn und haben mer große Angebote gemacht, wenn ich's verrat. Aber ich bin standhaft geblieben; denn dies Geheimnis macht mich größer als alle Könige der Welt. Nich für'n Königreich würd ich's ihn geben; etwan Sie? Alles, was ich Ihn sagen werd, und 's is mehr, als ich je einem verraten hab, is: die weichen Eier, Kopf, Herz, Eingeweide, kurz: allens is drin enthalten. Aber es sind noch viel andre Dinge drin, davon ich nich sprechen mag noch darf!«

Als er sah, daß ich das grüne Fett liegen ließ, staunte er.

»Ich kann nicht; ich lieb's nicht«, sagte ich.

»Nich können! Ha, wenn ich stürb und nur noch soviel Kraft hätt, um 'n Mund zu öffnen, so würd ich jene göttliche Speise schlucken. Nich lieben! Dann sind Se kein Christ. Oder doch? Nein, 's is unmöglich, ich glaub's nich; etwan Sie?« – – –

Der Abend war berauschend, die See spiegelklar. Die Leute fielen um, abgeäschert durch die Überanstrengung. De Ruyter war in der Kajüte. Ich hatte die Wache, Aston leistete mir Gesellschaft. Er lag auf dem erhöhten Heck, ich lehnte über dem Heckbord und schaute landwärts. Als der Silbermond aufstieg, verblaßten die unzähligen Farben des Sonnenuntergangs und ließen nur einige wollige Tüpfelchen zurück, gleich Lämmern, die auf den Hügeln dort oben weideten. Der Wechsel glich einem Leben, das plötzlich in Jugendschönheit erlischt, der Nebeltod umhüllte uns mit seinem Laken. –

Als das Achterschiff der Grab herumtrieb, erschien mir die Korvette wie ein Seegeist, der auf grenzenlosen Fluten rastet. Versunken in die Wunder einer südlichen Nacht, schwiegen wir stundenlang. Die Stille brachte nach dem Aufruhr des Tages eine Wirkung auf das Gemüt hervor, die mehr sänftigte als Schlummer. Der Steuermann rief im Traume gewohnheitsmäßig: »Recht so! So fort!« Sogar die übliche Ablösung war vernachlässigt worden. Die Wachen, unbewußt, daß ihr Dienst vorbei sei, nickten auf den Posten bei den Gefangenen. Der Balsam des Schlafes heilte den Verwundeten, befreite den Häftling, der vielleicht von Jagden auf den Heimatbergen schwärmte oder mit seinen kleinen Wilden oder deren Mutter tändelte, und dann erwachen sollte, gekettet wie ein Raubtier, im tiefen Unterwasserverlies, verurteilt zum Tode oder zur Sklaverei.

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.