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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 34
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Ehrenrettung des französischen »Ansehens«. (Überfall im Seeräubernest.)

De Ruyter äußerte zu dem Kapitän, daß es für ihn bloß eine Schwierigkeit gebe; könne er die beseitigen, so wolle er sich ihm gern anschließen, bis die Sperre von Port Louis gefallen sei: »Aber mit unsern Streitkräften können wir einen Quark ausrichten, höchstens ermitteln, wer die Seeräuber waren und weshalb sie die französische Flagge angegriffen haben, oder ob gar der Schoner den Überfall verursacht hat. Denn leider muß ich gestehn, daß wir etwas zu hastig, zu herrisch, ungerecht mit den Eingebornen sind. Deswegen wollen wir vorab untersuchen, wer angefangen hat, dann findet sich wohl auch eine Gelegenheit, sie zu züchtigen.«

Der Franzose wollte mehrere Fahrzeuge angehalten haben, die unlängst durch die Kriegsboote von St. Sebastian ausgeplündert waren.

De Ruyter: »Ich zweifle kaum, daß es die Maratten waren. Aber wie Sie wissen, gehn sie selten in See, außer während des Südwestmonsuns. Und was sind wir gegen ihre Überzahl?«

Der Franzose: »Jede Meldung berichtet, daß sie jetzt draußen sind. Aber wo? Ihre Eilbriefe hoffe ich bald abzufertigen; täglich rechne ich damit, unsre Viehboote zu treffen.« –

Von nun an fuhren wir gemeinsam. Das Wetter war ausnehmend günstig. Wir verbrachten die Zeit sehr angenehm damit, abwechselnd Gesellschaften zu geben. Aston war als Kadett einige Zeit in Frankreich in Haft gewesen und sprach, wie de Ruyter, fließend französisch. Bei Tagesanbruch trennten wir uns gewöhnlich und lugten scharf nach der Windseite. Gegen Sonnenuntergang hielten wir landwärts und blieben nachtsüber zusammen. Zuerst trafen wir einen Schoner, den wir nach langer Hatz als Amerikaner feststellten. Sobald er uns als Franzosen erkannte, legte er bei und schwang ein Leichtboot aus. De Ruyter war außer sich vor Freude, Landsleute zu treffen. Sein Vater war Holländer, er aber eingebürgerter Amerikaner und kannte keine andre Heimat. Er drückte dem Kapitän die Hand und sprach nur von Boston, seiner Vaterstadt, und dem Hafen, den der Schoner zuletzt verlassen hatte. Er hatte St. Malo berührt und war unterwegs nach St. Mauritius.

Es war einer der Schnellsegler, die einen sogenannten Zwangshandel mit Arzneien und Gewürzen trieben: großenteils Amerikaner, wegen ihrer unvergleichlichen Geschwindigkeit dazu ausgesucht. Hatten sie ihre Heimat im Rücken, so liefen sie in einen französischen Hafen und bekamen französische Papiere, zuweilen Vollmachten und Kaperbriefe. Sie waren bewaffnet, gut bemannt und sehr hinterher, weil alle an Bord am Gewinn teilhatten. Zum Schein erhielten sie einen französischen Kapitän: eine Null, aber notwendig; denn Amerika war damals im Frieden mit England. De Ruyter riet dem Yankee, einen windwärts gelegnen Hafen von Mauritius anzusegeln, und übergab ihm unsre Meldungen. Wir selbst nahmen Richtung auf St. Sebastian. Bald hielten wir einige arabische Kauffahrer an. Sie waren »erleichtert«, Ladung, Leute großenteils herausgeholt, nur einige Kracher zur Bedienung belassen worden. Gefingert hatte das eine Flotte von 18 marattischen Praus, je 18 bis 40 Mann, die anscheinend nach einer der Inseln im Kanal von Mosambik unterwegs war.

Der Franzose schlug vor, nun der Großteil der Seeräuber fern sei, bei St. Sebastian zu landen, nachts über die Maratten herzufallen, ihre festen Plätze zu berauben und zu schleifen, ihre Stadt einzuäschern und die Gefangnen zu befreien; sicher hätten sie dort alkoholisch »stark geladen«, da ihnen ja zwei der größten Handelsschiffe ins Garn gegangen seien. Demgemäß wurde beschlossen. Die Korvette gab uns zwei Kanonen und 15 Seesoldaten ab.

Als wir das Vorgebirge Madagaskars sichteten, hielten wir nach Nordost. Dort gaben uns ein paar aufgebrachte Schiffer Bescheid. Nachts umfuhren wir die Insel nach Norden, von de Ruyter durch eine Enge der Bucht gelotst. Vor Mitternacht legten wir so hart wie möglich an den östlichen Felsen vor Anker, bekamen das Kap zwischen uns und die Stadt und blieben so verborgen. Es war wolkig mit häufigen Regenschauern. Ausgebootet wurden 120 wohlbewaffnete Leute und Offiziere: 80 von der Korvette, 40 von der Grab. Der Franzose bestand neidlos auf der Oberleitung de Ruyters und wies seine Offiziere an, ihm unbedingt zu gehorchen; er blieb auf der Korvette.

De Ruyter bildete drei Staffeln: für sich als stärkste 50 Mann mit Büchsen und Seitengewehren; ein französischer Leutnant führte 35, ich 30, darunter ein Teil der arabischen Lieblingsrotte de Ruyters mit Lanzen und Stutzen.

Bis wir um das Kap herum waren, blieben wir beieinander. Dann befahl mir de Ruyter, die Felsen zu erklimmen und den Hügel zu umgehen, an dessen Sockel die Seeräuberstadt lag, bis ich unmittelbar darüber sei. Der Leutnant sollte sich am Strande hintasten, bis er gleiche Linie mit mir habe; de Ruyter zog mit der Hauptgruppe gradeaus. Wir sollten uns vorsichtig möglichst nah an die Stadt pirschen. Wenn jeder in Stellung sei, hätten wir uns bis knapp vor Tag versteckt zu halten; dann werde bei de Ruyter eine Rakete steigen, die, von uns erwidert, gleichzeitigen Vormarsch bedeute.

Der Ort war durch flache Erdwälle mit drei Toren gesichert. Nach deren Eroberung habe jeder einen Zug als Bedeckung zurückzulassen, um alle Flüchtlinge zu töten oder abzufangen, mit den übrigen gegen das Stadtinnere vorzudrücken. Falls einer zuvor bemerkt oder angegriffen werde, hätten wir uns auf die Hauptschar zurückzuziehen. De Ruyter schärfte uns auf eigne Gefahr ein, keinen Unbewaffneten zu töten, vor allem Weiber, Kinder, Gefangne nicht zu mißhandeln.

Nach einem beschwerlichen Marsch näherte sich meine Abteilung dem Ziel. Ich fühlte mit zwei Mann vor. Wir wanden uns einen schmalen Schafpfad in steinigem Gelände hinab. Der Boden wurde langsam weicher. Dicht unter uns unterschieden wir die niedrigen Hütten der Stadt, zusammengepfercht wie Termitenhaufen oder Bienenkörbe.

Die übrigen Soldaten wurden herangeholt. Inzwischen glitten wir bis an den bröckelnden Stadtwall, erkundeten den Platz genau und kehrten hastig zurück.

Im Osten dämmerte es. Der Regen pladderte noch immer. Ich kroch mit zehn Leuten hinab und schob mich im Schatten des Walls vor, bis ich dem Eingang auf Pistolenschußweite nahe war. Dort erwarteten wir ungeduldig das verabredete Zeichen.

Die Nacht zog langsam ihren dunklen Thronhimmel zurück, der trübe Morgen nahte. Die gebotne Stille wurde bedeutungsschwer unterbrochen von dem Pfeifen der Rakete. Kaum hatte ich erwidert, als ich auch schon über die geringen Hindernisse war. In der Hast stolperte ich über einen Mann, der aufzustehen suchte. Ich warf den Speer weg und packte den Kerl bei der Gurgel. Das Großteil meiner Araber strömte herein. Ich rief ihnen zu, das Innentor zu sprengen. Da zeigte uns das schwache Licht vier, fünf Maratten, die sich vom Boden aufrafften und ihr Kriegsgeschrei anstimmten. Sie wurden schnell erledigt. Mein Mann bedurfte kaum noch des Krises, der ihn in den Sandboden nagelte.

Nun kam die Stadt in Aufruhr. Wir stürmten durch die rohen Außenwerke. Der Rest meiner Leute überstieg die Wälle mittels der Lanzen. Der jenseitige Angriffslärm war heftig, bald das scharfe Krachen der Gewehre zu hören. Der Eingang blieb unter Bewachung. Ich rückte plangemäß nach der Mitte der Gebäude vor. So vollkommen war die Überrumpelung, daß die Insassen kopflos zu zweien, dreien herausstürzten. Die uns über den Weg kamen, kosteten unsre Speere, die Fersengeld gaben, unsre Kugeln. Wir gönnten ihnen keine Atempause, bis wir die Trümmer eines ansehnlichen Baues erreichten, von Portugiesen oder Holländern als Speicher und Wachthaus errichtet, und sie besetzten. Der Leutnant und de Ruyter kamen: »Gut gebrüllt, Löwe, immer der Erste in der Gefahr!« Ein Offizier mit 20 Mann mußte den Platz sichern. Dann verteilten wir uns gleichmäßig auf drei Gruppen und rückten weiter vor, mit dem strengen Geheiß, soviel wie möglich zu greifen und zu dem Stützpunkt zu senden.

De Ruyter befahl mich nach dem Tor, durch das ich eingedrungen war, weil der Gegner vielleicht da in die Berge entwischen könne. Währenddem wurde ein heftiges Feuer von dort eröffnet. Wachsendes Gebell von Büchsen, Luntengewehren, gellendes Geschrei von Männern, Weibern, Kindern, die nach allen Seiten hin- und herrannten, begleitete mich. Das Kriegsgeheul der Araber, das Allons! und Vive! der Franzosen war so laut, daß ich weder meine Stimme noch den Knall meines Stutzens unterschied. Unweit der Einbruchstelle sahen wir einen wirren Haufen nackter Wilder jeden Alters, Männer, Weiber, mit Krisen, Gewehren, Messern, Bambusspeeren. Andre waren mit Kindern oder Habseligkeiten bepackt. Alle drängten vorwärts. Ich ließ halten und ihnen eine Salve antragen. Als sie kehrt machten, gingen wir ihnen mit den Lanzen zu Leibe. Sie wehrten sich mit der Raserei der Verzweiflung; einige von uns fielen. Aber der Widerstand war ungeordnet, durch die Masse gehemmt. In wildem Schrecken suchten sie das Weite. Viele wurden umgelegt, kein Gefangener gemacht. Blut ist wie Wein, – schlimmer: je mehr wir haben, desto mehr verlangen wir, bis wir endlich toll werden, eine Ausschreitung durch die andre übertrumpfen.

Meine Kerls hausten in nicht zu bändigender Zuchtlosigkeit. Ich mußte am Ausgang bleiben, bis ich zehn, zwölf gezwungen hatte, ihn zu behaupten. Als es heller wurde, erkannte ich das Durcheinander und Gemetzel. Mir schwindelte von dem Blut, das ich vergossen hatte, hatte vergießen sehn. In den eignen Wällen eingeschlossen, wagten sich die Maratten an jeden Ausgang, versuchten alles, mit ihren Weibern und Kindern zu flüchten. Als das mißlang, kämpften sie verbissen, sinnlos wie umstellte Tiger. Sie hetzten blindwütig von Tor zu Tor, warfen sich kopfüber in unsre Bajonette und Lanzen. Nie hatten sie von Mitleid gehört, von Ergebung, Bitten um Schonung, – das gab's nicht in ihrer Sprache! Von Kindesbeinen an verspritzten sie das Blut von Menschen und Affen mit demselben Stumpfsinn und glaubten, die ganze Welt sei wie sie. Europäer, die sie schnappten, wurden allemal wie Fische zum Dörren in die Sonne gehängt. Deswegen zogen alte Männer, Weiber, Kinder es vor, fechtend zu sterben. Annoch hatten wir nicht einen Gefangnen! Ohne de Ruyters Hilfe hätten sie meine Stellung durchbrochen. Tiefer Schmerz ergreift mich und Scham, wenn ich der scheußlichen Grausamkeit gedenke, mit der ich diese trunknen Barbaren abwürgte, mehr noch: an die wilde, unmenschliche Lust, womit ich's tat. Restlos wären sie aufgerieben worden, hätten sie nicht mehrere Ausgänge durch die geborstnen Wälle erzwungen.

Ich bekam nur eine Wunde ins Bein, von einem Weibe, das mir die Knieflechsen durchschneiden wollte, als ich zufällig auf sie trat. Als erstes Zeichen wiederkehrender Vernunft zerquetschte ich sie nicht mit dem Fuß, sondern ließ sie auf die Hauptwache bringen. Unser erster Gefangener! De Ruyter kam: »Genug des Bluts! Rufen Sie alle zusammen und lassen Sie die armen Teufel laufen. Nehmen Sie fest, was Sie können; aber töten Sie niemand mehr und führen Sie Ihre Leute nach den Hütten auf jenem Sandhügel! Dort finden Sie die Gefangenen der Maratten. Sorgen Sie dafür, daß sie nicht in dem Drunter und Drüber hingeschlachtet werden, und schicken Sie sie nach der Wache. Verbinden Sie sich das Bein, – Sie schweißen stark!«

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