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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 33
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Der Oberküchenmeister als Ausleger Mahomets. – Seeräuber als Lehrlinge der Europäer.

Wir schmunzelten alle über Louis. Dabei war keiner an Bord, der sich nicht ob seiner Gefälligkeiten in seiner Schuld fühlte. Er war unermüdlich, hatte 'nen Magen wie 'ne Uhr und verpaßte nie die Zeit, das Essen auszuteilen. Überdies war er streng rechtlich in Gewicht und Maß. Unter der großzügigen, wohlgeordneten Arbeitsweise dieses Säckelmeisters hatten wir selten Ursache zu klagen. Rühmte er sich nicht, daß seit seiner Anstellung die Mannschaft an Kraft und Gewicht zugenommen habe? Einzige Ausnahme war zu seinem steten Ärger Van Scolpvelt: »Ich glaub, er is der Deubel! Er lebt von Arznei und Rauch, er schmäucht Tag und Nacht, ißt nischt, schläft nich. Er muß der Deubel sein oder nischt. Etwan nich?«

Während wir Louis' bewundernswerte Haushaltung besprachen, trat de Ruyter herzu und stimmte eifrig in sein Lob ein:

»Nichts ist für einen Befehlshaber so wichtig, als daß er seine Leute gut verköstigt. Die Matrosen sind eigentlich keine starken Esser; werden sie aber beknappt, so sind sie unlenksam, wild wie Raubtiere+... Komm, alter Louis, gib uns noch 'nen Strahl deines flüssigen Blitzes! Gute Laune ist an Bord ebenso nötig wie 'n guter Kompaß. Dieser Louis hat meinen Muselmannen eingeredet, daß Mahomet den Wacholder nicht verboten habe noch verbiete; im Gegenteil: er habe den Wein verpönt, damit hienieden nur Wacholderbranntwein getrunken werde, – gemäß einem wunderbaren Gesicht, worin ein Engel ihm 'ne volle Steinflasche reichte, die er als Probe aus dem Himmel oder – aus Holland gebracht hatte.«

Louis verschwand, war aber gleich wieder da und meldete, daß ein Blauhai im Kielsog schwimme. Da unsre Frischvorräte erschöpft waren, zog er einen Haihaken aus dem Kasten: »Ich will ihn fangen. Er is sehr gut, so wie ich 'n koch.«

Wir gingen an Deck und steckten ein Hühnergedärm als Köder an die Angel. Kaum hatte sie das Wasser berührt, als das gierige Luder drauf losfuhr und sie samt den Widerhaken verschlang. Bald konnten wir's hochwinden. Ein Riese! Wir fanden in ihm die Reste einer Matrosenjacke; aber Louis schälte sogleich 'ne reichliche Platte Rippchen aus dem Lendenstück.

Damit vertrieben wir uns den Abend. Überhaupt wurde uns die Zeit nicht lang. Ich war mit den beiden Männern zusammen, die ich am meisten bewunderte und ins Herz geschlossen hatte; nur Walter fehlte. Die ich liebte, bedeuteten mir die Welt; gegen alle andren war ich gleichgültig.

De Ruyter und Aston waren sich im Kern gleich: derselbe Kraftwille und Heldengeist, dieselbe zarte Güte und offne Mannhaftigkeit. Sie wurden bald eng vertraut. Seeluft reift Freundschaft schneller als das Mistbeet der Stadt. Kameradschaft, Aufrichtigkeit, Edelmut scheinen auf den Ozean geflüchtet zu sein.

Nach wenigen Tagen entdeckten wir westwärts ein fremdes Segel. De Ruyter sprach es als eine französische Korvette an. Wir heißten ein besondres Zeichen, das sie beantwortete, und legten bei. Nach Verständigung mit dem Kapitän ging de Ruyter zu einer langen Besprechung rüber. Dann änderten wir den Strich auf Madagaskar zu.

Einige Verwundete starben. Für die Gefangnen hatten wir nicht Platz genug. De Ruyter war mit dem menschenfreundlichen und ehrenwerten französischen Befehlshaber gut bekannt. Deshalb führte er sie im Einverständnis mit Aston auf die Korvette über. Aston und vier Matrosen erbaten und erhielten die Erlaubnis, bei uns zu bleiben.

Dann hörten wir von de Ruyter, daß die Korvette eine Seeräuberei zu untersuchen habe, die vermutlich den Maratten, einer alten Piratenhecke an der Nordspitze Madagaskars, zur Last falle. Portugiesen und Franzosen hatten mehrfach versucht, sich dort anzusetzen, aber immer wieder verlustreich weichen müssen. Von den Eingeborenen waren sie Tag und Nacht geplagt worden. Deshalb erklärten sie das Klima für ungesund, die Ansiedlung für aussichtslos und nahmen, so weit sie's noch konnten, derart schnell Reißaus, daß sie sogar Gebäude und vorläufige Schanzwerke den Verbrecherbanden überließen.

Die Maratten drosselten die Zufuhr an Vieh und Eßwaren von Madagaskar her ab, landeten sogar auf Mauritius und Bourbon, legten Feuer und mordeten die Eingeborenen. Die Holländer, damals im Besitz von Mauritius, waren derart von diesen Hornissen gepeinigt, daß sie schließlich die Insel räumen mußten. Wie die Portugiesen hatten auch sie ihre Ausrede im Sack, schützten Heuschrecken und Ratten vor. Sie wanderten nach dem Kap der Guten Hoffnung ab, wo sie in den verbeesterten Hottentotten ein weit weniger schädliches Tier fanden als in jenen »Wasserratten«.

Die Franzosen, die sich auf Bourbon niedergelassen hatten, waren schnell bei der Hand und nahmen wie der Kuckuck das Nest der Holländer ein, eh es erkaltete. Port Louis war damals ein elendes Dorf: die Holländer lieben Schlamm und Holz, woraus sie auch anderwärts ausschließlich ihre Behausungen aufführten.

Bald darauf rüsteten die französischen, portugiesischen, holländischen Handelsgesellschaften eine Streitmacht aus, um jene Horde auszurotten, die ihren Handel so schwer schädigte. Sie gingen ihr in den festen Schlupfwinkeln von Nossi Ibrahim und andern Stützpunkten zuleibe, zerstörten, wenn auch unter erheblichen eignen Aderlässen, ihre meisten Kriegsboote, hetzten sie auf die Hügel von Nossi Ibrahim, in die Berge Madagaskars.

Jetzt aber nisteten sich die Maratten, die nur Gleiches mit Gleichem vergalten, – sie hatten eine französische Siedlung in der Bucht von Autongil vernichtet – wieder an der Küste Madagaskars, nahe Kap St. Sebastian, ein und vermehrten sich stark. Sie wurden durch die Eingeborenen unterstützt, galten sie ihnen doch für ein minderes Übel als die Europäer, die ihr Gestade verheerten und sie niedermetzelten, sooft sie's nach einem Salat, einem frischen Ei gelüstete. Hier wurden die kühnen, zur Verzweiflung getriebnen Maratten durch den Erfolg, womit sie mehrere Unterdrückungsversuche vereitelten, waghalsig und dehnten ihre Brandschatzungen weiter aus. Bei den Plünderungen in den indischen Gewässern hatten sie die nahen Inseln dadurch entvölkert, daß sie die Bewohner an europäische Sklavenhändler verhökerten. Dabei hatten sie vor ihrer Verdrängung aus Nossi Ibrahim nie zu derartigen Geschäften veranlaßt werden können. Damals war ihr Abscheu davor so groß, daß sie ausnahmslos die Mannschaft jedes Schiffes über die Klinge springen ließen, das sie dabei erwischten; dagegen war ihre Seeräuberei verhältnismäßig rechtschaffen und ehrbar. Aus diesem Hauptgrunde vereinigten sich die europäischen Krämerklüngel zu ihrer Vernichtung als unchristlicher Barbaren, die nicht Einsicht genug in ihren eignen Nutzen hätten. In St. Sebastian (St. Sebastian ist vermutlich der Schutzheilige der Sklaven) bekundeten die Maratten rasch, daß sie weniger heidnisch gesinnt seien. Dort widmeten sie sich nämlich mit wahrhaft christlichem Eifer allen Zweigen des Sklavenschachers und rissen ihn im Osten ebenso ausschließlich an sich wie die Holländer den Gewürz-, die Engländer den Teehandel. Sie entwarfen Karten der Inseln, schätzten die Bevölkerung ab, teilten sie in Kreise, berechneten ihre Zeugungskraft und entsandten jeden Frühling und Herbst eine Flotte von Frauen, um sie umschichtig durchzukämmen. Bedachtsam vermieden sie es, den nämlichen Jagdgrund mehrere Jahre hintereinander abzugrasen. Die jungen, tauglichen Landeskinder zwischen Zehn und Fünfundzwanzig wurden ausgemustert, mit Glüheisen und Schwarzpulver gezeichnet und nach St. Sebastian geschafft, um bei Gelegenheit an die Franzosen, Holländer, Portugiesen, Engländer losgeschlagen zu werden.

Noch einen Kunstgriff lernten die Maratten von den Europäern: sie ließen nichts unversucht, Hader, Haß zwischen den Eingebornen Madagaskars anzufachen, und klärten sie über den Vorteil auf, ihre Gefangnen durch sie abzusetzen. Durch die »Maklergebühren« strichen die Maratten einen hübschen Batzen ein. Solange sie sich darauf beschränkten, Sklaven zu machen und zu veräußern, wie sie ihnen in die Hände kamen: ob von der eignen Sippe und Art, ob Söhne, von den Vätern verkauft, Brüder und Schwestern vom Erstgebornen, – so lange war alles in Butter. Aber ein französischer Schoner, der in einem Dorf Vieh gestohlen und die Einwohner ermordet hatte, wurde von den Maratten verfolgt und geentert. Noch eh die Franzosen die Schafe abkehlen konnten, waren sie selbst abgeschlachtet, das unschuldige Vieh befreit, auf die Weide zurückgebracht. Die Vertreter der Großen Nation auf Mauritius waren platt über diesen Frevel: War nicht ihre Ehre bemakelt, solange sie ihn nicht durch ein gehöriges Blutbad gesühnt hatten?! Zuerst wollten sie die Eingebornen mit Stumpf und Stiel austilgen. Sie kamen davon ab, weil leider die ganze verfügbare Seemacht, zwei Fregatten, von einer, allenfalls zwei viel kleineren englischen in ihrem Hafen festgelegt war. Endlich langte eine Korvette in einem Hafen windwärts an, mit weitläufigen Befehlen, aber geringen Mitteln: eben das Schiff, auf das wir gestoßen waren.

Der noch junge Kommandant erwiderte de Ruyters Besuch, froh, von ihm Erkundigungen einziehen zu können. Er führte alles mögliche an, de Ruyter für den Zug zu gewinnen, und drängte ihn, mit Aston und mir bei ihm zu speisen. De Ruyter wollte dann endgültigen Bescheid geben.

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