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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 32
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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»Treue« aus Eigennutz. – Der Wesenskern der französischen Volksseele. – Ein ungehorsamer Kranker. – Louis »le Grand«. – Zwei Zahlmeister.

De Ruyter wollte Aston freigeben. Der aber sträubte sich: er verschmähe es, sich den verdienten Folgen seines mißlungenen Handstreichs zu entziehen. Wäre dieser geglückt, so hätte er gewünscht, ebenso großmütig zu sein wie de Ruyter; nun unterwerfe er sich willig den Kriegsbräuchen. Er bat de Ruyter, den eignen Ruf und die Treue gegen den Herrscher, unter dessen Flagge er fechte, nicht dadurch zu gefährden, daß er seine Gewalt überschreite und ihn (Aston) vor einer – hoffentlich kurzen, wenn auch strengen – Einkerkerung bewahre, – »kurz« deshalb, weil so manche Franzosen in Indien gefangen säßen und er leicht ausgetauscht werden könne.

De Ruyter: »Wie Sie meinen. Doch ich bin mächtig genug, Ihnen mindestens eins zu versprechen: wenn das Wort ›Gefangener‹ Sie nicht allzu sehr schmerzt, – Schimpf werden Sie davon nicht verspüren. Ich schulde den Franzosen keine Pflichttreue: sie fließt aus Tinte, nicht aus Blut. Unsre Abmachungen ruhen – wie's bei allen sein sollte, deren Dauer beabsichtigt ist – auf wechselseitigem Vorteil. Sollte er aufhören, – jeder Teil würde augenblicklich vertragsbrüchig. Aber mit mir wagen sie nicht zu spaßen. Ich sage: wagen es nicht. Denn trotz aller posaunenhaften Prahlerei sind sie weder tapfer noch edelsinnig. Ihr Mut liegt bloß auf den Lippen, ihre Wut gleicht einem Sturm im Unterrock. Sie werden von ihnen gehaßt werden, weil Sie tapfer sind, ihnen so oft die erborgten Federn ausgerupft haben, um sie in ihrer Nacktspatzigkeit bloßzustellen. Oder weil Sie länger sind, einen bessern Rock, einen schönern Bart haben. Die Franzosen sind neidisch, boshaft, grausam, feige wie die fratzenschneidende, schnatternde Sippschaft der Affen Madagaskars. Sie sind lärmende Schmutziane wie der kotschwänzige, schißrige Kakadu; eitel, zügellos, viehisch wie der Orang-Utan Borneos.«

Aston sah verblüfft drein; ich lachte über den Herzenserguß.

De Ruyter ließ sich nicht stören: »Ich sage Ihnen das, um Ihnen klar zu machen, daß ich nicht den Franzosen diene, sondern mir. Ich verachte sie als Volk, wenn auch einige wenige mit ihnen aussöhnen. Bei all ihrer gepriesnen Bildung würden sie Sie unwürdig behandeln. So selten haben sie den Dusel, ihre angestaute Galle über einen aufgepickten Engländer zu ergießen, daß sie jede üble Laune an Ihnen auslassen würden. Aber sie sollen's nicht! Eher sollen sie am eignen Gift ersticken, eh ich zugebe, daß sie einen Engländer, dazu meinen Gefangenen, auch nur schief ansehen! – Wir verstehen uns jetzt. Kommt, Kameraden, schauen wir, was noch in den Schränken ist! Gehn Sie runter! Ich will mich noch etwas umsehn und komme nach.«

Unten rief ich unsern Vorratsmeister Louis an: »Wir sind hungrig wie Hyänen. Aber wer zum Deixel kann das zähe Pökelfleisch und die fauligen Salzfische da auf dem Tisch kauen! Komm, alter Knabe, gable was Beßres raus, oder ich muß aus Scolpvelt 'n Braten machen und ihn auf 'n Rost legen!«

»Wenn Se den erst im Leib haben, so essen Se nimmermehr. Lieber möcht ich 'n Pferdehuf verputzen!«

Eben kam der Genannte den Niedergang herab, um nach meinen Wunden zu sehen.

Ich rief:

»Nein, nein, alter Van, keine ätzenden Proppen für mich! Gehn Sie hier lieber 'n bißchen zu Stuhl und stopfen Sie die Haut aus, die um Sie herschlottert wie 'ne schrumplige Teerdecke!«

Van: »Holla, Sie dürfen nichts essen! Der Junge soll Ihnen Kongieschleim machen.«

Ich: »Ihre verdeubelte Reispappe! Geh, Louis, geh zum Koch rauf, er möcht uns 'n paar Hühner und 'n Happen Schweinfleisch rösten; der Mund wässert mir nach was Kernigem!«

Van würde Nein gerufen haben, hätt ich ihm nicht mit der Hand den Mund versiegelt. Nun schüttete ich eine Flasche Madeira in einen Napf und wollte ihn ausstürzen. Aber Van widersetzte sich heftig: ich dürfe, solange er mich behandle, keinen Selbstmord begehn und so seine Kunst schänden! Dann hieß er seinen Gehilfen eine Flasche seines eingedickten Zitronensaftes holen. (Mit einem Griff an meinen Puls): »Wenn Sie keinen Kongieschleim wollen, so ist die Zitrone bei dem Fieberverdacht die einzige Flüssigkeit für Sie. Es ist die Frucht von Citrus, aus der Klasse Polyadelphia, Ordnung Icosandria. Der Haupteffekt liegt in der Zitronensäure, die für therapeutische Zwecke auf dem Lande wertvoll ist, aber von tausendmal größerm Nutzen an Bord wäre, wo sie nicht zu finden ist. Doch ich, ich Van Scolpvelt, habe mich lange bemüht, sie durch Einkochen verwendbar zu machen. Bis dahin hat sie bei den Chemikern Zersetzungsspuren gezeigt. Anhand eines kostbaren alten Manuskripts in meinem Besitz, das von dem gelahrten Winschoten, dem Lehrer des unsterblichen Boerhave, 1673 verfaßt wurde, ist's mir mit einigen kleinen eignen Korrekturen endlich geglückt, sie in konzentrierter Form zu konservieren. Sie ist jetzt sechzehn Monde alt; Sie sollen sehn, daß sie besser und frischer ist als die eben gepflückte Frucht. He, Jung, die Flasche!«

Als er sich umdrehte, vergaß er den Madeira, den ich mit einem Wupp runtergoß. Er gönnte mir nur einen Blick, steckte den eingedickten Balsam ein, eilte an Deck und sagte de Ruyter, daß er über mich seine Hände in Unschuld wasche, daß er nicht gewohnt sei, Verrückte zu behandeln, und 'ne Zwangsjacke für mich empfehle. –

Nach dem Abendessen langte Louis eine staubige Kruke mit echtem, bambusfarbigem Schiedamer heraus. Ja, dieses Getränk besaß die wahre Würze oder, nach Louis' feinsinniger Bemerkung, den Geschmack und die Farbe des Feuers, gemildert durch den Rauch des Wacholders.

Ich schmeichelte ihm:

»Komm, Louis, röst uns Zwieback! Du bist der einzig brauchbare Mensch an Bord; keiner kann es mit deinem Curryfleisch aufnehmen. Es wird den wonnesamen öligen Wacholderrauchgeruch unterstreichen.«

Während Louis an Deck watschelte, fragte Aston: »Wer ist dieser Louis? Er scheint alles hier zu sein: Zahlmeister, Vorratverwalter, Buchführer, – jetzt machen Sie ihn noch zum Koch!«

»Er ist wirklich ein Doppelwesen: holländischer Schlag mit französischer Kreuzung, ein seltsamer Knopp, geboren auf Mauritius. Er verkörpert die Grundform beider Völker: den gräßlichen Bauch nebst dem vierkantigen Gestell des Holländers, die Drahtarme und -beine des Franzosen. Ein Schiedamerfaß auf Stelzen! Sein Gesicht ist eine drollige Mischung beider Eltern: voll, rund wie ein Kürbis, rot obendrein, hat es eine gallische Nase wie 'ne reife Feige, den Stiel zuoberst. Einen Mund von einem Ohr zum andern wie eine Fledermaus. Schwere, schlaffe, feuchte Lippen; wenn die sich beim Sprechen hochziehn, stellen sie eine lange Doppelreihe von Ebenholz zur Schau, die dem Pfahlwerk am Eingang eines holländischen Kanals ähnelt und wie dies stets aufnahmebereit ist. Sein eigentliches Kinn ist lächerlich kurz, aber wie sein Magen sehr fruchtbar: es hat drei Riffe gejungt und ein Speckgebirge angesetzt an einem urfranzösisch langen, knochigen Kamelhals. Der Kopf scheint nur für 'ne goldne Krone geschaffen: 'ne leichtere Bedeckung kann bei einem Windstoß nicht drauf haften. Wirklich heißt er › Louis le Grand!‹ Da kommt er. Schauen Sie und sagen Sie, ob ich übertrieben habe!«

Als Louis das stark gewürzte Fleischgericht und die Brathühner aufgetafelt hatte, bat ich ihn, auf dem Kasten vor Anker zu gehen und Aston zu schildern, wie er zum Zahlmeister befördert worden sei.

»Mein Herr, der letzte Zahlmeister, – der is gestorben.«

»Ich weiß. Aber wie?«

Nun begann er 'ne Mär in seinem gebrochnen Englisch, wie der letzte Zahlmeister aus übertriebner Sparsamkeit die lederne Rinde eines trocknen, versalznen, holländischen Käses auf den Kajütentisch bringen wollte. Wie er, Louis, gegen diese Speise als etwas Ungenießbares aufbegehrte, worauf ihn der andre verleckert und verschwenderisch schalt: der Käse sei 'n guter Käse. Wie er, um Louis eines Bessern zu belehren, – den er ein stures, halbzüchtiges holländisches Schwein nannte – 'n Happen davon abgebröckelt und versucht habe, ihn runterzuwürgen. Wie er sich in der Speiseröhre verfitzt habe gleich den Hörnern einer Ziege, wenn sie ganz von 'ner Riesenschlange verschluckt wird. Wie Scolpvelt an Land gewesen sei, wie er, Louis, als guter Freund dem armen Zahlmeister den Rücken geklopft habe, bis er starb und Louis in seine Schuhe trat.

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