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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 30
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Ein Wiedersehen mit Hindernissen.

Wir hatten Staffeln entsandt, die zwei langseit liegenden Boote zu besetzen. Währenddem stießen ein Kutter und ein Gig mit einigen Offizieren und Matrosen von uns ab, die wir über Bord gefegt hatten. Da bahnte sich eine Handvoll Leute unter einem Leutnant den Weg zu de Ruyter. Anscheinend wollte der Leutnant eine Entscheidung erzwingen oder sich im Fall des Unterliegens nur dem Befehlshaber ergeben, nicht dessen Schwarzen. De Ruyter bemerkte es und rief den Arabern zu: »Zurück, – laßt ihn durch – allein!«

Ich erwartete, der Engländer werde ihm den Degen überreichen; aber er ging de Ruyter ungestüm an, nach Bau und Größe ein Goliath. De Ruyter mochte sich freuen, seinen Partner gefunden zu haben. Seine Gestalt wuchs, sein durchdringendes, großes Auge zog sich in einen Punkt zusammen. In der Linken hielt er eine Pistole, einen kurzen, leicht gekrümmten Säbel in der Rechten. Mehrmals schrie er seine vordrückenden Leute an, sie möchten sich in drei Teufels Namen fernhalten. Der minderwertige Kommißdegen des Fremden bog sich wie ein Reif, sobald er den Korb de Ruyters traf, der in der Abwehr blieb. Eben wollte jenem der Koch, ein Schwarzer aus Madagaskar, sein langes Messer in die Seite setzen. De Ruyter drehte sich, schoß ihn zu Boden und sagte: »Kommen Sie, Leutnant, Sie haben Ihr Bestes getan, und für Quarten und Terzen ist's zu heiß. Sie vergessen, daß Sie hier unter alten Freunden sind. Das Spiel ist aus, das Glück hat uns gelächelt. Legen Sie das unnütze Dings da weg!«

Jetzt eilte ich achtern: »Aston – Sie?«

Er warf die Plempe hin und schaute mich verwundert an. Sobald er mich unter der Tünche von Blut, Pulver, Schweiß erkannte, sagte er: »Ha, jetzt begreif ich alles! Der wohlbekannte de Ruyter war also jener de Witt, der geschäftige Kaufmann in Bombay, und (er blickte mich an) – und – Sie? (Halb vorwurfsvoll): Lächerlich! Was konnten wir uns versprechen gegen zwei solche Kerle und gegen eine Mannschaft desselben Kalibers? – Dann der Versuch, euch in einer Stellung wie der anzugreifen, – unsre forschesten Leute in solch blödem Abenteuer zu opfern! Torheit oder Wahnsinn, – wie nenn' ich's?«

Einige Fregattenmänner suchten noch immer zu entkommen, auch wollten die zwei in dem Wirrwarr abgestrichnen Boote den Unsrigen das dritte abnehmen, das schon in deren Hand war; planlos wurde gefeuert. De Ruyter eilte aufgebracht zu Aston: »Bitte, reden Sie mit Ihren Leuten! Wenn sie auf die Kriegsbräuche rechnen, mögen sie weiteren Widerstand unterlassen. Es ist reiner Übermut, und ich kann meine Burschen nicht länger zügeln, wenn die Ihrigen unter gestrichner Flagge ihre Boote wieder zu erobern versuchen. Ich möchte wirklich weiteres Metzeln verhüten!«

Aston sprang nach vorn und befahl den außenbords fechtenden Männern abzulassen und heraufzukommen, denen an Bord, runter zu gehen: »Die übrigen Boote mögen sehen, wie sie durchschlüpfen!«

»Einverstanden! Ich hindre sie nicht. Ich brauch weder Boote noch Gefangne. Trotzdem muß ich pflichtgemäß die festhalten, die ich einmal habe; gern hab ich sie nicht! Dieser Sieg ist mein undankbarster: ich hab einige meiner Besten eingebüßt, abgesehn von den Verwundeten.«

»Dauererfolg macht uns vielleicht zu selbstsicher, – das ist dann die Frucht!«

»Gerade diese Sicherheit bürgt Ihnen fast immer für den Erfolg. Alle Völker haben ihre Wende gehabt. Solange sie sich für gefeit hielten, waren sie's; als sie anfingen zu zweifeln, war's mit dem Siegen aus. Die Menschen werden, was sie zu sein glauben. Die Flaggen Europas sind verblichen, alt, zerfasert, sinken eine nach der andern. Jene Sterne und Streifen (er deutete auf eine amerikanische Flagge) müssen hoch in der Luft schweben, – dort gehören sie hin. (Zu mir): Führen Sie Ihren Freund runter, heißen Sie ihn willkommen! Es ist noch viel zu tun. – Doch, was ist das? Sie wollten nicht verletzt sein?!«

Aus Übermüdung und Blutverlust knackste ich so jäh zusammen, als wäre ich angebleit. De Ruyter konnte mich nicht mehr fassen, suchte aber den Sturz abzuschwächen.

Der »fall«süchtige Scolpvelt war einige Zeit an Deck gewesen, wo er befriedigt seine reiche Ernte musterte und überrechnete. Gehässig plierte er auf einen Hilfsarzt, der Aston begleitet hatte und ihm eine Beinwunde verband; de Ruyter hatte ihm erlaubt, seine eignen, weit zahlreicheren Verwundeten zu betreuen. Deren Meinung über unseren Arzt war nichts weniger als günstig. In Gegenteil! Als er prüfte, wo ein Glied abzulösen sei, um sein neuerfundnes Gerät auszuproben, ließ dessen grusliges Aussehen, dazu in solchen Händen, die Herzen der Eisenmänner erbeben. Einer rief: »Tom, hier geht 'n indischer Deiwel von Menschenfresser um, der uns 's Kopfnetz abziehn, uns zu Tauwerk zerpitzeln, wie gepökeltes Schweinfleisch unter de Backschaften austeilen wird.«

»Ich will verdammt sein, wenn der olle Nickel seine Forke herbringt, um mich ins Vorratsfaß zu packen; den will ich übern großen Löffel balbieren.« Dabei griff er nach einer Gießkelle für Kugeln.

Der empörte »Schneider« beschwerte sich wegen dieser rebellischen Aufführung bei de Ruyter, kurz bevor ich schwach wurde. Dann beugte er sich über mich: »Hab ich's nicht gewußt? Er lachte, als ich mich erbot, die Kontusion in seinem Gesicht zu übernehmen; jetzt wird er's Lachen vergessen! (Er holte sein Besteck hervor.) Ja, er weiß alles besser als der Doktor! Lieber wollt ich meinen Meerschaumkopf in der Pulverkammer rauchen, als ihn in der Kur haben; er ist halsstarrig wie 'ne ›Sie‹. Dazu hat er meinen Laskaren umgebracht! Hätt er mir den nicht lassen können! Ohne ihn hätt ich den grandiosesten Fall gehabt.«

Während dieses Selbstgesprächs, das mir Aston später berichtete, schafften sie mich in die Kajüte, wo Scolpvelt meine Leibbinde löste. Als er mir das blutige Hemd abstreifte, fand er noch zwei Wunden: einen Kugelkanal durch den Unterarm, eine Quetschung an der Seite von einem Gewehrkolben. Da polterte er: »Ein Gottesgericht für das fluchwürdigste Verbrechen: Betrug gegen seinen Arzt! Wollte nicht lernen, wie man 'ne Aderpresse anlegt! Was für 'n stupides Volk doch die Engländer sind! Ich zweifle nicht, daß er eher sein Leben als seine Widerborstigkeit aufgäbe. Seinen Doktor prellen und berauben um einen F–a–l–l!« (Er kratzte die Wunde aus und stopfte gezupfte Leinwand hinein.) »Oho, das schätzt er nicht! Und ich hielt 'n für empfindungslos.«

Aston sagte mir dann, ich hätte, durch die Eingriffe gereizt, aufgezuckt. Als Scolpvelt durch ein Dutzend verschiedner Boten abberufen wurde, versorgte er mich hastig und rutschte weg, um seine zahlreichen »Fälle« zu verarzten.

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