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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 27
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Der malaiische Seeräuber.

De Ruyter peilte nach dem Lande, klopfte mir auf die Schulter und sprach: »Die unter dem Banner des Schweigens kämpfen, siegen; Toben, Drohen endet in Niederlage. Luft, Feuer sind unwiderstehlich, wenn sie gefesselt sind. Weiber prahlen, poltern, Schwächlinge, Knaben, eh sie beißen gelernt haben. Ein stummer Mann mit gezognem Schwert ist zu fürchten. Wer mit dem Säbel rasselt, die Faust schüttelt, ist bang oder unentschlossen: immer hab ich's so gefunden. Nun, Sie haben hübsch angefangen! Ja, Ihre Vorsicht übertrifft die der ältesten, erprobtesten Männer. Wieso waren Sie segelfertig, eh ich Sie angerufen hatte? Ich glaubte, die Nachteulen vom Ufer hätten mich überflügelt, seien schon am Schiff.«

Ich berichtete, weshalb ich mißtrauisch geworden war.

»Brav! Ich habe großes Vertrauen in Sie gesetzt und mir viel versprochen, wenn erst Ihr Verstand durch Erfahrung gereift sein würde. Aber bei manchen beruht die schnelle Auffassung auf Hellsichtigkeit wie der Selbsterhaltungstrieb. Sonderbar! Aber nun fort, Jungs, ihr habt hart geschuftet; wenn wir überanstrengt sind, brauchen wir Ruhe. Geht schlafen! Ich nehm heut die Nachtwache.«

Er schüttelte mich, wie ich im Halbschlummer mit dem Kopf auf der Luke lag: »Der Nachttau bei Landwind ist hier mit den Ausdünstungen der Dschungeln geschwängert und giftig wie Schlangenbiß. Gute Nacht!«

Ich klagte über die Hitze und betonte, daß wir immer noch verfolgt werden könnten. Trotzdem wies er mich entschieden hinunter: »Keine Furcht! Vor Tag wird uns kein Geier erspähen, selbst wenn er auf dem höchsten Felsen fußt. Nochmals: gute Nacht!«

Der Luftwechsel eine Stunde vor Tag weckte mich. Ich stolperte an Deck und wachte erst ganz auf, als ich gegen einen Geschützbolzen stieß. De Ruyter stand auf einer Kanonenschleife und schaute mit einem Nachtglas übers Heck. Der Mond spiegelte sich auf seinem Antlitz, er sah abgespannt aus, Haar, Bart waren taufeucht. Ich grüßte, bat ihn, sich hinzulegen, und entschuldigte mich wegen meiner Langschläferei. »Ich wundre mich nur«, war die Antwort, »daß Sie so früh wieder auf sind.«

Wir hielten ständig unter vollen Segeln Richtung Südwest. Die Wache lag in Gruppen unter dem Schutz der Halbdecke. Mit Morgengrauen suchte de Ruyter aufmerksam den Gesichtskreis ab und ließ zum Tagesdienst wecken, der an Bord nie abreißt. Alle sichtbaren Segel waren Küstenschiffe. Durch unsre Entfernung von Hafen und Strand verschwammen alle Tüpfelchen in einen Klecks. Wir nahmen unsern Abfahrtspunkt vom Lande. De Ruyter zog sich in die Kajüte zurück, stach den Nachtkurs auf der Karte ab, wies mich an, wie ich steuern, wann ich ihn wecken solle, wickelte sich in seinen Regenmantel und schlief bald ein.

Als wir in die Breite der Lakkadiven kamen, hatten wir mehrere Tage Flaute. Mein Geist konnte in seiner damaligen Geschmeidigkeit nicht von Überdruß geknickt werden. Ich liebte die See in allen ihren Stimmungen. Tagsüber beschäftigte mich der Dienst. Die Grab kam so wenig von der Stelle, als ob sie Wurzel geschlagen hätte; und doch schien die Zeit mit der Schwalbe zu wetteifern. Meine Neigungen und Pflichten griffen fürs erste ineinander. Aus einem schläfrigen Knaben wurde auf einmal wie durch Zauber ein tätiger, willensstarker Mann.

De Ruyter wollte seinem Schiff einen kriegerischen Anstrich geben. Wir schroteten vier grünspanige Neunpfünder unter dem Ballast des Kielraums hervor und protzten sie auf. Fertigten Kartuschen und setzten zwei Öfen hin, die Kugeln glühend zu machen. Die Pulverkammer wurde aufgeräumt, Raketen, Blaulichter verfertigt, die Zwischendecke weißgescheuert, die Mannschaft besichtigt, eingeteilt, geübt, im Geschütz und Kleingewehr unterwiesen. Ich lernte unter dem Reis Speer und Kris führen.

Wir hatten vierzehn Europäer, hauptsächlich von der Dau: Schweden, Holländer, Portugiesen, Franzosen. Auch einige Amerikaner nebst Vertretern fast aller seefahrenden Eingeborenen Indiens: Araber, Moslems, Dekhaner, Kulis, Laskaren. Unser Vorrats- und Zahlmeister war ein Bastardfranzose, der Kajütenjunge ein Engländer, der Arzt ein Holländer; Büchsenmacher, Profoß waren Deutsche. De Ruyter war es schnuppe, wo seine Kerls ausgekrochen waren, welcher Kaste sie entstammten, – er stufte sie nur nach ihrem Wert ein. Ich staunte, daß so ungleichartige, widerstreitende Splitter sich ohne sonderliche Reibung mischten. Aber seine Meisterhand, seine beherrschte, gesammelte Art ordneten alles; ehe Murren laut wurde, bog er jede Klage durch rechtzeitige Abhilfe ab. Er war der Rührigste, Unermüdlichste bei der Arbeit, der Erste bei Gefahr; alles tat er schneller, besser als sonst jemand. Er wäre unter jedem Haufen von Abenteurern, in jeder Bedrängnis, bei jedem Unternehmen einstimmig zum Führer erkoren worden+...

Endlich näherten wir uns den Lakkadiven. Ich küstete, um die Eingeborenen kennen zu lernen und Obst zu holen. Da bemerkten wir etwa zwei Meilen westwärts zwei, drei mit Rahen getakelte Fahrzeuge, die unter der Windstille festlagen. Ich begab mich mit zehn wohlbewaffneten Leuten auf das eine. Sein Reis meldete verstört, er sei in Höhe des Persischen Golfs von einer großen malaiischen Brigg geentert worden; sie habe nicht nur ihn und zwei Mitsegler geplündert, sondern auch einige Leute grausam ermordet. Ich brachte den Kapitän und einige der Seinen auf die Grab. De Ruyter vergewisserte sich bis ins einzelne und entschloß sich sofort, auf den Malaien zu fahnden. Die Perser erzählten ihm, er sei voller Gold, die Ladung so reich, daß Ballen kostbarer Seide aus Raummangel über Bord gegangen seien.

De Ruyter hatte Eilbriefe nach Isle de France und wollte sich nicht verzögern lassen. Ungern bogen wir südwärts ab. Etwa dreißig Meilen hatten wir so abgerissen, da rief der Mann im Topp gegen Tagesanbruch: »Großes Segel in Lee!«

Da es ein Kriegsschiff sein konnte, nahm ich ein Glas auf den Ausguck. Während ich mich bemühte, es festzustellen, rief de Ruyter an: »Nun, was ist's?«

Ich erwiderte zuversichtlich: »Der Malaie!«

Nach meiner Beschreibung gab er mir recht.

Es wurde diesig. Um acht bemerkte uns der Fremde und suchte zu entwischen. Wir waren nun bedeutend näher und konnten das Ende seiner unteren Rahen von Deck aus erkennen. De Ruyter meinte: »Wenn die Brise bis Mittag hält, geht er uns nicht durch die Lappen.«

Unser beutegieriges Volk war glänzend gelaunt. Wir pumpten das Wasser aus, erleichterten uns um mehrere Tonnen Ballast, stapelten die Kanonenkugeln, machten die Decke klar, Waffen, Boote bereit und berechneten lauersam alle jenseitigen Bewegungen.

Mittags frischte der Wind auf; wir gewannen schnell Raum. Trotzdem war es sechs Uhr abends, eh wir in Fernschußweite gelangten. Wir begannen mit den Bugkanonen. Das übersah man. Wir hatten die französische Dreifarb-Flagge gesetzt. De Ruyter verfügte wirklich über einen französischen Kaperbrief; den ließ er mich jetzt lesen, weil ich als einziger unter den Offizieren nichts davon wußte. Die Lagen sausten nun über, auf den Malaien, und er fierte seine Bramsegel herunter. Wir brachten uns unter seine Leeseite, beschlugen die Segel, holten das Marssegel back.

Einer unsrer Malaien preite ihn, ein Boot mit den Papieren rüberzusenden. Als er's nicht beachtete, gab de Ruyter abermals einen Schuß über ihn ab. Er erwiderte mit vier Haubitzen, verschiednen kleinen Drehbassen, zwanzig, dreißig Luntenflinten. Eisenbrocken, Glas, Nägel schollerten gegen unser Takelwerk, verwundeten drei von uns. »Verfluchte Unverschämtheit«, rief de Ruyter, »sie sollen's bald satt bekommen!«

Während wir mit der Breitseite auf sein Heck zuschwenkten, eröffneten wir ein so mörderisches Feuer, daß de Ruyter in zehn Minuten stoppte. Wir hatten ihn nicht bloß zum Schweigen gebracht, sondern auch sein Deck geputzt, seine Takelung zerfetzt, sein Ruder weggefegt. Nun fuhr ich mit dreißig Mann in drei Booten rüber. De Ruyter warnte mich noch eindringlich vor ihrer List und Hinterhältigkeit.

Wir stießen nicht auf das geringste Hindernis, nichts ließ auf eine Seele an Bord schließen. Ich hieß den Reis, der ein Boot befehligte, mit seinen Arabern vom Bug aus entern und turnte mit meiner Abteilung, großenteils Europäern und verwegnen Burschen, die verzierten Hinterwände und das Bambusheck hinauf. Oben sahen wir viele Tote und Verwundete, sonst nichts. Das Schiff war bloß zu etwa Zweidritteln mit einem Oberdeck ausgestattet, hatte ein offnes, jetzt mit Bambus verlattetes, mit Matten verhängtes Mitteldeck. Segel, Rahen baumelten in Stücken. Ein Teil der Leute wollte eben ins Zwischendeck hinab. Ich beantwortete de Ruyters Fragen, wurde aber plötzlich durch ein wildes Kriegsgeheul aufgeschreckt. Ich sprang vor und sah einen Wald von Speeren von unten vorstoßen, die durch die Matten einige von uns verletzten. Ich war über die neue Kriegführung gewiß ebenso erstaunt wie Macbeth über den wandelnden Hain von Dunsinane. Während ich auf dem festen Teil des Decks herumrannte, wurden mehrere Piken gegen mich getrieben, denen ich nur mit Mühe ausbog. Einige meiner Kerls waren zurückgewichen. Ich befahl ihnen, durch die Öffnungen des Gitterwerks nach unten zu funken. Die meisten unverwundeten Leute des Reis waren über Bord gejumpt, um ihr Boot zu erreichen.

Ich rief de Ruyter nochmals an und berichtete. Wir sollten alles vorbereiten, das Schiff in Schlepptau zu nehmen, und zur Grab kommen. De Ruyter war sehr besorgt um seine Teerjacken und wußte, daß die Räuber sich nicht ergeben, wenn sie nicht wollen.

Die Matrosen booteten unsre Verwundeten ein. Einem schwedischen Jungen, einem trefflichen Fahrensmann, hatte sich eine Lanze durch den Fuß gebissen; er litt unsäglich. Ich eilte, ihn runterschaffen zu sehen, und schritt dabei über einen sterbenden Malaien, glitschte im Blute aus und stürzte auf ihn. Als ich mich aufraffte, schnappte er mich mit seinen Knochenfingern und bot alle Kräfte auf, um sich aufzurichten; doch seine Beine waren schon steif. Da zog er einen Kris aus der Busenfalte, um ihn mir noch in die Brust zu jagen: Rachewut hatte das Lebensfeuer überdauert! Die Spitze streifte mich leicht, er kleckte zusammen, aber sein Zangengriff riß mich mit. Ich konnte mich nur dadurch losmachen, daß ich den Arm aus der Jacke zog und sie in der grausigen Hand ließ.

De Ruyter befahl jetzt streng sofortige Umkehr. Die Nacht brach ein, und die Herrschaften unten arbeiteten wieder mit ihren Luntengewehren. Wütend, enttäuscht zog ich ab.

Wir hatten jetzt acht Verwundete. De Ruyter empfing uns: »Nichts zu machen! Wir müssen versuchen, ihn landwärts zu schleppen. Wenn sie am Ufer sind, werden sie vielleicht durch Schwimmen auskratzen wollen. Ich fürchte, wir kriegen sie nicht!«

Zweimal kappten sie nachts unser Schleppseil. Deshalb entschloß sich de Ruyter bei Tagesanbruch, ihr Schiff zu versenken. Wir bestrichen es, wenn auch ungern, mit glühenden Kugeln. Bald gewahrten wir Feuerzeichen. Dunstschwaden strähnten langsam auf. Mehrere Zündungen folgten. Der Rauch wurde massiger. Endlich sahen wir das Geziefer auf allen vieren an Deck kriechen. Ihre Kanonen hatten wir über Bord geschickt, – sie konnten sich nicht verteidigen. Flammenströme spien aus Luken und Pfortöffnungen. Als unsre Einschläge den Rumpf siebten, schwuren unsre Araber, sie sähen den Goldstaub, die Perlen, Rubine auf der andern Seite herausfliegen. Ich kann's nicht bestätigen; ebenso wenig roch ich das Rosenöl, das sich angeblich aus den Speigatten ergoß. Ich sah nur zähen Qualm, Glost, die armen Teufel, die emporwuselten und sich in die Fluten warfen, um lieber durch Wasser als durch Brand und Blei zu enden. Wir schwangen Boote aus, um sie aufzufischen; keiner kam heran, und wir blieben dem Fahrzeug fern, um nicht vielleicht mit in die Luft zu gehen. Anscheinend war die Besatzung nicht unter 250 bis 300 Mann.

Wir stopften und drehten in einiger Entfernung bei. Nach einer Explosion, lauter als der lauteste Donner, schattete bloß eine Wolke über den Fluten, die den Himmel verfinsterte. Die Lage des Schiffs war allein aus dem Sprudeln und Schlürfen der See zu erraten. Mächtige Trümmer, Masten, Takelwerk, Leute, alles zerschmettert, zerrissen, brodelte in weitem Kreise durcheinander. Einige dunkle Köpfe kreischten schwach ein letztes trotziges Kriegsgeschrei, als erwarteten sie den Höhepunkt unsrer Niedertracht.

Dann zeigten einige Blasen, wo sie gewesen waren. Ihr Schiff tauchte mit dem Heck voran. Augenblicks schloß sich der Trichter.

Sogar der Wind stillte sich durch die Erschütterung. Ich machte große Augen, als unsre Segel schwer gegen den Mast flappten und die Grab wie vor Schreck erbebte. Das schwarze Gewölk erhellte sich, kroch langsam auf der See hin und hob sich dann als dicke Garbe. Mich dünkte, das Seeräuberschiff sei verwandelt, nicht zerstört, und seine Teufelsmannschaft habe in der Luft wieder ihr Treiben aufgenommen. De Ruyter sprach: »Kein erquicklicher Anblick! Aber sie haben's verdient. Vorwärts, schicken Sie die Gaffer an die Arbeit! Holen Sie die Boote ein, spannen Sie alle Segel auf unser eigentliches Ziel!«

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