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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 26
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Arabisches Maskenspiel. – Flucht aus dem Hafen.

Ich hatte dunkle Pumphosen, ein Purpurwams, eine hohe, schwarze Mütze von Astrachan angetan, auch einen Kaschmirschal umgewickelt, worin ein kleiner Kris steckte. Meine langen Rabenlocken waren abgeschoren bis auf eine auf dem Scheitel, woran mich die schwarzäugigen Huris ins Paradies lotsen sollten. Eine mit kalkbestäubten Betelblättern umwickelte Arekanuß stak in meiner Backe, stach vielmehr daraus hervor. Die Zähne waren hellrot wie Schachfiguren getönt, der nackte Hals, die Arme und Fußgelenke gut geölt, lackblank. Das Schiffsvolk stand glückwünschend herum, erklärte einstimmig, ich müsse ein Araber sein, ich sei bestimmt einer, – fragte sogar, wer mein Vater sei und von welchem Stamm.

Auf der Höhe des Kaps Ramas wartete ich nachts auf die Dau, segelte dann unter dem Fort von Aguada hin und ankerte in dem Hafen von Goa. Die Sonne stieg prachtvoll empor und glänzte auf den marmornen Klöstern, den zerfallnen Bogengängen und Kirchen der alten Stadt, deren Ausdehnung einstige Blüte zeigte. In die Mole hatte die See Bresche geschlagen, im Hafen war nur ein buntes Gerudel kleiner Küstenfahrzeuge. Der Reis mußte mit den Schiffspapieren und dem Brief für den Kaufmann an Land. Abends legte die Dau hinter uns bei, vor Nacht war de Ruyter wieder da.

Am nächsten Tage ging er landein, sich mit einigen Mittelsmännern der Rajas von Mysore und eines marattischen Fürsten zu treffen. Ich sollte in Goa den Rest der Ladung: Kaffee und Reis, löschen, Ballast fassen, den Wasservorrat ergänzen. Als er zurückkam, sah ich einen Griechen und einen Portugiesen bei ihm, vermutlich seine Kundschafter. Gewöhnlich begegneten sie einander in den Trümmern eines Klosters an der See, immer nachts. Dann kam de Ruyter an Bord, um sich durch ein Boot der Grab landen zu lassen. Die Zusammenkünfte dauerten von zwölf bis zwei Uhr morgens. Die Ruderer wurden tags zuvor von ihm ausgewählt.

Als er alles seefertig gemacht hatte, übernahmen wir sämtliche Leute und was sonst brauchbar war, von der Dau; die wurde ihren Eigentümern zurückgegeben. Ich vertäute mich außerhalb des Hafens, hievte allabendlich die Boote ein und kürzte das Ankerseil, um augenblicklich abstreichen zu können. Am zehnten Tage, eine Stunde nach Mitternacht, merkte ich an den stäubenden Schaumspritzern auf dem schwarzen Wasser, daß etwas ausnehmend hurtig heranhastete. An dem gedämpften Schall der Riemen, den langen, schweren Zügen, wie sie de Ruyter der Mannschaft seines Lieblingsboots beigebracht hatte, erkannte ich's. Weshalb es nur zu so ungewohnter Stunde und so schnell zurückkehrte? Ein vorher wahrnehmbarer Auflauf im Hafen steigerte sich. Hier stimmte etwas nicht! Mein Herz pochte, – aber wovon? Ich rief den schlafenden Bootsmann, hieß ihn die Leute wecken, stieß sie selbst in meiner Ungeduld mit den Füßen hoch.

Ich ließ die Ankerwinde bemannen, den Klüver, das Vormarssegel losmachen, die Bändsel des vordern und achtern Großsegels abwerfen und kehrte zur Laufplanke zurück. Als ich unser Boot sah, rief ich's an. Statt des gewöhnlichen »Akbar« antwortete es leise: »Yup, Yup! (Still, still!)« Ich war im Bilde. Stürzte nach dem Bug, ergriff die bereitliegende Axt, befahl, den Klüver aufzuziehen, um zu drehen, und hieb das Ankertau ab, zugleich mit einem Fetzen vom Schenkel eines Arabers, der dabei stand.

Schon kam de Ruyter nach vorn: »Recht, Jungchen, daß Sie's Ankertau kappen! Aber kalt Blut: Sie haben diesen armen Kerl verletzt, schicken Sie ihn in die Kajüte! Schleunigst alle Segel gesetzt! Ich will nach achtern. Die Bluthunde haben eine Fährte aufgenommen. Sie glauben uns wie Dschungelhühner im Nest zu treffen; sie sollen einen Panther finden, der sich nie im Schlaf fangen läßt!«

Er schnellte nach hinten. Schwerfällig schwenkten wir. Als ich über den breiten Kielraum fluchte und den flauen Wind, der uns so langsam wenden ließ, legte mir de Ruyter die Hand auf die Schulter: »Bewaffnen Sie die Leute, aber nur mit Speeren! Kein Boot kommt längsseit oder versucht es! Reden Sie freundlich mit ihnen. Aber wenn nur einer die Strickleiter anfaßt, durchrennen Sie ihn wie einen Keiler! Kein Salpeter, – er macht Krach und stinkt! Harpunieren Sie, – aber erst, wenn ich's befehle! Ich darf nicht gesehen werden. Fragt man nach dem Kaufmann de Witt, – Sie kennen ihn nicht!«

Zwei Boote steuerten heran. Das vordere preite uns: »Grab ahoy!« Ich antwortete. Wir sollten beidrehen, sie wünschten den Kapitän zu sehen. Ich befahl, das Großsegel fallen zu lassen, die Bramsegel loszumachen, dann erwiderte ich: »Wir gehn in See. Hafenscheine, Schiffspapiere sind auf den Ämtern unterzeichnet. Ich kann den frischen Wind nicht verlieren. Was wollt ihr?«

»Dreht bei, augenblicklich, oder wir feuern!«

»Lieber nicht!«

Wir hatten noch nicht Schwung genug, das erste Boot mit dem Hafenkapitän zu überholen. De Ruyter befahl den Leuten, sich auf Deck niederzulegen. Er trat ans Ruder. Grade rief er: »Deckung!« als es vom Boot aufblitzte, eine Kugel an meinem Kopf vorbei in den Baum klackte. Gehorsam ließ ich den Gruß unerwidert, so sauer mich's ankam. Als bald darauf das Boot heranschoß, um langseit des Fallreeps zu gehn, drückte de Ruyter das Schiff ab und brachte sie nach Lee. Dort konnten sie uns nicht entern. Der Wind frischte ein wenig auf, wir hielten sie vorübergehend ab. Alles stumm. De Ruyter blieb am Ruder, ich stand mit einem Haufen speerbewehrter Leute bereit, sie am Aufsteigen zu hindern. Das andere Boot kam heran. Beide hatten viel Büchsenschüsse abgefeuert; wir blieben unter dem hohen Schanzkleid des Oberdecks unberührt. Das Vorderboot bemächtigte sich jetzt der Ankerketten, und sie kletterten frech herauf. De Ruyter rief: »Cheelo, chao! (Vorwärts, Jungen!)« Da stießen wir mit den Piken durch das Gepfört, – drei, vier samt ihrem Führer fielen brüllend ins Boot zurück. Ein Offizier befahl zwar standzuhalten; aber die Lust war ihnen vergangen. Als nun das andere Boot unters Heck kam, ließ ich eine der Achterkanonen loswerfen, schob sie durch die Pfortluke und rief: »Wenn ihr noch einen Ruderschlag in unserm Kielwasser tut oder uns mit eurm Feuerwerk zum besten haltet, hört ihr diese eherne Schlange zischen. Befehlt, wo ihr könnt, hier nicht!«

Ich blies die baumwollne Lunte an. Sie sahen den blänkernden Rachen des Geschützes in ihre Bootslinie gesenkt, das sie zu Klump schmettern konnte. Nun ließen sie die Riemen ruhn. Ihre Flüche und Drohungen, untermengt mit dem Schnalzen der Wogen, erstarben. Wir entfernten uns mit vollem Zeug majestätisch vom Hafen, dieweil sie von ihrer zwecklosen Unternehmung dorthin zurückfuhren.

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