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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 25
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
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Freundschaft und Seelenverwandtschaft. – Schuldbuch der Ostindischen Kompagnie. – Geschröpfte Blutegel.

In diesem Lebensabschnitt war ich körperlich schon ein fertiger Mann. Sechs Fuß hoch, stark, knochig, fast hager; mit der Kraft der Reife paarte sich die Gelenkigkeit der Jugend. Meine Farbe, von Natur bräunlich, war in der Sonne so schnell nachgedunkelt, daß sie jetzt bronzen wirkte. Mein Haar war schwarz, die Züge ganz arabisch. Mit Siebzehn sah ich aus wie Siebenundzwanzig. Früh hatte man mir's überlassen, mir den Weg durch die Masse zu bahnen; entsprechend waren meine Fortschritte in dem, was man Weltkenntnis nennt und was nur die Erfahrung geben kann, nicht die Jahre.

Wie ich meine Bekanntschaft und Freundschaft mit de Ruyter geschildert habe, könnte man irrtümlich glauben, er habe selbstisch auf meine Jugend gehämmert. Ich kann jetzt beweisen, daß er auf dem Probstein der Zeit versucht und als lauteres Gold erfunden wurde. De Ruyter war im Grunde ein ungeselliger Weltwandrer, der sich selbst aus dem Kreise der Verbürgerung und deren Bindungen verbannte. Er hatte eine hochgespannte Einbildungskraft, helles Edelmenschentum; natürlich suchte er Wesen auf, an die er sein Wohlwollen verschwendete, die seine Gefühle teilten. Bei seinem unsteten Leben waren sie nicht leicht zu finden. Die morgenländischen Halbbarbaren fielen aus, die europäischen Abenteurer waren weit und breit zerstreut, auf der Suche nach Reichtümern oder nur in ihre ehrgeizigen Absichten verstrickt. Die paar fahnenflüchtigen Seeleute, die er von Mal zu Mal aufgabelte, waren teils übergelaufen, teils aus Nichtsnutzigkeit ausgerissen. Die wenigen Weggenossen, die er geliebt hatte, waren durch den Tod von ihm getrennt oder, was auf das gleiche hinauskommt: die Ferne. Zum eigenlebigen Asiaten war er nicht geschaffen; seine freie, heitere Veranlagung trieb ihn an, sich zu befreunden. Vielleicht war er damals, als der Zufall mich ihm in den Weg warf, zu niemand besonders hingezogen; so schloß er mich ins Herz. Er hatte mich in jener kurzen, ereignisschweren Zeitspanne völlig durchschaut und zweifelte nicht, daß ich nach kurzer Frist und Leitung das werden würde, was er aus mir machen wollte. Er merkte, daß ich neben den frischen, warmen Gefühlen der Jugend Rechtlichkeit besaß, Aufrichtigkeit, Mut, noch nicht beschmutzt war und wegmüde von den Pfützen des Lebens, die wenige unbefleckt durchwaten. Sein Schritt war daher nicht so verkehrt, wie oberflächliche Betrachtung folgern konnte. Seit ich mich so an dem Leutnant gerächt hatte, daß mir die Flotte versperrt war, wurde mir de Ruyter, der mich ganz freundlos sah, Freund im Vollsinn des Wortes, behandelte mich von nun ab als solchen. Wesensart oder Wanderhaftigkeit machte sein Leben abenteuerlich, gefahrvoll. Ich war desselben Schlages. Meine Neigungen glichen den seinen. Ich wäre, hätte ich ihn getroffen oder nicht, den mir bestimmten Weg gegangen, wenn auch nicht auf dem nämlichen Schauplatz+...

Sanft glitten wir aus dem Hafen, gerade mit so viel Luft, um – in der Matrosensprache – »die Segel in Schlaf zu lullen«. Bei Tagesanbruch waren der künstliche und der natürliche Hafen noch leewärts dwars ab. Wir sahen die träge alte Dau schildkrötenhaft am Gestade hinkriechen. Mittags sprang ein frischer Südwest auf. Bei Sonnenuntergang fiel ich ab, als die Entfernung jede Beobachtung vom Hafen aus vereitelte. Dann ging ich einige Seemeilen näher an Land, kürzte die Leinwand, drehte bei. Wie vermutet, tauchte beim Morgendämmern die Dau im Fernrohr wie ein schwarzer Punkt auf den hellblauen Wellen auf. Mit vollen Segeln hatten wir sie um acht. Ich rief an. De Ruyter kam rüber. Dann holten wir wieder an den Wind und fuhren längs der Küste weiter.

Hernach zog sich de Ruyter mit mir zum Frühstück in die Kajüte zurück und erkundigte sich, was ich von der Grab hielte.

»Sie scheint hervorragend windschlüpfig zu sein; gestern segelten wir an einer Kriegsbrigg vorbei, als wäre die ein Felsen.«

»Ja, bei solch schwachem Winde kommt ihr nichts gleich. In einer schweren Gegensee stampft sie stark. Wenn sie nicht übertakelt wird, ist sie leicht, schwimmt, hält gut Strich. Deshalb: nicht zuviel Segel, wenn sie nicht sinken soll!«

So plauderten wir. Dann aber drehte de Ruyter auf den Kompaßstrich bei, den ich wünschte: »Was ich in Bombay geäußert habe, stimmt: dort bin ich Kaufmann gewesen. Jetzt, wo ich den Betrieb eingestellt habe, bin ich bereit, Schiffe zu befrachten oder zu bekämpfen; für gewöhnlich muß ich mit dem letzten anfangen. Ich verfolge keine feste Richtung; ich, die Grab, – beide sind wir wandelbar.«

»Wohin setzen wir jetzt Kurs?«

»Nun, in dieser weiten See, zwischen den Reibereien und Raufereien europäischer Abenteurer und eingeborener Fürsten: blöder Barbaren, die einander zausen, sich im Streit um das Weideland an die Gurgel springen, während sich die englischen Wölfe hereinstehlen und mit der Herde fortmachen, – hier kann's nicht an Beschäftigung fehlen. Natürlich will alles reiflich überlegt sein. Zunächst mal müssen wir die Küste von Goa runter. Sobald ich dort etwas erledigt und die Dau abgetakelt habe, treffen wir uns wieder. Dann ist immer noch Zeit, uns zu entscheiden. – Wie alt sind Sie eigentlich?«

»Siebzehn vorbei.«

»Erstaunlich! Ich hab' Sie auf Zwanzig geschätzt. Nun, das ist unerheblich. Ein grüner Stamm bringt oft die reifste, saftigste Frucht. Etwas mehr Erfahrung, die Sie sich bei unserm unruhigen Leben schnell aneignen, Ihre Leidenschaften noch viel fester an die Kandare, und Sie sind bald tauglich für alles auf See oder an Land. Die Entscheidung steht ganz bei Ihnen. Ziehen Sie das Land vor, – ich hab dichtbei einige Freunde; Ihret- und meinetwegen werden sie Sie gern beschäftigen. Bleiben Sie bei mir, so brauche ich nicht zu sagen, daß Sie hochwillkommen sind. Aber mein Leben ist gefährlich. Wenn Sie meine Taten nach der bekannten Heuchelei der öffentlichen Meinung beurteilen, müssen Sie deren Rechtmäßigkeit mehr als anzweifeln und setzen besser Ihren Ruf nicht aufs Spiel.«

»Teufel auch! Mit Ihrer Erlaubnis bleib ich, wo ich bin! Ich hab Ihnen schon mal gesagt, daß ich bei Ihnen bleiben möchte, und wiederhole es. Von Ihren Plänen will ich nichts wissen, bis ich erfahren genug bin, Sie mit meinem Rat zu unterstützen.«

»Nein! Dem Verstand nach sind Sie ein Mann, gesinnungsfester als die meisten, mit denen ich zu tun habe. Wegen einiger Unternehmungen haben mich diese gefräßigen Heuschreckeneuropäer als Seeräuber verschrien. Wie? Diese Knicker, die kalt die Augen ihres Vaters herausquetschten, wenn sie Muskatnüsse wären, – keinem wollen sie erlauben, sein Blut mit Gewürz zu wärmen, mit Tee zu kühlen, wenn sie nicht ihren Nutzen haben oder doch ihren ›Schmu‹ an Maklergebühren! Nun, auch ich liebe Gewürz und Tee. Da ihr Grundsatz vom ausschließlichen Recht nicht mit meinen Ansichten übereinstimmte, eröffnete ich selbst einen Handel. Sie verklagten mich, beschlagnahmten mein Schiff, ließen mich zahlungsunfähig auf der Strecke. Doch ich moderte nicht im Kerker, noch gab ich mich elender Verzweiflung hin, noch vergeudete ich meinen Atem in wehleidigen Betteleien. Ich zog wieder aus, für mich selbst wie der Löwe, nicht länger von den Schranken eines schmierigen Bürgertums beengt, sondern entschlossen, zu vergelten, Schlag um Schlag zu erwidern, gleichgültig, woher er kam. Zwischen meinem Zusammenbruch indes und meiner Rückkehr zur See stillte ich mein Verlangen, das Innere Indiens kennenzulernen, und durchquerte es zum größten Teil. Ich verweilte einige Zeit bei Tippoo Sahib. Er allein hatte einen Zug ins Große. Ich begleitete ihn zu einigen seiner Hauptschlachten, – doch sein Schicksal kennen Sie. Ich gehörte damals zu den Feuerköpfen, die, von einer berserkerischen Freiheitsliebe besessen, gegen den Stachel löcken. Ich beschwor Fürsten, Priester, diese Sachwalter der Welt, ihren Griff an der Kehle des andern zu lockern, bis der gemeinsame Feind in die See gejagt sei, von wannen er gekommen war. Aber die Wahrheit ist ein Schwert in der Hand des Kindes, ihm allein gefährlich. Meine Lehre ward für verdammlich erachtet. Knapp entging mein Name der Liste der Blutzeugen. Im ganzen Osten erkannte ich die Notwendigkeit einer großen innern Umwälzung. Die alte Ordnung herrscht dort in der grauen Scheußlichkeit des Verfalls und wird sich halten, trostlos, widerlich, bis eine ganz neue sich erhebt. Bewirken kann das allein die Zeit; kindisch sind die Anstrengungen eines Arms wie des meinigen, den Schneckengang zu beschleunigen+... Dieser Gedanke weckte mich aus meinen Träumen, hier unten eine Zeitwende heraufzuführen. Ich hatte mich ausgegeldert, brauchte Brot. Deshalb drehte ich bei, willens, fürder vor dem Winde zu laufen und mit dem weisen Pistol zu sagen: ›Die Welt ist meine Auster, ich will sie mit dem Schwerte öffnen‹. Ich ging wieder zur See, nach Mauritius, rüstete leihweise ein bewaffnetes Fahrzeug aus und vervierfachte meine frühere Barschaft; oder war's nicht in der Ordnung, daß sich mein Geld verzinste? Meine Person ist nicht sonderlich bekannt. Dennoch trau ich mich selten in einen Regierungssitz. Mein Abstecher nach Bombay galt dem Zwecke, etwas Wichtiges zu bereinigen, – nicht der plundrigen Ladung der Grab. Wenn sie mich da gegrapscht hätten, hahaha! Nun, denken Sie, ihre eigne Ladung haben sie bezahlt, – einmal wenigstens, ich hab Zeugen, vielleicht zweimal, wenn die ursprünglichen Verkäufer nicht darum gebracht worden sind. Vor sechs Monaten kreuzte ich in dieser Grab unter französischer Flagge und schnitt ein behäbiges Kompagnieschiff von Amboyna her ab, das hinter seinem Geleitzug zurückblieb, – dessen Ladung war's! Ich weiß, daß noch mehr von der Sorte in Banda befrachtet werden; vielleicht treffen wir sie. Wenn sie wie Blutegel vollgesogen sind, werd ich schon wissen, wo ich ihnen den Daumen anzusetzen hab. – Nun?«

»Ich mach mit. Doch eh ich herkam, hörte ich immer, daß unsre Kolonien bestünden, um die armen Teufel zu schützen, die nicht selbst auf sich achten könnten, und um sie zum Christentum zu bekehren; wenn sie dann getauft, versittlicht seien, sollten sie selbständig werden.«

»Aber natürlich, – wenn sie erst mal bekehrt sind! Diese Handelsgesellschaft faselt, sie habe das ausschließliche Recht – das von A bis Z ein Unrecht ist – auf sämtliche Erzeugnisse des Riesenreichs. In welch großem Maßstab jetzt geräubert wird! Kleine Diebereien sind aus der Mode, schimpflich. Die mächtigen Banditen haben das schöne Eiland eingekreist. Ich wundre mich nur, daß wir seine süßen Düfte atmen dürfen!«

»Was, Ceylon?«

»Ja, sie haben den König von Kandy mit einem Netz von Stützpunkten eingegarnt. Er nennt die Engländer Strandmeister; bald werden sie seine Meister sein! Dschungeln, Schlangen, Fieber: nichts kann die Unersättlichen hindern, eh sie sich nicht an dem ganzen Besitz übernommen haben. Die andern Gewürzinseln folgen. Jeden noch so nackten Felsen werden sie für ihre Zwecke ummodeln. Doch ihre Herrschaft wird nur wie ein Tag sein; die Zeit der gerechten Vergeltung kommt, – bald!«

»Sie verallgemeinern zu sehr, de Ruyter! Die Leute geben sich wenigstens den Schein, was Gutes zu wirken. Sie haben Schulen errichtet, Kirchen gebaut, Zeitungen gegründet – Banner der Freiheit!«

»Alles falsche Farben! Die Schulen sind für ihre eignen Sprößlinge, die Kirchen, um Schelme zu versorgen, ihre Presse, die ganz unter ihrer Überwachung steht, ist ein einziger Chorus vorbedachter Lügen zu Ausfuhrzwecken. Die Priester? Besser wäre die Pest über die Linie gekommen! Sie sind ein Kaff von Frömmlern und Narren, von Hundsföttern, Jesuiten, Presbyterianern, Mährischen Brüdern und von dem Geschmeiß der krächzenden, rammköpfigen, gefräßigen, finsteren Dissenter. Wir hatten Giftschlangen genug, eh die auf uns losgelassen wurden!«

»Jetzt werden Sie abgeschmackt, wenn nicht gotteslästerlich. Bedenken Sie, daß sie sogar einige Ihrer Leute bekehrt haben!«

»Ehrliche Männer zu Heuchlern gemacht, jawohl! Erwisch ich noch einen dieser Himmelslotsen, so werd ich ihn kielholen. Solang es eine Hefe des Volkes gibt, wird eine Besprengung der Stirn nicht ausschließen, daß zum Lohn eine Mahlzeit und ein Glas Grog die Kehlen hinabrutscht.«

»Einige Rechtliche müssen doch drunter sein!«

»Vielleicht. Aber deren Hiersein spricht nicht für ihre Weisheit. Was können sie tun? Eh sie sich an das Klima gewöhnt, die Sprache erlernt haben, gehn sie meist um die Ecke! Die übrigen weihen sich nicht der Aufgabe, Seelen vor der Verdammnis zu retten, vielmehr: übereinander die Verdammung zu verkündigen. Steckt unter ihrem Priesterkleid was andres als Scheinheiligkeit, so weiß die »Kompagnie« solchen frommen Eifer zu dämpfen, zeigt ihnen offen, daß ihre Arbeit fruchtlos ist. Das getaufte Kroppzeug bleibt ihnen liegen, unverkäuflich wie verfaulte Schafe: kein Angestellter der »Gesellschaft« darf einen beschäftigen; ja, wenn er vorher beschäftigt war, wird er auch bei seiner Kaste brotlos, um nicht die Herde anzustecken. Die Pfeffersäcke wissen, daß der vielgesichtige, vielhändige Brahma als Gott für Sklaven taugt. Wissen auch, daß sie das Feld behaupten, solange die zahlreichen gegnerischen Gemeinschaften abergläubischen Götzendienstes fortwursteln, – daß ihr Besitztitel keinen Pfifferling wert wäre, wenn die Eingeborenen zu einem Glauben verschweißt würden+... Doch die Sonne sinkt. Nach ihrem blutigen Schleier und den langgestreckten Federwolken bekommen wir stärkeren Wind+... Nur doch dies: Ich bin kein hungriger Hund, der geduldig dasteht in der Hoffnung, einen Knochen aufzuschnappen, den diese protzigen Kaufherren meist hübsch auskochen, eh sie ihn preisgeben. Laßt sie sich ungestört überfressen, bis, wie bei einem Geier, die Ladung ihren Schwingen zu schwer ist! Dann wollen wir falkengleich über ihnen hangen und auf sie herabstoßen! Es ist kein Unrecht, Räuber zu berauben. Ein Küstengeschwader der »Kompagnie« ist unter Bedeckung ihrer eignen Kreuzer – ich halte sie für Plunder, weil sie nur Kriegsschiffchen spielen – nach den Gewürzinseln unterwegs. Nebenbei: Sie müssen sich durch Verkleidung ›verarabern‹; dann bleiben Sie unerkannt. Ich hab ausführliche Anweisungen niedergeschrieben. Setzen Sie Ihre Fahrt nach Goa fort! Ich folge. Keinesfalls gehen Sie an Land, eh ich nicht da bin! Der parsische Kaufmann, für den ich einen Brief vorbereitet habe, besorgt Ihnen alles. – Sehn Sie: der Wind springt auf. Verholen Sie das Boot längsseit!«

Er schwang sich ins Boot, schüttelte mir die Hand und kehrte zur alten Dau zurück.

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