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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 24
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Der neugebackne Kapitän.

De Ruyter nahm mich auf eine arabische Grab-Brigg, die durch ihren schlanken, keilförmigen, verlängerten Bug auffiel. Getakelt war sie wie eine Schonerbrigg und hatte die unregelmäßigen, rechtwinklig zur Kielebene hängenden Rahen der Araber. Die Besatzung bestand teilweise aus Arabern; der Rest verriet durch Farbe und Kleidung verschiedne Rassen. Die Grab löschte Baumwolle und Gewürz, angeblich von der »Kompagnie« gekauft. De Ruyter ging sehr selten an Bord. Ihr Kapitän, der »Reis«, war täglich bei ihm. Gewöhnlich trafen sie sich auf einem kleinen, sehr eigenartigen Fahrzeug, der »Dau«. Es war auch vorzugsweise mit Arabern bemannt; zu meiner Verwunderung waren auch ein paar europäische Matrosen drunter: Dänen, Schweden, zwei, drei Amerikaner. Sie wurden oben verborgen, – weshalb, wußte ich damals nicht; aber man schärfte mir besonders ein, es nie an Land zu erwähnen. Diese Dau war das ungeschlachteste, häßlichste Schiff, das ich in Indien gesehen hatte. Sie schien kipplig zu sein, wenig Wasserraum zu haben. Auf de Ruyters Frage, ob ich den Befehl haben möchte, antwortete ich: »Wenn es keins von den großen, starken Eingeborenenbooten sein kann, möchte ich allenfalls meine Haut darauf zu Markte tragen.«

»Ich sehe, Sie sind anspruchsvoll. Ich kann wählen, will aber am liebsten mit ihr auf See. Vielleicht ziehen Sie die Grab vor?«

»Schlagen Sie ihr den Haifischkopf ab, setzen Sie dafür ein Bugspriet hin, streichen Sie sie mit Teer und Farbe, und gern lauf ich mit ihr aus. Zudem gefällt mir das Aussehen der Araber und jener unbändigen, hageren, wildäugigen Burschen mit ihren roten Mützen, Jacken und Turbans; nie hab ich schmuckere, anstelligere Kerls gesehen, um bei einer Bö hinaufzufliegen oder einen Feind zu entern.«

»Ja, es sind unsre sichersten Leute, sie kommen von Dakka, – die werden schon fechten, das sag ich Ihnen.«

»Dann möcht ich auch was zum Fechten haben!«

»Sie hat Kanonen.«

»Die Blasrohre da auf ihren Schanzdecken kann ich nicht verknusen. Einige Zwölf- oder kurze Vierundzwanzigpfünder wären nicht zuviel. Sie hat eine prachtvolle Wasserlinie und einen Hinterzug wie ein Schoner. Der Bug ist äußerst schmal, der Baum so weit achtern, daß ich fürchte, sie stampft verdammt in der Dünung. Doch ihr sauberes, verschmitztes Aussehen gefällt mir!«

»Wollen Sie damit nach der Küste von Goa hinab? Ich folge in der alten Dau. Bei Sonnenuntergang steigen Sie an Bord, lichten mit dem Landwind die Anker! Sie sehen, sie liegt schon seeklar auf der Reede. Ich gehe mit Tagesanbruch unter Segel. Der Reis weiß, daß Sie die Grab übernehmen und er Ihnen zu gehorchen hat. Ich will Ihnen einige schriftliche Anweisungen geben, falls wir wider Erwarten getrennt werden. Vorwärts! Erinnern Sie sich, daß Sie nach Goa reisen! Kein Wort mehr zu Walther! Wenn wir auf der blauen See sind, sollen Sie alles wissen. – Einverstanden?«

»Topp! Ich hätte es nicht so lange ausgehalten, ohne zu fragen, setzte ich nicht volles Vertrauen in Sie. Wohin Sie auch gehn, – seien Sie sicher, ich folge! Wankelmütig bin ich nicht.«

»Schön! Aber beherzigen Sie vor allem eins: eh Sie andre leiten können, müssen Sie ganz Herr Ihrer selbst sein. Deshalb verraten Sie nicht wie ein Mädchen durch Sprache oder Gebärden Ihre Absicht! Ein unbedachtes, in der Leidenschaft hingeworfnes Wort, ein verlegnes Gesicht kann Ihre Pläne vereiteln, mögen sie noch so geschickt angelegt sein. Vor allem meiden Sie den Wein! Angeblich öffnet er die Herzen; wer sonst als ein Narr würde sich verraten, vielleicht gar an solche, die darauf lauern, ihn zu fangen!«

»Sie wissen, ich trinke wenig.«

»Schon! Nur wünsch ich, daß Sie überhaupt nicht trinken.«

Als ich ihn anstarrte, lächelte er: »Das heißt: jetzt. Wenn Sie sich im Becherlupf gehn lassen, dann nur mit erprobten Freunden! Besser überhaupt nicht; ich weiß, Sie können es leichter ganz lassen, als einen Mittelweg gehn. Stimmt's nicht?«

»Mag sein.« –

Nach unsrer Rückkehr an Land hielt er bei der Schenke an: »Sagen Sie den Bootsgasten, was Sie brauchen! Sie finden fast alles Nötige an Bord. Ein Glück für Sie, – Sie sind sehr bummlig.«

Gerade vor Sonnenuntergang erhielt ich de Ruyters letzte Befehle, drückte ihm die Hand und sprang ins Boot. Der Reis, der sehr gut englisch sprach, empfing mich an Bord und führte mich in die Kajüte. Ich gab ihm einen Brief de Ruyters. Er drückte ihn an die Stirn, las und fragte, wann ich unter Segel gehn wolle; er sei an mich verwiesen. Ich antwortete, um zwölf, – so lautete mein Auftrag. Ich ließ ihn die Boote einholen, festzurren und alles seeklar halten.

Währenddem überflog ich de Ruyters bleistiftgeschriebne Mitteilungen. Ich erkannte klar, daß ich auf Wunsch den Befehl bekommen würde, konnte mir aber die sonderbare Art nicht deuten, wodurch er mir aufgedrängt wurde. Der Reis wollte nichts ohne mich tun. »Gut«, dachte ich, »von ganzem Herzen! Morgen begegnen wir der Dau, – dann gibt mir de Ruyter Aufschluß.«

Mein Leben war in den Lagen, in die meine »Hüter« mich versetzt hatten, so hundemäßig gewesen, daß ich selbst mit verbundnen Augen kein jammervolleres finden konnte. Darum war ich sofort entschlossen, nicht nur ohne Zaudern, sondern mit freudiger Bereitwilligkeit, alles auszuführen, was de Ruyter mir aufzutragen beliebte, – der einzige, der an meinem Schicksal teilzunehmen schien.

Ich ging schnell ein-, zweimal über Deck mit dem festen Schritt und stolzen Blick, wie Befehlsgewalt sie verleiht, und sprach freundlich zum Serang, dem Bootsmann, und anderen, wie ein Mann in der Maienblüte des Amtes das tut.

Das Schiff war in unordentlichem, kauffahrerähnlichem Zustande, aber im Wesentlichen zum Verteidigungs-, wenn nicht zum Angriffskriege gerüstet. Es faßte etwa dreihundert Tonnen, konnte aber nur die Hälfte im Raume verstauen.

Sobald es acht gongte, des Matrosen Abendbrotzeit, kehrte ich von selbst in die Achterkajüte zurück; das Loch, das die Zeit seit Mittag in meinen Magen gegraben hatte, wollte gefüllt sein. Scharen von Fahrensleuten drängten in der nämlichen Absicht von unten herauf, kauerten sich in engen Kreisen, kastenweise abgesondert, auf die Fersen und beschäftigten sich mit ihrem Mahl aus Reis, Butter, Dörrfisch, stark gewürztem Fleisch, frischen Früchten, getrockneten Schoten des spanischen Pfeffers.

Nachdem ich den Magen gefüllt hatte, goß ich mich aufs Ruhebett, melkte de Ruyters Wasserpfeife und nahm den Bestand der Kajüte auf. Sie war niedrig, aber geräumig, gut beleuchtet und gekühlt durch die Bullaugen im Stern. Weil man mir nicht zu schlafen verbot, auch keine Strafe wegen Nachlässigkeit im Dienste schreckend über meinem Haupte hing, blieb ich munter und frisch und sann der Verantwortung nach, womit der Freund mich betraut hatte. Ich schlenderte auf Deck herum und schaute, ob das Wetterfähnchen vom Landwind umworben würde; aber de Ruyter hatte recht: es ging auf zwölf, eh es so weit war. Dann befahl ich dem Reis, loszuwerfen, womöglich geräuschlos. Jenes, meinte er, sei leicht, dieses unmöglich. Wir gingen Anker hoch, stachen in See.

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