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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 23
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Der geheimnisvolle Seemann.

Die Nacht war, wie man sie oft im Osten erlebt: jeder nahe Gegenstand, Früchte, Blumen, war durch den hellen, tiefen, durchsichtigen Schein von Mond und Sternen angestrahlt, nach Gestalt und Farbe tagdeutlich erkennbar. Ich setzte mich auf den grünen Abhang, lauschte dem Gekreisch der Eulen, beobachtete das Flattern der großen Vampire um den Teich, bis ich einschlief. Mir träumte von de Ruyter, den indischen Inseln, Walther. Endlich erwachte ich, erschreckt durch das abscheuliche »Orkan« des schottischen Leutnants: »Was soll das heißen, Herr, auf Wache eingeschlafen! Gehn Sie auf'n Topp und werden Sie wach!« Aber es war nicht dieser Kläffer, sondern der alte biedere Saboo: »Nicht gut schlafen in Sonne! Machen krank. Haus gut schlafen!« Ich war vor Kälte erstarrt. Die Sonne war oben. Ich ließ mir Palmsaft geben, ging zum Weiher hinab, sprang hinein und war wieder Ich.

Die stille, frohe Zeit wurde durch keine Widrigkeit getrübt. Mittlerweile hatte ich wieder Jacke und Hosen angelegt: meine Haut war nicht moskitofest, und da ich unversehens in ein Nest junger Tausendfüßler getreten hatte, war ich froh, wieder in Schuhe zu kommen.

Ich begann auch über meine sonderbare Lage nachzugrübeln. Etwas Seltsames, Rätselhaftes umwebte das Tun und Treiben de Ruyters; ich konnte es nicht enthüllen, aber es bestrickte, bezauberte mich. Wunderbar, wie schnell er Einfluß auf mich gewonnen hatte! Sein Freimut, sein Schneid, seine Hochherzigkeit, seine adlige Gesinnung, seine aufgeklärte Denkweise, so unähnlich der aller mir bekannten Krämer und Geldmakler: alles überzeugte mich, daß er nicht zu ihnen gehörte. Aus Worten und Betragen schloß ich nach reiflichem Überlegen, daß er Kapitän eines Kaperschiffes sei. Aber damals hatten weder Engländer noch Amerikaner eins in Indien. Die Franzosen – ja! Diente er unter deren Flagge, was tat er dann in einem englischen Hafen, wo er offensichtlich Freunde hatte? Meine nächste Folgerung war, er sei Mittelsmann einer der Rajahs. Das waren immer noch unabhängige Herrscher; aber die »Kompagnie« schlang stets engere Ringe um sie, bis sie von den festen Sitzen in die Ebene gehetzt wurden, um ihnen zur leichten Beute zu werden. Von diesen Fürsten war bekannt, daß sie im Frieden und Krieg ihre geheimen Unterhändler an den Regierungssitzen hatten, um schnell Nachricht von den Maßregeln und Plänen der Geschäftsträger der »Gesellschaft« zu erhalten. De Ruyter schien hierfür vorzüglich geeignet. Dabei konnte und wollte er nicht immer den Zorn über das nach seiner Meinung barbarische Vorgehen, die Unduldsamkeit, Anmaßung der englisch-indischen Machthaberschaft bemeistern. Seine Lippen bebten, seine Stirn bewölkte, seine Augen erweiterten sich, wenn er mit Donnerstimme Beispiele ihrer Grausamkeit, Erpressung, Aufgeblasenheit auftischte. Indes liebte er England, die Engländer, wenn er auch die Amerikaner als Kinder seiner Wahlheimat vorzog. Er bemerkte: »Seltsam! Alle Völker, die daheim die größte Freiheit genießen, behandeln ihre Kolonien mit der gewissenlosesten, ungehemmtesten Gewalt. Ein Glück für die Menschheit; denn nur so darf man hoffen, daß die Freiheit einst Gemeingut werde. Das geduldigste Geschöpf wandelt sich, wenn es über Gebühr gequält wird, waffnet sich mit der Unbesiegbarkeit der Verzweiflung; die wilde Katze wendet sich gegen den Tiger, – ich hab's gesehn.«

Dies und vieles andre, was mir jetzt von ihm einfiel, überzeugte mich, daß er nicht sei, was er schien, ließ mich aber noch immer im Zweifel, was er eigentlich sei. Mutmaßte ich richtig, so würde ich ihn umso mehr lieben, – das fühlte ich. Nach allem, was ich von ihm gesehen hatte, trug ich nicht das leiseste Bedenken, mich seiner Leitung zu unterstellen. Er war nach meinem Herzen.

Häufig sandte er mir Zuschriften, Botschaften. Seine Abreise zog sich aber hin, und ich konnte Walthers dringende Einladung nicht länger ausschlagen. So bestieg ich eines Abends ein Pferd, das er mir besorgt hatte, und befand mich am folgenden Abend unter seinem behaglichen Zelt. Er freute sich kindlich, mir alle seine Bequemlichkeiten und Vorteile zu weisen und auszumalen, sie mit seinen früheren Entbehrungen und Leiden zu vergleichen. Nicht ein Tröpfchen Neid schwamm mir im Blut, ich teilte seine Gefühle. Schon war er ein Liebling der Offiziere geworden. Er hatte ihnen einen Teil meiner Geschichte erzählt, und wir wurden schon in der ersten Lagernacht sehr vertraut. Ich kehrte mit einigen Offizieren in einer Sänfte nach meinem alten Standort in Bombay zurück.

Meine Zeit verstrich angenehm: im Lager, im Bangalo, wohin ich Ausflüge veranstaltete, in der Bombayer Kneipe. De Ruyter gesellte sich zu uns, wenn er sich nicht mit seinen Angelegenheiten abgab, seinem »Geschäft«, wie er's hieß.

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