Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward John Trelawny >

Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 22
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
Schließen

Navigation:

Im Kampf der Neigungen.

Nach zwei Tagen mußte Walther zur Truppe zurück. Die Freude an seinem neuen Stande war groß; deshalb entschloß er sich, seine Pflicht musterhaft zu erfüllen. Tag und Nacht hatten wir ohne sonderliche Pause geschwatzt und doch keine Zeit für ein Wort über die Vergangenheit oder unsre Zukunftspläne gefunden. Wir kamen überein, es bald nachzuholen. Am Morgen seiner Abreise sagte er: »Du bist jetzt dein eigner Herr und kannst müßig gehn. Wir lagern auf dem Artillerieplatz. Komm in mein Zelt! Was ich habe, steht dir zu Diensten. Wollte der Himmel, du verschafftest dir eine Stelle in unserm Regiment, – du könntest es!«

»Nein, nein, Walther, mit dem Stempel der Knechtschaft, blau oder rot, bin ich für immer fertig. Weder König noch ›Kompagnie‹ sollen mich durch Gold, Ehrenstellen, Flitterkram bestechen, mein angebornes Recht auf freie Tätigkeit zu opfern. Wofür auch? Für Brot? Auf jeder Staude find ich Ersatz!«

»Das schon! Aber du liebst den Ruhm, kannst nicht ohne Händel und Kampf leben.«

»Mag sein! Aber davon kann ich genug in der Welt finden und meinen eignen ›Grund‹ und meine eignen ›Gründe‹ wählen. Ich brauch nicht wie ein Fleischerköter aus Zwang zu kämpfen, weil ich vom Abfall meines Herrn gefüttert werde, und mich von fünfzig Pence täglich zu nähren. Du, Walther, wirst gegen diese niedergeknüppelten, zertrampelten Sklaven wie ein Bracke vom Halsband losgelassen werden! Deine Gebietiger schüren Zwist, Feindschaft unter ihnen; dann entsenden sie ihre Schergen, um Schätze und Land zu ergreifen, sie zu verknechten oder als Aufrührer, Verräter auszurotten. Das soll Ruhm sein! Nun, wenn es mir an Kampf gebricht, werde ich todsicher meine Farben wechseln, Zwingherren und Unterdrücker in die Pfanne hauen, wo sie auch zu finden sind, – und wo wär das nicht?«

»Trüben wir nicht die paar Abschiedsminuten durch Auseinandersetzungen! Vielleicht denk ich wie du, – vielleicht weißt du, daß meine Gesinnung die gleiche ist. Aber ich bin nicht aus dem zähen Stoff wie du. Ach, meine arme Mutter hat nur Kummer und Enttäuschung gekannt! Ihr Dasein ist freudlos gewesen. In meinen hilflosen Jahren hat mich keine Hand geliebkost als die ihre. Keinen Ruheplatz hab ich gekannt als an ihrer Brust. Und als ich die Dinge unterscheiden konnte, bin ich nie aus ihrer liebenden Nähe gewichen.«

Er kehrte das Antlitz weg, außerstande fortzufahren. Endlich gelang es ihm: »Du magst mich für einen Knaben halten, weil ich so rede; du kennst eben nicht die reine, innige Liebe, der zwei vereinte, gegen alle übrigen gleichgültige Herzen fähig sind: eine verlaßne Mutter, ihr verwaistes Kind! Wie kann ich da ihre zärtlichsten Hoffnungen zunichte machen, nun ihre Bemühungen und Bitten erhört sind! Wenigstens hab ich eine verhältnismäßig befriedigende Stelle erlangt. In zwei Jahren bekomm ich Urlaub nach England; dann, – aber sag mir: kann ich – würdest du – einer solchen Mutter – etwas abschlagen?«

Ich hatte das Gesicht auch abgewandt; ich vermochte nicht zu antworten.

»Besuch mich, – bald! Wir wollen unsre Pläne beraten. Erinnre dich, daß wir Brüder sind, was du oder ich auch tun!«

Er drückte mir die Hand und war schnell verschwunden. Als ich mich nach de Ruyter umsah, der ruhig seine Wasserpfeife unter einem Baume gepafft hatte, wischte er sich die Augen mit seiner rauhen roten Hand. »Dieser Walther«, meinte er, »macht uns noch alle zu Weibern! Nun, ich liebe meine Mutter auch, aber ich kann nicht von ihr sprechen. Gleich ihm hab ich keinen Vater gehabt, – wenigstens hab ich ihn nie gekannt!« Dabei neigte er, wie er es gewöhnlich in der Rührung tat, das Haupt zur Erde und rauchte mit doppeltem Eifer. Nach einer Pause hob er wieder an: »Dieser Junge hat ein gutes Herz; aber er hat zuviel Muttermilch eingesogen, – sie hat ihn fast zum Mädchen gemacht. Ich vertraue auf Menschen wie Sie, Männer, die von Natur aufrecht, entschlossen sind. – Ich muß morgen zur Stadt zurück, binnen zehn Tagen geh ich in See. Und Sie?«

»Ja, daran hab ich noch nicht gedacht. Ich liebe ein solch ruhiges Leben.«

Er lächelte: »Gut, mein Lieber, stehn Sie Ihren Wünschen nicht im Licht! Das Bangalo gehört Ihnen, wenn Sie's wollen. Lassen Sie mal sehen: Hier sind sechzehn Kokosbäume. Es müßt mit dem Teufel zugehn, wenn nicht die und der Garten Sie nebst Ihrem Yak im Naturzustand erhielten; der alte Saboo ernährt sich, seine Frau, seine zehn Kinder mit der Hälfte. Bedenken Sie, welchen Wert sie haben: aus ihrem Naß gewinnen Sie Palmsaft; gegoren wird er Arrak; die Frucht selbst mit Reis gibt ein treffliches Currygericht; wenn Sie sie pressen, bekommen Sie einen Überfluß an Öl, Ihre Haut zu glätten, Ihre dunkle Farbe aufzuhellen. Dann machen Sie aus jeder Schale einen Becher; die Hülsen liefern Ihnen Bettzeug, Garn, Seide; ist der Baum alt, kann er zu einem Kahn verarbeitet werden. Einige Waren können Sie in Reis, Butter eintauschen.«

»Gewiß. Außerdem kann ich von Früchten leben, jagen, schießen.«

»Denn man los, junger Mann! Aber die erlesensten Vergnügungen werden schal, abstoßend, wenn man sie hat; wohl auch die, so verlockend sie sind. Erinnern Sie sich, daß ich ein reizendes Fahrzeugchen habe, wohlbewaffnet, für Krieg und Frieden eingerichtet, wie's trifft! Ihm fehlt nur ein schneidiger Offizier, einer, wie ich ihn mir einst in Ihnen vorgestellt hatte; aber ich hab mich getäuscht!«

»Wo ist es, de Ruyter? Sie haben mir nie was davon gesagt! Rasch, wo ist's?«

»Sie vergessen Ihren Palmensaft, Ihre Pötte, Ihr Hirtenleben!«

»Das grade nicht. Aber betrachten wir das Schiff näher! Wie ist's getakelt? Wo liegt's? Wieviel Tonnen? Wieviel Mann? Wozu soll's dienen?«

»Schluß damit! Sie scheinen so wunderbar für das Herrenleben eines Babu zu taugen, daß Sie besser mit dem alten Saboo gehen. Vielleicht bekommen Sie nächstes Jahr Lust, eine Fahrt um die Inseln zu machen und ein paar Parsi- und Hindumädchen aufzulesen, um Ihr Bauerngeschlecht fortzupflanzen. Liegt das in Ihrem Naturgesetz?«

So fuhr er fort zu foppen und zu grinsen, ohne meine Fragen nach dem Fahrzeug zu beantworten. Da er gewöhnlich nachts reiste, sobald der Große Bär am Himmelsrand leuchtete, schüttelte er mir die Hand, warf eine Börse voll indischer Goldmünzen auf den Tisch mit der Weisung, mir nichts zu versagen, was Geld verschaffe, versprach, in wenigen Tagen hier zu sein, und kehrte nach Bombay zurück.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.