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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 20
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Der Feuerreiter.

Der Krach trommelte bald mehrere Eingebornensoldaten herbei. Als ich durchs Fenster eine Pikenspitze sah, stieg mir das Blut zu Kopf. Hekate und ihre Hexenschwestern klebten an mir wie eine Meute Terriers am Dachs. Mit einem Ruck schüttelte ich die schwere Decke des Rausches samt dem Weibsen ab, faßte das Bambusrohr und jagte sie die Leiter dal. Unter-, übereinander kollerten sie hinab, und sie zersplitterte unter der Last, nicht zuletzt der wabbligen Jungfernante. Unten bildete sich ein kegelförmiger Hügel, als Gipfel die Alte. Bald rutschte sie ab wie 'n holländisches Doggerboot, das vom Stapel lauft; Sepoys, alles verschwand unter ihrem breiten Bau. Kladderadatsch! Draußen hatten sich zahlreiche Zuschauer gesammelt, darunter Fußsoldaten, Sepoys, Polizisten.

Jetzt hielt ich's für zeitgemäß, mich dünne zu machen. Ein Docht der zerschlagenen Lampe schwelte noch immer. Damit entzündete ich etwas in Öl getupfte Baumwolle und steckte die Butike an mehreren Stellen in Brand. Heftig loderte die trockne Masse auf. Wildes Geschrei von außen kündete den Erfolg. Nu aber los! Unter dem Züngeln und Knacken stürzte ich mich zum Fenster raus und landete zum Glück auf dem Sepoy-Pikenisten. Ich unbeschädigt, – er desto mehr. Ich sprang auf, ergriff seinen Spieß und bahnte mir den Weg zu dem Schuppen, worin mein Pferd stand. Hastig legte ich ihm das Gebiß an. Aber in der Finsternis, der Eile fand ich den Sattel nicht, schwang mich ohne ihn rauf und preschte davon.

Entschlossen, mir das Feuerwerkchen anzusehen, machte ich kehrt gegen die Sepoys und andere, die mir auf den Hacken waren. Ritterlich legte ich die Lanze ein, sauste auf Teufelholen die enge Gasse hinab, brach durch und spickte einen an einen kleinen Lehmtempel, wobei ich ihn fast dem Gotte Brahma opferte. Mein Schinder keilte die gottlosen Hufe ausgerechnet in das Heiligtum mit dem priesterlichen Waschbecken: eine kleine Nische, so daß der bottichbäuchige Götze binnen nebst einem Hafen duftenden Reises in Stücke flog. Flüche heulten uns nach: »Giaur, Ungläubiger, Hund!« Der Fittich der Nacht deckte uns gegen die nachgeschleuderten Geschosse, Wörter ließen uns kalt. Nun platzten wir in das Getümmel vor der Brandstätte. Das Gelichter stob Wildenten gleich davon. Die alte Geizliese stocherte mit einem Bambusstecken nach ihren Klamotten. Ich spornte sie mit meiner Pike in die glostende Asche. Sie packte eine Handvoll glimmender Bambushölzer, fehlte mich, versengte aber mein Pferd. Das flitzte dahin, feuerte aus, bäumte sich in unbezwinglichem Zorn. Ich konnte es weder halten noch beruhigen. Wir räumten das Dorf.

Fort brausten wir, frei, jach wie der Wind. Mir schwindelte, das Rasen durch die frische Luft von einer heißen Stube her machte mich schachmatt. Sattellos hielt ich mich mit Ach und Krach fest. Stockfinsternis rundum. Wir hetzten durch einen weiten Sumpf. Mein scharfsinniger Buzephalus stolperte in eine Furt, watete und schwamm nach dem Ufer gegenüber. Ich legte den Kopf auf seinen Hals, klettete mich in die zottige Mähne. Obwohl wir uns von der Stadt entfernten, kümmerte ich mich nicht drum, wohin er mich trug. Unwiderstehliche Bettschwere überwältigte mich, gern hätte ich gebremst; aber ein Zügel hatte nachgegeben, und mein Renner tobte immer weiter, tänzelnd, zappelnd, schnaubend wie 'n Delphin. Wie lange, weiß ich nicht, war ich doch fast ohne Sinnen. Er wetterte auf ein Licht zu, das in einem Wachhäuschen brannte. Als er etwas rammte, war der Ruck so heftig wie der eines Schiffs gegen einen Felsen. Er taumelte ein-, zweimal schwerfällig hin und her und fiel auf mich wie ich auf den Sepoy. Lange muß ich besinnungslos geblieben sein.

Als ich die Augen öffnete, schaute ich mich verwundert um. In meinem Kopfe schwamm es wie nach einem Starrkrampf. Volk kauerte sitzlings um mich her. Ein dürrer Alter mit dem Gesicht eines Hexenmeisters, der Würde eines Brahminen schien Beschwörungen zu murmeln. Ich verstand bloß: »Topie Sahib! Ram, ram, ram!« und »Dum, dum, dum!« Ein vornehm aussehender und gekleideter Mann mit einem Graubart sagte nur: »Il' Allah!«

Ich wollte auf, forderte durch Zeichen Wasser. Sie kopfschüttelten. Der Mund war mir wie zugeleimt, ich konnte nicht sprechen, war halb ohnmächtig vor Durst. Ich lag auf einer Matte im Schatten eines verandaumgebenen Kaufladens. Als der Eigentümer merkte, daß ich lebte, trat er heraus und sprach englisch zu mir, – himmlische Musik! Er brachte mir einen Topf Palmwein. Der belebte mich. Köstlicher Trank! Hart neben mir lümmelte ein mich anglotzender Wasserträger. An einem Bambus über seinen Schultern hingen zwei gefüllte Eimer aus Zwergpalmblättern. Ich bat ihn durch Gebärden, mir davon zu geben. Grinsend schlug er's ab. Ich faßte den Rand eines Eimers, kippte ihn mir über den Schädel. Das Naß rauchte an meinen glühenden Schläfen. In schauerndem Wohlgefühl setzte ich mich auf.

Es war in einem Dorfe unfern der Straße nach Callian. Erst spät vergegenwärtigte ich mir die Ereignisse des Vortags. Die Knochen schmerzten mir, als wenn ich braun und blau geschlagen wäre; Gesicht, Kopf, Hände waren verletzt. Zuerst wurde ich an meinen Gaul erinnert durch eine Haarsträhne in meinen noch immer verkrampften Fingern. Ich trat in den Laden, machte mich lang, und schon schlief ich auf beiden Ohren. Schweißtriefend erwachte ich, als die Sonne sank. Dann aß ich etwas Obst, ging an ein Wasserbecken, badete, fühlte mich wie neugeboren.

Ich entsann mich, daß ich mit de Ruyter auf dem Landsitze zusammenkommen sollte, und fragte nach dem Pferde. Niemand wußte was. Einige Kulis hatten mich von der Wachhütte wegbesorgt, in dem Kaufladen niedergelegt. Auf Rat der Krämer mietete ich einen zweirädrigen Ochsenkarren und fuhrwerkte damit nach dem Treffpunkt.

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