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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 2
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Gebrochne Treue und bestrafte Mitgiftjägerei.

Meine Geburt stand unter einem Unglücksstern. Ich kam zur Welt mit dem Brandmal des Landstreichers: ich war ja der »jüngere« Sohn einer ahnenstolzen Familie! Sogar die Gicht und verpfändete Liegenschaften waren viele Geschlechter zurück als Erbstücke hochbürtigen Ursprungs auf ihrem Stammbaum verzeichnet und wurden in Ehren gehalten. In solchem Hause galt ein nachgeborner Sohn gerade soviel wie in den Tagen des guten Königs Edgar das Junge eines »hochverräterischen Wolfs«, auf dessen Kopf ein Preis gesetzt war. Eltern haben hie und da ihre schwächlichen Sprößlinge töten müssen; eine Spartanermutter hätte, während sie das Leben ihres noch bewußtlosen Kindes auslöschte, mit Othello rufen können:

Bin ich auch grausam, bin ich doch barmherzig,
in deinen Qualen laß ich dich nicht schmachten.

Gemessen an dem abscheulichen Recht der Erstgeburt war das gerecht und milde!

Großvater war General und konnte Vater, seinem Einzigen, wenig mehr bieten als Vorspann in seinem Stande. Einigermaßen glich das die Natur aus; sie verlieh ihm, was öfter zum Glück führt als Geist, Tugend oder ähnliche abgehalfterte Thronanwärter: ein hübsches, durch feine Lebensart gehobenes Äußere. Seine Jugend verlief nicht anders als die der Vornehmen seiner Zeit. Weiber, Wein, der Hof, das Lager bildeten den Tummelplatz seines Ehrgeizes; hier galt er für einen guten Spieler. Der Vierundzwanzigjährige verliebte sich in ein reizendes, liebenswürdiges Mädchen. Seine Gedanken nahmen eine andere Richtung. Er merkte, nicht ohne Erfahrung, daß seine Leidenschaft erwidert wurde. Einziges Hindernis war das Geld. Ihre Familien waren gleich, nicht aber ihre Erwartungen. Wollte Gott, mein Vater hätte sein Geschick an das ihrige gebunden, – ihr Wert hat die verändernde Zeit überdauert. Während er sich mühte, die Hindernisse der Verbindung zu beseitigen, wurde er mit einem Werbetrupp in den Westen geschickt. Sie dachten sich die Trennung nur als vorübergehend und verabschiedeten sich, wie alle in ihrer Lage, unter Beteuerungen ewiger Treue. Was aber bei einem so flotten Soldaten wie ihm nicht ebenso üblich ist: er blieb seinen Eiden drei Monate treu.

Anläßlich seiner Berufung gab der Präsident der Grafschaft einen Ball. Dabei äußerte er zu seiner Tochter, seiner Erbin, sie möge den Reigen mit dem vornehmsten Mann eröffnen, der zufällig der älteste war. Sie erklärte, sie werde sich den schönsten aussuchen. Wählte meinen Vater und tanzte mit ihm. Die Bevorzugung schmeichelte ihm. Da man allenthalben drüber sprach, erwachten Gedanken in ihm, die ihm sonst nicht gekommen wären. Sie war dreiundzwanzig, von finsterm, männlichem Aussehen, aber sehr wohlhabend. Das genügte, sie höchst reizvoll erscheinen zu lassen. Vater war selbstsüchtig. Reich, schön wurden ihm bald gleichbedeutend. Von der Dame wurde er merklich ermuntert. Er sah sich jetzt von denen beneidet, die er beneidet hatte. Gold war sein Gott, hatte er doch täglich die Demütigung des Nichtbesitzes verspürt. So beschloß er, sein Herz allein Fortuna zu weihen, und harrte nur der Gelegenheit, seine Abtrünnigkeit zu offenbaren. Der Kampf mit seinem bessern Selbst war kurz. Er nannte sein Verhalten Klugheit, kindlichen Gehorsam – sind das, bitte, keine Tugenden? – und deckte so seine nackte Gemeinheit mit einem anständigen Gewande. Seine Briefe wurden knapper, seltner, seine Besuche bei dem Goldfisch häufiger. Er heiratete. Fand die Mitgift bedeutend geringer, die Dame bedeutend ungenießbarer, als er erwartet hatte, und zog ärgerlich, enttäuscht in die Stadt, mit dem Bewußtsein, sein Schicksal verdient zu haben. Hier verläpperte er einen Teil des Vermögens in törichtem Aufwand, um die Gemahlin zufriedenzustellen. Seine Verhältnisse kamen dadurch in Unordnung, er mußte schließlich den Dienst aufgeben, der Einschränkung wegen aufs Land übersiedeln.

Malthus mit seiner Lehre der Geburtenbeschränkung hatte die Welt noch nicht aufgeklärt. Alljährlich zeichnete er widerwillig in der Familienbibel den Zuwachs einer neuen Lebensbürde ein. Er verfluchte die Fruchtbarkeit meiner Mutter, die Rechnungen des Fleischers und Bäckers. Ward verdrießlich, mutlos.

Ein Vermächtnis fiel ihm zu, und er ging jetzt ernstlich daran, Mammon zusammenzuscharren. Diese Leidenschaft beherrschte ihn von nun an. Er wurde, was man einen klugen Mann nennt. Trat ihn ein armer Verwandter an, so sprach er von Pflicht gegen Weib und Kind. Als er am reichsten war, stöhnte er am beweglichsten über seine Armut, über Erpressung, über die schamlosen Preise aller Lebensbedürfnisse. Er habe, so behauptete er, nicht die Mittel, die Kinder zur Schule zu schicken; das Lernen sei zu teuer, übrigens auch unnötig. Seine lateinische Stallfütterung in Westminster habe sich als nutzlos erwiesen, da er seither keinen Blick in die griechischen, römischen und anderen Scharteken geworfen habe; dabei sei er nicht unwissender als die Nachbarn. Das unbedingt Notwendige könnten wir noch immer nachholen, wenn wir uns einmal für ein Fach entschlossen hätten; da mein Bruder und ich Soldat werden sollten, sei sowieso nur wenig erforderlich. Er haßte ein Zuviel an all und jedem. Hatte er nicht außerdem beobachtet, daß die Bücherwürmer seines Regiments die größten Trauerklöße gewesen und durch die Gelehrsamkeit keinen Deut im Aufstiege gefördert worden waren?

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