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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 19
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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In der Hexenküche.

Bei Sonnenuntergang ritt ich in das nahe Dorf Dungaree, um an einen aufregenden Tag eine lärmende Nacht zu hängen. Es war von der Regierung einer besondren Kaste als Wohnsitz vorbehalten. Hier hatte sich ein kleines Wunderland aufgetan.

Ich stallte meine Mähre ein und machte einen Rundgang, um den malerischen Kral der Hütten aus Stampferde und Bambus zu besichtigen. Die wohlgeölten schwarzen Schönheiten Madagaskars zeigten sich zuerst. In der nächsten Kabuse war nur eine kleine Gesellschaft. Eine bernsteinfarbige Japanerin leuchtete wie eine Sonnenblume aus der Tür.

Eine alte Freundin, die gelegentlich geistige Getränke verzapfte, nahm mich auf. Sie war die Scheich des Stammes. Ihr Hofsitz stach durch einen Oberstock mit Vorlauben hervor. Stammgäste vorzüglich Europäer. Ihnen zu Ehren hatte sie so was wie einen englischen Kopfputz über ihrem Mahagonigesicht aufgetürmt. Sie verschmolz die Eigenschaften des Dschungelbüffels: kugelfeste, schmierige, borstige Haut, eingefallne Augen, verfaltetes Gesicht, mit den X-Beinen, dem Höcker des Dromedars. Sah das schlampige Ungetüm nicht aus wie eine Altersgenossin der Erbsünde?

Ich hörte ihre Püppchen herbeikommen mit trippelnden Kinderfüßen, klirrenden Armbändern und Ringen. Ihre Arme, Hand-, Fußgelenke, Zehen, Finger gleißten von Messing, Silber, Glas und erzeugten eine wohlklingende Musik, als sie eine zauberisch anmutende Bambusstiege herabameiselten. Jede trug wallende Beinkleider, ein kurzes Baumwollmieder, auf der Stirn einen Stern von gelbem oder rotem Ocker. Alle Abstufungen der Färbung, des Stamms waren da: schlammig, olivgrün, blei-, kupfergetönt, die ganze Gattung des Braun vom Dunkelrot der indischen bis zum glänzenden Kohlschwarz der englischen Schabe. Jegliche Altersstufe und Größe: vom Neunten bis zum Neunzigsten (so betagt schien die alte Hekate), von der Höhe meines Pfeifenrohrs bis zum Palmbaum. Die leicht-geschmeidige Kubschie neben der quammig-quabbigen Hottentottin, die sich wie 'n Meerschweinchen bewegte; das Hindumädchen mit den Hirschaugen, der Antilopengestalt; die blonde, dralle, feiste Armenierin mit dem Vollmondgesicht, gebaut wie 'ne Schildkröte; die sanfte, kosige, turteltäubelnde Parsin. Weiter die Chiechies, ein halb europäischer, halb indischer Mischlingsschlag, ein Beieinander von Feuer und Frost, bei dem das klare Weiß der Engländer sich mit dem Schwarzhaar des Ostens paarte; er darbte des rosigen Anflugs seiner westlichen Vorfahren, war aber reich entschädigt durch den Strahlenglanz der Augen seiner Mütter, den die tote, fischige Tünche des Nordens nicht getrübt hatte.

Beim Eintritt hatte ich reichlich Zubehör zur Bereitung dessen gefordert, was die Gelehrten als »flüssiges Feuer«, die Ungelehrten als »Punsch« bezeichnen. Davon schüttete ich soviel runter, daß ich fast den Verstand verlor. Nun suchte ich die obere Behausung zu ersteigen. Als ich auf die Leiter zuschwankte, stellte sich mir die alte Schrunzel in den Weg. Ich quirlte sie ins Zimmer zurück, raffte schnell ein brennendes Fichtenholz auf und kletterte in eine Art Dachgeschoß. Die Hälfte der Hausgenossinnen lehnte sich gegen mich auf. Wäre ich nüchtern gewesen, hätte mich das nur gereizt. Aber im Eigensinn der Trunkenheit wollte ich ein weiteres tun. Ich schrie: »Weg, oder ich will sehn, ob ihr echte Feuergeister seid!« und näherte die Flamme dem Rohrgeflecht der Hütte.

Meine Widersacherinnen fuhren angstschreiend zurück. Ich rollte in ein innres Zimmer, wobei ich die Matte runterriß, die es abschloß. Da knarrte eine rostige Stimme: »Hängen lassen, Hundejunge!«

»Nanu, alte Quadratlatsche!« rief ich; denn ich erkannte meinen verfloßnen Käpten und begrüßte ihn mit dem Spitznamen, den wir ihm wegen der unnatürlichen Ausmaße seiner Hinterflossen verliehen hatten. »Holla, oller Klutentreter, hier und auf dem besten Weg, dich zu beschmoren?«

»Raus, Herr! Was soll die Frechheit? Warum sind Sie nicht an Bord, Herr? Kennen Sie die Befehle nicht?«

»Raus? Nee, im Gegenteil! Ich mag nie wieder auf den Wackelpott. Hab abgedankt, großmächtiger Signor!«

»Was nu, Sie Deiwelskerl?«

»Was? Na, eh wir scheiden, wollen wir noch 'ne herrliche Punschbowle mitsammen nippen, wenn Sie auch noch so feierlich kieken.«

Als er sah, daß mir nicht abzureden sei, gab er nach. Er war nicht sonderlich streng veranlagt und taute bald auf; zudem war er wenn auch nicht bezecht, doch nicht mehr kapitelfest. Wir taten uns gütlich an unserm Punsch, und ich sang, besser: grölte das Lied vom »alten Kommodore«:

Blaue Bohnen und die Gicht
haben ihn so zugericht,
daß er nicht mehr wasserdicht.

Zum Dank dafür, daß er außerhalb des Ankerplatzes den freundlichen Sittenprediger gemimt hatte, versetzte ich ihm eine Standpauke, worin ich mich über seine unterschiedlichen Sünden und Laster, insonderheit seine jetzige Besäuftheit, verbreitete. Aber trotz der Rechtgläubigkeit meiner Lehrmeinung, trotz der Höflichkeit, womit Jungfernreden und Predigten stets angehört werden, war der Boß doch so begierig, zu verduften, als hätt er Höllenstein unterm Allerwertesten. Nichtsdestoweniger prostete er mir mit Grog zu, bis der letzte Schimmer meines Bewußtseins in der Tülle flackerte. Ein paar Bajaderen tanzten uns was vor, schüttelten die Armringe, sahen aus wie Teufelchen. Währenddem gab mir die innre Lohe neben der ofenheißen Enge des Zimmers einen Vorgeschmack der Hölle.

Der Schiffer drückte sich. Indessen zerrte ich einen Bambussparren herab, womit ich das Geschirr und alles übrige in Reichweite zertepperte. Die Altsche zeterte über die Zerstörung ihrer Hausgötter und -güter und rief nach den Polizeiern. In ihrem Schutz fiel sie mich wie rasend an: »Ihr mehr Tiger wie Mensch. Ihr nich mehr betreten meinen Haus. Ich Sepoys kommen lassen, euch totschlagen. Ich in mein Leben kein solches Randau gehört.«

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