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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 18
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Hoch zu Roß in die Freiheit.

An der Spitze der Eindringlinge – konnte ich meinen Augen trauen? – Walther! Er war nicht minder baff, als er den Mann, den er wie die Pest haßte, scheinbar tot zu seinen Füßen sah. Er schaute ihn mit einer gewissen Befriedigung an, seine Lippen bebten, er errötete und erblaßte. Er erhob seine Augen zu den meinigen. Als er mich atem- und sprachlos vor Wut sah, zugleich die Degenstücke auf der Diele, blitzte ihm der Tatbestand auf. Sein Blick forschte zu de Ruyter, der ihn nicht bloß verstand, sondern auch zu wissen schien, wer er sei; denn er fragte ihn, ob er nicht Walther heiße. Auf das Ja äußerte er: »Hier liegt Ihr Feind, dem Ihr Freund wohl etwas den Atem versetzt hat. Möchte er nur seine Leidenschaft ein wenig mäßigen!«

»Hoffentlich hat er ihn nicht totgeschlagen!«

De Ruyter fühlte dem Leutnant zweifelnd den Puls: »Nein, nicht ganz. Hier, schafft ihn raus!«

Die Diener hoben ihn auf. Er öffnete die Augen. Blut quoll ihm aus dem Mund, mehrere Zähne waren eingehauen. Er machte ein höchst klägliches Bild, flennte wie ein Knabe. Sobald er bei sich war, gewahrte er Walther. Das steigerte seine Fassungslosigkeit. Walther wurde puterrot und bezwang sich mühsam. Als er hörte, daß ich die Klinge nicht in, sondern auf seinem Körper zerbrochen hätte, glaubte er, er sei mehr verängstigt als beschädigt. Aber de Ruyter versicherte ihn des Gegenteils: »Der ist ebenso schwer abzutun wie der Tiger. Nie hab ich jemand so verplätten sehn. Kommt, Jungs, er hat genug, – zuviel, wenn ihr euch verantworten müßtet. Eure Weise, den Dienst niederzulegen, wird auch nicht als einwandfrei gelten. Wär's deshalb nicht vorteilhafter, ihr machtet euch dünne, eh das Lärmzeichen gegeben, das Stadttor geschlossen wird? Sie, Walther, haben Sie auch den blauen Kittel ausgezogen? Was bedeutet das rote Aushängeschild? Haben Sie im Ernst die Farbe gewechselt, oder ist's bloß 'n Witz?«

Zu meinem Erstaunen war Walther soldatisch rot gekleidet. »Gott sei Dank und meiner Mutter!« rief er. »Ich hab eine Stellung bei der ›Gesellschaft‹ bekommen und bin heut früh vom Schiff entlassen worden. Ich war so erpicht, jenen Höllenhund auszuzahlen, daß ich herkam, um dich zu überraschen und mit dir zu beraten, wie wir ihn greifen könnten; die Fregatte segelt nämlich morgen los. Beim Eintritt hörte ich dich toben und bildete mir halb und halb ein, du hättest mir in der Rache vorgegriffen, aber Glück kommt nie allein.«

De Ruyter fuhr dazwischen: »Schwimmt ab, Jungs, aber 'n bißchen plötzlich! Ihr könnt alles bei paßlicherer Gelegenheit in Muße besprechen. Die Zeit drängt. Gehen Sie nach dem Landsitz, von dem ich Ihnen kürzlich erzählt habe, bei dem Dorfe Punee! Den Weg kennen Sie. Walther, vorher bin ich bei Ihnen, sobald die Fregatte fort, dieser Vorfall etwas verraucht ist. Jetzt kein Wort mehr! Fort sag ich.«

Mein Pferd erschien. Das widerhaarige Biest hatte was Tückisches im Auge; das gab ihm einen unheimlichen Ausdruck. Es war vom Lande hereingeschafft worden. Da es ihm geglückt war, mehrere Seeoffiziere abzuwerfen, wollte es keiner mehr mit ihm wagen. So erfreute es sich einer Art Ruheposten, als man mir's anbot. Ich konnte es gut leiden; denn nie war ich einem oder etwas so Dickköpfigen begegnet wie mir selbst. Ich fühlte mich zu seiner Ungebärdigkeit hingezogen, nahm es unter meine besondre Hut, hatte Vergnügen an der Anstrengung, mich mit ihm zu messen. Eine wilde Kracke gilt in den Tropen durchaus nicht als Erholungsmittel. Aber war's nicht meine Lust, gegen den Strom zu schwimmen? Folgte ich je den Tapfen der Klüglinge auf der abgetretnen Bahn des Lebens? Mein Klepper und ich wurden bald eine Sehenswürdigkeit für die hausbacknen Eingebornen; alles war gespannt, wer siegen werde. Täglich tobte ich in den engen Gassen rum, gefährdete Männer, Weiber, Bamsen. Zahllos waren die Beschwerden über umgekippte Buden, Beulen, Gliederbrüche; vermutlich bestand im ganzen Bezirk trotz seinen hundert einander befeindenden Kasten nur ein Verlangen, eine innige Verwünschung. Wenn Flüche mich hätten vom Gaul hexen, dessen Hufe gegen meinen Schädel lenken können, – nicht einer: Heid oder Christ, wäre ein Zollbreit aufgestanden, ein so verdientes Strafgericht zu hemmen. Dank einem türkischen Gebiß und Sattel, die ich statt des lachhaften englischen Zeugs aufgelegt hatte, behauptete ich trunken oder nüchtern meinen Sitz und dämpfte das Feuer des Rackers, obwohl ich's nicht löschen konnte. Bis wir uns zu verstehn begannen. Waren wir des Wettstreits müde, so zuckelten wir gemächlich wie ehrbare Eheleute in der Öffentlichkeit dahin.

Diesen Tückebold bestieg ich in einer weißen Jacke de Ruyters und sprengte gegen das Tor, noch erhitzt von der Vermöblung des Leutnants, nicht einen Grad abgekühlt durch zwei Pullen Rotwein, die ich mit Walther ausgestochen hatte. Der Sepoyposten war irgendweshalb unter dem gewölbten Stadttor angetreten. Mein Abscheu gegen das Söldnermal der Gewaltherrschaft erstreckte sich auf alle, die es trugen.

Ein Kraftstrom durchbrauste mich. Um meine frischerrungne Freiheit zu beweisen, – eine Anwandlung, die sich mein Gaul wie unter dem nämlichen Drang nur zu gern aneignete, – flog ich gedankenschnell durch die Wache und entwischte mit siegjauchzendem Ho und Hallo in die Wüste vor der Stadt.

Hier ließ ich meine Freude von der Strippe, gebärdete mich wie ein Wahnsinniger, der Nummer Sicher entsprungen ist. Ich spornte das Pferd weitweit in die Wüste, während ich mich vor Wonne heiser juchheite. Unbekümmert um Kopf und Geöhr des schnaubenden Renners, schwang ich den Säbel, den de Ruyter mir gegeben hatte. Als ich das Tor aus dem Auge verlor, saß ich ab, da ich kein menschliches Wesen inne ward, tätschelte ihm den dampfenden Hals und rief: »Hier endlich sind wir frei, du einzig biedres Geschöpf! Die Ketten sind gebrochen. Wer will mir was? Keinem gehorch ich. Ich brauch keinen andern Führer als mein Gefühl. Ich bin auch wer! Wer wollte mir noch einmal das Joch aufzwingen? Immer ran! Ich weich nicht vom Fleck, wenn auch das ganze Heer und die Flotte über mich kommt!«

So schenkte ich mein Geflunker den Winden. Die Brust schwoll mir von den entkoppelten Schlägen des Herzens. Selbstherrlich rumzuschwärmen, nicht gezügelt durch schnauzige Vorgesetzte, – was gab's Schöneres! Ich hatte die Mütze fortgeschleudert, obwohl der Himmel wie geschmolznes Gold aussah, wollte ein gleiches mit den Kleidern tun, wennschon mir der Sand die Sohlen briet. So verhaßt war mir jede Spur von Unterdrückung oder, was dasselbe ist: von Verbürgerlichung!

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