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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 17
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Eine Abrechnung.

Ein Mann behandelte mich als seinesgleichen, der mir an Einsicht und Jahren so weit voraus war. Das erfüllte mich mit einem nie gekannten Stolz und Wichtigkeitsgefühl. Durch sein Benehmen erwarb sich de Ruyter mein unbegrenztes Vertrauen, entlockte mir unmerklich meine geheimsten Gedanken. Ich offenbarte ihm meine Absicht, aus einem Stande zu treten, der mir die vorgegaukelten ehrgeizglühenden Möglichkeiten nicht verwirkliche. Anstatt mich darin zu bestärken, drang er ständig in mich, nichts in Übereilung oder Leidenschaft zu tun. Ich sprach von meiner Zurücksetzung, Beschimpfung, von meinen – angesichts des hoffnungslosen Verhältnisses zu meiner Familie – verzweifelten Zukunftaussichten und endete mit dem festen Entschluß, die Fesseln abzuwerfen, die mein Gemüt wundrieben, mein Streben lähmten. Wenn mir nichts Beßres erblühe, wolle ich in die Dschungeln und mit Büffeln, Tigern hausen, wo ich mich doch wenigstens frei bewegen dürfe; so kurz mein Leben sein werde, – besser das, als mich fürder einer eisernen Willkür ducken, die sogar meine Gedanken versklave.

»Schreiben nicht«, so brach ich aus, »unsre Schiffsgesetze, daß man weder durch Blick noch Gebärde Mißvergnügen über diejenigen äußern darf, die durch die Karbatsche herrschen? Schwängen die Götter eine solche Zuchtrute über uns, wer stünde nicht dawider auf! Müssen wir schon einen Gebieter haben, warum nicht in den Dienst von Trollen, Teufeln treten, wenn sie uns nur anständige Bedingungen stellen, freundliche Worte geben?«

»Nein! Sie stranden an sich selber. Immer mit der Ruhe! Betrachten Sie die Dinge in ihrer wahren Farbe, nicht entstellt durch das kranke Gelb Ihrer galligen Begriffe! Wir können nicht alle Herren sein, auch kann der beste Befehlshaber nicht jeden Untergebnen zufrieden stellen. Die sture Hintansetzung durch schwache, nicht schlechte Menschen hat Sie gekränkt. Sie haben von der Engherzigkeit andrer viel gelitten. Nun lernen Sie aber auch klar und duldsam urteilen, zwischen Unwissenheit und Bosheit bei denen unterscheiden, die gegen Sie gefehlt haben! Der einzige wirkliche Fall von Niedertracht bedeutet wenig und ist zu geringfügig, um einen Gedanken dran zu verschwenden, – ich meine Ihren schottischen Leutnant.«

»Geringfügig? Nennen Sie das geringfügig, wie er meinen Freund Walther zertreten, zutiefst erniedrigt hat? Ich bin die Ursache, muß den Schimpf bis aufs Fädchen rächen. Alles Übel im Leben soll über mein Haupt kommen, die Parias mich verhöhnen, anspucken, die wilden Hunde durch die Dschungeln hetzen, wenn ich jenem Schuft verzeihe!« –

Der verhaßte Name zitterte noch auf meinen Lippen, – da tauchte er leibhaftig, allein in dem Billardzimmer auf, wo wir uns unterhielten.

Er blickte mir ins flammende Gesicht und schwankte, ob er abhauen oder vollends hereinkommen solle. Er tat das letzte und setzte, über und über grinsend, eine bedientenhafte Miene auf. Er brachte jene Spiegelfechtereien in Gang, womit er sich durch die Welt geschlängelt, die Hoffnungen aufrichtiger, ehrenhafter Männer zerscheitert hatte. Er hatte die Kneipe während meiner Anwesenheit oft besucht, war an Land ebenso leutselig wie großschnäuzig an Bord. Da ich ihm unterstand, betrachtete er mich vielleicht noch immer als Untergebnen. Er schrägelte sich heran: »Nun, wann gehn Sie aufs Schiff? Es fährt morgen ab, alle Offiziere müssen vor Tag oben sein.«

»So?« fragte ich leise, um mein grimmiges Vorhaben zu tarnen; dabei schwoll jede Fiber in Tatbereitschaft, siedete das Blut, um wieder zu vereisen. »Dann ist's Zeit, daß ich meine Verbindlichkeiten bereinige. Durch eine glückliche Fügung ist mein Hauptgläubiger hier.«

»Wie?«

»Einmal haben Sie mir gesagt, ich dürfe nie im Hut vor Ihnen stehn. Ich gehorch Ihnen jetzt zum letzten Mal.« Rums, knallte ich ihm den Deckel in die Larve.

Er bekam offenbar kalte Füße. Ich aber streifte das letzte Zeichen der Knechtschaft ab: den Rock, stampfte darauf rum und rief: »Jetzt, Herr Leutnant, bin ich frei. Sie sind nicht mehr mein Vorgesetzter. Wenn ich Ihre Überlegenheit als Mann anerkennen soll, dann raus mit Ihrem Flederwisch! (Ich brachte mich zwischen ihn und die Tür.) Ziehn Sie! Dieser Herr und der Kellner sehn zu, daß alles ordnungsmäßig vonstatten geht.« Er wollte weiter und kreischte: »Was wünschen Sie? Sind Sie von Sinnen?«

Ich packte ihn am Kragen, stupste ihn mitten in die Stube: »Hier gibt's kein Kneifen; verteidigen Sie sich!«

Er bat de Ruyter um Schutz und schwur, er verstehe mich nicht. Der Angerufne paffte ruhig fort: »Es ist doch wohl klar, was er will. Ihr Streit berührt mich nicht. Besser, Sie ziehn blank und pauken aus. Er ist ja nur ein Knabe, und Sie sollten ein Mann sein nach Ihrem Bart!«

Der Leutnant, furchtgeknickt, erniedrigte sich nun vor mir. Beteuerte, daß er mir nie Unrecht zufügen wollte; wenn ich das dächte, tue es ihm leid und er bitte um Verzeihung. Ich möge einstecken und mit ihm an Bord gehen. Dabei versprach er eidlich, sich nie des Vorgefallnen gegen mich zu bedienen. Seine Erbärmlichkeit widerte mich an. Ich schleuderte ihn von mir, spie ihn an und brüllte: »Denk an Walther, Waschlappen! Können Worte dich nicht reizen, nun, dann sollen's Prügel!« Ich schlug ihm mit dem Degenkorb auf den Mund, trat ihn mit Füßen, trampelte auf ihm herum. Riß ihm den Rock runter, zerfetzte ihn und schrie: »Zum erstenmal hat eine Memme wie du diese ehrlichen Farben geschändet!« Sein Gezeter, seine Versicherungen steigerten meine Verachtung, ließen mir die Galle überlaufen. Ich war rasend, daß ein solches Gemächte mich so lange geknutet haben sollte: »Für das Unrecht an mir habe ich Genugtuung; die Grausamkeiten gegen Walther können nur durch Ihr Hundeblut gesühnt werden.«

Ich hatte meine Plempe gleich beim ersten Angriff zerbrochen, zog daher die seinige unter dem zu Boden gestreckten Leibe hervor; es wäre um ihn geschehn gewesen, hätte nicht eine stärkre Hand meinen Arm gefaßt. Es war de Ruyter, und er flüsterte: »Lassen Sie! Keinen Mord hier!« Er gab mir eine schadhafte Billardstange: »Ein Stock eignet sich besser, einen Angstmeier zu züchtigen. Machen Sie guten Stahl nicht rostig!«

Widerspruch war zwecklos, hatte er mir doch die Klinge entwunden. Ich zerwalkte nun den Kerl. Sein Geweimer war schrecklich. Er war toll vor Entsetzen, sein Blick der eines Irren. Ich ließ nicht ab, bis ich das Ende des Holzes an ihm zersplittert hatte, er sich nicht mehr rührte.

De Ruyter hatte sich, ohne daß ich's gleich merkte, an die Tür gestellt, um Gaffer fernzuhalten. Er verließ den Posten, – ein Schwall von Weißen und Schwarzen brodelte herein.

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