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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 16
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Ein »Mann«.

Sobald wir in einem Hafen festmachten, luchste ich auf die erste günstige Gelegenheit, Land zu erreichen. Bevor nicht das Abfahrtssignal, der »blaue Peter«, gesetzt, das Vormarssegel gelöst war, bestand wenig Aussicht, mich an Bord zu sehen. Kaum, daß wir zum zweitenmal den Hafen von Bombay anliefen, hockte ich wie gewöhnlich unter einem Vorwand in einer Jolle. Alsbald hatte ich mein Hauptquartier in einer Kneipe aufgeschlagen; hier warf ich mich kopfüber in die ausgelassensten Vernügungen.

Alle Zeit, die ich Weib und Wein abknapsen konnte, verwandte ich darauf, in der Gegend herumzugaloppieren, in den Basars zu lärmen, auf dem Billard zu liegen. Wie an Bord, so an Land: jede Unordnung und Störung wurde gewöhnlich mir angekreidet. In Indien herrschen die Europäer mit Strenge über die unterjochten Eingeborenen. Jede Ausschreitung bleibt ungestraft, die Biegsamkeit der Volksseele zieht eine knechtische Unterwürfigkeit nach sich. Widerstand, selbst Klagen kommen ernstlich fast nie vor; die höchste Güte, die ihnen Europäer für lange treue Dienste erweisen, geht nie über die gegen Hunde hinaus. Sie werden gestreichelt, wenn ihre Herren wohlgelaunt, geprügelt, wenn sie ärgerlich sind, wenigstens zu meiner Zeit. Solange der Fremde sich nicht in Politik mischt, die Allmacht der Heiligen unter den Heiligen anzweifelt: der Ostindischen Gesellschaft und ihrer Diener (wie sie den Statthalter und alle Beamten zu nennen beliebt), – so lange kann er nichts Unrechtes tun.

Mit Walther hielt ich durch Briefe und Boten Fühlung und hatte vereinbart, daß er das Schiff erst kurz vor der Abfahrt räumen solle. Dann würde ich einen Kahn mieten, um ihn nachts dichtbei zu erwarten; er brauche nur über die Bugpforte zu springen und heranzuschwimmen. Den Leutnant wollte ich mir kaufen; nur mit wenigen hätte ich nicht frischweg angebunden.

In meinem Wirtshause knüpfte ich enge Bekanntschaft mit einem Handelsmann an. In der Jugend schließen wir in Tagen Freundschaften, die später Jahre erheischen. So ich mit jenem Manne: durch ein, zwei Billardspiele, durch gemeinsame Mahlzeiten, Spaziergänge waren wir fröhliche Kameraden geworden. Mehrere Seeoffiziere pflegten in meiner Gaststätte einzusprechen. Dann machten wir die Stadt unsicher und drehten manches tolle Ding.

Ruyter

Mein Freund, der »Fremde«, wie er hieß, schien die Gesellschaft von Marineoffizieren zu suchen, lauschte eifrig den Berichten über ihre verschiednen Fahrten, ihre Schiffe und deren Segelfertigkeit, über die Eigenheiten der Befehlshaber. Seine Unterhaltung beschränkte sich vornehmlich auf Fragen; da die Leute meist lieber sich als andre hören, wuchs seine Beliebtheit. Häufig besichtigte er mit mir die Kriegsschiffe im Hafen. Nur auf meine Fregatte wollte ich ihn nicht führen; dafür gab ich ihm jede gewünschte Auskunft.

Er nannte sich damals de Witt; ich heiße ihn gleich bei seinem rechten Namen de Ruyter. Angeblich wartete er auf eine Fahrgelegenheit nach Batavia. Indien und seine Meere waren ihm anscheinend ganz vertraut. Er beherrschte die meisten europäischen Sprachen, hatte nicht den leisesten fremden Beiklang in seinem Englisch.

Wenn er durch die Kaufhäuser schlenderte, gewöhnlich nachts, nahm er mich bisweilen mit. Daheim in allen abgelegenen Winkeln der unregelmäßigsten Stadt, betrat er ohne Umstände manches finstre Wohnloch. Dabei unterredete er sich mit den Eingebornen in ihren verschiednen Zungen; das kehlige, tierische Grunzen des Malaien, das menschlichere Hindostanisch, das sanftere, reintönige Persisch: es war ihm gleich geläufig. Am meisten überraschte mich die hohe Ehrerbietung dieser Leute; sogar die großmächtigen, fetten, aufgeblasenen armenischen Kaufherren stiegen aus ihren Tragsesseln, mit ihm zu plaudern, sichtlich erfreut über die Begegnung. Dies und andres verwunderte mich, mehr nicht: mit Siebzehn halten wir nicht jeden für einen Spitzbuben wie mit Dreißig.

Die Selbstbeherrschung, Entschiedenheit in de Ruyters Verhalten erweckte neben seiner umfassenden Bildung ein Gefühl in mir, worauf kein andrer mich ungestraft hätte verweisen dürfen. Vielleicht wäre es nicht so heftig gewesen, hätte er sich mir nicht körperlich und geistig überlegen gezeigt. Seine Erscheinung war gebieterisch; die Länge, das Ebenmaß der Glieder, das Straffe, Abgerundete der Gestalt liehen ihm eine Leichtigkeit, Geschmeidigkeit, die man gewöhnlich nur bei den Morgenländern findet. Erst bei genauem Hinsehn entdeckte man, daß der ranke Wuchs der Dattel die Kraft der Eiche barg. Sein Gesicht war nicht breit genug, einem Künstler zu gefallen; aber es steigerte die Wirkung der festen, hohen Stirn, die so glatt war wie behauener Marmor, wenn auch nicht so weiß. Das Haar war dunkel, reich, die Züge ausgeprägt. Am eigentümlichsten war das Auge: es wechselte chamäleongleich die Farbe, spiegelte aber die Seele wider. In der Ruhe war es graubewölkt; wenn er durch heftige innere Schwingungen in Erregung kam, verdampfte der Nebel, der Glanz nahm allmählich zu, bis die Strahlen sonnengleich so stark wurden, daß sie blendeten. Die Wimpern waren pechschwarz; dick, gerade, vorstehend die Brauen, die er des Sonnenglasts wegen gewöhnlich zusammenzog: dadurch zeichneten sich unzählige Krähenfüßchen in den Augenwinkeln ab, anders freilich als die Runen des Alters, der Ausschweifung in den nordischen Breiten. Der Mund war kühn, klar geschnitten, stark, ausdrucksvoll, die etwas vorstehende Oberlippe zuckte beim Sprechen. Das volle Kinn bekundete unbeirrbare Entschlossenheit.

Er war von Natur nicht so dunkel wie ich; doch waren seine bloßen Körperteile nicht nur sonnverbrannt, sondern scheinbar bis auf die Knochen geröstet. Er ging auf die Dreißig los.

Ich habe de Ruyter so genau beschrieben, um ungefähr den außerordentlichen Einfluß zu begründen, den er nach so kurzem Verkehr auf mich gewann. Er wurde mein Vorbild. Mein höchster Ehrgeiz war, ihm nachzuahmen, sogar in seinen Fehlern. Mein Wetteifer erwachte. Zum erstenmal spürte ich die Oberhand eines Menschen. Gleichen Schritt mit ihm zu halten, – unmöglich! Bei jeder noch so unbedeutenden Handlung trug er ein so unbefangnes, freies, edles Wesen zur Schau, daß man glaubte, es fließe neu und frisch aus seinem Ich; demgegenüber verblaßte alles andre zur Nachäfferei.

Der erschlaffende Einfluß eines so langen Aufenthalts in den Tropen hatte ihn nicht berührt. Seine Lebens- und Tatkraft schien unbeugsam. Das sinnverwirrende Fieber der Dschungeln hatte sein Blut nicht verseucht. Die Lichtspeere der Sonne trafen schadlos sein bloßes Haupt, er allein ging unbekümmert um Zeit oder Witterung seinen gewohnten Geschäften nach. Aber ich beobachtete, daß er wenig trank, wenig schlief, mäßig aß. Wenn wir praßten, nächtliche Gelage hielten, gesellte er sich oft zu uns, schlürfte seinen Kaffee, schmauchte seine Wasserpfeife. Unsre Jüngsten überflügelte er im Genuß des Augenblicks. Selbst die niederschlagende Wirkung des Mokkas konnte kaum seinen beschwingten Geist bis zu uns herabdrücken, wenn wir von Rebensaft erhitzt, von Arrakpunsch berauscht waren. Mühlos versetzte er sich in die Stimmung seiner Genossen und bekundete so seine Duldsamkeit; vermochte er doch den Eigensinnigsten, Gedankenlosesten nach seinem Willen zu biegen, zu leiten, in beliebige Form zu gießen. Er zog es aber vor, die Wesensart anderer auszuloten, sie in ihrer wahren Gestalt zu betrachten und seine hochgespannte Einbildung dadurch herabzustimmen, daß er unsre knabenhaften Gedanken und Gefühle in sich aufnahm. Er stellte sich auf gleichen Fuß mit uns und wurde so tonangebend. Ob Salomo mit all seiner Weisheit, seinen klugen Sprüchen das gekonnt hätte?

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