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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 13
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Im Toben der Elemente. – Gefährliche Rache.

Schon vorher hatte ich mir durch rücksichtslose Draufgängerei Achtung erworben. Meine Gleichgültigkeit und Schludrigkeit im gewöhnlichen Dienst gingen noch durch; denn bei jeder Schwierigkeit und Fährnis, vornehmlich plötzlichen Böen, war ich unverdrossen und rührig. Mit einem solchen Luftstoß ist in den indischen Gewässern nicht zu spaßen: die Masten biegen sich wie Angelruten, die leichten Segel zerschleißen, die Matrosen torkeln hin und her; Rahen splittern, die »Kutsche« wird auf die Seite geschleudert. Bei alledem das grobe Rören des Sturmwassers und der Blitz, dessen blutiges, jähes Feuer allein noch Licht gibt. Dann war das Nickerchen auf der Haubitzenschleife aus. Mit halboffnen Augen federte ich auf, meine Stimme war die einzige Antwort auf Astons Trompetenstoß. Im Ringen der Naturkräfte fühlte ich mich daheim. Es war eine Art Krieg, paßte zu meinem Selbst: je wilder der Sturm, desto toller die Lust. Die Verachtung der Gefahr feite mich. Jene zopfigen Umstandskrämer, die sich nicht wenig darauf einbildeten, wie peinlich sie ihre Stellen ausfüllten: staunend sahen sie, wie der Fant, an dem sie kein gutes Haar gelassen hatten, sich freiwillig in jedes Abenteuer stürzte, wo sie sich über die Möglichkeit, Rätlichkeit des bloßen Versuchs noch nicht einig waren. Liebten mich die Matrosen nicht deshalb, weissagten sie mir nicht eine erfolgreiche Seemannslaufbahn? Sogar die Offiziere sperrten Mund und Nase auf, sprachen dem Windbeutel nicht jede Hoffnung ab.

Diese Gönnerhaftigkeit verkrümelte sich mit den wüsten Auftritten, die sie erzeugt hatten. Bei heiterm Wetter verlor ich den Ruf, den ich in Stürmen, Gefechten gewonnen hatte. Unter meinen Backsgasten war ich Hahn im Korbe. Höchsten Stolz setzte ich darein, den Schwachen gegen den Starken zu schützen. Willkür gestattete ich keinem. Ich war vor der Zeit groß, stark geworden. Dabei so zäh, daß ich bei Händeln mit älteren, die mich an Körperkraft nicht gar zu weit überragten, durch Beharrlichkeit Sieger blieb; Verwegenheit, Ungestüm warf alles nieder. Keiner wollte mit mir anbändeln; denn nie gab ich auf, sondern erneuerte den Kampf ohne Rücksicht auf Zeit und Ort. Aber was die Meßkameraden hauptsächlich an mir priesen und schätzten, war die furchtlose Unabhängigkeit gegenüber den Vorgesetzten.

Deren letzter Trumpf war ausgespielt, und doch wären sie nicht mit mir fertig geworden, hätten sie auch die Folter dazugenommen. Aus reinem Übermut übersteigerte ich noch ihre Strafen. So war es üblich, uns vier, fünf Stunden Mastspitze zu geben. Ich rekelte mich dann längelang auf die Quersalings, als ob mir's da so recht wohlig wäre, und tat, als ob ich schliefe; war's heiß, duselte ich wirklich ein. Man schwebte in tausend Ängsten, ich könnte von einer so halsbrecherischen Ruhestätte runterpurzeln. Um diese Möglichkeit abzuschneiden, befahl mich der Schotte eines Tages aufgebracht für vier Stunden auf das äußerste Ende der Topsegel-Nock. Ich murrte, enterte aber auf, da ich nun mal mußte. In der schwindelnden Höhe schritt ich die Rahe entlang, faßte die Toppenant, legte mich zwischen Rahe und Leesegelspiere hin und stellte mich wie gewöhnlich schlafend. Der Leutnant rief mich häufig an, damit ich nicht über Bord ging. Die wiederholte Warnung gab mir einen Fingerzeig, die Schurigelei zu enden: wie, wenn ich seiner Furcht vorbaute, wirklich über Bord fiele? (Natürlich nicht, um mich zu ersäufen – wenige auf dem Schiff kamen mir im Schwimmen gleich). Ich hatte einen Matrosen von der Unterrahe zum Spaß ins Meer springen sehen und war entschlossen, es auch zu versuchen. Außerdem war mir das Rollen des Schiffs günstig; denn die See ging hohl und der Wind war schwach. Ich paßte es ab, als bei Sonnenuntergang Offiziere und Matrosen auf Posten waren, und stürzte mich auf den Kamm einer Riesenwoge.

Ich pfeilte tief in ihren Schoß. Zum Glück hatte ich das Gleichgewicht durch Emporheben der Arme über den Kopf und durch gerade Haltung behauptet, während ich zugleich mit den Gliedern in der Luft hampelte – ich wäre sonst unweigerlich futsch gewesen. Unerträglich war der Schmerz der unterdrückten Atmung – die Lungen wollten bersten. Ich spürte schaudernd, daß ich blitzschnell in die Tiefe schoß, suchte mich aber krampfhaft emporzuarbeiten. Dann lähmte mich todähnliche Erstarrung. Später hörte ich Stimmengewirr und ein Geräusch auf der See, dazwischen Paukenwirbel wie bei einem Sturm. Kopf und Brust wollten aus den Nähten. Hernach erschien mir ein Rattenkönig von Gesichtern. Mir war scheußlich übel. Kalter Schauer schüttelte mich. Meine Zähne knirschten. Mir war, als sträubte ich mich noch mit letzter Macht gegen das Versinken. Lange, lange+...

Zuerst wurde mir Astons Stimme deutlich: »Wie geht's jetzt?« Ich wollte sprechen – vergebens – meine Lippen bewegten sich lautlos. Er sagte, ich sei gerettet an Bord. Ich blickte mich um. Ein Gefühl, als bräche mir noch immer Wasser in Mund, Ohren, Nase, versetzte mich ins Meer zurück. Achtundvierzig Stunden stand ich unbeschreibliche Schmerzen aus – tausendmal stärker, nun ich ins Leben zurückkehrte, als eh ich die Besinnung verlor.

Doch was verschlug's? Mein Zweck war erreicht! Der schottische Leutnant bezog einen scharfen Anpfiff wegen seiner unverantwortlichen Maßnahme. Der Kapitän war so gerührt, daß er mir 'n Suppenhuhn schlachten ließ und 'ne Pulle Wein stiftete. Nie wieder wurde ich zur Mastspitze verdonnert. Über den Verdacht war sogar ich erhaben, ich hätte mich aberwitzig der Gefahr des Ertrinkens ausgesetzt, nur um einer geringfügigen Hudelei zu entgehen, die andre lammfromm einsteckten.

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