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Ich war Pirat

Edward John Trelawny: Ich war Pirat - Kapitel 12
Quellenangabe
authorEdward John Trelawny
titleIch war Pirat
publisherWerner Dietsch Verlag
year1938
translatorKarl Konrad
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20180303
modified20180621
projectidb4eb18ea
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Freund und Feind unter den Offizieren. – Eine verunglückte Heldentat.

Fest entschlossen, die Kriegsmarine zu verlassen, widmete ich dem Dienst einige Aufmerksamkeit. Ich kniete mich hinter Zeichnen und Schiffskunde, las alles Erreichbare, schnappte von Offizieren und Matrosen soviel wie möglich über Indien und seine Inselwelt auf. Wir nahmen den alten Weg, umrundeten St. Helena, das Kap der Guten Hoffnung und ankerten endlich im Hafen von Bombay.

Die einzige mit meinem spätern Leben verknüpfte Tatsache dieser Reise ist, daß ich dauernde Freundschaft mit dem jüngsten Leutnant Aston schloß. Ich war in seiner Wache. Während der langweiligen Nächte hatte er meine eigentliche Art ergründet und entdeckt, daß ich nicht der sei, der ich schien. Ich hatte mich in meine Schale verkrochen, sooft feindlich scheinende Fremde mir nahten; seine Güte zog mich daraus hervor. Er weckte Gefühle, die eingeschlummert waren, rief andre ins Leben, die ich nie gespürt hatte. Er wurde mein Beschützer und Fürsprecher bei den Vorgesetzten.

Etwas, sagte er, habe ihn bei meiner Jugend oft mit Bewunderung durchdrungen. Auf der Überfahrt hatte mich ein Unterleutnant, ein bübischer Schotte, dessen einziges Vergnügen darin bestand, seine Untergebenen zu »schleifen«, bei einer dienstlichen Frage angelappt: »Wenn Sie mit mir reden, Herr, tun Sie den Hut ab!«

»Ich hab Sie gegrüßt wie den Kapitän, die Hand am Hut.«

Er trat dicht heran: »Nehmen Sie den Hut ab, Herr, solange Sie mit Ihrem Vorgesetzten reden!«

»Ich hab keinen.«

»Wie, Herr, bin ich nicht Ihr vorgesetzter Offizier?«

»Jawohl.«

»Nun gut, warum nehmen Sie dann den Hut nicht ab?«

»Ich nehm ihn nie ab.«

»Runter mit dem Deckel, Herr!« rief er mit anschwellender Stimme.

»Ich will nicht.«

»Wie? Will nicht?«

»Nein, vor keinem als vor Gott (da fiel mir ein, daß ich auch vor dem König den Hut gezogen hatte:) und vor dem König.«

Der Kriecher meinte (wenigstens nach dem Gebrauch zu schließen, den er von ihm machte), der einzige Zweck eines Hutes sei, als Zeichen unterwürfiger Gesinnung zu Boden gehalten zu werden, nicht, den Kopf zu bedecken. Er hatte sich durch Schwänzeln und Scharwenzeln beim Kapitän eingeschustert; aber der konnte doch nicht begreifen, daß er mich meuterischen Ungehorsams anklagte. Sein Groll war diesmal ein Blindgänger. Er rächte sich durch weitere kleinliche Bosheiten. Ich speicherte sie in meinem Hirnkasten auf, um sie mit Zinsen rückzuzahlen. Und ich hab's getan!

Ein andres Vorkommnis, das Aston erstaunte, ereignete sich zwischen Madras und Bombay an der Seeräuberküste von Goa. Ein verdächtiges Fahrzeug hatte den ganzen Tag versucht uns auszuweichen. Plötzlich wurde es von einer Windstille befallen. Wir schickten drei Boote aus, es zu untersuchen. In dem des schottischen Leutnants war ich. Es lief am schnellsten, war am besten bemannt und bewaffnet. Aston war im nächstbesten Boot und hielt sich in unserm Kielwasser. Der vermeintliche Seeräuber drückte fest dem Lande zu. Von unserm Schiff gesehen, konnten wir ihn erst am Ufer einholen. Der Wind frischte leicht auf; da außerdem der indischen Flotte allgemein vorgeschrieben war, malaiische Piratenschiffe zu zerstören, nicht zu entern, feuerte die Fregatte eine Kanone ab und zog die Rückkehrflagge auf. Wir waren jetzt zwei Schußweiten hinter dem Verfolgten. Er war schon innerhalb der Riffe, und die bewaffneten Eingebornen drängten den Strand runter. Sobald unser Boot das Signal hörte, erklärte der Leutnant, wir müßten zurück, und befahl die Riemen einzuziehen, bis Astons Kutter heran sei. Er rief ihn an:

»Aston, Sie sehn das Rückkehrsignal, wir sollen zurück!«

»Was für 'n Signal? Ich seh keins.«

»Wenn Sie die Augen aufsperren, werden Sie's sehn.«

»Ich will nicht hinsehn! Wir sollten feststellen, was für ein Fahrzeug es ist, das werd ich tun. Freiweg, Leute!«

Auf meine Bitte ließ Aston die Riemen einen Augenblick ruhen. Ich saß an der Steuerpinne und fragte den Schotten achtungsvoll, ob er vorgehen wolle. Er verneinte und befahl mir, zum Schiff backzulenken. Ich ließ das Ruder fahren, hoppte über Bord und schwamm mit dem Ruf, mich aufzunehmen, zu Aston hinüber. Mit Hyänengeknurr sagte der Leutnant: »Ich werd Sie melden, Herr.«

Aston nahm Richtung nach der Küste. In zehn Minuten waren wir an dem Malaien. Ich stand im Bug und brannte vor Verlangen, meine Kampflust zu stillen. Kaum hatten wir den fremden Bug berührt, ergriff ich mit einer Hand ein Tau, schwang mich hinauf und hieb einen von der Besatzung über den Kürbiß, noch ehe mein Fuß auf Deck war. Zwei, drei Matrosen mir nach, und wir stießen und schlugen wie Berserker um uns. Die Malaien sprangen über Bord. Leisteten sie Widerstand oder nicht? Ich konnte es nicht erkennen. Leidenschaftlich erregt, erbittert, daß einer entwischen könnte, griff ich zur Büchse und wollte eben auf einen Burschen im Wasser funken. Da faßte mich Aston: »Hören Sie nicht? Ich hab mich heiser nach Ihnen geschrien. Was treiben Sie? Sind Sie verrückt? Ihr Beispiel hat meine Leute angesteckt. Fort mit der Knarre! Sie haben kein Recht, sich an diesen Menschen zu vergreifen.«

»Ja, ist's denn kein Malaienschiff?«

»Weiß ich's? Sie hätten meine Befehle abwarten sollen! Vielleicht ist's ein harmloser Küstenfahrer.«

Nach und nach merkte ich meine Übereilung und kühlte mich ab bei dem Gedanken, Aston Unannehmlichkeiten gemacht zu haben. Freudig sah ich daher, wie die Wilden vom Strande mit Luntenflinten gegen uns feuerten und Kähne voll Bewaffneter wasserten. Wir bohrten inzwischen das Schiff an, tummelten uns in die Boote und wurden von der herbeigesegelten Fregatte aufgenommen. Zwei verwundete Malaien brachte Aston mit.

Ich suchte nun seinen Zorn durch Ruhe und Eifer zu beschwichtigen. Er gab mir eine »Abreibung«, stellte aber mein Verhalten dem Oberleutnant so vorteilhaft dar, daß des Schotten Meldung mir auch hier nur eine einfache Rüge eintrug. Jetzt haßte er mich; aber unter Astons Fittichen war ich sicher. Zudem wurde er wegen seiner Schlappheit ausgelacht; die Matrosen, denen ja Schneid über allem steht, spendeten mir Beifall. –

Zur Erläuterung: Ein Offizier, der zu einem solchen Strauß ausgeschickt wird, muß unbedingte Machtvollkommenheit haben; ist sie auch nicht ausdrücklich ausgesprochen, so liegt sie doch im Wesen des Dienstes. Das Rückzugzeichen wurde gegeben unter dem Eindruck, daß der Malaie an Land treiben und sich mit Hilfe der Eingebornen verzweifelt widersetzen werde – das ist ihre Art. Kommandierende Offiziere haben mit dem Wesentlichen im Schiff, d. h. der Mannschaft, bei solchen Don Quichotischen Unternehmungen sehr zu sparen – nicht aus weibischen Gefühlen der Menschlichkeit, sondern wegen des Wertes in Pfunden, Schillingen, Pennies, den jeder fertige, klimagewohnte Matrose draußen darstellt. Der Kapitän rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, einige Leute zu verlieren, nur um ein paar Wilde ohne Aussicht auf Prisengeld zu töten; deshalb das Signal! Er deckte sich gegen alle noch so heiklen Folgen und überließ die Boote dem befehlenden Offizier, der nun natürlich auf eigne Kappe handelte.

Selbstverständlich! Wenn das Schiff, das ein solches Zeichen gibt, zufällig weitab, die Boote ihrem Ziele nahe sind, können sie am besten urteilen. Wiegt die Wahrscheinlichkeit des Sieges mit der Kampflust der Matrosen und der Aussicht auf Beförderung die Gefahr auf, dann pfeifen sie auf alle Signale und eröffnen das Gefecht. Kommt's nicht dazu, so müssen sie, so gefährlich auch das Abenteuer sei, versuchen, es zu Ende zu führen. Darum war sich das ganze Schiff gegen den Schotten einig.

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