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ich - kleingeschrieben

Korfiz Holm: ich - kleingeschrieben - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeessay
authorKorfiz Holm
titleich - kleingeschrieben
publisherAlbert Langen / Georg Müller
printrun6.-8. Tausend
year1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Noch zwei Björnson-Anekdoten

Heiliges Pathos der Gewohnheit

Einer der liebenswürdigsten und feinsten alten Herren, die ich kennenlernte, und die bescheidenste von allen Weltberühmtheiten, die mir in den Weg gekommen sind, war Edvard Grieg. Er selbst erwartete niemals Bewunderung, gab sie jedoch mit vollen Händen her, wenn er vor einem stand, der ihm ein Großer schien. Auch seinen alten Freund Björnstjerne Björnson schaute er gleichsam als höheres Wesen an und liebte und verehrte ihn von Herzensgrund. Das hinderte ihn aber nicht, mit stiller Ironie feinschmeckerisch zu schmunzeln, wenn er an ihm gelegentlich auch etwas komisch fand.

Oh, ein Feinschmecker war er überhaupt, der alte Grieg, auch in unübertragnem Sinn. Und ich gedenke eines Abends, da wir beide, er und ich, es uns als Gäste Albert Langens in dem besten Hotel von Kopenhagen wohl sein ließen: wie er da genoß! Mich aber überraschte es, daß Grieg, dem es sein ganzes Leben knapp gegangen war und der sich kaum sehr häufig teure Leckerbissen hatte leisten können, es etwa einer Auster ganz genau anschmeckte, in welchem Fjorde von Norwegen sie gefangen war. Und das sagt immerhin schon manches über einen Mann! Am gleichen Abend nun erzählte er uns folgendes:

«Das letztemal, wo ich jetzt bei Björnstjerne Björnson war auf Aulestad, da saßen wir an einem Morgen früh auf die Veranda beim Kaffee, und Björnson war ganz voll von Politik und die Dreyfusaffäre – nun, Sie kennen das ja auch. Nach unser Frühstück mußten wir nun beide jeder auf eins von jene zwei geheime Örtchen gehn – Sie, Langen, wissen es ja, wo sie sind. Und wie wir so zusammen wandern, redet Björnson immer noch mit sein vor Intensität wie explosibles Pathos von die Politik: daß es ein Schmach und eine Schande for Europa ist, wie dieser Dreyfus unschuldig auf seine Teufelsinsel leiden muß, und daß er, Björnson, seinen ganzen Schatz von popularité , was er als Dichter sich gewonnen hat, gern als Politiker in Kleingeld wieder ausgibt und verscherzet, wenn er so die Menschheit etwas vorwärtsbringen kann auf ihren Weg zum Licht. – Nun aber waren wir zu jenen Platz gekommen, wo wir uns dann trennen mußten; jeder ging auf seiner Seite hin. Dann – zehn Minuten Pause, wissen Sie. – Nun gut, wir treffen uns nachher, und da sagt Björnson zu mir noch mit ganz dasselbe explosible Pathos, was er früher hatte: ‹Jetzt ist es nicht gegangen, aber vielleicht, daß es dann heute nachmittag noch gehen kann.›»

Unter Dichtern

Henrik Ibsen und Björnstjerne Björnson mochten sich bekanntlich nicht gerade sehr. Was Ibsen anbetrifft, so weiß ich das zwar nur vom Hörensagen, Björnson aber hat es mich des öfteren sehr deutlich merken lassen, wenn die Rede auf seinen ganz besonderen Rivalen kam. Zum Beispiel weiß ich noch, wie er mir einmal Ibsens den seinigen weit überlegene dramatische Erfolge so erklärte:

«Holm, haben Sie beachtet, wie der kleine raffineerte Apotheker, was er ist, in jedes von die neuen S-tücke, was er schreibt, nur fünf bis sechs Personen auf der Szene bringt, weil er genau weiß, daß es in die ganze Welt kein einziges Theater gibt, was mehr als so viel wirklich tüchtige Aktören hat. Ich aber kann mir, wenn ich meine S-tücken dichte, freilich nicht durch solche kalte Rechnungen in die Inspiraschon beengen lassen. Finden Sie nicht auch?»

Nun, künstlerische Sticheleien wiegen ja nicht schwer; bezeichnender für Björnsons Stellung gegen Ibsen ist ein winziges Bild aus dem Familienleben, das er mir einmal mit geschwindem Strich umriß. Die Sache spielte um die Zeit, als Ibsens einziger Sohn Björnstjerne Björnsons Schwiegersohn geworden war und die aus diesem Anlaß äußerlich versöhnten Dichter sich als Verwandte nun auch innerlich ein wenig näher kommen wollten. Man lud sich also gegenseitig zu Familienessen ein. Bei einem solchen nun im Hause Ibsen soll sich das ereignet haben, was ich hier mit Björnsons eigenen Worten wiedergeben will:

«Sie müssen wissen, Holm, wir kriegten da sehr guten Wein und auch Champagner. Nun, und Ibsen wurde etwas animeert und ganz gemütlich und sprach mehr, wie sonst in seine Mode war. Ja, und so sagte er zu mir: ‹Wenn ich bei meine Arbeit manchmal müde werde, gehe ich dort zu den Wandschrank hin und frische mir mit einem Gläschen Kognak auf.› Da aber fuhr Frau Ibsen stramm empor und rief mit solche tiefe Falten auf die Stirne: ‹Heinrich, nein, das tust du nicht!›»

Mir aber ging es wie ein guter alter Kognak ein, daß Björnson, der sich auch im Deutschen auf Nuancen gut verstand, seinen intimsten Feind nicht Henrik, sondern Heinrich nannte. Welch eine Übersetzerbosheit lag darin!

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