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ich - kleingeschrieben

Korfiz Holm: ich - kleingeschrieben - Kapitel 2
Quellenangabe
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typeessay
authorKorfiz Holm
titleich - kleingeschrieben
publisherAlbert Langen / Georg Müller
printrun6.-8. Tausend
year1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120422
projectid2ee9f7b7
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Lieber Leser!

Damit wir uns gleich recht verstehn: der Titel dieses Buches ist mir nicht durch die Koketterie geheuchelter Bescheidenheit diktiert. Er will nicht sagen, daß ich gar nichts von mir hielte; nein, ich weiß schon, wer ich bin und was ich kann. Aber so wenig ich mich selbst als Mittelpunkt auch nur der eignen Kleinwelt fühle, so fern lag mir die Absicht, mich zum Mittelpunkte der Erlebnisse zu machen, von denen man auf diesen Blättern lesen mag. Ich bilde mir nicht ein, diese Geschichten, deren Wert vielleicht in ihrer Lebenstreue liegt, könnten um ihres Erzählers willen irgend jemand fesseln. Wenn ich sie niederschrieb, geschah es nicht aus dem Bedürfnis, meine Wenigkeit dem Volke darzustellen, sondern nur, weil meine Jahre mich mit vielen merkwürdigen und auch ein paar bedeutenden Persönlichkeiten in Berührung brachten, und weil ich für das Wunderliche an Menschen, Schicksalen und Dingen von jeher einen liebevollen Blick besaß.

Liebevoll – ich unterstreiche dieses Wort und bitte den geneigten Leser sehr, sich seiner überall dort zu erinnern, wo es ihm scheinen sollte, daß ich des geziemenden Respektes vor Berühmtheiten ermangle und mich gar zu unbekümmert auf die Bank der Spötter setze. Denn aus dem Herzen – und ich darf wohl sagen, dankbar – über die Eigenheiten eines Großen lächeln ist etwas anderes, als hämisch grinsend an verdientem Lorbeer zupfen. Daß ihm das Menschliche nicht fremd war, schändet keinen Mann; und eben diese durch das Schrullige hineingeprägten Runzeln überliefern ein Gesicht der Nachwelt mit dem Schimmer atmender Lebendigkeit. Ich gebe da Theodor Fontane recht: mir sagt das barfuß durch frischgrüne Wiesen springende Histörchen mehr als die auf erhabenen Kothurnen über trockne Bretter schreitende Historie – vielleicht weil es, bei aller Pointiertheit, ehrlicher ist. Historie will, wie andre Wissenschaften auch, etwas beweisen und aus den Voreingenommenheiten ihrer Priester »ein System bereiten«, wobei denn Tatsachen, die sich vertrackterweise nicht in das wohlausgewogne Schema fügen lassen, hartherzig in die Wüste der »Legende« abgeschoben werden.

Was ich erzähle, mag, wer es nicht glauben will, getrost Legende schelten, weil es allein aus der Erinnerung zurückgerufen wurde und keine Quellenforschung wichtigtuerisch dahinter steht. Da Systematik ohnehin mein Fall nicht ist, muß ich mir's ja wohl oder übel an dem Anekdotischen genügen lassen. Doch am Ende liefre ich damit trotzdem den künftigen Geschichtschreibern, die uns ein treues Abbild jener Zeit um die Jahrhundertwende aufzurichten planen, ein paar Steinchen für den stolzen Bau. Denn mag man auch von diesen in des Wortes strengstem Sinn versunknen Tagen denken, wie man will – zwei Dinge sind gewiß: alles, was seitdem auf unsre Welt hereingebrochen ist, und was wir heute und hinfort erdulden müssen, wurzelt in dieser Vergangenheit, und ewig währt es nicht, bis keiner mehr aus klar bewußtem Miterleben über sie berichten kann.

Ich kann das, und ich tu es jetzt, weil niemand weiß, wie lange er das Licht noch sieht, und tu es im Plauderton, weil mir der Schnabel so gewachsen ist.

München, im Frühjahr 1932

K. H.

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