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ich - kleingeschrieben

Korfiz Holm: ich - kleingeschrieben - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeessay
authorKorfiz Holm
titleich - kleingeschrieben
publisherAlbert Langen / Georg Müller
printrun6.-8. Tausend
year1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Eduard von Keyserling

Eduard von Keyserling ist schon ein paarmal auf den Seiten dieses Buches flüchtig aufgetaucht, doch er verdient es wohl, daß ich ausführlicher und wärmer von ihm spreche, als es bisher geschah.

Ich denke, es muß kurz vor der Jahrhundertwende gewesen sein, als er, der vorher eine Reihe Jahre in Italien verbracht hatte, nach München kam, wo er dann bis zu seinem Ende blieb. Denn hier fand dieser kurländische Graf, dem es unter den heimatlichen Standesgenossen nie so richtig warm geworden war, den ihm gemäßen Freundeskreis und seine zweite Heimat. Er mietete sich eine Wohnung in der schwabinger Ainmillerstraße und führte dort ein sehr harmonisches Zusammenleben mit zwei oder drei älteren, gleich ihm ledig gebliebenen Schwestern, die ihn vergötterten und alles für ihn taten, was sie ihm an den Augen absehn konnten. Sie glichen ihm im Äußeren sehr und waren also keineswegs das, was man hübsch nennt, wirkten aber in ihrer beabsichtigt unmodischen Gewandung aristokratisch durch und durch. Daß sie auch ihres Bruders große Liebenswürdigkeit besaßen, weiß ich von meinen damals noch recht kleinen Kindern, mit denen die Komtessen Keyserling auf dem Habsburgerplatz, der ihrer wie auch meiner Wohnung nahe lag, die freundlichste Verbindung pflegten, und die sie oft mit Schokoladenplätzchen, einer typisch baltischen Delikatesse, fütterten. Ich habe keine von den Schwestern je persönlich kennen lernen und glaube, daß es andern Freunden Keyserlings genau so ging. Die alten Damen – denn sie wirkten alt, wenn sie es auch vielleicht an Jahren noch nicht alle heißen durften – verdachten ihrem Bruder keineswegs seine erklärte Vorliebe für den Verkehr mit Literaten, Künstlern und Boheme, legten aber ihrerseits nicht den geringsten Wert auf Umgang dieser Art; denn ihr Interesse galt der evangelischen Bewegung und der Heidenmission.

Eduard von Keyserling, der allerdings vor langer Zeit einmal einen inzwischen längst verschollenen Jugendroman hatte erscheinen lassen, war damals literarisch noch ein unbeschriebenes Blatt, und in der Hinsicht wußte keine Seele etwas Näheres über ihn. Sein Erstlingsdrama «Frühlingsopfer» erlebte seine Uraufführung, als er schon einige Zeit in München war, die früheste seiner leisen und doch so lebensvollen Erzählungen aus adeligen Häusern, das kleine Meisterwerk «Beate und Mareile», wird wohl erst hier entstanden sein und kam im Jahre 1903 heraus. Die lange Schaffenspause war dadurch bedingt gewesen, daß er mitten in seinen wiener Studienjahren heimberufen wurde, die Oberleitung eines großen Gutsbetriebes für einen minderjährigen Verwandten in die Hand zu nehmen. Als dieser Pflicht genügt war und er die Arbeit, die ihm wenig lag, dem nun erwachsenen Majoratsherrn auf die eignen Schultern bürden durfte, hielt es ihn länger nicht daheim, und er zog in die Welt hinaus, dort fürder nur noch das zu tun, wonach der Sinn ihm stand. Und das war Schreiben.

Er fühlte sich, wahrlich nicht ohne Grund, als Dichter und suchte darum Fühlung mit einem Kreis, darin er Leute von der gleichen Art und gleichem Streben treffen könnte. So fand er denn in München bald den Weg zum Café Stephanie, wo die Boheme Schwabings, untermischt mit mancher schon berühmten Größe der Feder und des Pinsels, täglich anzutreffen war. Wer ihn dahin gebracht und seine Bekanntschaft mit einigen Stammgästen des Lokals vermittelt hat, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß Max Halbe sich auf die Frage eines dieser Leute, ob er ihm nicht den Herrn da hinten in der Ecke vorstellen dürfe – es sei ein netter Kerl, ein kurischer Graf Keyserling –, zunächst entschieden ablehnend verhielt. Nett, meinte er, sei wohl ein bißchen viel gesagt, der Mensch sehe ja aus wie einer, der vor hundert Jahren als Siebzigjähriger gestorben wäre und seitdem bis heute nachmittag im Grab gemodert hätte.

Nun glich ja Keyserling beim ersten Blick wohl in der Tat von Ferne dem auferstandenen Lazarus, den ich mir auch nur wenig reizvoll denken kann. Die lange, schmale, etwas schlottrige Figur, das kränklich bleiche, faltige Gesicht, die müde Haltung ließen ihn, der etwa fünfundvierzig Jahre zählte, fast als Greis erscheinen. Er war ja damals schon ein kranker Mann, sein Leiden, das sich schlecht verbergen ließ, so sehr er sich auch darum Mühe gab, verstärkte noch den Eindruck der Hinfälligkeit. Wie seine Füße sich unsicher tastend vorwärts schoben, so konnte seine Hand gar oft das Glas, das er so gern zum Munde führte, erst auf den zweiten und dritten Griff erhaschen, behutsam und mit List, wie einer eine Fliege fängt. Und in den Zügen seines schmalen Kopfes gab es manche Zeichen von Überzüchtung und Degeneration: den Mund, der durch den Bau der oberen Zähne meistens offen stand, das Kinn, das in beinah gerader Linie von der Unterlippe gegen den Kehlkopf floh, die vorstehenden lebhaft blauen Augen, die ein wenig blöde blicken konnten und ja auch nicht lange Zeit darnach erblindeten ... Hübsch war sein rauh gewelltes Haar von ganz apartem Blond; und daß in diesem armen Lazarus ein Freund des Lebens, ein Genießer steckte, bezeugten seine brennend roten Lippen, die von der sonstigen Blässe seiner Haut geradezu befremdend abstachen. Im ganzen wirkte er, wenn man ihn, ohne ihn zu kennen, flüchtig sah, als Mensch von ausgesprochener Häßlichkeit, doch gleichzeitig als Mensch von Stil und, ob er auch auf Kleidung und auf Pflege seines Äußeren wenig hielt, entschieden als Aristokrat. Doch kam man ins Gespräch mit ihm, dann schien es einem sonderbar, wie man ihn jemals hätte häßlich finden können – so sehr belebte und verschönte die ihm eingeborene Liebenswürdigkeit sein von verschwiegenem Leid gezeichnetes Gesicht, und so bezaubernd war der Geist, der hinter jedem Worte funkelte, das er nachlässig fallen ließ.

Das merkte auch Max Halbe, als er ihn trotz seiner ja wohl schwerlich ernstgemeinten Weigerung kennen lernte, schon sehr bald, und er und seine Frau Louise sind dann die besten münchener Freunde Keyserlings geworden. Was den an diese beiden Menschen band, war sicherlich vor allem auch der Reiz des Gegensatzes. Sein Wunschtraum galt ja der Gesundheit und derber Lebenstüchtigkeit – sonst gäbe es in seinen Werken nicht neben den ein wenig müden adeligen Damen mit ihrer ererbten und anerzogenen Verfeinerung die herrlich unkomplizierten, durch keine Tradition und Konvention gehemmten Mädchen aus dem Volk. So viel er still bei sich von seinem Dichten hielt, er hätte sein Talent wohl leichten Herzens hingegeben um den Preis, zu sein wie sie. Er glaubte auch, daß solche Leute, wenn sie nur gescheit und mutterwitzig wären, eigentlich sehr fesselnd müßten schreiben können. So redete er denn Frau Louise Halbe dringend zu, ein Tagebuch zu führen und schenkte ihr dafür ein schön in Leder gebundenes Buch, auf dessen Deckel goldgeprägt die Inschrift glänzte: «Hundert Jahre einer Realistin.» – Von allen Grübeleien freier Realist sein und gesund bis an die Hundert leben dünkte ihn, wie er es selbst wohl ausgedrückt hätte, «kein Hund».

Ich für mein Teil traf Eduard von Keyserling zuerst in dem gastfreien Hause Halbe, und ich fühlte mich ihm von der ersten Stunde an in Freundschaft zugetan. Wir tauschten bald das brüderliche Du, mit dem er übrigens nicht sparsam war, und mir wird heute noch sehr warm ums Herz, wenn ich des lange Abgeschiedenen gedenke. Seine bereitwillige Zugänglichkeit für jedermann, weil jedermann ihm interessant war und zu Beobachtungen Anlaß gab, ging Hand in Hand mit keuschester Zurückhaltung in jeglichem, was seine eigene Person betraf. Die Tiefen seines Inneren hat er keinem gezeigt, die schweren Schmerzen der Entsagung, die ihm seine Krankheit auferlegte, litt er stumm, und niemand sah ihm je etwas von Mißgestimmtheit an. Er trug sein Leben, das man wohl noch mit mehr Berechtigung als sonst langsames Sterben nennen durfte, tapfer und mit Heiterkeit. Ein Zug von Größe lag darin.

So sehr ich seine Bücher liebe – wer sie gelesen hat, kennt ihn noch lange nicht so, wie er war. Sein Wesen übertraf sein Werk, und was er sprach, riß stärker hin, als was er schrieb. Er war ein Plauderer von seltener Art, und dabei doch kein Witzbold oder Pointenhascher, er zeigte sich nicht eifervoll bestrebt, die Leute gut zu unterhalten – das alles sprudelte von selbst und mühelos hervor als Ausbruch eines wohlwollenden und kultivierten Herzens, und seine Ironie war niemals bitter, sondern hatte helle Freude an den Menschen und den Dingen, denen sein stilles Lächeln galt. Derartige Causerien lassen sich natürlich nicht nach Jahren wiedergeben, weil ihnen jene Ecken, jene Stacheln fehlen, daran Erinnerung sich haken kann – sie sind zu flüchtig und zu fein dazu. Doch manches hübsche Wort aus seinem Munde haftet noch in mir, das einer Niederschrift wohl würdig ist.

Besonders warm gedachte er seiner einst in Wien verbrachten wenigen Semester, die sicher eine Sonnenzeit für ihn gewesen sind. Von dort hatte er wohl auch die Wendungen «Grüß Gott» und «Küß die Hand» mit heimgebracht, die neben seinem sonst so unverfälschten Kurländisch höchst wunderlich anmuteten. Er schwärmte oft vom wiener Frühling und den kleinen Wienerinnen und erzählte gern von einem bürgerlichen Studienfreund, der furchtbar wütend wurde, als sich ein Dritter unterfing, zu ihm zu sagen: «Du, vorhin grad sind mir deine Kleine und die Mätresse des Grafen auf der Ringstraße begegnet.» – «Er hätte ihn beeinah jefordert», lachte Keyserling in fröhlichem Zurückdenken, «weeil dieser Schuft seeinem Verhältnis den Mätressentitel nich verjönnte».

Eine Justizrätin, die jederzeit über den letzten münchener Klatsch Bescheid wußte und alles dazu tat, ihn zu verbreiten, redete Keyserling gelegentlich mit schwärmerischem Augenaufschlag «Scheherezade» an. Auf ihre halb geschmeichelte, halb mißtrauische Frage, warum er sie so nenne, gab er zurück: «Weeil Sie so schön erzählen können.»

Eines schönen Tages tauchte hier in München ein junger baltischer Schriftsteller auf, der stolz ein «von» vor seinem Namen führte. Darüber sagte Keyserling zu mir: «Weei, lieber Korfiz, daß die kurischen Pastorensöhne in Deutschland plötzlich alle adlig sind, daran bin ich ja schon jewöhnt. Aber Jefängnisinspektorensöhne auch – das is mir neeu.»

Als Wedekind in der Reichshauptstadt seine ersten Triumphe feierte und plötzlich zu Berühmtheit kam, sagte mir Keyserling: «Der gute Frank hat unverschämtes Glück: er is jetzt in Berlin mosaischer Kultjejenstand jeworden.»

Anläßlich eines münchener Gastspiels von Max Reinhardt lernte Keyserling auch dessen Leute kennen. Bald darnach bekam ich aus dem Bad Heilbrunn, wo er die Kur gebrauchte, eine Karte, die unter anderm meldete: «Vorigen Tag besuchte mich hier hoch zu Rad Eduard von Winterstein – ganz Sportsmann und Wangenheim.»

Am Isarstrande weilte zu den Zeiten der deutschrussische Hofrat Rosenberg, von dem ich schon an einer anderen Stelle dieses Buchs gesprochen habe. Diesen selbstgefälligen Herrn begrüßte Keyserling einmal, als er im Café Stephanie an seinen Tisch trat, so: «Grüß Gott, meein lieber Hofrat, nehmen Sie doch Platz! Tja, morgen haben wir Jom Kippur.»

Als was für ein galanter Schmeichler sich der Ironiker zuweilen zeigen konnte, das beweist die Widmung, die er meiner Frau in ein Exemplar seiner Erzählung «Beate und Mareile» schrieb. Sie lautete: «Frau Annie Holm, dem unerläßlichen Studium für jeden, der über schöne Frauen schreiben will.»

Zur Zeit der russischen Revolution von 1905 berichtete uns Keyserling, wie diese auf seinem väterlichen Gut die ersten Wellen schlug. Die Leute rotteten sich vor dem Schloß zusammen und vollführten einen Heidenlärm. Keyserlings Bruder, der Majoratsherr, kam auf die Freitreppe heraus und fragte, was sie wünschten. – «Nu, Err Greif, weeil Rewluzion is, muß man doch ...» – «Was muß man? Wollt ihr weniger Arbeit?» – «Nee, Err Graf, arbeeiten soll der Mensch, wie es in Bibel drinsteht, und das weeiß man ja.» – «Na, dann wahrscheinlich höheren Lohn?» – «Ach nee, Err Graf, Lohn is ganz gut, und man is auch nich unverschämt.» – «Dann also mehr zu essen?» – «Nee, Err Graf, mehr wie sattessen kann man nich.» – «Dann wollt ihr wohl im Schlosse Wohnung haben?» – «Weei, was sollen wir in Schloß, Err Graf! Das is ja unjemietlich, und es paßt sich nich.» – «Ja, weiter weiß ich nichts. Dann müßt ihr mir schon selber sagen, was ihr wollt.» – Der Sprecher der Revolutionäre kratzte sich in einiger Verlegenheit den Kopf und zögerte ... Da raunte ihm ein anderer etwas zu, ein Leuchten ging in seinen Zügen auf, und er rief wie erlöst: «Freßpreeiheeit wollen wir!» – Nun lächelte der Majoratsherr fein und sagte: «Gut! Preßfreiheit könnt ihr haben. Die bewillige ich euch.» – «Nu, denn danken wir Err Graf auch schön.» Und damit zogen die Aufrührer tiefbefriedigt ab. – Nun kann man wohl nicht daran zweifeln, daß die Leute später wiederkamen, und daß es die nächsten Male schwerlich wieder so idyllisch abgegangen ist. Doch hiervon hat uns Keyserling kein Wort erzählt, und das erscheint mir ungemein bezeichnend für ihn und seine Sinnesart.

Ich habe ihn, wie ich hier nebenbei bemerken möchte, über Fragen der Politik nie eine Ansicht äußern hören und kann mir auch nicht denken, daß er, der Skeptiker, in dieser Hinsicht auf ein Dogma eingeschworen war. Was andere hierzu zu sagen hatten, hörte er sich ruhig an und ließ es gelten, einerlei, ob da ein völkisch Orientierter für seine Überzeugung eintrat oder Erich Mühsam, der Anarchist. Er achtete den fremden Glauben und ließ ihn sich sogar geduldig predigen, vorausgesetzt, daß ihm der Mensch hinter dem Prediger gefiel. Aber auch Leute, die ihm kaum gefallen konnten, lehnte er nicht kurzweg ab, noch mied er sie. Er hatte viel zu viel Vergnügen an unseres Herrgotts Tiergarten, und auch das kümmerlichste Menschenkind gab seinen schlechten Augen, die noch mehr als andre sahen, irgendeine Weide. Kein Wunder also, daß Geselligkeit ihn lockte und er sich dabei immer glänzend unterhielt, vor allem, weil er selber unterhaltend war. So ging er denn in seinen ersten münchner Jahren, trotz den körperlichen Beschwerden, die ihm das bereiten mußte, gerne aus und dachte nachts auch nicht an Aufbruch, bis die letzten aus der Tafelrunde heimwärts strebten.

Ich weiß es noch, wie er nach einer Abendeinladung bei uns, als sich der Kreis der Gäste längst gelichtet hatte, mit meiner Frau und mir und drei, vier anderen Seßhaften unermüdlich weiterplauderte. Tief in den Lehnstuhl hingekuschelt, ließ er seinen Blick durchs Fenster schweifen und philosophierte so: «Durchsaufen muß der Mensch manchmal, sonst sieht er nie, wie blau die Luft beei langsam in der Morjenschummerstunde wird, und hört auch nie, wie schön so in der Früh die Amselväter ihren Damen etwas pfeeifen.» Und als dann kurz vor acht Uhr unsere Kinder in das Zimmer kamen, sich vor dem Schulgang zu verabschieden, bemerkte er: «Jugend hat Tugend, wie Figura lehrt. Das Alter tröstet sich mit Lasterhaftigkeit ... Sag, Korfiz, is noch etwas in der Bowle drin?»

Ein wenig Alkohol, nicht gar zu wenig, aber niemals mehr, als er vertrug, gehörte nebst der heißgeliebten Zigarette zu seiner irdischen Glückseligkeit. Wer mag's ihm auch verdenken, daß er, dem sonst soviel versagt blieb, und den, wenn er mit sich allein war, sicher häufig grauer Trübsinn überkroch, zu diesen Stimmungsförderern seine Zuflucht nahm! Und nebenbei war er doch Kurländer, gehörte mithin einem Stamm an, der von jeher trinkfest ist. So traf man ihn bereits um elf Uhr vormittags in der »Bodega«, wo er genießerisch einige Gläschen Wermut schlürfte. Ihn zu begrüßen, ging auch ich zuweilen hin, wenn mich gerade ein Geschäftsgang nach der Gegend führte. Und eines Tages fand ich ihn ganz gegen seinen Brauch mit düstrer Miene hinter einem Whisky-Soda sitzen. «Ja, du wunderst dich?» Er zeigte auf sein Glas. «Ich auch! Meein Arzt behauptet, Wermut is für mich nich gut. Wojegen mir eein kleeiner Whisky noch zur Not jestattet is.» Ich lachte: «Na, Antialkoholist scheint ja dein Doktor wenigstens nicht unbedingt zu sein.» – «Im Jejenteeil: er seeuft ja selbst. Nur steeijert das für mich die Unbegreeiflichkeeit. Nee, ausjerechnet Whisky! Das is schon das zweeite Glas von diesem Zeeugs, und ich komm eeinfach nich auf den Jenuß! Schmeckt wie Odol! – Findest du nich: mit dieser scheeußlichen Kasteeiung hat man sich schon etwas Besseres verdient. – Herr Oberkellner, eeinen Wermut, aber möglichst schnell!»

Und als er dann den ersten Schluck von dem gewohnten Trank genommen hatte, nickte er: «Na ja: Italien! Und England – pah! Der Arzt mit seeinem: unjesund! Ganz eeinfach lächerlich! Und wenn! Wer alles Unjesunde meeiden will, kann das doch nur im Grabe. Leben überhaupt is unjesund.»

Den Abendtrunk nahm Keyserling ein paarmal wöchentlich im sogenannten Halbe-Kreis, der eine bunte Schar von Schriftstellern und Künstlern in sich schloß, die alle gerne becherten. Die Säulen der Gesellschaft waren neben ihm Max Halbe und Frank Wedekind, das heißt, nur dann, wenn sich die beiden halbwegs miteinander standen. Denn sie verzankten und versöhnten sich alle paar Wochen umschichtig. Und dies hat Keyserling, ich glaube wohl, das einzige Mal in seinem Leben, dazu geführt, mit einem guten Freund zu «brechen», was er jedoch ganz ohne Zorn und sicherlich mit innerer Belustigung tat. Zwischen Wedekind und Halbe hatte es gerade wieder einen Krach gegeben, und Halbe war am Tag darauf zur Uraufführung eines seiner Stücke nach Berlin verreist. Am Abend trafen sich nun Keyserling und Wedekind nebst ein paar anderen beim Wein und zechten bis zum Hahnenschrei. Dann nahmen sie sich für die Heimfahrt miteinander eine Droschke, die sie in kleinem Trab nach Schwabing trachte. Unterwegs fiel es Frank Wedekind auf einmal ein, dem darob baß erstaunten Keyserling energisch klarzumachen, daß er zwischen ihm und Halbe wählen müsse. Wer Halbes Freund sei, gelte ihm als Feind. Das legte er pathetisch und ausführlich dar, wobei er Halbe, wie die Münchner sagen, »in der Luft zerriß«. Keyserling lauschte diesem Redestrom ergeben und schwieg sich selber völlig aus, bis ihre Droschke dann vor seinem Hause hielt. »Hast du geschlafen?« fragte Wedekind. – »Neein, lieber Frank, wie stellst du dir das vor?« – »Wie ist es also, Keyserling? Entscheide dich: ich oder er?« Keyserling, der inzwischen mühselig ausgestiegen war, reichte dem stürmischen Frager ruhig seine Hand: »Ich schätze es im Grunde mehr, wenn man mich nich vor solche Alternativen stellt. Und Halbe hat es nich jetan. Sagen wir also: er! Und nun, meein lieber Frank: auf ewig lebe wohl!« Mit leisem Lächeln wendete er sich ab, – er wußte ja, daß eine Ewigkeit in Schwabing ihre Grenzen hat. Wedekind aber rief ihm wütend nach: »Ist mir sehr recht! Es ist mir immer eine Überwindung, mit Leuten zu verkehren, die so häßlich sind!« Keyserling erwiderte in ruhigem Ton: »Ich hab mir dich natürlich nach der – Schönheeit ausjesucht.« Aber krummgenommen hat er dieses Wort von Wedekind im tiefsten Herzen doch.

Ich zweifle nicht daran, daß er sich selbst für ungewöhnlich häßlich hielt; doch wer ist völlig frei von Eitelkeit! Es gibt Belege dafür, daß Keyserling sich selbst besser gefiel als manchem anderen. Lovis Corinth malte ihn einmal draußen in Tutzing am Starnberger See auf der Veranda von Max Halbes Sommerwohnung. Dieses Werk, das heute in der Staatsgalerie zu München hängt, ist sicher eines der bedeutendsten und bestgetroffenen Bildnisse, die Corinth gelungen sind. Als ich mit Keyserling vor dem beinah vollendeten Porträt stand und dieser Meinung, die ich auf den ersten Blick gewann, sehr lebhaft Ausdruck gab, rümpfte er leicht die Nase und erwiderte: «Es mag, trotz der Brutalität, die drinsteckt, gut jemalt seein, und gut unterhalten hat er mich dabeei. So aussehn aber möcht ich lieber nich.» Von Stund an hatte er nicht die geringste Lust mehr, irgendwem für ein Porträt zu sitzen. Als der blutjunge Albert Weißgerber, damals der ‹Sezessionsfuchs› zubenannt, ihm einmal sagte: «Ach, Herr Graf, ich würde Sie zu gerne malen. Sie haben solch eine blödsinnig noble Haut: ganz wie verknittertes Papier!», lehnte er lächelnd mit den Worten ab: «Nee, lieber Freeund, dann malen Sie doch lieber die ‹Münchner Neeuesten› von vorjestern!»

Was ich bisher erzählte, stammt aus den guten münchener Tagen Keyserlings. Dann aber kam die Zeit, da es bei ihm mit der Gesundheit reißend abwärts ging. Man hörte eigentlich nichts Näheres davon, man sah ihn nur nicht mehr in den Premieren, deren treuester Besucher er gewesen war, er fehlte auch im Künstlerkreis, wo er den Becher so vergnügt geschwungen hatte. Nur bei Gesellschaften im Hause Halbe erschien er hie und da, doch nicht zum Essen, sondern erst nachher. «Ja, Keyserling kommt später», sagte Halbe, ohne Gründe dafür anzugeben. Und stand man dann vom Tische auf und ging ins Wohnzimmer hinüber, fand man ihn dort bereits auf seinem Stammplatz, einem tiefen Klubsessel. Er streckte jedem, der, ihn zu begrüßen, vor ihn trat, erfreut die Hand entgegen und war ganz wie sonst – vergnügt und amüsant. Wenn er nach seinem Glase griff, haschte er wohl ein wenig länger noch als ehedem danach, bis er es fing, aber das fiel nicht weiter auf. Erst als ich ihm einmal für seine Zigarette Feuer geben wollte, schlug die Erkenntnis dessen, was geschehen war, blitzartig in mich ein: er sah die Streichholzflamme überhaupt nicht mehr, er war vollkommen blind. Und Halbe, der mir im Gesicht gelesen hatte, blinzelte mir warnend zu. Denn Keyserling, der nichts so sehr wie Mitleid scheute, wollte nicht, daß man von seinem Unglück wisse. Daran hielt er zäh noch immer fest, als es schon längst für alle Welt ein offenes Geheimnis war.

Gar oft, wenn ich mit meiner Frau durch die Franz-Joseph-Straße heimwärts ging, ist er uns dort begegnet. Denn dies war sein ständiger Spaziergang um den Block, wo seine Wohnung lag. Alt, hinfällig und leichenblaß kam er daher, auf seines jungen Dieners Arm gestützt. Von weitem sahen wir dann schon, wie dieser ihm etwas zuflüsterte, und wie zwischen den beiden einige kurze Sätze eilfertig gewechselt wurden. Zehn Schritte vor uns zog dann Keyserling den Hut, wir blieben bei ihm stehn und reichten ihm die Hand. Nach der Begrüßung sagte er galant: «Ja, liebe gnädige Frau, Sie blühen wieder wie der Tag! Ach, und das schöne blaue Kleeid!» Und immer hatte er für uns noch einige gute Worte in der alten Art, voll Geist und Heiterkeit.

Auf der Franz-Joseph-Straße habe ich ihn denn auch wohl zum letzenmal gesehn. Wir zogen 1908, des Trubels müde, vor die Stadt hinaus und schlossen uns, wie es so geht, dort von der Welt allmählich ab. Für Keyserling hingegen kam die Zeit, wo er die Wohnung überhaupt nicht mehr verließ. Da wird es denn um ihn, dem nichts über ein munteres Geplauder ging, auch langsam still geworden sein. Nur die getreuen Halbes kamen sicher oft. Daß ich es in dem Drang der Arbeit niemals tat, reut mich nachträglich sehr. Für das, was einem wirklich wertvoll wäre, hat man nicht die Zeit, bis es zu spät ist, sie sich noch zu nehmen.

Und dann kam der Krieg, und mit ihm wuchs die Einsamkeit um Keyserling. So mancher Freund von ihm zog mit ins Feld, so mancher fand da draußen ein Soldatengrab; und wer daheimblieb, der verbohrte sich in die Not der Welt und eigne Sorgen. Von solchen hat bestimmt auch Keyserling sein Maß gerüttelt voll gesehen. Denn die Revenuen aus der Heimat waren ihm gesperrt. Er aber blieb der Alte und trug seine Lasten als ein stiller Held; auch damals hat ihn niemand klagen hören oder mißgestimmt gesehen. Der Blinde rettete sich in sein Schaffen, dichterisch war dieses seine fruchtbarste Periode. Es blieb ihm für die Arbeit jetzt ja Zeit genug – mehr, als ihm lieb war, fürchte ich –, auch hatte er die Einnahmen daraus wohl bitter nötig. Was er so in schwerer Not des Leibes und der Seele schuf, stand völlig auf der Höhe seiner früheren Werke, bei denen noch die eigne Hand die Feder hatte führen können.

Ende September 1918 erlosch sein Leben still wie ein herabgebranntes Licht. Wenn Tote sprechen könnten, hätte er vielleicht gesagt: «Ich hab mir den Moment zum Sterben nich jerade jünstig ausjesucht.» Denn alle Augen hingen an der Westfront, die dem Druck der Feinde wich. Sein Scheiden wurde außer von den wenigen, die ihm näherstanden, kaum bemerkt. Und auch die harte Zeit seither hat seinem Nachruhm nicht gedient. Sein fünfundsiebzigster Geburtstag ist fast unbemerkt vorbeigegangen. Ihm ist das einerlei, er fragt nicht mehr danach. Wir aber – sind wir denn so reich an echter Dichtung feinster Art, daß wir's uns leisten dürften, Eduard Keyserling, von dessen im tiefsten Sinne adeligem Menschentum auch seine Bücher so lebendig Zeugnis geben, leichten Herzens zu vergessen!

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