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ich - kleingeschrieben

Korfiz Holm: ich - kleingeschrieben - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeessay
authorKorfiz Holm
titleich - kleingeschrieben
publisherAlbert Langen / Georg Müller
printrun6.-8. Tausend
year1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Peter Altenbergs münchner Gastspiel

Ich lernte Altenberg persönlich am Silvesterabend 1900 kennen und trat also Seite an Seite mit ihm über die Schwelle unseres zwanzigsten Jahrhunderts. Der Schauplatz der Begegnung war das lange, schmale, knapp hundert Leute fassende Lokal des besten deutschen Überbrettls, das es jemals gab, der münchener «Elf Scharfrichter». Die standen just in ihrer schönsten Blüte, und niemand ahnte noch, wie kurz die dauern sollte. Die «Scharfrichter» nun hatten den ziemlich geschlossenen Kreis, der ihren Erstaufführungen beizuwohnen pflegte, zur Silvesterfeier eingeladen. Man war dem Ruf gefolgt und fand auch keinen Grund, dies zu bereuen. Das nur für diesen Abend einstudierte Programm, das es an Anspielungen auf den großen Zeiteinschnitt, an dem man stand, nicht fehlen ließ, beflügelte die Stimmung schnell. Das Publikum, in dem fast jeder jeden andern kannte, wurde beim Sekt schon nach der ersten Stunde warm, Scherzworte flatterten von Tisch zu Tisch, der ganze Raum war bald in einem schwimmenden Rausch der Seligkeit vereint, dem keiner sich entzog. – Der Abend rückte vor, zwölf tiefe Gongschläge verkündeten die Mitternacht. Der erste wirkte wie ein Kurzschluß: alle Lampen gingen aus, stockfinster war's für einen Augenblick, im nächsten aber leuchteten Glühbirnen auf, die im Verborgnen unter den Tischplatten saßen, und ließen geisterhaftes Licht durch die Tischdecken strömen; der Schattenwurf von unten her gab den Gesichtern etwas sonderbar Verwandeltes ... Man hat seitdem dergleichen Kunststückchen in technisch abgefeimterer Form zum Überdruß gesehen – damals war dies neu und weckte heitere Sensation. Beim zwölften Gongschlag rauschte der grausamtene Vorhang auseinander, auf der winzigen Bühne standen die Scharfrichter, mit roten Mänteln und Kapuzen, die rote Larve vorm Gesicht, im Halbkreis um den schwarzen Block, ließen die blanken Richtschwerter auf diesen niederklirren und sprachen feierlich im Chor einen gereimten Gruß an das beginnende Jahrhundert, der uns für dieses Zeiten einer glorreich erhöhten Menschlichkeit und ewigen Völkerfriedens prophezeite. Wir aber, die wir noch nicht ahnten, was die Zukunft für uns in Bereitschaft hatte und wie penetrant es in ihr «menscheln» würde, sprangen freudig auf, ließen die Gläser klingen und fühlten uns für diese Nacht den Göttern eines neuen Erdentages gleich.

Ein Enthusiast wie Peter Altenberg hätte sich keinen günstigeren Augenblick erwählen können für seinen Einzug in den Kreis der münchner Künstlerschaft; denn diese zeigte sich an diesem Abend von der besten Seite. Und daß wir unsern wiener Gast mit ehrlicher Begeisterung willkommen hießen, versteht sich eigentlich von selbst. Wir liebten seine schönen Bücher «Wie ich es sehe» und «Was der Tag mir zuträgt», deren zweites erst vor wenigen Monaten erschienen war, mithin uns noch als frischer Eindruck im Gedächtnis lebte; wir wußten aus Erzählungen von Leuten, die ihn kannten, daß er für einen angenehm verdrehten, genialischen und liebenswerten Menschen galt. Als solchen zeigte er sich denn auch uns und wußte unsere Herzen schon beim ersten Sehen zu gewinnen, zumal da seine Originalität in jener Zeit noch nicht, wie späterhin wohl doch, bewußt und fast zu einer Art Beruf geworden war.

Er mußte sich aus irgendeinem Grund gerade über seine Vaterstadt geärgert oder sie wenigstens für eine Weile satt bekommen haben. Denn er fand – was uns natürlich schmeichelte – in München alles schöner als in Wien. Solch eine fesselnde Geselligkeit und eine so sehr aller Erdenschwere ledige Stimmung gebe es dort in der «Raunzermetropole» einfach nicht. Besonders aber schwärmte er von unsern Schaufenstern, oder, wie er statt dessen sagte, den «Vitrinen der münchener edlen Magazine», und von der Schönheit unserer münchener Frauen. Er hatte damit auch so unrecht nicht: in dieser Hinsicht konnten wir uns um die Wende des Jahrhunderts hier wahrhaftig sehen lassen.

Denn München, dessen Künstlern das Dekorative ja von jeher liegt, besaß auch schon zu Zeiten, als man anderswo auf solche Dinge noch recht wenig gab, eine Kultur des Schaufensters. Und dazu kam, daß eben damals hier ein neues Kunstgewerbe gleichsam aus dem Nichts erwuchs. Man hat das späterhin mit einem Beiklang lächelnder Verachtung «Jugendstil « genannt, und es ist ja verständlich, daß der Mensch von heute vor diesem mühsam ausgedachten und oft gar zu reich mit Ornament bepackten Hausrat Bauchgrimmen bekommt. Doch sieht man es historisch an, wird man verstehn, wie stark und neu auf uns diese Erlösung aus der Muschelrenaissance und dem Gekröserokoko der achtziger und neunziger Jahre wirkte. Auch darf man den Bahnbrechern der Bewegung nicht zu Lasten schreiben, was ihre ebenso talentlosen wie fingerfertigen Nachläufer und namentlich die pfiffig auf Gewinn bedachte Industrie aus ihren Anregungen werden ließen, weil ihnen klar war, daß man die geschmacklich ahnungslose Masse mit modern frisiertem Kitsch am besten fängt.

Und nun die Frauen! Ja, es gab damals tatsächlich sehr viel reizvolle junge Weiblichkeit im münchener Künstlerkreis. Fern sei es von mir, jene Zeit deswegen als »die gute alte« zu bezeichnen – das wäre unhöflich gegen das heute im Zenite stehende Geschlecht, auch könnte man mir mit gewissem Recht erwidern, ich hätte eben eine rosigere Brille aufgehabt, weil ich um soviel jünger war als jetzt. Es wäre Torheit, zu behaupten, daß inzwischen Frauenschönheit ausgestorben oder auch nur seltener geworden sei, und ich verschließe mich der Einsicht nicht, daß sich die Damenmode, allgemein betrachtet, in diesem Menschenalter nach Geschmack und Stil veredelt hat. Nur herrscht auch hier ein Drang vom Einzelwesen hin zum »Kollektiv« und äußert sich darin, daß eigentlich das gleiche Kleid herhalten muß für jung und alt, für dünn und dick. Vor dreißig Jahren gab es, wenn man auch mit der Mode ging, noch nicht diesen Uniformierungswahn, und namentlich in München nicht – das merkte jeder, der aus anderen Städten hierher kam. Man kleidete sich mannigfaltiger, man wählte sein Gewand nach der Erscheinung aus und paßte nicht statt dessen die Erscheinung dem Gewande an. Nicht, daß der Frau von damals Schminke, Puder und dergleichen fremd gewesen wären, aber man verwendete sie nicht so unorganisch und pastos, wie man es heute tut, man trug noch seine eignen Augenbrauen, überhaupt das eigene Gesicht, und man verließ sich auf den eignen « sex appeal », statt dem von Greta Garbo oder einem andern Filmstar nachzueifern. Und daß man damit leicht zum mindesten den gleichen Zweck erreichte, zeigt die Begeisterung, die unsere Münchner Damenwelt bei einem Frauenlob wie Peter Altenberg erregte.

Auch sonst war er entzückt von München, und es sah fast durch ein halbes Jahr so aus, als wolle er hier für die Dauer Wurzeln schlagen. Er wohnte in dem mittlerweile längst zu einem Warenhause umgebauten Hotel Stachus, weil es, wie er behauptete, sonst nirgends die vollkommen ungestörte Stille gäbe, die eine Grundbedingung seines Wohlbefindens sei. Wir lächelten dazu, denn dieser Gasthof lag an der lärmumtostesten von Münchens Straßenecken. Und Lärm gab es doch immerhin schon damals, wenn auch noch nicht der Mörder unseres Schlafes, das Motorrad, nachts mit offnem Auspuff durch die Gassen knallte.

Da er als Wiener ohne Kaffeehaus nicht leben konnte, fand man Altenberg an jedem Nachmittag im Café Stephanie, wo sich die schwabinger Boheme zusammenfand. Sein stärkstes, übrigens ganz sicher nur platonisches Interesse galt dort während einiger Wochen einer Maid, die er sich – das war evident – nicht nach der Leibesschönheit auserlesen hatte. Man darf wohl auch vermuten, daß er mehr Erdulder als Eroberer dieser Freundin war. Es handelte sich um ein stakiges und kümmerliches junges Ding aus Norddeutschland, das unter einem männlichen Pseudonym ein bißchen dichtete und sich, da keiner diesen Männernamen drucken wollte, nun wenigstens im Leben bei ihm rufen ließ. Sie hatte ihren unglückseligen alten Vater, einen pensionierten Oberlehrer oder so etwas, nach München mitgebracht, und er war anfangs hie und da auch in das Café Stephanie gekommen. Bald aber blieb er aus: er fühlte sich hier fehl am Ort, wie wohl im Leben überhaupt. Sein Schicksal war, daß er dies aus dem eignen bürgerlichen Gleis geratene Kind abgöttisch liebte und zugleich doch irgendwie unheimlich fand – mit den Gefühlen eines braven Huhns, das Entenküken ausgebrütet hat. Die Tochter nun bestritt ihre den Vater so verstörende Originalität vor allem durch ihr kurzgeschnittenes Haar – denn damals wirkte das noch originell – und durch Bekenntnisse von dieser Art:

«Ich bin sehr einsam: meine Mutter ist gestorben, mein Vater ist mir unsympathisch.» Fragte man, was sie denn gegen ihren Vater hätte, er sei doch ein so netter alter Herr, dann gab sie in getragnem Ton zur Antwort: «Soll man es nicht müde werden, ewig die schwere Kugel der Vergangenheit an einer langen Kette nachzuschleifen?»

Der Literat von heute würde hinter einem solchen Wort nach den »Komplexen« suchen, denen es entsprungen sei. Wir primitiven Haftelmacher von Anno dazumal erklärten dieses Mädchen still bei uns für eine »g'schupfte Ziefern«. Nur Peter Altenberg – Phantast und Seher – lebte seiner Zeit voraus und spürte hier Abgründe einer Seele, in die hinabzuklettern sich am Ende doch verlohnen möchte. Ich weiß nun nicht, was er darin gefunden hat, ich weiß nur, daß er einige Zeit daraus von weiterem Suchen Abstand nahm. Die Welt erfuhr das eines Faschingsabends im Cafe Luitpold, wo dies wunderliche Zweigespann in einem größeren Kreis beim Weine saß. Das Fräulein, das sich von der übrigen Gesellschaft nicht ganz nach Verdienst gewürdigt fühlen mochte, entschloß sich schon um zwei Uhr morgens, heimzugehen, und hielt es für ganz selbstverständlich, daß sich Peter Altenberg zugleich mit ihr empfehlen wurde. Ihm aber war es hier recht wohl zumut, er sagte kühl: »Adieu!« Er bliebe noch. Gereizten Tones stellte sie darauf an ihn die Forderung, sie wenigstens durch das Gewühl der Masken noch bis an den Ausgang zu begleiten. Da rief er voll Indignation:

«Weib, warum hab ich deine Seele befreit, wenn du nicht einmal allein durch das Lokal gehn kannst!» Sie zog beleidigt ab, und er erklärte sie den andern gegenüber kopfschüttelnd für eine blöde Gans. Der Zauber war gewichen, und die beiden blieben sich von Stund an abgeneigt.

Wer nun die nächste Angeschwärmte Peter Altenbergs in München war, und wieviel weitere ihr während der fünf Monate, die er im ganzen hier blieb, folgten, weiß ich nicht. Ich bin ihm in der Zeit auch nicht gerade oft begegnet. Der Zufall aber fügte es, daß ich nicht nur an seinem ersten, sondern auch an seinem letzten Münchner Abend bis zur Morgendämmerung mit ihm zusammensaß.

Im Mai des Jahres 1901 aß ich einmal mit meiner Frau in einem Weinrestaurant zur Nacht. So gegen zehn Uhr ging die Türe auf, und es erschienen Peter Altenberg und Eduard von Keyserling, die sich in irgendeinem andern Wirtshaus zufällig getroffen hatten und nun auf der Suche nach Gesellschaft waren. Sie setzten sich an unsern Tisch und wurden sehr erfreut von uns begrüßt. Denn diese beiden starken Dichter leiser Dinge, menschlich so verschieden sonst in ihrem Wesen, glichen sich darin, daß sie hinreißend plaudern konnten. Altenberg wirkte dabei durch seine Naivität, durch sein Erfassen der Geheimnisse des Lebens rein aus den Sinnen und aus dem Gefühl heraus, Keyserling durch ein klug lächelndes Durchschauen der Zusammenhänge, eine ganz leise wehmütig getönte Ironie, durch Takt so sehr gedämpft, daß sie auch dem Empfindlichsten nicht wehtun konnte. Enthusiast und Skeptiker, und beide doch verliebt in dieses Leben, vielleicht jeder auf seine Art ein bißchen unglücklich darein verliebt, und eben deshalb beide dankbare Genießer jeder guten Stunde und in solchen auch für andre ein Genuß.

Worüber alles wir uns während dieser so langen wie kurzweiligen Nacht in muntrer Laune unterhalten haben, davon könnte ich heute nur noch wenig wiedergeben. Denn der Reiz solch einer Tafelrunde liegt ja nicht in Pointen und Gedankenblitzen, sondern in der geistigen Atmosphäre, die um sie ist; und deren Duft verspüre ich nach über dreißig Jahren immer noch ganz frisch und stark. Was kommt es da auf Einzelheiten an!

Aber ein Wort, das Altenberg damals zu mir gesagt hat, klingt mir noch im Ohr, und ich will es hier der Vergessenheit entreißen, weil es zeigt, was für ein graziöser Scharmeur und Schelm zugleich er war. Als meine Frau sich im Verlauf des Abends einmal gerade mit Keyserling sehr lebhaft unterhielt, stieß Altenberg mich an, wies mit dem Kopf nach ihr und flüsterte mir zu:

«Stammt Ihre Gattin wohl von Königen ab? Sie sitzt so schön, als hätten Generationen ihrer Ahnen das auf einem Thron gelernt.»

Der Zufall wollte es, daß eben da in dem Gespräch der beiden andern Tischgenossen eine Pause eintrat und sie das allein für mich Bestimmte auch vernahmen. Meine Frau errötete, geschmeichelt halb und halb geniert, und steckte mich mit der Geniertheit ob solch hoher Töne an. Um mir darüber fortzuhelfen, sagte ich:

«Herr Altenberg, Sie sehen alles so romantisch an. Das Sitzen kann einem ja auch wo anders zur Gewohnheit werden als auf einem Thron.»

«Sie sind ein fürchterlicher Mensch!» rief Altenberg empört.

«Ja, Korfiz! Fui, wie kann man nur!» so mischte sich nun Keyserling in das Gespräch. «Lassen Sie sich durch den Desillusionisten nicht beirren, lieber Altenberg! Das paßte gut und war sehr hübsch gesagt. Ein Kompliment im besten wiener Stil!»

«Erstens war es Feststellung einer Tatsache und kein Kompliment», erklärte Altenberg. «Und zweitens leg ich nicht den geringsten Wert auf wiener Stil.»

«Ja, warum schreeiben Sie ihn denn dann beeispielsweeise?» fragte Keyserling.

«Wer? Ich? Sie wollen mich beleidigen, Herr Graf!»

«Ich werd nu Peter Altenberg beleeidijen wollen! Ganz im Jejenteeil! Ich hab in Wien zweei wirklich schöne Jugendjahre zujebracht und liebe es. Und sehe es jerade immer um diese Jahreszeit vor mir: im Mai. Der Abend wird beei langsam schummerig, und die Kastanienblüten leeuchten rot. Ja, das ist Wien!»

«Und Kitsch ist Trumpf!» schrie Altenberg. «Ich hasse Wien und geh in meinem Leben nicht mehr hin!»

«Nur nichts verschwören!» mahnte Keyserling und lächelte, um seine leisen Zweifel auszudrücken.

Nun, und deren völlige Berechtigung sollte eine viel nähere Zukunft schon beweisen, als Altenberg sich's träumen ließ. Es hätte ihn ja früher oder später unbedingt in seine Vaterstadt zurückgeführt, die er zu hassen glaubte, und in der sein Wesen doch zutiefst verwurzelt war – daß es hiermit so schnell ging, daran trugen meine Frau und ich ganz unschuldig die Schuld.

Wir hatten uns in dieser Nacht so glänzend unterhalten, daß wir Lust empfanden, bald wieder zu dem gleichen kleinen Kreis vereint zu sein. Deshalb lud meine Frau, als wir uns gegen Morgen trennten, die beiden Dichter für den nächsten Tag zum Abendbrot in unsere schwabinger Mansarde ein. Das wurde mit Begeisterung begrüßt, und beide sagten zu.

Am späten Nachmittag jedoch erhielten wir von Peter Altenberg ein Telegramm aus – Salzburg. Er bedauerte darin unendlich, daß er unsrer Einladung für morgen doch nicht folgen könne, da er «aus dringender Veranlassung» ganz plötzlich dorthin hätte reisen müssen.

Was der Grund zu dieser überstürzten Flucht gewesen war, erfuhren wir am nächsten Tag von Keyserling, der damit freilich eine kleine Indiskretion beging. Altenberg hatte ihn zu einer für ihn noch nachtschlafenden Zeit am Vormittag in der Bodega aufgesucht und ihm gestanden, daß er über seine uns in der Weinseligkeit erteilte Zusage schlechterdings verzweifelt sei. Er könne unsrer Einladung unmöglich folgen, weil er grundsätzlich nie im Beisein einer Dame esse. Dazu sei er sich seiner Eßmanieren viel zu wenig sicher; unverblümt herausgesagt, er esse einfach wie ein Schwein. Uns aber hier von München aus unter erlognem Vorwand abzusagen, verböten ihm sein Takt- und Feingefühl. So bliebe ihm nichts übrig, als die Stadt, in der er doch so gern auf ewig bliebe, dauernd zu verlassen: ein kurzer Ausflug wäre keine triftige Entschuldigung für einen Wortbruch, wie er ihn nun zu begehen durch die Not gezwungen sei.

Ungefähr vierzehn Tage lang schrieb Altenberg dann täglich aus verschiednen Orten Österreichs Karten von größtem dichterischen Reiz an meine Frau. Die letzte kam aus Wien. Und dann verstummte er. Es fügte sich, daß wir ihn nie mehr wiedersahen und von ihm direkt nie wieder etwas hörten. Doch was tut es! Altenbergischer als damals hätte er sich uns wohl später auch nicht zeigen können. Und so steht er uns, wie er zu seinen besten Zeiten war, in freundlicher Erinnerung – ein geniales großes Kind.

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