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Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
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Noch ein Brief aus der Verbannung

In der letzten Nummer des vorigen Jahrganges dieser Blätter läßt mir Herr Martin Sölch, bei Gelegenheit einer Profilzeichnung meines Busenfreundes a. D., des Herrn John Henry Mackay, die Ehre zuteil werden, also von ihm mit ›festgenagelt‹ zu werden: ›Da ist der ganz und gar subjektive, jede Regung des eigenen Ich belauernde Gefühlspoet Hermann Conradi‹. Na, ich will darüber ganz fein stille sein, daß das doch beinahe in eine Denunziation auf poetische Wegelagerei einmündet – da ich mich aber in diesem Falle höchsteigenleiblich, selber belagere, beziehungsweise ›belauere‹, so bleibt damit auch das ganze Rudel der ›etwaigen‹ Anfälle, Überfälle, Einfälle, Ausfälle, Vorfälle und Beifälle meine eigene Sache. Das ist ja eben das Wesen der ›Selbstironie‹, der nun einmal eine gute Portion meines gesamten Trop-de-cœur-Vorrats zugesprochen: sich in einem anderen zu treffen ... Ist das nicht der höchste Atmosphärendruck von ›Subjektivität‹ –? Aber wenn man erst dahintergekommen ist, daß alles ›Subjektive‹ nur maskiertes ›Objekt‹ ist, dann – ja! Dann sieht man eben im ›Subjekt‹ auch nur ein erstes bestes Objekt – und das ganze ethisch-ästhetische Problem spitzt sich darauf zu, ob man in diesem Subjekt-Objekt auch ein erstes und bestes Objekt-Subjekt erblickt? Damit sind wir jedoch aus dem ›Dunstkreise‹ der empirio-kritischen Logik in die großen, heißen Maschinensäle, allwo die menschlichen ›Werte‹ geschweißt werden, eingetreten.

Sie müssen sich sotanes sehr ›subjektives‹ Vorspiel zu dieser Verbannungsepistel schon gefallen lassen, lieber Herr Krauß – hilft Ihnen alles nix. Ihre Leser haben mich nun einmal festgesteckt, aufgespießt, wollte sagen: untergebracht, eingeordnet ... haben mir die Sölchsche Formelmarke bereitwilligst auf den Leib geklebt: ich bin für sie jetzt schlechtweg nur noch der Mann, der ewig auf sich lauert ... oder ewig sich selber belauert – Sie müssen zugestehen: ich riskiere wirklich zu viel, wenn ich es wagte, Herrn Sölch zu desavouieren ... Nein! Alles – nur das nicht! Eines Abends saß ich, ich erinnere mich dessen noch sehr genau, mit meinem lieben, langjährigen, väterlichen Freunde Julius Große bei Neuner in München ... wir aßen gerade ein Filet-Beefsteak und tranken eine Dalmatiner dazu – da hub Julius Große also zu singen und zu sagen an: »Lieber Conradi – merken Sie sich das: das bewußte ›Publikum‹ ist erst zufrieden mit uns ... nimmt erst eigentlich von uns Notiz, wenn es mit uns fertig ist, d. h. wenn es uns in die Tasche irgendeiner Rubrik gut versiegelt und verschnürt hineinpraktiziert hat – dann haben wir unser Etikett ... holla! der Tanz kann losgehen! ...« Ich spülte das Abendrot meines saftigen Filets mit einem Schlucke pikant-herben Dalmatiners hinab in jene behaglich-schlaräffentlichen Verdauungsregionen, die uns allen zeitlebens so verborgen bleiben ... suchte nach meiner Felix-Brasil und enttaschte, in der Absicht, zwei Fliegen wieder einmal mit einer Klappe zu schlagen, mein handfestes, korpulentes Messerchen, das ich mir angewöhnt hatte, seitdem, ich einmal nur mit genauester Not – ›l'oreille humaine étant merveilleusement sensible aux superlatifs ...‹ sagt René Bazin – unter einem harmlosen Messerkitzelimpetus hinweggeschlüpft war .. Ich legte das Instrument dicht unter die Augen meines verehrten Freundes ... er sah mich erstaunt an ... verstand mich nicht sogleich – schließlich redete ich mich damit aus: sintemalen es heutzutage so schauderhaft viel Beckmesserhelden auf der Welt gibt: was bleibt einem da weiter übrig, als sich selber peu à peu zum ... Messerhelden herauszupräparieren –? ›Versungen und vertan!‹ bei den Wagnerschen Meistersingern. Quos ego! Und der Walther Stolzing ist dabei ein so prächtiger Bursch! Leider wird auch in der Ehe – Frau Eva – weiter heißen ... Übrigens gibt sich nicht minder mein erster eben in der ›Gesellschaft‹ erschienener Verbannungsbrief zunächst sehr burschikos, sehr leger, seine ›Punkte‹ sind in der Tat anfangs ziemlich ›springende‹ ... und er wird dann erst ruhiger, geklärter, sachlicher, sächlicher, kurz: ›objektiver‹, wo er sein eigentliches Thema, den Versuch einer zusammenhängenden Psychologie des sächsischen Volksgeistes, zwischen die Zähne bekommt. Indessen, man wird schon, hoffe ich, wenn auch noch einigermaßen scheu und nüchtern, erraten haben, worauf ich es in dieser zweiten Nummer ›abgesehen‹ –: ich komme auf mich zurück, ich bleibe bei mir, ich wage es, dem Gesicht der Sölchschen Definition meiner ›künstlerischen Persönlichkeit‹ noch einige nicht ganz unwichtige Ergänzungszüge einzuritzen – nachdem ich ein zweites Mal so kühn, d. h., so philosemitisch-paradox gewesen bin, von hinten anzufangen und meinen liebenswürdigen Lesern eine Pelemele-Speise zu Anfang des Diners vorzusetzen ... Gesegnete Mahlzeit!

So! und nun darf ich joco seposito, über alle Maßen beruhigt, zum eigentlichen ›Thema‹ dieser sehr bizarren Plauderei übergehen. Ich gebe einige nähere Andeutungen, ein paar psychologische Bemerkungen über mein literarisch-künstlerisches Vergangenheits-, Gegenwarts- und Zukunftsprogramm.

Sie haben seinerzeit, lieber Herr Krauß, über mein erstes größeres Opus ›Phrasen‹ – ›ein Kraft- und Trotzbuch‹ hat ein ›Kritiker‹ das Ding einmal mit lakonischer Aufdringlichkeit getauft – wie über meine ›Lieder eines Sünders‹ eine sehr wohlmeinende Besprechung in diesen Blättern gebracht. Wenn mir alle so weit hätten entgegenkommen können, wie Sie – allerdings: ultra posse nemo obligatur ... und am allerwenigsten ein erster bester hergelaufener deutscher Homo criticissimus! – dann wäre das ja im großen und ganzen überaus famos gewesen. Aber wie bin ich in diesen beiden Büchern mißverstanden worden! Genug Radau haben sie ja gemacht, in der Presse, wie im ›größeren Publikum‹ gelesen, beachtet, berücksichtigt, belob- und beleidmundet sind sie ja ganz gehörig, die ›junge Generation‹, der ich meine ›Phrasen‹ so ziemlich unverblümt ›auf den Leib geschrieben‹ hatte, hat sich dieselben denn auch mehr oder weniger energisch ... einverleibt – ich habe jedenfalls seltsame, merkwürdige Zuschriften auf meine Bücher hin erhalten, die ich vielleicht später einmal nicht ganz für mich behalten werde ... sie sind ja immerhin auch ›menschliche Dokumente‹. Daß ich im ›Charakterisieren‹ im ganzen eine glückliche Hand besessen – nun: das bewies mir schon der amüsante Umstand, daß nachher verschiedene meiner ›Modelle‹ anfingen, rebellisch zu werden, nicht nur der urfamose Klosterbruder Dr. Emil Schieferdecker, sondern sogar Herr Benjamin Schluchzius, der doch auch in meinem ›Buche‹ als sehr episodeske Parenthesenfigur gut wegkam ... Hans Merian hat mir in seiner Broschüre ›Die sogenannten Jungdeutschen‹ eine ›geradezu dämonische Gestaltungskraft‹ aufgehalst – es fällt mir nicht im Traume ein, Herrn Merian darum meinen Zeugen auf die Bude zu schicken ... ich bin vielmehr von Herzen einverstanden mit seiner viereckigen Keckheit ... Edgar Steiger nennt mich in seiner Schrift ›Der Kampf um die neue Dichtung‹ frischweg ein ›Genie‹ – nicht wahr? es ist zu schade, daß Bleibtreu in seinem pathologischen ›Größenwahn‹-Panorama meiner nicht auch gedacht hat – ich hätte doch wahrhaftig dicht an die Seite der Herrn von Jammerleyer – pardon! als des Herrn von Lämmerschreyer gehört – nun! Das Bleibtreusche Buch enthält ja auch andere Abgründe ... besonders viele unmittelbar auf den Zeilen ... Der Augen und Ohren hat – usw. Also meine ›Phrasen‹ haben genug Skandal gemacht, manchen Wirbel, manchen Strudel getrichtert – manch einem ist es eben nicht ganz angenehm, unbehelligt seine Straße zu ziehen, mit Millionen anderen auf denselben Kopf gefallen zu sein. Das Bedeutende, Ungewöhnliche, Neue, Andere, fordert ja seine eigenen Gesetze, die es zum Siege oder zum Sturze bringen. Künstlerische Qualitäten, und durchaus keine allerweltsdurchschnittshaften, räumten mir fast alle ›Stimmen‹, die sich vernehmen ließen, anstandslos – ohne captatio benevolentiae gesagt! – ein, wenn das auch beinahe immer nur in bezug auf den mittleren Teil des Buches, auf die Schilderung der Jugenderinnerungen Heinrich Spaldings, gesagt war – das paßte natürlich noch am besten auf die alte Schablone ... Die Ideen, die im ersten Teile mobil gemacht sind, allerdings, was ich gar nicht leugne, ohne in feste Glieder und Züge gefügt zu sein, verstand man in der Hauptsache nicht, aus dem einfachen Grunde, weil man kein entsprechendes Organ für das Begreifen einer modernen Willenswelt besaß – ich wäre zu höflich und zu sanguinisch, wollte ich sagen: noch nicht besaß ... Und die kühnen, brennenden Alfresko-Szenen des letzten Teiles überwältigten zumeist wohl, ›befriedigten‹ aber nicht, was ich besonders in Briefen und Zuschriften von mir erzfremden Menschenkindern ausgesprochen fand ... Und hier bin ich bei dem Generalhaken angekommen, an dem ich die typisch-prinzipielle Quintessenz dieser ganzen lobesamen ›Betrachtung‹ aufzuhängen versuche –: den Geist meines Buches, seine ideelle Achse, das Diktat seiner Weltanschauung, hat man in seltenen Fällen ganz erfaßt, in ganz seltenen Fällen ... Nun gebe ich bereitwilligst zu, daß die lapidare Bruchstückhaftigkeit meines Opus daran die Hauptschuld trägt – das ganze Ding ist eben in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit hingesetzt, aus einer bis zum Bersten elementar-schöpferischen Stimmung heraus ... Aber für den einigermaßen in puncto Nasenschleimhaut Unerkälteten ließe sich doch so manches sehr ahnungsvoll riechen ... Bei diesen und jenen, die es sich nicht haben verdrießen lassen, das Buch wiederholt zu lesen, ja! geradezu zu studieren, ist es denn auch mit der Zeit in einen ganz vorzüglichen Geruch gekommen, womit ich immerhin zufrieden und einverstanden sein darf ... Ich rede jetzt also nicht von der künstlerisch-technischen, nur von der rein ideell ideologischen Seite des ›Romans‹ ... Bedeutet er für mich, in der Perspektive auf mein gesamtes künstlerisches Schaffen, auf mein gesamtes Wollen und Können hin, auch nur eine Ouvertüre: ich stehe nicht an, in ihm trotzdem oder gerade deshalb einen der bedeutungsvollsten Versuche, die gemacht sind, modernen Geist darzustellen, moderne Probleme, moderne Konflikte zu schildern, zu erblicken. Was hat man aber unter ›modernem Geiste‹, ›modernen Problemen‹, ›modernen Konflikten‹ eigentlich zu verstehen –? Soll ich an dieser Stelle wirklich die ganze Bühne mit den Figuren der Anschauungen füllen, die ich von dem, was also seinem spezifischen Gewichte nach ›modern‹ ist, ›modern‹ zu sein mich dünkt, besitze –? Den ersten größeren Versuch, in dieser Richtung einigermaßen psychologisch zusammenhängend, vollständig, wenn auch nur vorläufig in der Andeutung, Hinweisung, Umwertung, Neumünzung, Problemstellung zusammenstellend und vollständig zu sein, mache ich in dem Buche, das mich soeben vorwiegend beschäftigt ... und das ich zu betiteln wage: ›Ein Kandidat der Zukunft, Entwicklungen, Abfertigungen, Abrechnungen‹. Das psychologische oder besser: psychophysiologische Problem des ›Übergangsmenschen‹ und des ›Kandidaten der Zukunft‹ in seiner organischen Entwicklung zu erfassen, wird hier, so viel ich weiß, zum ersten Male unter der Optik seiner psychologischen und entwicklungsgeschichtlichen Voraussetzung erstrebt. Ja! Den auf der ganzen Linie erkannten und in seiner gesamten Klafterung aufgenommenen Gegensatz der jungen zur alten Generation seinem Inventarbestande nach, in seinen tausend Einzelgestaltungen, in seinen mehr oder weniger wesentlichen Erscheinungen festzuhalten, zu analysieren, darzustellen, zu verkörpern –: das hat sich mit der Zeit zu einer der Hauptaufgaben meines literarischen Arbeitens herausgebildet. Gewiß habe ich auch damit den Anfang schon in meinen ›Phrasen‹ gemacht. Einen Heinrich Spalding (›Phrasen‹) immerhin verwandten Gesellen habe ich in meinem ›Adam Mensch‹ geschaffen, der soeben, wo ich dieses schreibe, seinen letzten Druckbogen erlebt hat – gut und gern anderthalb Jahre später, nachdem er ›handschriftlich‹ geboren war ... Äußere Umstände verzögerten seinen Heimgang zur Wiedergeburt ... Nun stapft er im wüsten, öden Steppensande des Lebens dicht meinem Buche ›Ein moderner Erlöser‹ voraus, in dem die ›Phrasen‹ ihre Fortsetzung und ihren vorläufigen Abschluß finden –: die angeschlagenen Ideen, die angedeuteten Probleme, die szenischen Improvisationen erhalten hier psychologisch, wie in bezug auf organisch verwachsenes, materielles Fabelfleisch ihre eigentliche Substratwelt – ›Adam Mensch‹ (das in den ›Phrasen‹ nur leichthin gestreifte Problem der modernen Erotik empfängt hier seine psychologisch-sozial-ethische Anwendung, Ausführung, Prüfung) wie ›Ein moderner Erlöser‹ sind entschieden, was man so nennt: – ›maßvoller‹, ›ruhiger‹, ›gereifter‹ denn die ›Phrasen‹ – ich glaube aber auch, daß sie dieselbe souveräne Stilleichtigkeit, dasselbe rollende Leben, dieselbe realistisch-symbolische Kühnheit, dasselbe typisch-prinzipielle Gepräge besitzen, welche Beschaffenheiten meinen ›Phrasen‹ und meinen ›Liedern eines Sünders‹, der mit Bleibtreus ›Welt und Wille‹, Liliencrons ›Adjutantenritten‹ und Henckells ›Poetischem Skizzenbuch‹ jedenfalls typisch wertvollsten Sammlung der neueren Lyrik, nun einmal anhaften ... Das ist ja das Wesen jeder echten Kunst: naiv, ursprünglich, elementar, wahr zu sein, über zwanglos sich auslösenden, atavistischen Dämonismus verfügen dürfen; den Kern einer Erscheinung erfassen können, das heißt: den Brennpunkt, die Achse eines Phänomens, sein Motivationsherz, das Moment desselben, welches am leichtesten überzeugt, welches ursprünglich, um die Existenz und die Dauer einer Erscheinung zu ermöglichen, am notwendigsten, seinem Wesen nach am praktischsten dafür war ... Alle Kunst ist Atavismus, Induktion, Impression – und es ist vom formal-künstlerischen Standpunkte – und das Wesen der Kunst, insofern sie sich äußert, ist zunächst rein formal-technischer Natur: das reflektorisch-synthetische Erfassen einer Quantität unter der Optik einer Qualität – es ist da ganz gleichgültig, ob einer die Krisen schwüler Übergangszeitläufte schildert, oder einen Misthaufen abmalt ... Das Wirkliche muß vorläufig nur verwahrscheinlicht werden. So sind denn auch der heutige ›Realismus‹ und ›Naturalismus‹, eben vom rein künstlerischen Standpunkte betrachtet, nur zeitlich-formale Stilprinzipien – ich kann mir sehr gut denken, daß alle die Umstände, auf welche wir heute Gewicht legen zu müssen glauben: ich nenne hier nur in aller Kürze die schärfere Betonung der individualen Psychologie, Psychophysiologie, die Berücksichtigung der sexuellen Zirkel, pathologischer und psychopathischer Erscheinungen: die Abhängigkeit des Einzelmenschen von der Vergangenheit (Vererbung), von der Umgebung (Milieu); den Kampf zwischen der alten und der neuen Ethik, der alten und der neuen Ästhetik, der alten und der neuen Philosophie im ganzen Umfange (die neue: beschreibend, konstatierend, konstituierend – Avenarius, Löwy, Mach, Nietzsche, Hänichen), der alten und der neuen Generation in breitester Ausgliederung, der Herrenmoral und der Sklavenmoral; die Differenzierung des gesamten Gesellschaftskörpers, mit der andererseits eine Generalisierung Hand in Hand geht; das Kompromiß zwischen der intellektualen Toleranz der Wissenschaft als eines internationalen Gutes; das Verhältnis des Individuums zum sozialen Gefüge, des Subjekts zum Objekt; die Emanzipation vom Christentum; Rassenspannungen; den Konflikt zwischen der Bourgeoisie und dem ›vierten Stande‹; epidemische Erscheinungen auf allen Gebieten der Kunst, Wissenschaft, des ganzen öffentlichen Lebens usw. usw. – daß das alles, sage ich, und eben als dasjenige, was wir heute in besonderem Sinne, unter besonderem Gesichtswinkel gesehen, ›modern‹ nennen, in fünfzig, in hundert Jahren vollständig aus dem Darstellungskreise der Kunst ausgeschieden ist, einfach aus dem Grunde, weil es allenthalben überselbstverständlich geworden ... und weil man unterweilen Welt und Leben schon wieder unter einem anderen, neuen, entwickelteren, fortgeschritteneren Gesichtspunkte zu betrachten sich gewöhnt hat ... weil die Kunst dann auf neue Kombinationen angewandter Atavismus ist, wobei sie in ihrer Betätigung, in der reflektorisch-mechanischen Auslösung ihrer Kräfte, unwillkürlich alles das voraussetzt, was wir heute bewußt zu erschließen, künstlerisch zu erringen und zu bezwingen eben erst im Begriff sind ... Etwas erkennen heißt zunächst nur: etwas anerkennen. Deutung ist alles, alles Identitätserklärung. Da aber die Welt der Erscheinungen ein Pluralismus, das Individuum als solches mit hinzugetan, so bleiben nur Systeme, Gefüge, Komplexe synthetisch zu bewältigen –: die ursprüngliche Intensität des künstlerischen Willens erlebt also ihre qualitative Anwendung. Damit entfernen wir uns aber von der – natürlich nur abstrakt-spekulativ genommenen – formell-technischen Seite der Stoffobjektivationen des Willens und treten in die Welt der Assoziationen ein –: Assoziationsmehrheiten und -minderheiten, Assoziationsschwankungen, Fülle und Leichtigkeit ihrer Auslösungsfunktionen kommen in Frage, wir bewegen uns in der Sphäre des Symbolischen, die Deutung eines Gefüges ist immer nur Symbol – in der Kunst, die damit in eine sozialethische Kategorie gerückt wird, ist individualisierte Typisierung immer Symbolismus. Nachdem ich einige kleinere Schriften, ›Romane‹ wenn man will, veröffentlicht haben werde ( ›Gerechtigkeit‹, ›Wie einer ein Lump wird‹, ›Der Ehebrecher‹), die mit ihren Fingerchen immerhin schon bis zur Tischkante hinauflangen, werde ich, ich denke: noch in diesem Jahre, meine realistisch-symbolische Trilogie ›Meergreise‹, ›Die letzte Sintflut‹, ›Ein Titanen-Rendezvous‹ schaffen, in welcher ich das, was ich in den ›Phrasen‹ versprochen habe – feinere, empfänglichere Geister haben es wohl herausgehört! – zu halten versuchen werde: nämlich meine Hauptveranlagung für den humoristisch-satirisch-tragischen Roman im edelsten, höchsten Sinne, im reinsten Stile, zu vergegenständlichen ... Und dann – und dann – und dann –: Herr Gott! wer weiß, was sich mein ›Ingenium‹ nicht alles noch zu leisten versteht! Übrigens, bevor der ›Spaß‹ wieder anhebt, noch ein ›ernstes‹ Wort! Besitzen wir eigentlich ein Kriterium, einen Wertmesser für die Lebensdauer, für das Gültigbleiben eines künstlerischen Werkes –? Es ist etwas anderes, ob es noch wirkt, oder ob es überhaupt noch ›gültig‹ ist. Gab Goethe, also der ›Olympier‹, in seinem ›Faust‹ nur Quintessenzen, die eben darum Quintessenzen, weil sie am leichtesten überzeugen, am notwendigsten sind, wie ich oben sagte – und eben darum fortdauernd wirken und gelten müssen? Kann nicht eines Tages z. B. Jordans Riesenepos ›Demiurgos‹ dieselbe Bedeutung wie Goethes ›Faust‹ erlangen –? Und wenn: warum? – wenn nicht: warum nicht? Wer nicht nur auf der Oberfläche der Literaturgeschichte Bescheid weiß; wer sich auch ein bissel in ihren unterirdischen Bezirken umgesehen hat, verkennt die allerdings wirklich ›traurige‹ Tatsache nicht, daß da unten poetische Schätze eingekeilt und geschichtet liegen, die einmal auch auf dem offenen Rücken der Erde geglänzt und geschimmert haben, für eines jeden Augen aufgerollt, die aber eine jähe Katstrophe hinabgestoßen hat in die Tiefe ... und die nun vergessen sind und verschollen ... von denen keiner mehr weiß ... und die trotzdem keinen Deut ihres immanenten künstlerischen Wertes eingebüßt haben ... Nun! Wir haben ja einen feudalen Ausweg aus dieser Klemme – wir bemächtigen uns wieder einmal des Monsieurs ›Zufall‹, des köstlichen Improvisators, den die Welt besitzt ... und kleben sein Autogramm als Marke auf jene Schachtel, in die wir alles hineinverbergen, was uns ›problematisch‹ dünkt ... was wir nicht gern erklären wollen ... und was wir doch eigentlich, mindestens in der Hauptsache, sehr leicht erklären könnten ... Goethe war bekanntlich zu seinen Lebzeiten einer der unbekanntesten und ungelesensten ›Schriftsteller‹ Deutschlands ... Und nun ist er nicht nur ›Nationaleigentum‹ geworden, sagt man wenigstens, sondern er liegt uns auch sehr schwer auf der Brust, vielleicht sogar ein bissel im Magen .. Nichtsdestoweniger ist sein ›Faust‹ unsere andere Bibel, unser drittes Testament geblieben ... Allein, nirgends leben Schein und Sein, Lüge des Gedankens, des Wortes und Wahrheit des Gefühls so dicht beieinander, als auf dem Gebiete, das von unserem Verhältnisse zu unserer Literatur im allgemeinen und unseren ›Klassikern‹ im besonderen bewohnt wird ... Ich habe zwar Maurergesellen getroffen, die mit Begeisterung Schillers Hymnus ›an die Freude‹ rezitierten, aber mir sind auch bürgerliche, kleinbürgerliche Kreise begegnet, zumeist in Süddeutschland, in welche der Name ›Schiller‹ oder ›Goethe‹ noch niemals gedrungen war ... Die offizielle Gültigkeit eines Schriftstellers, um jetzt nur von diesem künstlerischen Typus zu reden, hängt ja ganz von der Majorität oder Minorität ab, die ihn trägt .. Majoritäten und Minoritäten machen sich aber nie und nimmer zu Trägern eines Werkes, sondern einer Persönlichkeit, die sich als Gebärerin einer ganzen Reihe von in sich eng zusammenhängenden Werken darstellt .. Und diese ›Persönlichkeit‹ muß eine eigene Individualität sein, und zwar eine Individualität, die eine Atmosphäre besitzt .. Die ›Atmosphäre‹ aber einer schöpferischen Natur – ja! hier haben wir nicht nur eine psychologische Pikanterie, hier haben wir ein psychologisches Problem vor uns, auf das ich vielleicht ein andermal näher eingehe ... Ich habe schon oben gesagt, daß man sehr scharf zwischen offizieller Gültigkeit und reiner, unmittelbarer Wirkungspotenz eines Schriftstellers unterscheiden muß. Letzterer verfällt naturgemäß nur der ›Ausschuß‹, die geistige Elite einer Mehrheit oder Minderheit. Es kreuzen sich eben sehr viele Komponenten an dieser Stelle, es wollen sehr viele Fäden berücksichtigt sein. In einer längeren Arbeit, die in einem der nächsten Hefte der ›Gesellschaft‹ erscheinen wird, habe ich die Hauptpunkte, die bei diesem Motive überhaupt in Frage kommen, zusammenzustellen versucht. Ich verweise auf den Essay. Er betitelt sich ›Zum Begriff der induktiven Literaturpsychologik‹.

Aber nun, – nun wollen wir doch endlich für heute Schluß machen mit diesen ›theoretischen Seichtereien‹ – die aber trotz aller Langweiligkeit ›nicht ganz ohne‹zu sein brauchen ...

Ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahre noch um jeden Preis ›berühmt‹ zu werden – Sie müssen mir dabei ein bissel behilflich sein, lieber Kamerad – ich komme sonst nicht durch .. Nun! Wenn ich demnächst wieder südwärts ziehe, werde ich Eger – bewundern Sie diese geographische Korrektheit! – nicht links liegen lassen – und dann werden wir noch ein kräftig Männerwort über diese delikate Angelegenheit sprechen. Vorläufig sende ich Ihnen nur diesen Brief, mit der Bitte, ihn ungestümen Entschlusses mit Haut und Haaren zu drucken – er ist zwar unglaublich ›persönlich‹, jedoch auch hier und da ein ganz klein wenig ›unpersönlich‹, ›objektiv‹, prinzipiell.

Und nun grüßen Sie Ihr Egerland herzlich von mir. Wenn ich wieder zu Ihnen wallfahrte, wird es vermutlich auch außerhalb des Kalenders Frühling sein .. und dann werden wir wieder in dem Garten vor dem Tore sitzen, wo wir an jenem köstlichen Septembernachmittage den Abschiedstrunk geschlürft .. Auch dem Herrn Pater, der mit so prachtvoller Geduld alle möglichen Witze und Anekdoten .. anzuhören wußte – vermelden Sie, bitte, auch ihm meinen respektvollsten Gruß. –

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