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Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 6
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typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
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Poesie und Philosophie

Das sind alles weiter nichts als Phrasen, inhaltslose, jeder tiefern, allgemeinern Bedeutung bare Redensarten, wenn man ausspricht: nur die Leidenschaft mache den Dichter; nur die Leidenschaft sei das Kriterium, des Genies – oder Genie sei Geduld, und wie die tausend, an sich vielleicht nicht uninteressanten, weil mit einem leisen Stich ins Paradoxe behafteten, aber im ganzen doch, milde gesagt, sehr einseitigen Behauptungen dieser Art lauten mögen. Es ist schlechterdings unmöglich, das Wesen eines wirklich großen Dichters in eine mathematisch präzise Formel zu bringen. Unter einem wirklich großen Dichter verstehe ich aber ein Individuum, das allgemein, vielseitig, also quantitativ umfassend, in seiner Qualität aber zugleich intensiv, qualitativ stark beanlagt und natürlich zugleich imstande ist, seine bewegenden Kräfte zu selbständigen Schöpfungskristallen sich härten zu lassen. Ein Homer war allerdings nur Epiker. Aber so selbstverständlich es ist, daß das ›rein Menschliche‹ mit seinen beiden Beziehungen nach Süden und nach Norden, wenn ich so sagen darf, nach seiner unbekannten Vergangenheit und nach seiner unbekannten Zukunft – welche Momente zugleich eben das Wesen des ›rein Menschlichen‹ ausmachen – im Mittelpunkte jeder Kunst stehen bleibt: so selbstverständlich ist es auch, daß sich mit der wachsenden, in der Differenzierung aller Dinge darstellenden Kultur nicht minder die Natur des Dichters differenziert. Wohl liegt der Betätigung jeder Art von menschlicher Größe die individuelle Tendenz zugrunde, einseitig zu sein. Aber diese Einseitigkeit ist weiter nichts als eine so weit als möglich harmonisch zusammengeschlossene Einheitlichkeit. Die Faktoren größerer und geringerer Kräfte wirken in jedem Menschen aufeinander ein. Es ist das spezifisch Kennzeichnende der Jugend künstlerisch veranlagter Naturen, daß ihre Seelen von einem gärenden, durcheinanderbrodelnden Tumult heimgesucht sind, daß das gesamte Geistesleben mobil gemacht ist. Diesen Zustand ›unreif‹ zu nennen, ist unpsychologisch, ein Zeichen naiver oder bewußter Beschränktheit. Jener Sturm und Drang ist als einfaches Phänomen hinzunehmen. Bei einer, von relativ sozialem Standpunkt betrachtet, ungünstigen Kombination von Seelenpotenzen fehlt das organisierende Prinzip einer Hauptkraft. Von Überzeugungen, Überzeugen und Überzeugtwerden in allgemeinem, immer gültigem Sinne zu sprechen, ist unberechtigt und psychologisch falsch. Ich kann nur beeinflußt werden, wenn ich die psychische Disposition dazu habe. Besitze ich zugleich die Kräfte zum Widerstande, d. h. sind die Tendenzen meines geistigen Ichs in der Lage, sich einem überlegenen Einfluß fügen zu dürfen; wird das Meer meines Wollens von einem fruchtbaren Golfstrom des Könnens durchflutet, so habe ich eben die Fähigkeit, zu dauern, die Anwartschaft auf den Sieg. Es sind heute erst die ersten Schritte getan für die Bestimmung der Gesetze der psychischen Funktionen. Aber so viel ist klar, daß der seelische Lebensprozeß des Individuums von denselben Grundsätzen geleitet wird wie sein physischer Lebensprozeß, dessen Art es unmittelbar tauglich oder untauglich macht für seine soziale Existenz.

Jene Einseitigkeit ist also identisch mit Einheitlichkeit, identisch mit einer von einer Hauptkraft gebändigten und geordneten Vielseitigkeit. Shakespeare hat auch Sonette geschrieben und Victor Hugo auch Dramen. Aber schließlich war Shakespeare doch nur Dramatiker und Victor Hugo nur Lyriker. Als solche nur durften sich beide ausleben, konnten sie in vieler Hinsicht unvergleichlich werden. Zu Goethe läßt sich von diesem Punkte aus schwer Stellung nehmen. Er war ein Riesengeist, allem und allem gewachsen, unvergleichlich. Er hat vielleicht die für ein Individuum relativ günstigste Kombination von Seelenpotenzen mit auf die Welt bekommen, und er hat sie einigermaßen harmonisch ausbilden, bewußt begreifen und erhalten dürfen. Wohl besaß auch er eine Hauptkraft – die ihn zu einem der ersten Lyriker machte – aber so bedeutend überwog diese Potenz die anderen nicht, daß sie dieselben als Kräfte zweiten oder dritten Ranges erkennen ließ. Goethe hat auf allen Gebieten des Schrifttums, der Wortkunst, Großes, Imposantes, Geniales geleistet, aber wir haben Lyriker, Epiker, Romanschreiber und Dramatiker gehabt, die – ein jeder in seinem Spezialfach, zu dessen Gunsten er etwaige andere Kräfte und Tendenzen dem Wesen seiner Seelenkombination gemäß verkümmern lassen mußte – bessere Gedichte, bessere Dramen und bessere Romane als Goethe geschrieben. Goethe war ein Genie, aber als Genie nur ein Eklektiker im großen Stil. Das klingt wie Ketzerei und will weiter nichts sein als ein auf ehrlicher Überzeugung beruhendes Urteil, dessen Verstandenwerden allerdings ein tiefes, eindringendes Verstehen des Begriffs ›Eklektizismus‹ voraussetzt.

Es ist natürlich, daß die Menschen, die tausend, zweitausend Jahre voraus lebten, also auf einer niedrigeren Kulturstufe standen, ein weniger kompliziertes Seelenleben führten als unsere Großväter, von uns ›Modernen‹ ganz zu schweigen. Die psychische Struktur war damals eine bedeutend einfachere; ihre Äußerungsfunktionen arbeiteten zwangloser; die Hauptkraft konnte sich deutlicher, derber geltend machen, und leichter war es, sie persönlich zu erkennen und zu begreifen. Das mußte im Laufe der Jahrhunderte anders werden. Der Weltgeist begnügte sich mit der Zeit nicht mehr mit einigen wenigen Saiten – er überzog sein Instrument, die Menschheit, mit einer stetig wachsenden Saitenfülle für seinen töneerweckenden Bogen – die Musik wurde wirklich immer ... moderner – ich hätte beinahe mit einem spröden Anlauf ins Blasphemische gesagt: immer wagnerischer. Wagner aber, dieser Zentralgeist, dieser unübertreffliche Vertreter des modernen Typus, repräsentiert letztern, soweit er künstlerischen Charakters, zugleich vorzüglich in seiner poetisch-philosophischen Doppelnatur.

Eine große, geistig wache, stark treibende, ringende Künstlerpersönlichkeit wird durch die gesamte Anlage ihrer Natur gezwungen, zu der Philosophie Stellung zu nehmen. Es ist wieder einmal weiter nichts als ein Zeichen philosophischer Unbeholfenheit, wenn man behauptet, es sei unkünstlerisch, von der Abstraktion, von der Idee aus das Leben zu ergreifen und zu erfüllen. Ganz recht! Das ist unkünstlerisch, weil es unmöglich ist. (Vgl. Schopenhauer, W. a. W. u. V. I 219: ›Die Erkenntnis der Idee ist notwendig anschaulich, nicht abstrakt.‹) Mag im wachsenden Individuum mit der Zeit auch das Bedürfnis groß geworden sein, sich dem abstrakten Monismus, dem Panillusionismus Schopenhauers zu ergeben; Leben und Welt als solche bilden naturgemäß doch immer die erste und bleiben schließlich auch die letzte Erfahrungsunterlage, und der Künstler, der schaffen, gestalten will und muß, wird in beiden unwillkürlich erst recht konkrete Mächte erkennen und anerkennen.

Man lasse ein Individuum, das künstlerische Kraft, Fülle, Eigenart verrät, doch einfach zu Worte kommen und verschone es mit einem ästhetischen Korsett. Als einem sozialen Verbande, einem Herdenorganismus eingeborenes Glied findet es ja seine natürlichen Schranken. Der Ausdruck ›schrankenloser Individualismus‹ ist wieder einmal eine Phrase, aus der Genesis der Hyperbel heraus allerdings verständlich. Zudem ist es unmöglich, sich den Fingern des organisierenden physischen Prinzips, das existiert, zu entwinden. Auf den momentanen Standpunkt, auf die Auffassung, auf die Übersichtsfähigkeit kommt alles an.

Es gibt zwei Arten von Dilettantismus: der eine ist quantitativ, der andere qualitativ von dem intensiven Können verschieden. Ersterer stellt sich in den Anfängen, den ersten Versuchen jeder künstlerischen Produktion dar. Byrons Hours of idleness verdienten zum guten Teil die Edinburger Rezension. Die zweite Art des Dilettantismus ist konstant, unüberwindlich. Sehr grobe soziale Instinkte, Impulse zweiter Instanz, geben Veranlassung zu allerlei tragikomischen Experimenten. Natürlich findet sich zwischen dem relativen Dilettantismus, der nur ein geschicktes Vorspiel eines geschickten Tasters, und dem positiven einerseits und der stolzen, gesammelten Kunst des Berufenen andererseits eine gewaltige Fülle von Zwischenarten.

Christian Günther, Goethe, Byron, Bums, Heine, Musset waren elementare Lyriker. Aber eigentlich nur Goethe und Byron waren Zentralgeister unter ihnen. Durch Objektivierung schon bezeugtes Können vorausgesetzt, bedarf es immer des physischen Flusses, der Bewegung, des Stimmungsrieselns oder des Kraftbrausens, um etwas Neues in die Erscheinung zu rufen. Ausdehnung und Intensität des Prozesses, dieses Strudels, entsprechen ganz der individuellen Disposition. Ich weiß nicht, ob man in diesem Zusammenhange von einem Parallelogramm der seelischen Kräfte sprechen darf. Ließe sich aus dem Aufeinander der erworbenen Anlagen und der durch Umgebung und Verhältnisse, von denen die Entwicklung der Keime zu jenen Anlagen entweder gefördert oder gehemmt wird, bedingten und provozierten Einflüsse mit Sicherheit die Durchschnittskraft einer Komponente bestimmen, so würde bei einem künstlerisch tätigen Individuum Art und Stärke der Produktion gegeben und aus dieser Verbindung heraus zu erkennen sein. Die philosophisch-metaphysischen Schöpfertendenzen eines Goethe, Byron, Shelley, Victor Hugo sind zunächst ebensogut als Phänomene hinzunehmen, wie die Natur- und Liebeslyrik eines Burns Phänomen ist. Der Einzelmensch eignet sich immer geistig das an oder versucht es wenigstens, was in größerem oder geringerem Grade seinem aus Gewohnheitsbedürfnis und momentanem Appetit kombinierten Verlangen entspricht. Er will sein Ich durch Betätigung bestätigen und bestätigt wissen. Der primitivere Mensch ist immer dem Willen zum Leben unterworfen. Der geistig reich entwickelte kommt durch die Erkenntnis über den banalen Willen zum Leben hinaus. Aber dem Zwange des Werdens entgeht auch er nicht, solange er atmet und atmen will, atmen muß, gezwungen oder unbewußt. Und nur der atmet, kann noch erkennen. Der Sieg in der Erkenntnis muß immer durch die Anerkennung der banausischen Wirklichkeit als Prius und Prämisse erkauft werden.

Abgesehen von der unmittelbaren, momentanen Stimmungslyrik ist jeder Dichtung ein stärkeres oder schwächeres, größeres oder kleineres reflektives Moment immanent. Ich habe oben wenigstens angedeutet, wie es rein von der persönlichen Disposition des Dichters abhängt, ob jenes reflektive Moment Agens oder nur Akzidens ist. Die psychophysischen Gründen entstammende Durchschnittserscheinung ist, daß es in der Jugend nur Akzidens bedeutet, im Alter aber zum Agens wird.

Auf innere Wahrheit kommt es an in der Poesie. Das, was man tut, notwendig tun, tun müssen aus innerm Zwange: das ist es. Es ist demnach ungerechtfertigt, das durch eine bestimmte seelische Kombination bedingte und erklärte Überwiegen reflektiver Neigungen unpoetisch, unkünstlerisch zu nennen. Poesie und Philosophie sind gar nicht so wesensgetrennt, wie denkfaule Leute gewöhnlich meinen. Schopenhauer, welchen Mainländer den nach Kant größten Philosophen aller Zeiten nennt, war nicht nur ein Genie wie Goethe; er war auch ein ebenso großer Künstler wie der Schöpfer des ›Faust‹. In der Art der psychischen Arbeit, in der Methode der Apperzeption ist der Poet zunächst Synthetiker, der Philosoph Analytiker. Aber der Satz bedingt den Gegensatz. Und im letzten, tiefsten Grunde sind Philosophie und Kunst epigrammatischen Charakters. Das Epigrammatische apotheosiert aber gleichsam das Synthetische. Die wissenschaftliche Konstituierung und Konstatierung jedes Gesetzes ist ein synthetischer Akt. Und die Analyse? Ist sie Täufling oder nur Taufpate?

Es ist schließlich ganz gleichgültig, ob einer auf dem Totenbett der Welt die Versicherung gibt: ›Das Experiment ist gelungen‹, oder ob er mit Rabelaisschem Humor ausrufe: ›Tirez le rideau, la farce est jouée!‹ Philosophie und Musik, zumal in der modernen, von Schopenhauer und Wagner konzentrierten Fülle und gesteigerten Intensität, führen das Individuum über sich hinaus, stellen geniale Interpreten der absoluten Erlösung, des Todes, dar. Die Poesie als solche ist intimer mit dem Leben verwachsen. Sie zwingt in der Hauptsache immer wieder ihr ›Opfer‹, Stellung zum Leben zu nehmen, und ob sie noch so realistisch, noch so brutal ist. Wo sie direkt vernichtet, wirkt sie pathologisch. Es gehört ein entsprechendes Disponiert- und Präpariertsein dazu, um sich, wie der junge Jerusalem getan, nach der Lektüre von Werther erschießen zu können.

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