Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Conradi >

Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/conradi/sohnzeit/sohnzeit.xml
typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090000
projectid4abe4072
Schließen

Navigation:

Das sexuelle Moment in der Literatur

Da hat neulich ein gewisser Herr Dr. Schlenther, Schriftsteller allhier zu Berlin, in einem Artikel in der ›Deutschen Wochenschrift‹ (Wien) beiläufig die Novellen des Herausgebers dieser Zeitschrift ›schamlos‹ genannt. Und warum? Wohl nur deshalb, weil der Dichter so freimütig war, gewisse Dinge beim rechten Namen zu nennen, sich vor der Behandlung gewisser verpönter Motive nicht zu scheuen, das sexuelle Moment da, wo es nötig ist, auch kunst- und naturgemäß zu berücksichtigen.

Herr Schlenther ist mit dieser Methode nicht einverstanden. Das will wenig bedeuten. Tausend andere seiner ehrenwerten deutschen Kollegen von der journalistisch-kritischen Schreiberzunft sind es auch noch nicht. Und ich frage wieder: Warum nicht?

Weil die Herren Realisten und Naturalisten den sogenannten ›guten Ton‹ – ›den Anstand‹ – ›den guten Geschmack‹ und andere konventionelle Spießbürgereien mit ihren Brutalitäten verletzen, wie die Schlenthers und Konsorten meinen ...

Nun, ich möchte heute mal diesen zarten, mit reinstem Idealismus natürlich bis obenan vollgepfropften Seelchen, diesen Anwälten des ›guten Tones‹ und ähnlicher schöner Sachen folgendes kurz zu bedenken geben:

Dem Künstler – hier auf dem Felde der Literatur – ist in puncto Motivwahl alles erlaubt. Er kann sich als Stoff aussuchen, was er will. Nichts darf ihn daran hindern. Ausschlaggebend ist allein das Moment, wie er das Motiv behandelt! Das wird wieder davon abhängen, ob der erwählte Stoff seiner künstlerischen Individualität wirklich ›liegt‹.

Je mehr er meinem intimsten künstlerischen Fühlen und Denken behagt, desto besser wird mir seine Ausgestaltung gelingen.

Wie es nun besonders feinbesaitete und zartorganisierte Gemüter gibt, die sich nur bei der Elegie, bei der Idylle, beim leisen, reservierten ›stimmungsvollen‹ Anschlagen eines Tones wohlfühlen, so gibt es doch wahrhaftig auch starke, kernige, männliche Seelen, die eine tüchtige Portion gesunder Sinnlichkeit haben, denen nichts zimperlich Neutrales anhaftet, denen alles, was nach verkrüppelten Mittelweg-Gefühlen riecht, gründlich verhaßt ist, die scharf ausgesprochene Sympathien und Antipathien haben – und solch eine blutreiche, muskulöse Vollnatur soll sich nach dem Geflöte hysterischer Halbmenschen richten – soll auf einen Kodex schwören, den ein Zwerggelichter in einer vertrackten, nivellierungstollen Zeit fein säuberlich zusammenspintisiert hat? Das hieße ja: seiner Kunst einen Schlag ins Gesicht geben, einen Verrat an seiner schöpferischen Kraft begehen! Ich will keine Bastarde, keine Eunuchen in die Welt setzen – ich will Geschöpfe aus mir herausgebären, denen ein volles, üppiges, zeugungskräftiges Leben innewohnt – ich will schaffen, ohne daß ich mir meine Seele von einer abgestandenen Altweiberweisheit habe schimpfieren lassen!

Ich weiß: meine Rede ist nicht gerade sehr parlamentarisch. Aber der Zorn steigt einem auf, wenn man sieht, wie unsere Literatur, wo sie eben einen neuen, kräftigen, saftreichen Zweig heraustreiben will, wo sie sich bemüht, aus einem lackierten Toilettenschmuck zu einer urwüchsigen nationalen Macht zu werden, die abgelebtesten, verzopftesten Mittelalterlichkeiten hindernd entgegentreten ... Und weiter: Es ist ganz natürlich, daß besonders stark und lebhaft empfindende Naturen zu Motiven greifen, die andern Leuten ›pikant‹ – ›anstößig‹ – ›verfänglich‹ erscheinen. Darum so natürlich, weil sie aus eigener Erfahrung ganz genau wissen, daß das psychische Leben von dem rein sexuellen Leben ganz mächtig beeinflußt und bestimmt wird.

Es gilt also, Momente, die man Jahrzehnte hindurch in der Literatur völlig ignoriert hat, natürlich auf Kosten der inneren Wahrheit eines Kunstwerks, eben zur möglichst vollendeten Erreichung dieser Wahrheit wieder mit aller Energie einzuführen.

Das ist ja das höchste Ideal eines Künstlers: einen Organismus zu schaffen, der in sich alle notwendigen, naturbedingten Wesens- und Lebensfaktoren besitzt. Sobald ich spüre, daß das Moment des Sexuellen bei der Ausgestaltung eines gewissen Motivs besonders stark betont werden muß, werde ich es mit gleicher Liebe wie jedes andere organische Wesensmoment aufnehmen und an seinen Posten stellen ... Tue ich es aus irgendeinem Grunde nicht, kommt in den meisten Fällen ein totgeborenes, mindestens ein verkrüppeltes Geschöpf zum Vorschein.

Für frivoles Spiel mit sexuellen Motiven und Momenten, ein aus starkem Behagen an geschlechtlichen Dingen entspringendes Verwenden und Hervorkehren derselben an Punkten, wo es nicht hingehört, wo die innere Wahrheit eines künstlerischen Organismus vielleicht sogar dadurch beeinträchtigt würde, ist natürlich vollständig zu verwerfen. Aber nicht etwa deshalb, weil es nicht ›anständig‹ ist, geschlechtliche Fragen zu berücksichtigen, sondern weil es in diesem Falle von künstlerischem Standpunkte unberechtigt ist! – Den positiven Wert eines Kunstwerks bedingt also seine innere Lebenskraft. Diese wird von der Berücksichtigung und künstlerischen Verwendung aller naturnotwendigen Wesensfaktoren abhängen. Jedes Werk, das diese innere Lebenskraft besitzt, hat Existenzberechtigung, ist zu respektieren, mag es behandeln, was es will. Überall, wo sich eine mächtige, zeugungskräftige Individualität ausgibt, wird ein Kernpunkt entstehen. Alles Schablonenhafte dagegen spricht sich selbst sein Urteil. – Das Sexuelle hat also Berechtigung, wo es in das Gesamtgefüge, meist in seiner Eigenschaft als analytisches Moment, hineingehört. Es von hier beseitigt wissen zu wollen; aus irgendeiner unkünstlerischen Rücksicht, heißt wahrhaftig dümmer sein, als die Polizei erlaubt. In der deutschen Zeitungskritik macht sich oft ein literarischer und künstlerischer Obskurantismus breit, der in der Tat schamlos ist. –

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.