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Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
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Ein Kandidat der Zukunft – Übergangsmenschen [Bruchstück]

I.

Sind es zweierlei Arten von Menschen: die ›Übergangsmenschen‹ und die ›Kandidaten der Zukunft‹?

Ich weiß: Wie zum ersten Male einer dieses Motiv aufnimmt, feststeckt und unter das Mikroskop legt, um zum ersten Male etwas Neues, sogar sehr viel ›Neues‹, wenn auch im ganzen unzusammenhängend, äußerlich wenigstens, denn innerlich sind die feinstfädigsten Beziehungen vorhanden – wenn also auch nur sehr aphoristisch, andeutend, ausdeutend, tastend deutend überhaupt, darüber zu meinem und meiner Leser Nutz und Frommen gesagt wird, daß die Menschheit, also die Kulturmenschheit, im Begriffe ist, sich wieder einmal auf eine oder nur auf die andere Seite zu legen – so werden, nachdem ich eben manches von dem, was ich loswerden wollte, wirklich losgeworden bin, viele kommen, die ... nun! die mir so gleichgültig sind, daß sie sich meinetwegen einlegen, also einmarinieren lassen können, nachdem sie mich ›ausgelegt‹, also nicht verstanden haben. Man wird in Zukunft viel vom ›Übergangsmenschen‹ und von ›Kandidaten der Zukunft‹ reden – ich habe hier zu bemerken, daß ich mir notgedrungen das Vorwort zu diesen verschiedenen Kapiteln der nächsten Übergegenwart erbitten muß ... Ich habe lange gewartet, man hat auch dies und das verlauten lassen, jüngst und minder jüngst, vor Monaten, Jahren, Jahrzehnten, was mir paßte, wozu ich Ja! sagen, das ich wie einen prägnanten Haken in eine Wand meines Zimmers – es hat damit seine Bewandtnis! – schlagen ... an dem ich meinen Hut, manchmal auch meinen sechsläufigen Revolver aufhängen durfte, wenn ich gerade Lust dazu hatte – oder das ich als einen Pfropfenzieher erachten durfte, vermittelst dessen ich mir diese und jene Phiole – sie enthalten ja nicht immer Osternachtswasser, solche Phiolen! – entkorkte – – aber im großen und ganzen war doch alles das Gehörte, Gelesene, Erlauschte, Zurechtgeordnete so in Entfernungen voneinander verloren, so schmalflötzig, so karg und ohne Chlorophyll, so versteckt und so zaghaft, vorsichtig, bescheiden, leisezeherisch dazu, daß ich anfing, mich nach einem Menschen zu sehnen, nach einem Menschen mich umzusehen, mich umsehen zu müssen, der mir zugleich auch Laterne wäre. Mittel und Zweck in einem, Objekt und Luzifer, Fundstätte, Niederlage, Weinkeller ... nach einem Menschen, der auch eine mehr oder weniger ganze Seele besäße, von welcher ein ›Inventar‹ zu veranstalten, ›modern‹, im tiefsten, vollsten, breitesten Sinne ›modern‹ und für das Erkennen, Durchschauen unserer Zeit, für das Einschauen in den Organismus unserer Tage, über alles erträgnisreich sein müßte. Diese Seele fand sich, fand ich. Sie hat also manches zu vermelden. –

Im Laufe des letzten Winters saß ich – in München – eines Abends in einer Gesellschaft neben Hermann Lingg. Ich sprach zu ihm von dem Probleme des ›Übergangsmenschen‹. ›Ja! das ist ein Problem‹, sagt der Liebling meiner Jugend, der teilnehmende, ratende, zeigende, hoffende, wissende Freund meiner Dichterjugend, in seiner sanften, leisen, stillen, stillgewordenen Art ... ›Ja! das ist ein Problem!‹ Nun also: was für eins denn –?

Um diesen Punkt herum, dessen geographische Lage ebensowenig genau bestimmt werden kann, wie es schwierig ist, eine exakte, kurzangebundene, identisch deckende Definition seines Wesens zu geben, breiten sich zahllose Assoziationsschichten, zahllose Verwandtschafts- und Ähnlichkeitsbezüge herum.

Enthusiasmiert den ›Übergangsmenschen‹ eine in nachdrücklichen Metallfarben transparente Zukunftshoffnung; befruchtet ihn ein erschautes, vielleicht nur von ihm allein erschautes Morgenrot? Ist er das Glied einer Gruppe, einer größeren oder kleineren Gruppe – oder nur eine, vielleicht hartnäckig-trotzköpfige, vielleicht zaghaft-diskrete, reservierte Zeiterscheinung, die als solche in irgendeiner Form einen anklagenden, abweisenden, revolutionären Gegensatz zur Zeit, zu unserer Zeit oder zu einer Zeit überhaupt darstellt? Welches ist das Wesen eines geschichtlichen ›Übergangs‹? Steht nicht a priori jedes Menschenkind – hier nur in bezug auf sein Recht gefragt, einmal historisches Inventarstück zu werden – mit dem einen Beine immer in der Vergangenheit, mit dem anderen immer in der Zukunft? Kommt es uns heute darauf an, eine äußere Formel und ein inneres Verständnis für jeden psychischen Prozeß zu gewinnen, der nur insofern ein seelischer Konflikt ist – und zwar zumeist als ein typisches Moment der älteren Generation – als er eine Reibung zwischen der Hornhaut der Gewohnheit und gewissen ›neuen‹, ›modernen‹ Ideen, die von einem noch undifferenzierten, unintellektualisierten Willensidealismus der jüngeren Generation getragen und repräsentiert werden, darstellt – wobei es äußerlich ebenso paradox erscheint, wie es psychologisch korrekt ist, daß dieser Willensidealismus gleichsam die Mutterhefe ist für die gewissen Leute ach! so ominöse Pilzbildung eben dieser ›neuen‹, ›modernen‹ Ideen –? Haben wir heute das Recht, von einem ganz spezifischen Typus des ›Übergangsmenschen‹ zu reden – ist dieser Ausdruck mit dem süßsaueren Gute der Resignation legiert ... und ist der p. p. ›Kandidat der Zukunft‹ wirklich oder wirklich nur derjenige ›Übergangsmensch‹, der so alt hat werden dürfen, daß ihm Altes und Neues zu einem Dritten, Zukünftigen, zusammenwachsen, ausgeglichen verwachsen konnte –?

Wo sitzt das Plus des ›Übergangsmenschen‹: im Hoffen oder im Fürchten? Was ist ein ›Ideal‹? Haben wir wirklich keine Ideale mehr? Und wer sind denn diese ewigen ›wir‹? Haben wir – schon wieder! – nicht die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, uns selber gegenüber, eine Gemeinschaft, ein In-denselben-Topf-geworfen-werden mit vielen, mit sehr vielen unserer sog. ›Zeitgenossen‹ sehr entschieden abzulehnen? Man hört heute sattsam von einer ›neuen Bewegung‹, von ›neuen Strömungen‹ reden. Drückt sich hier, hierin wirklich der ›Zug der Zeit‹ aus; treten hier, hierin wirklich die ›Ziele der Zeit‹ in umfassender Vielseitigkeit und charakteristischer Bestimmtheit zutage? Wir werden später gelegentlich einen Blick, sogar einen längeren, schärferen Blick, in diese – nein! eine Trödelbude ist die heutige Literatur nun doch nicht – sagen wir also: in dieses Magazin, in diesen ›realistisch-romantischen‹ Bazar tun müssen. Ach! da werden sich sehr merkwürdige Folgerungen in das helle Licht des Mittags stellen. Dabei habe ich also die Literatur stillschweigend als einen Spiegelsaal der Zeit, der jeweiligen Gegenwart, erachtet und betrachtet – ist sie das auch in Wirklichkeit? Kann sie das überhaupt in kritisch zusammengedachter Flächenbreitheitenfülle sein? Ach! Und warum denn wieder ›Literatur‹ und immer wieder ›Literatur‹? Und in der Regel nur ›schöne‹, ›schöngeistige‹, ›belletristische‹ Literatur? Oft genug aber auch und beinah noch fürtrefflichere ›Fach‹-Literatur? Und die lobesamen und lobsäligen Kompromißspößlinge, so da aus Bequemlichkeitsgründen oder infolge demokrätelnder Popularisierungsbestreberei auf den feisten Grenzlinien zwischen Kunst und Wissenschaft wachsen, grünen und gedeihen? Diese Feuilletons, Skizzen, Essays, Plaudereien, diese Kommentare, Kritiken und tiefsinnigen ›Untersuchungen‹ –? Nun ja! wir leben in einer ›gewerblichen Zeit‹ – und alles wird eben geworben, vom ›Publikum‹ benötigt, um dieses wohltuende Wort einmal zu gebrauchen, wird von demselben Publikum mehr oder weniger dankbaren Herzens verkonsumiert, bei welcher Gelegenheit ich übrigens vorschlage, daß die deutschen Dichter und Schriftsteller von den Tinte- und Stahlfeder-Fabrikanten eine Privatkapitalrentensteuer endlich einmal zu erheben sich angelegen sein lassen möchten – indessen! ich werde selbst ›feuilletonistisch‹ weitläufig und ›unsachlich‹ – vielleicht, weil ich meinem Thema gegenüber noch herzlich unsicher bin? ... Nun denn: Wie stände es mit der ›Unsicherheit‹, als einer nur zu charakteristischen Eigenschaft des ›Übergangsmenschen‹? Also erschaute ich mich selber als einen – – und was fingen wir nun mit den armen ›Kandidaten der Zukunft‹ an? O Dostojewski, gib ihnen, gib jenen – man weiß, wen ich meine – oder wenigstens du weißt es, wen ich meine, Einziger, Einzigster, Unvergleichlicher, gib ihnen die Instrumente deiner abgründigen Psychologie: jenen allen, die da mitreden wollen und nichts, aber auch gar nichts erlebt haben –: diese Sklaven der Objekte, die immer wohnen geblieben in der Zwang- und Tributsphäre der Dinge, der Phänomene, und damit aller Probleme und Konflikte sich entschlagen haben – nur der hat das Recht, die individuale Legitimation, sowie die soziale Befruchtungsquelle in einem, Sklave der Objekte zu werden und, als Produkt folgerichtig unausgleichbar fortschreitender psychophysiologischer Entwicklung, Sklave zu bleiben, der die Kunst besessen, es nicht a priori zu sein! – gib ihnen deine natürlichen Bohrer, deine übernatürlichen Wünschelruten, deine Fahrstühle mit ihrem prachtvollen Federwerk, das aufschnellt und festpreßt, sollte wirklich mal ein kleiner Strick oder gar ein Tau reißen – und sie werden – nun? Ihre Hände seien zu ungeschlacht? Ihre Finger zu plump? Aber sie ahnen doch alle, sie ahnen doch, daß etwas ›Neues‹ in den Wehen oder mindestens in den Vorwehen liegt? Und doch nicht so ein bißchen, so ein ganz kleines bißchen Kompliziertheit unterkriegen können? Aus welcher Wiege dieser Fadenwirrwarr nur stammt? Und warum ihn ›allgemeinverständlich‹ machen wollen? Es ist ein so auffälliges Unterfangen. Einer, der geschichtlichen, geschichtsphilosophischen Geist im Leibe hat, muß sich immer isolieren – ›da gibt's keenen Ruß‹, wie der ›helle‹ Sachse sagt. Man kommt von sich immer auf die Vergangenheit der Menschheit, vielleicht auf die der Kulturmenschheit nur, aber eben doch auf die Vergangenheit. Und es ist so viel, so sehr viel schon vergangen in der Welt – das muß man erst einmal begriffen haben. Man sollte es wirklich nicht zu einer Plastik der Abstraktion bringen können? Immer nur historische Persönlichkeiten? Immer wieder Objektskult? Langweiligste Hero-worship? Und doch ist alles vor der letzten Instanz furchtbar gleichgültig. Wie du erlöst sein willst, d.h. wie du dich loswerden mußt: darauf nur, auf diesen Pol allein hat man dich losgelassen. Warum denn nur immer Wurzeln treiben wollen? Es gibt doch auch Knollengewächse mit aufgespeicherten Ernährungssäften. Ja! Ja! Man hat dich nur losgelassen, du ›willensfreier‹ Mensch! Armer Kerl! Also spukt schon wieder einmal das Problem der ›Willensfreiheit‹?

Eines Tages übertrumpfte irgendein altvorderisches Wesen das simple Konstatieren durch das geistreichere Zählen. Man entdeckte eine jeweilige Über- resp. Unterzahl der Erscheinungen, an denen man geworden war und weiter wurde. Damit war der Anfang der Züchtung eines Organs zum Ergreifen und Begreifen der formalen Potenz des Problems gemacht. Wir fragen heute nicht mehr: ist der Wille ›frei‹ oder ›unfrei‹? Wir fragen: wie kam man überhaupt dazu, den Willen für ›frei‹ oder ›unfrei‹ zu erklären? Was wissen wir von der Geschichte unseres Verhältnisses zu dem Problem? Ist das etwas Neues? Eine neue Betrachtungsweise der Dinge? Sind das die Keime einer neuen Weltanschauung? Schicken wir uns an, den Phänomenen gegenüber – Phänomenalisten zu werden? Die Analyse, als Tochter der Synthese, ist Sukzessivität. Die Synthese selbst? Vielleicht nur die in ihrer Intensität, Qualität und Polarität von der persönlichen Beanlagung, den persönlichen Bedürfnissen des Einzelmenschen abhängige Auswahl aus den analytisch gewonnenen, d.h. sukzessiv konstatierten ›Inhalten‹, wie die ›Jüngsten‹ des philosophischen Deutschlands zu radebrechen wagen? Heißt ›empirisch sein‹ – vielleicht nur: Massen sehen, intellektualisiert sein, vor der Synthese auf dem Bauche liegen? Und der ›Wille‹? Die vitale Urpotenz? Begriffen wir das Sein, d.h. könnten wir es konstatieren, wenn wir nicht ganz gemütlich geworden wären? Ist Sein nicht Dionysionismus, wie Nietzsche sagt – natürlich Dionysionismus cum grano salis –? Also Phänomenalismus? Aber Phänomenalismus des Willens? Und der ›Pessimismus‹ Produkt und Speise zugleich der intellektualen Pubertät? Begreift man nun, warum vorwiegend die Jugend ›pessimistisch‹ ist? Die Jugend mit ihrer Kraft, ihrer Gesundheit, ihrem breiten, strapazenwütigen Rücken? Der Wille will, will absolut, will als Unbewußtes – und wir begreifen doch nur den absoluten Willen seines Unbewußtseins als intellektualisierte Willensdargestelltheiten? Also erst, wenn wir schon einen sehr starken Dunst von aller irdischen Grenzenhaftigkeit bekommen haben –? Wir konstatieren Objekte; wir konstatieren vermittelst synthetischer Auswahl ein dem Willen wesenszugehöriges Bestreben zur absoluten Freiheit und Grenzenlosigkeit, zum ungehemmten Sichausströmen, Sichausleben zum Sein ›an sich‹ – und daraus sollte kein Zwiespalt, eben kein ›Pessimismus‹ in den Pubertätszeiten des Intellekts aufschießen? Es kann einfach kein Mensch sein ganzes Leben lang ›Pessimist‹ bleiben, aus den simpelsten Wachstums-, d. h. persönlichen, psycho-physischen Fortsetzungsgründen nicht: der aber, welcher einmal ›Pessimist‹ bis zum Rande hat sein dürfen, hat damit den Vorbesitz ganz außergewöhnlicher Lebenskräfte bewiesen, was natürlich nie einer aus dem Heerbann der armseligen Oberflächler, d. h. der beklagenswerten Frühgeburten des Intellekts, kapieren wird, weil er es eben bei dem sotanen Zustande seiner menschlichen Zusammengesetzheit nicht kapieren kann. Das ist eine Tatsache: sehe jeder, wie er sich privatim mit ihr abfinde. Was heißt aber: sich mit etwas abfinden? Über etwas hinauskommen wollen? Nur: im Spurennetze der Assoziationen ein neues Geleis furchen? Nur: etwas mit brutaler Erfahrungskaustik in den Vordergrund schieben? Nur: sich von einem Neuen hypnotisieren lassen, um etwas Älteres darüber zu vergessen? Weiter nichts, als Gelegenheit für die Vollziehung eines neuen Identitätsaktes schaffen? Das wäre also der Kern aller ›Erlösung‹: das willenspotenziale Einssein? Aushängung ganzer Gliederfluchten von Zwischenobjekten –: einem letzten, höchsten, allerhöchsten Quintessenz-Objekte gegenüber? Einem Sein, einem Gott, einem Nirwana, einem Nichtsein gegenüber? Oder gar zuliebe? Warum aber über Millionen Mittelköpfe hinweg eine letzte Instanz erheben? Wäre das auch bloß der synthetische Auszug einer Quadratwurzel? Also ein Kunststück, die Funktion einer Kunst? Somit alles, was ›Religion‹ heißt, Erzeugnis, Resultat einer menschlichen Kunsttätigkeit? Ein Fragezeichen nach dem anderen – es ist gräßlich – nicht? Wo liegen die Anfänge der Kunst? Und was besteht vor unseren ›modernen‹ Augen noch als Kunst? Unterscheiden sich – vielleicht heute nur noch? – Kunst und Wissenschaft durch die Art ihres Gebärens oder durch die Wahl ihrer Motive? Ist ›Wissenschaft‹ vielleicht nur ›Wille zur Macht‹ über die Objekte – ›Kunst‹ Wille zur Macht über den Willen, der von seinen Hemmungen erlöst, also –: ›idealisiert‹ dargestellt werden soll? Nein! Nein! Es liegt durchaus keine Contradictio in adjecto vor. Man erwäge nur: Der Wille zur Macht über den Willen: ist er als etwas anderes möglich, denn als intellektualer Koeffizient des Gefühls, das doch wiederum nur unbewußt gewordener, d. h. intuitiv tätiger Intellekt ist? Rubriken, Provinzen des Geistes finden; Schemata aufstellen; deutsames und deutbares, dem Individuum kongruentes, kongeniales Material schaffen: läuft darauf nicht alles heraus? Nun, ich denke: ich habe vorläufig der Fragen wenig gestellt, übrigens auch manche Antwort gegeben, sollte sie hin und wieder auch zwischen den Zeilen stehen. Überhaupt liegt es mir zunächst gründlich fern, breitspurige Erntewagen voll neunmalkluger Antworten durchs sperrangelweit geöffnete Hoftor bugsieren zu wollen. Manchmal ist nichts langweiliger, als das. Manchmal ist allerdings auch nichts kurzweiliger als Fragen zu beantworten, die aus Furcht oder aus Feigheit, überhaupt nicht einmal offiziell gestellt werden. Ich gerate somit der Frage ›Was ist ein Philister?‹ in die Hände. Man hört heute das Wort ›Philister‹ so oft – beinahe wird man schon mißtrauisch gegen Leute, die es aller Nasenlang in den Mund nehmen und alles, was gelegentlich mal nicht in ihren Kram paßt, mit dem Stigma ›Philister!‹ zu brandmarken suchen: als ob nicht der am lautesten zu pfeifen pflegte, der sich heimlicherweise fürchtet! Ich will einmal – und warum sollte ich nicht? – im Kathederjargon der ›Fliegenden Blätter‹ weiter reden – da wird man mich schon besser verstehen und ›wegkriegen‹, was und wie ich dieses dunkle ›Was‹ meine. Also: Auch Siegfried hatte, um aus dem Bilde zu fallen, seine Achillesferse, d. h. sein Fleckchen, sein Räumchen bösen Gewissens – leiden wir nicht alle an ›bösem Gewissen‹? – Da findet das Stethoskop der Psychologie seine Ernte. Unser ›böses Gewissen‹ objektivieren: tun wir etwas anderes, als dieses, wenn wir unserem ›Nächsten‹, gewöhnlich dem ersten und besten Nächsten, d. h. demjenigen, so sich am vorzüglichsten nach unserer Erfahrung dazu eignet, eine in uns selber tätig gewesene ›Schuld‹-Sphäre anschwindeln, wenn wir also sehr ›altruistisch‹ sind ... und für uns selber Charpie sehr nötig haben? Ach! Ihr armen bajuvarischen Marterls, ich verstehe euch! Auch eine ›Willensübertragung‹. – Aber die Übertragung eines bestimmten Willens: unseres Willens zur ›Schuld‹ eines anderen! Weiter nichts, denn die Betätigung unserer sozialen Grundnatur. Allenhalben nur soziale Kreise in konzentrischer Befehdung. Die Geschichte vom ›Egoismus‹ ist in der Tat halb und halb ein Märchen: denn ist nicht das Individuum auch nur eine Zellenverbindung, also eine soziale Staatsrepräsentation? Ich bitte das übrige auf diesen Punkt Bezügliche in Preyers ›Die Seele des Kindes‹ nachzulesen und sich dito die Geheimnisse der Pflügerschen ›Rückenmarksseele‹ zu Gemüte zu ziehen. – Sonst behaupte ich, ist ein Philister ein Mensch, dessen Organismus von einem zu mageren und dürftigen Willensfluidum gespeist wird, um Identisches einmal in Prädikat und Objekt zu spalten, als daß die Intellektualisierung dieses Willens, seine Umsetzung in einen Mechanismus (Reflex-Apparat), nicht verhältnismäßig sehr früh erfolgen sollte. Der ›Philister‹ ist der geborene Phänomenalist; der naiv-raffinierte, d. h. der die Retina durch das Gehirngrau dankbar bestätigende Synthetiker; der Mann der ›Real-Politik‹, der ›Logik der Tatsachen‹; der Heros des Kompromisses – der Philister ist der Mann ohne produktive Phantasie, wobei ich unter ›Phantasie‹ eine durch eine reiche Objektswelt zu flüssigstem, mühelosestem Arbeiten gestimmte Assoziationskraft – und unter ›produktiver‹ Phantasie die Fähigkeit verstehe, einer Erscheinung auf den Grund zu kommen, ihre Quintessenz zu finden, nach einer bestimmten Richtung hin den letzten Schluß zu ziehen. Das ›Wesen‹ eines Dinges erschließen, bedeutet nur: seine ursprünglichste, einfachste, praktischste Form zurückentdecken: diejenige Form, welche am leichtesten überzeugt; bei welcher der ursprüngliche Zweck, Ermöglichung der verhältnismäßig ungehemmtesten Offension – am klarsten hervortritt – bedeutet nur: die Keimzelle einer (bestimmten) Bewegung auffinden. Bewegung und Ruhe: wir sind mitten im Ereignisleben der Mechanik, der Statik. Sein ist ungehemmte, also in letztem Grunde zweck- und ziellose Offension, wenn ich diese paradoxe Zusammenkoppelung wagen darf – ›Teleologie‹: anthropomorphische Übertragung. Erst nachdem der Mensch pragmatisiert war, anthropomorphisierte er. Werden, ›Leben‹: beanstandete, von den ›Objekten‹ beeinträchtigte Offensive. Und doch wird ›Subjekt‹ und ›Objekt‹ nur eins –: Eins sowohl in einem neuen, perzeptiven Identitätsakt, wie eins im Erinnerungsakte, im eigentlichen ›Ideenleben‹, in der assoziativen Sphäre, dem Werkzeuge der Apperzeption, in der immanenten Gedankeninzucht. Daß wir uns selber nur als Objekt vorstellen können, zwingt uns zu dem Schlusse, daß wir nur an Objekten geworden, durch Objekte intellektualisiert sind, daß ›Objekte‹ also realiter existieren – selbstverständlich ist die Anerkennung einer ›Realität‹ auch nur Deutung, Formel, Symbol. Der letzte Schluß, der auf diesem Wege liegt, kann nur der sein, daß die Einheit, die Synthese an sich das Prius der Vielheit ist – daß die Rückkehr zur Einheit, zum Nichtwissen – tat twam asi!, ›aus Mitleid wissend‹, besser: ›aus Mitwissen leidend‹ – daß der Wille zur Rückkehr das Lebensprinzip der intellektualisierten Vielheit, also identisch ist mit dem Daheimwollen, mit dem Dableiben-wollen um jeden Preis. Nur im Werden können wir das Sein oder das Nichtsein, was ja dasselbe ist, wollen – ›Wollen‹ als neutrale ἀνάγκη, als ›dira necessitas‹ genommen. Das also wäre das ›Geheimnis des Lebens‹, das ›Rätsel des Todes‹ ... das also wäre zugleich unsere ›Schuld‹, unser ›Verhängnis‹, wäre der ›Fluch‹, der auf uns lastet? ›Hemmung‹ bedeutet Leben, Erfahrung, Schmerz, Intellektualisierung: das Wort muß leider immer wiederkehren. Aber nur in den mannigfachsten Vielheiten und Zusammengesetztheiten sind die Willenspotenzen – man mag hier auch an ›magnetische‹ Strömungen, ›magnetische Atmosphären‹, meinetwegen auch an das Reichenbachsche ›Od‹ und an die hierher gehörigen Resultate Mesmers, Braids, Pertys u. a. mit denken – sind allso die Willensmassen in die Gehäuse der einzelnen Individuen, menschliche Individuen vorausgesetzt, eingegangen. Vererbtheiten und persönliche Objekts-Erfahrung bedingen die gesamte Eigenart der Entwicklung. Ich will hier auf den Schopenhauerschen Gedanken, daß der Wille, das eigentliche und eigentlichste ›Ding an sich‹, sich in der Ausbildung der Organe, also auch des Nervensystems, manifestiert, nicht weiter eingehen – jedenfalls aber betreten wir jetzt die Bezirke des psychophysiologischen Abhängigkeitsprozesses. Der ›vierte Stand‹, die Jugend der Menschheit, ins Ganze gefaßt, das vielleicht mit Hauptbetonung der national-ökonomischen Seite, stellt die noch verhältnismäßig reinste Willensmasse dar. Im ›dritten‹ Stande, in der Bourgeoisie – hier ist verhältnismäßig größte Intellektualisiertheit, verhältnismäßig größter Reichtum an Objekten, Verbrauch von fast allem verzehrbar gewesenen Willensvorrat: man wird den ›Tropus‹ passieren lassen. Natürlich ist das alles nach dem Prinzipe der Individuation differenziert, versonderlicht zu denken: so ergibt sich, so ermöglicht sich eben eine ungeheuere Masse von dargestellten Einzelmischungen. Nachhaltigste Willenspotenz, also verhältnismäßig größte Intellektualisierbarkeit und wirkliche, durch günstige Verhältnisse – außergewöhnlich reich dargebotene Objektswelt – gewährte Intellektualisierung bürgen für die verhältnismäßig größte Anzahl von Neutralisierungsakten: von Seins-Erlebnissen im Flusse des Werdens. Hier stehen wir an den Quellpunkten der Ethik, der Ästhetik, mit ihren Projektionen in die Welt der Erscheinungen, der Materiellen, also im Grunde in die Welt der National-Ökonomie. Noch am ehesten und zahlreichsten sind reine Seins-Erlebnisse im Bereiche des Erhabenen möglich: dort, wo der Wille des Individuums, ich möchte fast sagen, absolut gebunden wird. Das ›Schöne‹ neutralisiert den Intellekt, bestätigt also den Willen, gibt sich als das einfach, als das schlechtweg bejahende Prinzip, ist also das jeweilig Nützliche, Praktische, Untersäulende, Weiterführende, und das in superlativer Nachdrücklichkeit. Ich wiederhole: nur in den Wirbel- und Wirrwarrzonen des Werdens sind strengere und strengste Seins-Erlebnisse möglich. Nietzsche bemerkt sehr korrekt am Schlusse seiner ›Genealogie der Moral‹: Wir wollen (müssen) alle lieber das ›Nichtsein‹ wollen, als das Sein nicht wollen. Was wäre demnach das wirkliche Wesen des ›Tragischen‹?

Ein Unglück in gewissem Sinne bleibt zunächst das (psychophysiologische ) Gelähmtwerden immer, ob es nun ganz, d. h. durch den ›Tod‹, geschieht, oder nur teilweise, also ein äußeres Fortleben in bedingter Breite gestattet. Aber warum nennen wir dieses Gelähmtwerden ›tragisch‹? Ist der betreffende ›tragische Held‹ nicht eingegangen in das Reich der Gebundenheit, der allseitigen Ausgeglichenheit? Ist er nicht zurückgekehrt zum ›Willen an sich‹? Indessen: ist es ihm noch gegeben, die Poesie des Übergangs ein zweites, ein drittes, viertes, fünftes Mal zu genießen –? Nur in halbverlorener Nüchternheit verstehen, umfassen, besitzen wir die Ekstasen des Rausches. Die Wollustpoesie des Übergangs: das reicht mit seinem Wurzelfaserwerk tief, tief in die seelischen Abgründe des Menschenkindes, des ›Menschensohnes‹ hinab. Auch eine Hindeutung übrigens auf das tragisch-komische Schicksal des ›Übergangsmenschen‹ im Ganzen. ›Furcht und Mitleid‹ hat man auch dieses Mitleiden, dieses Mitwissen, diese Sympathie, diese ausgelöste Welt von Schmerzen und Wollust genannt. Doch im Verlaufe von zweitausend Jahren ist die Menschheit, die eben dadurch, eben damit ›Kulturmenschheit‹ geworden ist, so tapfer intellektualisiert worden, daß wir uns alle als vom ›Toback‹ des ›Sokratismus‹ und ›Apollinismus‹, wie Nietzsche sich ausredet, bräunlich angeraucht begutachten müssen. Und doch hat es zweifellos einmal ›Neurosen der Gesundheit‹, hat es einmal eine Menschheit mit zermalmungswütigsten Raubtierinstinkten, hat es einmal eine Periode eines schweren, dunklen, düsteren, tragischen Dionysionismus gegeben – derselbe Nietzsche vermutet das ganz mit Recht. Da ließen sich noch verhältnismäßig sehr wenige Objektsfahrzeuge auf dem breiten, stolzen Strome des ureingeborenen Willens blicken. Da gab das Leben die Blütezeit der mechanischen Tragik her, es lebte nur ein absolutes Schicksalswalten, es lebten sicherste, vorbestimmte, unentrinnbare Führungen. Es ist sehr nachdrücklich zwischen dynamischer und mechanischer Tragik zu unterscheiden. Vertikales Hinabschießen in den Tod: wie glücklich ist der, dem es eine einfachere, mediokratische Naturanlage gestattet, gewährt. Die berühmte Schopenhauersche ›Fallhöhe‹, die der arme Tragische bald besitzen soll, wird nur zu oft, wenigstens in den Augen schärfer und tiefer und eigenartiger Sehender –, durch eine jämmerliche Mittelmäßigkeit des seelischen Organismus paralysiert. Die Griechen stellten die mechanische Tragik, so da verhältnismäßig ungebrochenen, naiven Menschenkindern passiert, am reinsten dar. Wir, wir ›Modernen‹, sollten wohl nun nachgerade endgültig bei der dynamischen Tragik angekommen sein: wir um Unübersehbares mehr gespaltenen, differenzierten, intellektualisierten Geister. Dagegen treibt sich unsere ganze Dramatik – die historische immerhin noch mit einem gewissen Rechte – in Mischlingsbezirken herum. Allerdings! ich vergesse immer wieder, daß Naturen, die als dargestellte (Christallersche) ›Gegengesellschaft‹ sich eben im Gegensatze zur Masse, deren Prinzip natürlich nur die Massenerziehung sein kann, entwickelt haben – daß diese allgemeiner begriffener Typus und fruchtbarer Sauerteig erst unerkleckliche Zeitläufte später, als die Stunde der jeweiligen Gegenwart anzeigt, werden können. Der tragische Konflikt, welchen Dramatiker ältesten, älteren, neueren und neuesten Schlages zur Achse ihrer Dichtungen machten und machen: er ist fast immer der konventionellen moralischen Sphäre entnommen: in der Regel handelt es sich innerhalb harmloser, einfacher Menschen um halb simple Zwiespältigkeiten, zu denen ich allerdings auch einen ›Pflichtenkonflikt‹ wie zwischen Liebe oder Freundschaft einerseits und Vaterland andrerseits zu zählen wage. Und wo wirklich einmal der Versuch gemacht wird, einen Griff in ein zusammengesetzteres seelisches Leben zu tun, wo mithin weniger eine gesellschaftlich-moralische ›Prinzipien‹-Tragödie, mehr eine sog. ›Charakter‹-Tragödie herauskommen soll: wie sind doch in der Regel die ›Helden‹ auch dieser Tragödien alles andere mehr, denn wirkliche ›problematische‹ Naturen, alles mehr, denn Menschen also, die an dem Widerstreit zwischen persönlicher Anpassungsfähigkeit und jeweiliger, durch eine bestimmte Objektsgruppierung geforderter, bedingter Anpassungsnotwendigkeit zugrunde gehen. Abgesehen von Kleists ›Prinzen von Homburg‹, behandelt eigentlich nur Dostojewskis großes tragisches Epos ›Raskolnikow‹ einen echt dynamisch-tragischen Konflikt. Was für rührend einfache und harmlose Gesellen sind aber nicht diese Fausts, Hamlets, Wallensteins! Was für ein armer, dummer, erzdummer Teufel ist nicht dieser Mephisto! Wie stinkt er nicht patent nach dem bewußten Eklektizismus Goethes, von dem alle Goethe-Interpreten so voll, d. h. so überzeugt sind. Also ich will im Grunde nur ›abnorme‹, psychologische‹, ›pathologische‹ Menschenkinder, ›psychiatrische‹ Motive? Warum nicht? Was sich da innerhalb eines bestimmten Rahmens ereignet, ist ja nur mehr oder weniger zufällig: was sich aber in der innerlich notwendigen, notwendig gewordenen Fortsetzung eines gleichsam doch nur improvisierten Beginns noch ereignen könnte: das ist das Unheimliche, Beängstigende, Einschnürende. Die Ungewißheit, wann endlich die Objekte aufhören werden, im Intellekt den Willen anzurempeln: sie lastet auf uns, sie erdrückt uns, sie löst das tiefste Mitwissen und das tiefste Mitleiden aus; sie ist der überwundene, also intuitiv tätige Intellekt, der uns die Kraft gibt, der Sehnsucht nach dem Tode zuliebe das Leben auf uns, weiter auf uns zu nehmen. Wenn auch momentane Dispositionen annehmender oder abweisender Art, und psychophysischer Sonderzustände, stockendes Gefühlsleben, Objektsüberreizungen usw., unter Umständen das innige Verhältnis für ein aufgerolltes Ausnahmeschicksal trüben können: so sind es doch wiederum nur die Naturen, nur diese reicheren Naturen mit breitester Willensunterlage und ausgebildetstem Saugapparat für die Bewältigung der Phänomene, so sind es doch nur diese Besserweggekommenen, sage ich, welche sich das Wesen des betreffenden tätigen Organismus (oder Mechanismus) anzueignen, die es sich zu deuten imstande sind. Deutung aber, unter Umständen sehr private, sehr persönliche Deutung: sie ist sowohl das formale, wie das inhaltliche Prinzip jeder Weltanschauung: individuelle Schranke, Freiheit, Notwendigkeit, Knechtschaft, Waffe und Achillesferse, Erlösungskoeffizient und Nessusgewand; Ausdruck, Projektion, Dargestelltheit des psychophysiologischen Entwicklungsprozesses.

Endlich also einmal ein ›Absatz‹, ein Aufatmen nach dieser endlosen Dialektik individual-typischer Proportionen. Wie vielerlei ist nicht schon berührt, gestreift, erwähnt, berücksichtigt und auch – abgetan worden! Jawohl! Gott sei Dank, auch das. Doch manches flatternde Stückchen Altweibersommers ist allerdings noch um einen würdigen Baumstamm, um ein Kirsch- oder Äpfelbäumchen zu legen, oder an ein mit roten Pfaffenhütchen besetztes Zweiglein, an eine schwarzbraune Brombeerhecke loszuwerden.

Ich wiederhole meine Eingangsfrage: Sind es zweierlei Arten von Menschen, die ›Übergangsmenschen‹ und die ›Kandidaten der Zukunft‹? Eine prinzipielle Sonderung läßt sich in der theoretischen Beantwortung der Frage natürlich ebensowenig vornehmen, wie es schwerlich jemals in Wirklichkeit eine schneidend genaue Zweiteilung der Menschen nach dieser Richtung hin geben wird. Ich nenne vorderhand schlechtweg denjenigen einen ›Übergangsmenschen‹, der von dem Neuen, Kommenden so viel weiß, daß er, ein gleichsam neutrales, neutralisiertes Instrument seines Atavismus, das Künftige, Zukünftige ebenso fürchtet, wie erhofft. Ich denke hierbei zunächst an den Mann – und zwar an den Mann, der auf dem Höhepunkte seiner Entwickelung, also auf der sog. ›Mittagshöhe des Lebens‹ steht, d. h. der an demjenigen Punkte seines Lebens angelangt ist, wo die Spitze der Pyramide der Jugend mit derjenigen der Gegenpyramide des Alters zusammenstößt, wo also die relativ größte Einseitigkeit, Verengung, Gebundenheit erreicht; die relativ größte Kraftzusammenspannung und Kraftsparungstendenz vorhanden; – wo die Willensmasse, die zur Verfügung gestanden hat, so gut wie aufgezehrt ist; wo das Willensleben der Jugend, die dargestellte Brechung an den Objekten, gleichsam endlich selbständig, selbstbewußt, bewußt mit sich, identisch, wo sie ein einziger, großer, erlebter Apperzeptionsakt geworden ist, welcher, an sich Drama und Peripetie im Drama zugleich, sich nachher in die epische, vorzugsweise intuitiv tätige Auflösung des Alters verläuft. Natürlich sind diese psychophysiologischen Entwicklungsabschnitte in jedem Individuum andere, besondere, eben von der Gesamtveranlagung des Individuums abhängige. Das Bild von den beiden Pyramiden ist somit nur durch das spekulativ gewonnene Durchschnittsmittel, zu welchem jeder Einzelmensch sein bestimmtes Verhältnis besitzt, gerechtfertigt. Der ›Übergangsmensch‹ ist also zunächst ein Opfer seiner Geburt, d. h. von den äußeren Zufälligkeiten seines Alters und von der Verfassung, in welcher sich jeweilig bestimmte Zeitläufte hindurch seine engere und weitere Umgebung befunden hat, abhängig. Der ›Kandidat der Zukunft‹ ist demnach vorzugsweise der Mensch, der seine ›Reife‹ in der umgeordneten Gegenwart, also in der Zukunft, erleben; der von den Gegenständen, den Inhaltserscheinungen der Zukunft seine eigentliche Intellektualisierung erfahren; dessen Rückwirken auf die Objekte, dessen praktische Lebenstätigkeit mithin, in der Zukunft und von ihr ausgelöst werden wird. Ich betone immer wieder die psychophysische Gesamtveranlagung des Einzelmenschen, von der für seine Stellung zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht weniger, denn alles abhängig ist. Ich schalte hier ein, daß sich abstrakte Systeme, welcher Art sie auch sein mögen, ob rein psychologischer Natur oder von angewandter Psychologie, also ästhetischen, ethischen, völkerpsychologischen usw. Charakters – warum nimmt unsere Zeit das harmlose Wort ›Völkerpsychologie‹ nur so ungern in den Mund? – daß sich solche Systeme also nur aus spekulativ gewonnenen Durchschnittsmitteln ergeben, daß in der Praxis jedoch alles nur äußerlich auf Schablone, Einordnung, Anschluß, innerlich dagegen auf brutalsten Nihilismus hinausläuft – in welchem Nihilismus sowohl bewußt behauptete, nachdrücklich festgehaltene, weil für das Fortbestehn des Individuums notwendige Eigenart, wie stumpfsinnigste Gleichgültigkeit, absolute Verkrustung, totale Unauffurchbarkeit, enthalten und beschlossen sind. Am unglücklichsten sind diejenigen Naturen, die halb ›Übergangsmenschen‹, halb ›Kandidaten der Zukunft‹ darstellen, darstellen müssen: Zwillings- und Zwielichtsgeschöpfe mit gar nicht übler, mit ganz respektabler Willensunterlage sogar; gut intellektualisiert, auch noch vielfach intellektualisierbar; mit sehr scharfen Geruchsorganen ausgestattet, zum Erfassen dessen, was ›in der Luft liegt‹, was sich ankündigt; die Nöte der Zeit teils intellektuell gesondert studierend, statistisch-wissenschaftlich konstatierend, im einzelnen zu heben, zu beseitigen suchend; teils aus heftigstem Willensidealismus heraus sie im Tiefsten mitfühlend, unter den allgemeinen sozialen Drangsalen mitaufstöhnend – und am Ende doch vor der Zeit, bevor die Zukunft sich nur in einem, sich nur in diesem und jenem erfüllt hat, zur Versöhnung geneigt, zur Versöhnung gezwungen – in ihrer psychophysischen Entwickelung, deren leitender Durchführungsträger unvermerkt doch das atavistische Moment geworden ist, dazu veranlaßt: einzulenken, einzumünden, mit den bewußten ›bestehenden Verhältnissen rechnen‹ zu lernen. Zu früh – d. h. nur im Hinblick auf das Gesamtgefüge der Zeit mit ihrem Debet und Kredit: für den einzelnen Menschen ist diese Entwickelung nur normal und über alles zweckmäßig, insofern sie die persönliche ›Erlösung‹ im großen Stile, darum also mit kleinen Abzügen und Lücken, darstellt – zu früh, sage ich, hat sich die Willensethik der Pubertäts- und eigentlichen Jugendzeit zur phänomenalistisch- ästhetischen Weltbetrachtung erweitert und erflacht, die Grenze, jenseits welcher, innerhalb der Sphäre des Erhabenen, große Seins-Erlebnisse möglich waren, ist unvermerkt überschritten worden; die Ära der intellektualen Toleranz beginnt; die Zukunft, welche ethische Hoffnungen heißesten Grades erfüllen sollte, um deren willen so oft und so gern jede Unzulänglichkeit, Enge, Kleinheit und Kleinlichkeit der Gegenwart ertragen wurde: sie hat fast ganz ihren Reiz verloren, und nur der unmittelbare Augenblick wird in ästhetischem Genießen zu erschöpfen gesucht; der polare Drang! in einem, in einem Großen, Ganzen, Vollen, Ungebrochenen still zu werden, ist unter dem Druck der wachsenden Objektswelt – deren Daseinsvoraussetzung ein Weiterleben schlechtweg, deren Folge nervöse Differenzierung ist – in das gezwungen-zwanglose Anerkennen von tausend Einzelheiten, die zusammen nur noch eine ästhetische Vielheit, aber keine ethische Einheit mehr geben, aufgelöst, zerspalten, zerfasert worden; die äquatoriale Sonnenwelt hat ihren Fanatismus dem Prinzipat der ausgleichenden Intellektswelt der gemäßigteren Zonen opfern müssen – kurz: aus den Bezirken des Willens, der Einheit, der Ethik, des Vorurteils, der Intoleranz, ist das Individuum in die breiteren, ebeneren, flacheren, stilleren, epischeren Bezirke des Intellekts, der Ästhetik, der Vielheit, der Vorurteilslosigkeit, der Toleranz getreten. Um diesem Gedanken sogleich noch eine kulturgeschichtliche Anwendung zu geben: das vorige Jahrhundert, das ›geborene‹ Jahrhundert der Gegensätze, hat, wie man weiß, u. a. auch in ›Toleranz‹ gemacht. Warum? Nun, die eine psychologische Kulturgeschichte der Zukunft wird dafür ihre ganz besonderen Gründe anzugeben wissen. Die Menschen tun alles widerwillig, störrisch – und aller Anfang ist lächerlich, schamlos lächerlich dann und wann. Ich denke dabei sowohl an Adam und Eva, wie an andere, ein wenig näher liegende, ein wenig später passierte Geschichten. Also: die Toleranz war als solche nur ein Formal-Prinzip der Zeit, des vorigen Jahrhunderts – ein Formal-Prinzip, das zwar vom Intellekt erkannt, ausgesprochen, ausgerufen, organisiert wurde, das aber nur psychologisch korrekt verständlich wird, wenn als sein Substrat die Intuition aufgefaßt wird, die sich eben in der intellektuell erkannten und von der ›Real-Politik‹ der Zeit praktisch angewandten Toleranz ein Ventil gegen den zunehmenden Intellekt schuf. Unsere Toleranz, die moderne Toleranz, ist kein Gefäß mehr, ist vielmehr selbst Inhalt, selbst Substrat geworden – aber wessen Substrat? Ich dächte, die Antwort läge nahe genug: der Bestialität, der Brutalität, mit der sich heute die ›Welt‹ auf ihren höchst-eigenen Leib rückt. Unsere Brutalität ist (intuitiv) angewandter Intellekt – und ein Ventil (als Ausdruck der ›Toleranz‹) dient nicht mehr dem Zwecke, die Luft, eine bestimmte Menge Luft, zu reinigen, sondern deren Verunreinigung indirekt zu legitimieren.

Ich habe oben den ›Übergangsmenschen‹ und den ›Kandidaten der Zukunft‹ gemäß der Leistungs- und Ausdrucksfähigkeit ihrer psychophysiologischen Natur kurz skelettiert – und als den ›unglücklichsten‹ Menschen den hingestellt, der eine disproportionale Mischung aus ideellen Bestandteilspunkten beider darstellt. Ich wiederhole: ›unglücklich‹ ist eine solche Natur nur insofern, als sie imstande ist, eine Zeitlang die Kraft auszulösen für das Ertragen des von ihr begriffenen Umstandes, daß sie den ethisch-sozialen Bestrebungen gegenüber, auf welche ihre Jugend gestimmt war, verhältnismäßig zu früh alt, d. h. ästhetisch, phänomenalistisch betrachtend, geworden ist. Hat sich diese Apperzeption erst einmal in nur noch intuitiv tätigen Besitz der Persönlichkeit umgesetzt, so ist es natürlich auch mit dem ›Unglück‹ im großen und ganzen vorbei. ›Ethik‹ ist die systematisch geregelte Lehre von den gegenseitigen Beziehungen menschlich dargestellter Verkümmerungen, vermenschlichter Fragmente. Es ist nichts rein, nichts ganz ausgeglichen innerhalb unserer vier Erdpfähle, man sagt auch: in der ›sublunarischen Ära‹. Im allgemeinen besitzt jeder von allem etwas ... und naturgemäß durchschnittlich ein gut Teil mehr nach der Seite der Anhängerschaft hin an das ›Ewig-Gestrige‹. Man hört heute oft genug von dem ›Proletariat des Geistes‹, von dem ›Nihilismus – des Geistes‹ reden. Der erstere Ausdruck betont das materiell-ökonomische, die zweite Münzung das ethische Moment des psychologischen Zeitproblems, das hier vorliegt. Ich werde im Verlaufe meines Buches noch näher auf diese beiden Darstellungsflächen des Problems zu sprechen kommen. Jetzt bemerke ich vorläufig nur, daß die Elemente, die hier in Frage kommen, der Mehrzahl nach zu dem Typus des ›Übergangsmenschen‹ gehören: angelockertes, vielfach auch produktives, allerdings zumeist nur sehr einseitig, sehr borniert produktives, jedoch im Grunde nur sehr widerwillig an den ›Tisch der Malkontenten‹ getriebenes Material, das sofort bereit ist, seine Rebellenflagge – vorausgesetzt, daß diese Menschen sotane Hyperbel überhaupt verdienen – einzuziehen, wenn ›man‹, d. h. wenn der Staat, d. h. eine Staatsanstellung, ihm die Objekte bietet, von denen es sich ernähren, an denen es seine ästhetisch-philiströs-kontemplative Weltanschauung großziehen und ausbilden kann. Immerhin steckt (oder stak wenigstens einmal) in diesen Mediokraten mehr, denn in jenen Geistern, die – absolute Untermittelschlagswesen – ihr bißchen Wille und ihr bißchen Intellektualisierbarkeit sauber zusammenhalten müssen, wenn sie überhaupt das Geleise, in welches sie von einer ›höheren Macht‹ – wie das nach Enge und Armut und atavistischer Dummheit stinkt! – hineingestoßen werden – wenn sie das einigermaßen glatt abrutschen sollen. Natürlich machen diese Leute immer die Mehrzahl jeder Generation aus. Ich werde ihnen noch einige Front- und verschiedene Seitenblicke in einem andern Kapitel dieses ebenso ehrlichen, wie querköpfigen und absichtlich ungerechten Buches widmen müssen. Die ›Ungerechtigkeit‹ ist auch ein Werkzeug der Selektion. Und nicht ihr dümmstes.

Jedes Individuum, und mag es ursprünglich noch so reich, glänzend und zukunftsgewiß beanlagt gewesen sein – Anlagen natürlich hier vorausgesetzt, die zur Erfüllung eines ›Ideals‹, wie ich es mir der persönlichen Darstellung würdig denke, – also jedes Individuum tritt im Laufe seiner Entwicklung, durch physische Ursachen dazu gezwungen, d. h. von diesen unvermerkt dazu übergeführt, in eine Periode der psychophysischen Abkühlung, Verengung, Erkältung, Vereinheitlichung ein. Jede Sondernatur ist sich natürlich selbst Gesetz, ist von den Bedingungen, unter denen sie geboren, ausgebildet, aufgerollt, unter denen sie fortbesteht, abhängig. Auch die Verästhetisierung einer Persönlichkeit ist eine Verengung, eine Vereinheitlichung – und hauptsächlich insofern, als mit dem zunehmenden Anerkennen der Objekte, der Objekte schlechthin, also mit dem Wachsen des ästhetischen Phänomenalismus, die Reizstärke der Empfänglichkeit für besondere, für neue Objekte abnimmt – und zwar in der Regel die Empfänglichkeit für solche Objekte, die, wären sie früher in die Kraftsphäre des Individuums getreten, demselben entsprechender gewesen wären –: welche Erscheinung eben mit dem ›tragischen Konflikte‹ identisch ist, den jedes Leben auf sich nehmen, darstellen, wenn auch zumeist unbewußt, d. h. ohne ihn apperzipiert zu haben, darstellen muß.

Die Bezeichnung eines ›Kandidaten der Zukunft‹ – meinetwegen rede man auch von ›Kandidatinnen der Zukunft‹: das soll mir gleich sein – verdient also vorzugsweise der Mensch, der jenes Sichverengen, jenes unvermeidliche Herabsinken der individuellen Temperatur, mit breiter, großer, ruhiger Gelassenheit und Sicherheit in Szene setzt; der imstande ist, sich die Organe seiner geistigen Empfänglichkeit verhältnismäßig lange frisch, flüssig, naiv, keusch zu erhalten; der das Vergessen gelernt hat ... und es der Mühe für wert erachten muß, sich dieser Kunst des Vergessens zuliebe ein Gedächtnis anzuzüchten –: der also genug persönliche Kraft und Gesundheit, persönliche Dauerhaftigkeit besitzt, um seine Entwicklung in ihrer ganzen kubischen Erschöpftheit wirklich tragen zu können; der jenen ›tragischen Konflikt‹, den gerade er früh, sehr früh, erkennt, begreift, durchfühlt, sich mit kühner Selbstverständlichkeit vollziehen läßt – und zwar sich vollziehen läßt, indem er ihn bekämpft; ... der ihn erfüllt, wo er ihn durch die dynamische Beweglichkeit seiner Natur zu ignorieren, ja! unmittelbar bewußt zu verneinen scheint. Zwar ist die Dialektik des Gedächtnisses auch von dem Jargon abhängig, den die Eingeweide sprechen, den der Magen, den die durchgeschwitzte Blutspeisungszufuhr spricht. Und eine Hauptkomponente seines Ichs besitzt jeder – um im Reiche der Kunst und bei drei bekannten Menschenkindern den Schritt anzuhalten: der Grundzug Goethes war epischer, der Wagners dramatisch-theatralischer, der Victor Hugos lyrischer Natur. So erhält alles von diesen Zentren seine bestimmte Brechung und Färbung, seine Beeinträchtigung, aber auch die Mitgift seiner besonderen Kraft, also seine Berechtigung, sein Daseinsrecht, seine normierte Lebensfähigkeit.

Ob ›Übergangsmensch‹ oder ›Kandidat der Zukunft‹? Das ist also zunächst ein rein psychophysiologisches Problem und ein streng individuelles dazu. Das Verhältnis des Einzelwesens zu den Grundbestrebungen der menschlichen Natur wird seinem Inhalte nach immer dasselbe bleiben – nur die Form des Prozesses ändert sich mit neuen Atomgruppierungen des Lebens. In den folgenden Kapiteln, die überdies zu manchem vorläufig nur angedeuteten Punkte Ausführlicheres enthalten und erbringen, wird die soziale Physiognomie unserer Tage mehr und mehr in den Vordergrund treten. Und allmählich wird die Diagnose über die Beziehung herauswachsen, in welcher die ›Philister‹ und ›Übergangsmenschen‹ zu den wirklichen ›Kandidaten der Zukunft‹ stehen. –

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