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Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 19
Quellenangabe
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typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Dämon des Neides

Ich versuche es wirklich, eine ›Kritik‹ über dieses Buch zu schreiben, womöglich noch eine ›Kritik‹, die sich Mühe gibt, recht ›sachlich‹, recht ›nüchtern‹ zu sein, recht ›korrekt‹? Die mit peinlich sauberer Gewissenhaftigkeit alle Vorzüge und Fehler des Werkes gegeneinander abwägt und dann einen hochweisen Endurteilsspruch zum besten gibt – ich habe auch nur im leise herangezittert kommenden Gedanken die Kühnheit, diesem Buche gegenüber in der kritisch-kühlen ›Contenance‹ bleiben zu wollen? – Dummheit, insipide Einfältigkeit! Mein Gott! Ja! ich weiß: ich bin überhaupt entsetzlich ›subjektiv‹ – alle phlegmatischen Heringsseelentanten und abgeklappert ausgemergelten Objektivitätsorakler, insgesamt ein idiotischer Eisblockklub der nie die Kraft besessen hat, sich von einem seelischen Erlebnisse bis in die letzten, feinsten, dünnsten Kanäle hinein elementar durchspülen zu lassen – sotanes Epidermgesindel räsoniert schon seit Jahren über diese traurige Tatsache – aber heute erst, noch einmal: diesem Buche gegenüber – allerdings! da schrecke ich beinahe selbst zurück vor meiner ›Subjektivität‹ – da – aber nein! ich schreibe keine Zeile weiter – auch heute nicht – dieses schmerzverzerrte Menschenangesicht macht mich schaudern – was? ihr lächelt, ihr grinst womöglich? Laßt's euch gut gehen, Kinder! Ach! Ihr wollt mich zwingen? Seht ihr denn nicht: ich verbohre mich ja nur – ich verbeiße mich ja nur in diese Kritik, um über sie die Erinnerung an ihren ›Gegenstand‹, an das, was sie ›behandeln‹ soll, loszuwerden – nicht? Das ist allerdings eine sehr neue Auffassung von literarischen ›Anzeigen‹, ›Referaten‹, ›Besprechungen‹. Was? Das habt ihr nicht gewußt? Scheint mir allerdings auch so. Wie oft nur habe ich schon angesetzt, um diesen ›Dämon‹ kritisch in irgendeiner Form, mochte sie ausfallen, wie sie wollte, unterzukriegen – immer wieder preßte ein unheimliches, schwüles, fiebrig zitterndes Fluidum meine Augen über irgendwelche Blätter dieses Buches, die ersten besten, die meine zuckenden Finger aufschlugen: ich sog mich fest, ich las mich fest, ich fand von neuem so ungeheuer viel schmerzlich erlittene Wahrheit, um so schmerzlicher zugeeignete Wahrheit, als ihr Erlebtwerden dabei immer zugleich künstlerisch beobachtet, registriert, für die spätere dichterische Verwendung und Darstellung, die dem berechtigt Schaffenden stets unwillkürlich und unbewußt selbstverständlich sind, gemünzt wurde – ich fand so viel Unheimliches der Seele, das sich gleichsam in alle Poren mit fanatischer Wollust einrieb, einschmierte ... so viel tief Verstecktes mit schmerzlichem Mute ganz durchgefühlt, heraufgeholt, gesagt, verknüpft: daß es mir eben immer wieder unmöglich wurde, mich so weit von dem Buche zu entfernen, daß die für die Kritik notwendige Perspektive dabei herauskam – daß ich immer wieder nur den einen Trost für den armen Dichter wußte, den einen allerdings für Herrn Walloth ebenso wie für mich selber sehr traurigen Trost: ich habe das Buch verstanden, Herr Walloth – ich danke Ihnen dafür – trotz alledem! ..

So! Nun wäre ich eigentlich fertig – und darum versuche ich, doch noch etwas ›sachlicher‹, doch noch etwas ›kritischer‹ zu werden. Worauf ich mich nun nicht in aller Behaglichkeit des längeren oder kürzeren einlassen könnte! Da ließe sich eine schwere Menge des buntesten Zeuges vorbringen, z. B. ein Vergleich zwischen Dostojewski (Raskolnikow) und Walloth aufführen – da ließe sich z. B. dieser Herr Bauder im ›Dämon des Neides‹ auf eine Vergleichs- und Übersichtsetagere mit den ›Helden‹ früherer Werke Walloths stellen, z. B. mit Paris dem Mimen, mit dem Gladiator oder mit Herrn Enger aus dem Romane ›Seelenrätsel‹ – da ließe sich z. B. auch ganz ernsthaft die Frage diskutieren, ob Herr Walloth dann nicht immer ›kränker‹, ›pathologischer‹, ›psychopathischer‹ geworden wäre mit der Zeit – oder ob nicht vielleicht das ›Pathologische‹ nur eine Nuance des ›Gesunden‹, des Normalen, Durchschnittsmäßigen ist – ob nicht mit dem Wachsen der Gesichts- und Gehörsschärfe hinsichtlich der Wahrnehmungs- und Reproduktionsfähigkeit von immer größeren Feinheiten und Tiefen der Psychologie nur eine andere Form, eine andere Erscheinungsart individueller Nervendifferenzierung gegeben wäre und damit eben so etwas, wie eine ›Neurose der Gesundheit‹, um mit Nietzsche zu reden? Da könnte man es des weiteren für nicht im mindesten beanstandenswert erachten, daß derartige psychologische Hospitalismen, wie sie in der jüngeren und jüngsten Literatur – und in der deutschen schließlich noch am wenigsten! – haufenweise herumlaufen, gerade modern, gerade dem Wesen einer schwülen, schwangeren Übergangszeit ganz und gar entsprechend sind! Da könnte man fragen, ob es denn wirklich immer noch Narren und Blödsinnsschädler gibt, die sich das ruchlos-groteske Märchen von der ›heiteren‹ Kunst aufbinden lassen? Ob das ›Gesunde‹, ›Normale‹ nicht vielleicht doch nur sehr abstrakt, ein sehr spekulativ gewonnener logischer Begriff und weiter gar nichts anderes sei? Ob wir nicht alle über unser psychophysiologisches Durchschnittsbefinden hinausgehen müssen, nach oben oder nach unten, wenn ein besonders nachdrücklicher Objektreiz uns trifft ... wenn die Pole unserer Gefühlswelt herausgefordert werden? Ob nicht das ›Gesunde‹ nur ein ›Kompromiß‹ sei? Ob wir denn nicht alle unserer sehr wenig sicher seien? Ob es denn nicht vielleicht sehr häufig nur ganz zufälligster Zufall sei, wenn eine ›Idee‹ sich nur individuell und nicht sozial verkrampft – denn leiden wir im Grunde nicht alle an ›fixen Ideen‹? Haben wir ein anderes Mittel, diese ›fixen Ideen‹ persönlich unschädlich zu machen, als den Versuch, sie zu sozialisieren? Heißt ›leben‹ überhaupt etwas anderes, als sich von einer sozialen fixen Idee, mag sie nun geistigen oder sachlichen Wertes sein, brutalisieren lassen? ... Das heißt: die persönliche, ererbte, atavistische Anlage zu idées fixes einordnen, unterordnen können? Wer das nun aber nicht so eins, zwei, drei vermag? Wer nun à la Rudolf Bauder Neigungen in sich verspürt, die mit den zu legitimen Gesetzen erstarrten Neigungen der Majorität karambolieren? Was dann? Der Richter und der Priester, der Pfaffe, der ›Gesetzeshüter‹ und der Monsieur ›Seelenhirt‹ sind mit ihren Protokollen gar flink bei der Hand! Soll der Dichter, der, sofern er nur ein echter Dichter ist, immer prophetische und verbrecherische Instinkte zugleich besitzt, etwa zurückbleiben? Manchestersportler, bidimensionale Rezeptivgeister – der moderne Jude ist immer nur eine kritisch-rezeptive Flächennatur – fratzen zwar an derartigen, bis zur Komik fadenscheinigen Geschwefeln ganze Popokatepetls – pardon! – zusammen, aber psychologisch recht behalten sie doch nicht. Walloth hat die dumme Angewohnheit, haarsträubend subjektiv, elementar, künstlerisch aufrichtig zu sein, er besitzt die sublimsten Sympathien für alles, was Poesie ist, das heißt: für Gefühle, deren wir uns allmählich bewußt werden – er besitzt überdies ein eminent scharfes und sicheres Tastvermögen für die feinsten und zartesten Ereignisse der Nerven-Psychophysiologie ... Wollte ich Beispiele anführen, müßte ich ganze Blätter aus dem Buche abschreiben. Nur den einen Zug markiere ich ganz kurz: Bauder ist, soweit es ihm gerade momentan möglich ist – denn hier löst sich alles in momentanes Stimmungsleben auf! – mit sich einig darüber geworden, daß er den Carl Unger aus der Welt schaffen will; er objektiviert sich laut sprachlich diesen Gedanken ... und bedauert das – welche psychologische Wahrheit: allerdings! man muß sie an sich selber erfahren und beobachtet haben! – hinterher sofort, denn er weiß, daß er sich mit der ausgelösten Projektion etwas Fremdes, Feindseliges geschaffen hat, dem er sich entgegenstellen muß, was er nur kann, indem er offiziell seine Berechtigung leugnet, wodurch er aber wiederum gegen das Grundmotiv, von dem sein gesamtes Seelenleben zuzeit beherrscht wird, verstößt: der psychologische Vorgang ist, wie man sieht, für den Wissenden ebenso einfach, wie für den kurzsichtigen und schwerhörigen ›Laien‹ verfitzt – und ja! wer wäre in der feineren Psychologie heute nicht noch ›Laie‹, besonders unter dem großen Publikum, dem unsere schweinsledernen Fabulantenschwerenöter jahrzehntelang so viele – Oberflächen gezeigt haben?! Wer wäre da nicht ›Laie‹? Ach! Gegenüber dieser nur zu korpulenten Tatsache Mut und Hoffnung zu behalten, will viel, will sehr viel sagen ... Nun! Wir werden uns nicht daran irre machen lassen: wir werden fortfahren, ›pathologisch‹ und ›psychopathisch‹ zu sein, wir besitzen die Kraft zu dieser Fortsetzung, wir haben eine kleine Ahnung von den Gesetzen der Nervenpsychophysik, wir wissen, daß das ›Gesunde‹ nur ein bestimmter Ausdrucksgrad des allenthalben positiven Abnormen ist – wir wissen Bescheid über das philosophische Problem vom Verhältnis des Objekts zum Subjekt und über das ethisch-ökonomische Problem vom Verhältnis des Individuums zum sozialen Verbande ... wir sehen in der ›Kunst‹ lieber ein Hospital, denn eine Apotheke – denn wir haben nur ein Ideal: Inhalt zu geben, Wahrheit zu geben, nicht Form, nicht Pathos – alles Pathos ist komplementär – nicht Surrogat, nicht Lüge, wohl aber Ursprünglichkeit, Impression, Intuition, begriffenen, erlebten, erfüllten Atavismus, Luxus im letzten Grunde, denn alle Kunst ist Luxus ... Auch Walloth gibt nur Wahrheit, unendlich verfeinerte, durchgesiebte, individualisierte Wahrheit. Aber von welcher heiß vibrierenden Atmosphäre werden nicht diese Millionen wie berauscht, betäubt, wie irrsinnig schwingender und doch zum psychologischen Sonderleben verselbständigter Atome umarmt, umgürtet, zusammengehalten! Im erotischen und im finanziellen Problem: in beiden hanget ja unser ganzes ›Gesetz‹ und sämtliche Herren ›Propheten‹ älterer und neuerer Ausgabe hangen dazu in beiden. Das finanzielle Problem, in ihm die soziale Erweiterung und Ausmündung: auch sie findet der Wallothsche Roman in der Schilderung des Näserschen Familienschicksals. Die Abgründe des sexuellen Problems – aber pardon! – ›Abgründe‹: es sind ja nur die primitivsten, selbstverständlichsten Seiten der Sache, die wahrheitsgemäß zur Sprache kommen: sie also erhalten eine größere, vertieftere Berücksichtigung, eine peinlichere Herauspräparierung, wie sie dem gewählten Motiv nur entspricht. Der Ehrgeiz Bauders, dieses im Grunde sehr harmlosen, gutmütigen Gefühlsmenschen; der Umstand, daß die Erkenntnis seiner Talentlosigkeit (als Maler) ihn umwirft, sein Neid infolgedessen auf Unger –: nun! Das sind ja für den Wissenden nur sekundäre, durchaus keine primären seelischen Erscheinungen, das ist ja nur angewandte Magendialektik oder angewandter Sexualismus – was Walloth auch tausendmal sehr fein psychologisch ausführt und darlegt. Die Szene zwischen Ottilie und Emilie, wo letztere der ersteren gewisse Mitteilungen macht ... und Ottilie zum ersten Male gewisse Eigentümlichkeiten des Lebens sehr nachdrücklich in die Hand gedrückt erhält; Bauders Unterhaltung mit dem Fleischerburschen, die Schilderung des Schlachthauses; Bauders Besuch bei Karoline, die in einer nicht gerade gewöhnlichen Verfassung von ihm auf dem Boden liegend gefunden wird; sein Gang zum Tode mit Emilien –: ja! dieselbe Plastik hätten allen diesen Szenen vielleicht auch andere geben können, aber dieses wie von der Todesangst gehetzte und gepeitschte, wie aufstöhnende Rollen und Strömen über und unter allem; dieses schwüle, braune, flirrende Kolorit; dieses ganze, unheimlich feinfädige psychologische Herüber und Hinüber; diese elementaren Interjektionen; dieses verzweiflungsvolle Sichschütteln eines Halbgelähmten; dieses irre Phosphoreszieren; diese ganze unmittelbare Gefühlspoesie: ich glaube, alles das vermochte vorläufig in dieser Fülle und mit dieser Wahrheitskraft nur Walloth so aus sich heraus zu projizieren, weil vielleicht nur er es in dieser Fülle, in dieser herben Schmerzenswahrheit erlebt hat ... Soll ich nun auch noch sagen, was ich an dem Buche ›auszusetzen‹ hätte? Soll ich ein Dutzend Stilnachlässigkeiten oder Bilderschiefheiten ›festnageln‹? Soll ich die stellenweise unglaubliche Interpunktion glossieren? Soll ich Aufbau-Schwächen rügen? Soll ich bedauern, daß der Roman ›gedanklich‹ so gut wie gar keinen Inhalt hat –? – Ich sehe das Gesicht Rudolf Bauders vor mir .. ich rücke noch einmal dieses verwaiste, verstoßene, isolierte Schicksal, das sich erfüllen mußte ... und das ich nie vergessen werde ... dicht an mich heran – und ich verhülle mein eigen Gesicht – ich weiß ... und schweige –

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