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Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 18
Quellenangabe
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typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
correctorreuters@abc.de
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Der zweite Band von Friedrich Hebbels Tagebüchern

Über zwei Jahrzehnte mußten nach dem Tode Friedrich Hebbels noch vergehen, ehe seine Witwe sich entschließen konnte, die Tagebücher-Manuskripte ihres verstorbenen Gatten der diskreten Privatverborgenheit zu entreißen und einem Herausgeber zur öffentlichen Weiterverbreitung anzuvertrauen. Wir ehren nach Kräften die Bedenken der Frau Hebbel, welche sie bisher von einer Veröffentlichung so intimer Papiere, wie es nun einmal Tagebücher sind, abhielten, ein klein wenig Profanation ist ja schlechterdings nicht zu vermeiden. Aber nun, da uns der köstliche Schatz in zwei starken Bänden, herausgegeben von Felix Bamberg, vorliegt, können wir ein leises Schmollen, ein verhaltenes Zürnen nur mit Mühe unterdrücken. Ich meine: diese ›Tagebücher‹ konnten in gewisser Hinsicht nicht früh genug dem Publikum zugänglich gemacht werden. Nun liegt es zwar in der Natur der Sache, daß sich ihres gesamten Inhalts schließlich nur eine kleine Gemeinde bemächtigen wird. Aber diese kleine Gemeinde ist es ja fast ganz allein, welche den Bildungsidealismus der Zeit vertritt. Und wäre es ihr schon früher möglich gewesen, die bunte Fülle von geistigen Errungenschaften und Lebensresultaten, die Hebbel in seinen ›Tagebüchern‹ niedergelegt, sich zuzueignen und organisch in die Kanäle der zeitbewegenden Gedanken einzuführen – manches Experiment auf ethischem oder ästhetischem Gebiete wäre vielleicht nicht mißglückt, mancher Umweg wäre uns erspart geblieben, mancher Irrtum wäre vermieden worden. Hebbels unerschöpflich reiche Persönlichkeit hat sich nicht entfernt in seinen Werken ausgelebt. Gewiß! Eine stattliche Reihe geschlossener Schöpfungen liegt der Welt in seinen lyrischen, epischen und dramatischen Erzeugnissen und in seinen kritischen Schriften vor. Und keinem Gliede aus diesem Ringe mangelt das Gepräge stolzer Eigenart. Hebbels trotzige, unbeugsame, rauhe Dithmarschennatur mußte ihre eigenen Wege gehen. Die herbe Sprödigkeit, die natürliche Zurückhaltung und die zähe Verschlossenheit, die mehr oder weniger intensiv dem norddeutschen Volkscharakter eigen, in Verbindung mit dem unerträglich harten Druck, der auf Hebbels Knaben- und Jünglings- und ersten Mannesjahren gelastet, führten zu jenem schroffen Individualismus, den der Dichter der ›Judith‹ stark und bestimmt wie kein zweiter seiner deutschen ›Kollegen in Apoll‹ besessen. Nichts Weiches, nichts Nachgebendes und nichts Naives, nichts Enthusiastisches lag in Hebbels Künstlernatur. Nicht eigentlich nach oben strebte er, der Sonne entgegen, mehr in die Tiefe, in die Schachte der Unterwelt, wo das flackernde Grubenlicht des tastenden Menschengeistes nach verborgenem Gewinn ausspäht. Hebbel suchte gleichsam den Gegenpol des Berggipfels. Seine wühlende, ringende, nach Resultaten lechzende, auf das Vergleichen, Kombinieren und Enträtseln gestimmte Natur zog ihn in die geheimnisvollen Abgründe psychischer Probleme hinab. Das Seltene, das Merkwürdige, das Außergewöhnliche war ihm kongenial. Wenn man will, war es das ›Barocke‹, das ›Exzentrische‹, das über Durchschnittshöhe Hinausragende im Leben der Stunde, des Tags und der Geschichte, in den Äußerungen der Kunst und Natur, was ihn reizte. Soll man ihn darum ›unnatürlich‹, ›ungesund‹ schelten? Mich dünkt: es wäre ein wenig objektiver, ein wenig wissenschaftlicher und auch praktischer, den Versuch zu machen, eine Individualität, soweit es möglich, aus ihren besondern Lebensbedingungen heraus zu begreifen. Es ist so wohlfeil, einen allgemeinen Maßstab anzulegen und etwa nach der Art, wie sich der Genius Goethes menschlich und künstlerisch betätigte, alles beurteilen zu wollen – ganz abgesehen davon, daß jenem ominösen ›allgemeinen Maßstabe‹, mit dem die deutsche Literaturgeschichte und Kritik bis auf unsre Zeiten so wacker, so rücksichtslos und so einseitig und unwissenschaftlich gewirtschaftet, naturgemäß schließlich keiner ganz gerecht werden kann. Denn eine Abstraktion ist nie so rein, daß sie aller Momente entbehrte, die für den Prozeß ihrer Entstehung unwesentlich wären. Es liegt nicht in meiner Absicht, den übergroßen Inhalt des zweiten Bandes der ›Tagebücher‹ Hebbels hier erschöpfend zu kennzeichnen. Es kann mir nur darauf ankommen, einige charakteristische Gesichtspunkte aufzustellen, einige besonders markante Züge aus dem verschlungenen Netz der Gesichtslinien, die dieser phänomenalen literarischen Erscheinung eigen, mitzuteilen.

Friedrich Hebbel war seinem ganzen Wesen nach Epigrammatiker. Ein stark strömendes, rastlos fort- und vorschreitendes Geistesleben war ihm eigentlich nur Mittel zum Zweck. So ähnelte er mehr Schiller denn Goethe. Der Prozeß, die harmonische, zwanglose Betätigung des Geistes, der Akt des Schaffens, Suchens, Eindringens selbst, worin Goethe aufging, natürlich ohne den Resultaten gegenüber gleichgültig zu bleiben: Das alles hatte für Hebbel kaum tieferen Reiz und konnte erst dann für ihn interessant werden, wenn es selbst zum Gegenstande seiner Spekulation, seiner Reflexion wurde. Der Künstlernatur Hebbels waren starke philosophische Elemente legiert. Ein freies, dithyrambisches Ausströmen war ihm fremd. Pathos und Rhetorik besaß er gar nicht. Die getragene Einfachheit seiner Lyrik, die schroffe, körnige Prägnanz seiner Epik, die plastische Zusammengeschlossenheit seiner muskulösen, derbgliederigen Dramatik bekunden einen Schöpfer, der wesentlich epigrammatischen Charakters ist. Auf die Quintessenz der Dinge kam es Hebbel an. Der Olympier von Weimar wußte wohl, daß verwesende Stoffe einer neuen Vegetation Saft und Kraft geben. Aber der bunte Flor der Blumen und Blüten erfreute doch sein lebensuchendes, auf die Reize des Daseins gestimmtes Auge. Hebbel sah seiner Natur gemäß mehr durch die Erde hindurch – er besaß gleichsam eine Art von Idiosynkrasie für die modernen Gebeine, welche Zeugnisse eines erloschenen Lebens sind. Wenn man will, war er eine ›unglückliche‹ Natur, d. h. eine Natur, die sich von dem Prunkmantel und der Flitterhülle des Lebens nicht täuschen, nicht blenden ließ, für die der große Psalm des Werdens durch das Trauerkarmen vom Vergehen bedingt war. Aber dabei war Hebbel philosophischer Positivist. Die Erkenntnis war ihm alles. Nur in ihr und durch sie wurde er klar und stark.

Daß nur die treibenden Grundkräfte, die schaffenden Urelemente in der Persönlichkeit Friedrich Hebbels, die Art seiner Welt: nur Lebensbetrachtung, die Methoden seiner geistigen Arbeit jetzt so deutlich erkennbar sind, verdanken wir – abgesehen von der Biographie Emil Kuhs, die zwar eine der interessantesten deutschen Biographien, aber im ganzen doch zu wenig übersichtlich, zu wenig objektiv und wissenschaftlich ist – zumeist den ›Tagebüchern‹ mit ihrem unvergleichlichen Reichtum von Gedanken, Reflexionen, Aphorismen, Glossen, Sentenzen, Maximen, Urteilen, Betrachtungen, von teils nur flüchtig angedeuteten, teils weiter ausgeführten Motiven und künstlerischen Vorwürfen. Der Drang, zu sammeln, aufzuspeichern, einzuordnen, ist Hebbel mit Jean Paul gemeinsam. Es wird mir schwer, der Versuchung zu widerstehen, hier eine Garnitur dieser seltenen und kostbaren Gedankenjuwelen aus dem zweiten Bande aufzustellen. Aber die Auswahl ist zu schwierig, da der Reichtum zu groß, die Schatzkammer zu reich. Notizen über äußere Lebenszustände, Nachrichten über seine materielle Lage, seine Reisen, über literarische Begegnungen, über die Schicksale seiner Dramen als Bücher oder auf der Bühne, über die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre gibt Hebbel verhältnismäßig selten. Er hatte zu viel mit den Funktionen seines eigenen Mikrokosmos zu tun, mit dessen Erhaltung und Beobachtung, als daß ihm Zeit, Stimmung, intimere Teilnahme und Unbefangenheit des Blicks für Ereignisse übriggeblieben wären, die ihn schließlich nur streiften, den Kern seines Wesens aber weiter nicht berührten. Wohl hat Hebbel in seinen ›Tagebüchern‹ hier und da manches Reizvolle, Anekdotenhafte, manches, das vielleicht kulturgeschichtlich und literaturhistorisch nicht wertlos und unrichtig, niedergelegt, aber aus dem Studium der innern, ideellen, ursprünglich allerdings nicht beabsichtigten, aber mit der Zeit gleichsam nach einem höhern Gesetz gewordenen Ökonomie der beiden starken ›Tagebuch‹-Bände gewinnt man doch unschwer die Überzeugung, daß dem Dichter jene eingesprengten Materialien und Dokumente äußerer Erlebnisse und Ereignisse eigentlich nur Nebensache waren – daß sich vielmehr seine innersten Seelenbedürfnisse in der autopsychologischen Stethoskopie, in der Behandlung ethischer und ästhetischer, intim das Wesen der Kunst angehender Wahrheiten und Irrtümer, in dem Eindringen in metaphysische und geschichtsphilosphische Probleme darstellten. Das Leben mit seinen seltsamen Sprüngen, mit seinen schnurrigen Schicksalsläufen, seinem bunten, verworrenen Auf und Nieder gab für Hebbel eigentlich nur die begleitende Musik zu dem wahrhaftig lukullischen Mahle ab, das er an der Tafel seines Geistes einnahm. Oh! Er war ein Gedankenfürst, ein König im Reiche der Idee, dieser Märtyrer des Lebens, dieser trotzige, verschlossene Dithmarsche, dieser Außergewöhnliche, dieser simple Friedrich Hebbel, der so selbständig geforscht, gedacht und gefunden, der, um nur einige winzige Beispiele anzuführen, ohne Kant gelesen zu haben, schon als zweiundzwanzigjähriger Jüngling die Sätze des großen philosophischen Kritikers über die Idealität von Raum und Zeit, wenigstens ihren Grundbestandteilen nach, fand, der die unanfechtbaren Ausführungen Max Nordaus über die Psychophysik des Genies (in den ›Paradoxen‹) schon fünfzig Jahre früher, 1836, in seinen Tagebuch-Aufzeichnungen niederlegt!

Derjenige, dem es tiefstes Seelenbedürfnis, an den Schablonenschatten des Marktes vorüberzugehen und die Ausstrahlungen einer bedeutenden Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen, wird in der Lektüre der ›Tagebücher‹ einen reinen, seltenen Genuß finden. Jenes pikanten, prickelnden Parfüms, das aus den Blättern gewisser Memoirenwerke schlägt, entbehren allerdings diese Aufzeichnungen. Material für ›Treppenwitze‹ der Welt- oder Literaturgeschichte enthalten sie kaum. Aber sie sind das Dokument eines im großen Stil ausgegebenen Lebens – eines Lebens, dem die Kultur des Geistes erstes Gesetz gewesen.

Ob die ›Tagebücher‹ nicht die hervorragendste, eigentümlichste und inhaltreichste literarische Erscheinung der letzten Jahre, ja vielleicht des letzten Jahrzehnts sind?

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