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Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 13
Quellenangabe
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typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Unruhige Gäste

Ein Roman aus dem Säkulum von Wilhelm Raabe

Wilhelm Raabe macht es einem eigentlich recht schwer, sich mit ihm klar und bündig abzufinden. Er führt uns in eine Welt ein, die ihm in dieser schnurrigen, tragikomischen Eigenart kaum einer unter den lebenden Romanschriftstellern nachbilden könnte. Er hat das Erbe von Jean Paul angetreten, und wenn er auch trotz aller Zerfahrenheit und Manieriertheit im ganzen doch noch geschlossener und einheitlicher ist, als der große Meister der ausgetüftelten Phantasieromane und der idyllischen Stilleben – darin ist er Jean Paul doch gleich, daß er sich deutlich seinen Bezirk abgesteckt hat und nun innerhalb dieser Grenzlinien mit dem urwüchsigen Eigensinn eines künstlerischen Sondercharakters seine mindestens interessanten und sehenswerten, zumeist aber auch ganz wertvollen und zu regem Nachdenken reizenden Kunststückchen zum besten gibt. Wilhelm Raabe hat ein ganzes Hirn voll selbständiger, ungewöhnlicher Gedanken, und leicht sind ihm die Bilder zur Hand, mit denen er sie bekleidet und für den Markt der ›Zeitlichkeit‹ herausstaffiert. Wie es hauptsächlich unter den Handwerkern nicht wenige gibt, die sich die Dinge dieser Welt nach ihrem Geschmack zurechtlegen, die sich zu halb komisch, halb ernst erscheinenden ›Originalen‹ herausgebildet, so gibt es auch unter den Poeten derartige ›Originale‹, und Wilhelm Raabe ist es, dem in diesem Sinne unter den Zeitgenossen zweifellos der erste Preis gebührt.

Er ist der Meister der geistreichen Umständlichkeit, möchte ich sagen. Er ist nicht eigentlich witzig, nicht paradox, nicht kühn und blendend wie Heine oder Börne, nicht zündend wie Lichtenberg, aber er ist doch stets pointiert. Es ist nur in der Regel gar nicht so leicht, an den Kern einer derartigen Pointe ohne weiteres heranzukommen! Raabe pflegt sie, ganz nach dem Vorbilde Jean Pauls, recht gehörig einzuwickeln und einzuschachteln. Dieser Schriftsteller hat sich einen Stil herausgebildet, der erschöpfend sich schlechterdings nicht kennzeichnen läßt. Er ist sehr ungleich. Bald fragmentarisch, zerstückt, zerhackt, in einzelnen Brocken hingeworfen – bald aus den verschlungensten Satzgewinden sich zusammenbauend ... Es liegt ein schöpferisches Moment in dieser Stilgattung – ja! Neue Wortgebilde, überraschende Gedankenkombinationen ergeben sich. Und so holprig und schwerfällig dieser Stil ist, er hat bei alledem etwas Treuherziges, Aufrichtiges ... Und so verrenkt sich diese Satzgefüge oft ausnehmen, sie erregen doch schließlich das Interesse, die Teilnahme des gedankenreiferen und anspruchsvolleren Lesers. Oft ist's einem, als sähe man Raabe vor sich, wie er dasitzt und nun mit peinlicher Sorgfalt, mit zärtlicher Liebe für jedes einzelne Teilchen und Stäubchen, alles zusammendichtet und zusammenschichtet. Man glaubt den Bildner atmen zu hören, die Feder schiebt sich langsam über das Papier, das vermeintliche Kritzeln wirkt fast als physiologischer Reiz, – so unmittelbar rückt dieser Stil, an dem die ganze Atmosphäre der Werkstätte haften bleibt, den Leser an seinen Urheber heran.

Raabe ist ein spekulativer Schriftsteller. Er hat nur in geringem Maße das Bedürfnis, die Gedanken, welche die Zeit bewegen, in seinen Schöpfungen sich widerspiegeln zu lassen. Sein Steckenpferd ist eine im ganzen etwas dilettantische, aber doch immer interessante und reizvolle Spekulation über das alltägliche Leben mit seiner Fülle von tragikomischen Widersprüchen, mit seinen tausend merkwürdigen Sondererscheinungen. Raabe liebt die Idylle, das Stilleben, aber in jener sentimental-ironischen Beleuchtung, welche sich aus der Gegenstellung der Idylle zum großen, rastlosen Geschäftsgetriebe der Welt ergibt. Die ›Zeitlichkeit‹, das ›Säkulum‹ wirkt ein – und als Folge bildet sich jenes romantisch-realistische Element heraus, das so urdeutsch ist und so treffend der deutschen Auffassung von der Natur der Kunst entspricht. Raabe ist Realist und Romantiker zugleich.

Die ›Unruhigen Gäste‹ beweisen das auf Schritt und Tritt. Die Leute aus der Zeitlichkeit: Veit von Bielow und Valerie, kommen mit den Dienern der Ewigkeit, deren Sinnen und Trachten nur darauf ausgeht, sich durch ein demütiges Erdenwallen die Gnade des Herrn zu erwerben, mit dem Geistlichen des Gebirgsdorfes Prudens Hahnemeyer und seiner Schwester Phoebe, zusammen ... Die beiden, im Grunde ihres Wesens sich fremden Welten verknüpft ein Punkt: Die gemeinsame Teilnahme an dem Schicksal eines armen Menschen, den die Dorfgemeinde ausgestoßen hat, weil seine Frau an Typhus erkrankt ist. Der feingeistige, gewandte, in der Zeitlichkeit diplomatisch geschulte Veit von Bielow gibt dem Ganzen eine heilsame, versöhnende Wendung. Das Herzensleben dieser Gestalten, die mit allen ihren sonderbaren Einfällen und Grillen scharf und glaubhaft gezeichnet sind, strömt einen köstlichen Zauber. Wohl ist das ganze Betragen und Gebaren dieser Leute wenig alltäglich, wenig nach der Schablone. Sie reden und denken meistens nach ihrem eigenen Geschmack. Sie sind fast alle etwas zu sehr gesprächig. Aber was tut das schließlich? Wir haben uns mit Wilhelm Raabe abzufinden, und wir sind um so mehr berechtigt, dem Verfasser der ›Chronik der Sperlingsgasse‹, des ›Hungerpastor‹, des ›Fabian und Sebastian‹ und dieses neuen Juweles im reichen Kranze seiner Schöpfungen, der ›Unruhigen Gäste‹, unsere wärmste Sympathie zu schenken, als Raabe bei allem Eigensinn und aller Manieriertheit doch ein gesunder, kraftgespannter Schriftsteller ist, der wenig nach Ruhm und Lorbeern fragt, der ruhig und unbeirrt in seiner Art weiter schafft und ganz aufgeht in diesem Schaffen.

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