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Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 12
Quellenangabe
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typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Wolfgang Kirchbachs ›Lebensbuch‹

Voilà un homme! Voilà un livre! Da habt ihr ein Buch! Und eben – was für ein Buch!

Die ganz eigenartige Physiognomie, der ganz eigenartige Gehalt des Kirchbachschen ›Lebensbuchs‹ zwingen mich zu dieser Parallele, die von vornherein meine nicht geringe Begeisterung für die gesamte geistige Art Kirchbachs, in erster Linie meine allerhöchste Hochachtung vor der Kraftfülle, vor dem schöpferischen Reichtum dieses modernen Geistes konstatieren will.

Kirchbach beginnt im nächsten Jahre sein drittes Jahrzehnt. Er hat fünf bis sechs Bücher geschrieben, die ihn zu einem der bekanntesten Schriftsteller aus der jüngeren Generation gemacht haben. Zugleich haben sie ihm das Gesicht eines sehr merkwürdigen Schriftstellers gegeben. Kirchbach hat eine ganz eigene Art, zu sehen, aufzufassen, von sich zu geben, zu münzen, zu gestalten, kurz: zu schaffen. Und doch ist es schwer, die charakteristischen Linien und Striche dieser Persönlichkeit herauszufinden und geschmackvoll, geistvoll, zugleich glaubwürdig, zu kombinieren, eben weil Kirchbach unter den sonderbarsten geistigen Voraussetzungen, wenn ich so sagen darf, an die sonderbarsten Motive herangeht. Sein Interessenreich ist ein außerordentlich weites und mannigfaltiges. Politik, Philosophie, die bildenden Künste, Literatur, dazu tausend Äußerungen und Spezialgebiete des menschlichen Wissens, Forschens und Schaffens will sich dieser seltene Geist zu eigen machen, erstrebt er mit wirklich heißem Bemühen, und bezwingt, bändigt und heimst er wohl auch ein. Allerdings: mit heißem Bemühen! Kirchbach ist durchaus keine leichtblütige, flüssige, schlagfertige Natur, die mit müheloser Leichtigkeit sich die Dinge erwirbt und ihres Wesens Grundgeheimnis mit eleganter Pose, mit graziöser Selbstverständlichkeit auseinanderlegt. Das kennzeichnende Hauptmoment ist der Prozeß, in dem und durch den er sich eine Materie unterwirft. Er kämpft, streitet, erobert sich. Wohl besitzt er auch die Intuitionskraft des Dichters. Aber man kann dichterisch, künstlerisch sein, ohne zugleich auch wahrhaft schöpferisch zu sein. Das Moment des Schöpferischen resultiert nur aus dem Konflikt, dem harten Widerstreit der Dinge in ihren begrifflichen Wesenheiten. In diesem Punkte des Schöpferischen liegt meinem Gefühl nach Kirchbachs Hauptbedeutung. Der Begriff ›schöpferisch‹ bedingt nicht gerade den Begriff ›vielseitig‹ als Voraussetzung. Aber er kann ihn doch bedingen, und so ist es bei Kirchbach. Hier liegt auch der Grund, warum der Verfasser des ›Lebensbuchs‹ oft so unbehend, so schwerfällig ist in bezug auf Stil und Technik. Am Eingang des Aufsatzes ›Im Mediceergrabmal‹ sagt er, daß ihm die Gestalten Michelangelos in der Kapelle San Lorenzo in Florenz deshalb so eindrucksreich gewesen wären, weil er sich bei ihnen in seinem ›eigensten, natürlichen Elemente‹ gefühlt hätte. ›Hier ging mir die Seele auf, hier fand ich, was ich in Italien so oft vergeblich gesucht hatte: Natur, organisches Schaffen und die innere, in sich beruhende Genügsamkeit einer großen Seele.‹ Natur! Organisches Schaffen! Das ist's. Kirchbach ist nicht spontan, er liebt nicht das Unvermittelte, Unberechenbare, den überraschenden Effekt. Er ist naturgemäß, organisch, d. h. folgerichtig. Bei dieser Tendenz seiner Natur ist die erwähnte Schwerfälligkeit, ist eine gewisse Unbeholfenheit der Komposition, die sich hier und da bemerkbar macht, ist eine Vorliebe für Wiederholungen usw. erklärlich und verständlich. Diese Schwächen und Fehler waren sogar, darf man ruhig sagen, bis heute gar nicht zu vermeiden. Sie waren eben auch – natürlich.

Ich kann es recht gut verstehen, warum Kirchbach schon in verhältnismäßig so jungen Jahren ein Werk unter dem Titel ›Ein Lebensbuch‹ herausbringt. Er hatte den Drang, endlich einmal abzurechnen und reine Bahn zu machen. Zu bunt und mannigfaltig waren die Interessen gewesen, die er Jahre hindurch, in einer Zeit rastlosen Werdens und Wachsens gepflegt. Nun galt es, sie zu künstlerisch greifbaren Resultaten auszuprägen. Ich denke mir, Kirchbach hat recht wohlig aufgeatmet, als er diese Materienfülle in einer Form, die ihm einigermaßen selbst genügen durfte, von der Seele gewälzt hatte. Und doch! Das ist ja eben der wunderbare Widerstreit des Lebens: kaum hat ein geistig stark und konsequent arbeitender Mensch einmal abgerechnet, hat sich durch eine Tat des Sammelns, Zusammenfassens, Abrundens, Ergänzens gekräftigt und gehoben, so spürt er auch, freudvoll und leidvoll zugleich, daß mit dem erweiterten Horizont auch ein neues, erweitertes Arbeitsgebiet gegeben ist, auf dem derselbe Prozeß der Unterwerfung vor sich geht.

Was das ›Lebensbuch‹ – dessen weiterer Titel ›Gesammelte kleinere Schriften, Reisegedanken und Zeitideen‹ – nun eigentlich enthält? Nun: Naheliegendes, Nächstliegendes, manchmal sogar Selbstverständliches und Triviales, wie öfter in den Sentenzen und Maximen ›Leben, Denken, Dichten‹, öfter sehr Sonderbares und Originelles, der Mehrzahl nach Bedeutendes nach Gehalt und Ausdruck. Die Motive zu den einzelnen Aufsätzen und ›Versuchen‹ – Kirchbach ist deutsch und sagt ›Versuch‹ für ›Essay‹ – sind sehr verschieden. Von welch köstlichem, übersprudelndem, fortreißendem Humor trieft gleichsam die ›Lebensreise‹ – ›als Reiseleben in Italien und Deutschland‹! Und dabei welcher Tiefsinn! Welcher Reichtum an Parallelen, an eingesprengten Lagern von kritischen, philosophischen, weltmännischen Glossen und Konturen! Hier äußert sich so recht energisch ein Zug Kirchbachs: sein intimes, gleichsam a priori bedingtes Freundschaftsverhältnis zu der unmittelbar gegebenen realistischen Welt des in tausend und aber tausend Spielarten zum Ausdruck kommenden Lebens. Er hat für alle diese Äußerungsmomente des Lebens ein natürliches Organ, das ihm eine natürliche Lebensfreude ermöglicht und vermittelt – eine Freude an den Dingen, die nur manchmal durch eine zu willkürlich und barock angewandte Synthese einen Anstrich von Behäbigkeit und Selbstgefälligkeit bekommt, der zwar auch komisch und erheiternd und vielleicht auch anregend wirkt, nur leider nicht in dem vom Verfasser beabsichtigten Sinne. Kirchbach hat in seinen Gedichten wie in seinen vaterländischen Novellen sattsam bewiesen, daß ihm auch das Traurige und Tragische am Leben nicht fremd ist. Aber seinen Sturm und Drang tobt er, wenn ich so sagen darf, mehr in einer Art von Lebenswollust, welcher ein griechischer Akzent nicht fehlt, in einer Art von Naturrausch aus, als durch eine einseitige Versenkung in die Schmerzen und Einöden des Lebens, wie es bei so vielen Poeten im ersten Werdestadium der Fall ist. Kirchbach ist eine außerordentlich konkret gestimmte Natur. Zugleich hat er aber auch eine starke Vorliebe für philosophische Abstraktionen, für Begriffsspielereien, die manchmal ganz ernsthaft gemeint sind und öfter auch wirklich ein paar Unzen ungefälschten Ernstes haben. Und er besitzt drittens die glückliche Gabe künstlerischer Synthese, und damit kommt das eigentliche schöpferische Moment in seine Natur.

Gedankenreich, eindringlich geschrieben, sehr beachtens- und beherzigenswert ist der erste größere Aufsatz des Buchs ›Die deutsche Kritik‹. Kirchbach fordert Ernst, Gewissenhaftigkeit, Wissen, Gerechtigkeit von der Kritik, die heutzutage, wie männiglich bekannt, aus gewissen Gründen kaum das Verdienstkreuz sich zuerkennen dürfte.

Wir leben in einer gewerblichen Zeit,
Und alles macht sich gewerblich –

meint Leuthold. Das möchte stimmen. Der Kirchbachsche Aufsatz hat bedeutenden ethischen Wert, nur gewisse Wendungen und Ausdrücke haben oft einen allzu stark aufgetragenen Bemutterungs- resp. Bevaterungston. Das stört. Das wirkt zuweilen unfreiwillig komisch. Und in diesem, nicht gerade immer distinguierten, halb naseweisen, halb kathederhaft fürsorglichen Tone, den Kirchbach zu lieben scheint, denn er findet sich auch an manchen anderen Stellen und bei andern Gelegenheiten – ist in diesem Tone nicht auch, frage ich, ein Moment von Pathos und Rhetorik, das Kirchbach immer so von sich weist, wesentlich immanent? Ich dächte doch!

Das ›Münchner Leben‹ beschäftigt sich mit Geibel, Lingg, Stieler, Conrad u. a. Das Köstliche ist, daß Kirchbach auch hier, so doch der Stoff nicht gerade jungfräulich und neu ist, wo zahlreiche andere ihn schon vor Kirchbach geprägt und geprägt haben, wo also die Gefahr des Nachtrottens in alten Gleisen nahe genug liegt – auch hier der selbständige Denker, der mit ureigner Gedankenfracht reichbeladene Kritiker bleibt. Manche ›Ketzerei‹ läuft hier ganz gemütlich, als verstände sie sich von selbst, mit unter.

Aber es würde mich zu weit führen, wollte ich selbst nur die einzelnen Inhaltskapitel nach ihren Überschriften angeben und mit einigen orientierenden Bemerkungen versehen. Vischer, Shakespeare, Tizian, Hegel: hier liegen Ankerpunkte Kirchbachschen Interesses und Kirchbachscher Gedankenarbeit. Wahrhaftig Geister, die für eine gleichgestimmte Natur etwas Herausforderndes und Zwingendes haben!

Im ganzen ein Buch, dessen Bedeutung vor allem wohl darin liegt, daß man sich so schwer – in zweifachem Sinne schwer – mit ihm abfinden kann. Der Stil möchte noch gehen. Er ist wuchtig, schwer, kernig, oft aber auch ungefügig, ungelenk, ›schildkrötenhaft humpelnd‹, wie ihn Conrad treffend bezeichnet hat. Er wirkt an vielen Stellen erhaben und treuherzig-naiv zugleich. Auch trägt er sprachbildende Akzente. Aber der Inhalt! Er fordert die stärkste Teilnahme von Herz und Hirn. Er regt an und reizt immer, öfter zum kategorischen Widerspruch. Doch das schadet nichts. Kirchbachs ›Lebensbuch‹ gehört eben zu den Büchern, die man am liebsten nach der ersten Viertelstunde Lektüre in die Ecke werfen möchte – weil man das dringende Bedürfnis fühlt, geistig zu verdauen. Man atmet auf und geht mit doppeltem Feuer an die Lesung. Und wieder – und wieder.

Die geistige Elite Deutschlands wird das Buch nicht ungelesen lassen dürfen.

Im Wappenschilde des Künstlers Kirchbach liegt neben der Laute ein Foliant, das Symbol des Forschens nach der Wahrheit. Und um beide schlingt sich ein Ährenbündel: das Symbol des Erfolgs, der Frucht, die dem Fleiße, der im Schweiße des Angesichts verrichteten Arbeit wird. Kirchbachs kreißender Berg hat ein respektables Mäuschen geboren. Es sei der allgemeinen Beachtung von Herzen empfohlen.

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