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Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Berliner Ergänzungsbrief

In Nr. 15 dieser Zeitschrift hat Karl Bleibtreu seinen ersten Berliner Brief, wie es sich von selbst versteht, mit einer literaturhistorischen Füllung bedacht! Mit seiner knochigen Kritikerfaust hat er einen hanebüchenen Griff in das volle – ach! allzu volle Berliner Literatenleben getan und an jedem Finger einen Kerl oder ein Kerlchen sich ›gelangt‹, auf daß er ihn oder es für ein winziges Viertelstündchen auf das Sezierbrett schnalle! Nun – das Experiment ist, denk' ich, den Opfern im allgemeinen recht gut bekommen. Sie sind nicht allzusehr schikaniert worden – im Gegenteil! Bloß Richard Voß ist ein wenig zu übel mitgespielt worden. Was Gestaltungskraft und elementare Leidenschaft anbetrifft, so exzelliert Voß darin und dadurch in ganz eminenter Weise. Es ist richtig, daß er manches Ungesunde, manches Barocke und Formlose, manches oft widerlich Zerfaserte hat – aber was ihn in erster Linie charakterisiert, das ist die Wahrheit und Wahrhaftigkeit seiner Empfindungen. Jawohl! Voß hat wunderliche Posen am Leibe – er liebt unqualifizierbare Bajazzosprünge und dergleichen Allotria, aber nicht zum Spaß, sondern weil er vorläufig nicht anders konnte. Übrigens ist er in letzter Zeit resp. schon in den letzten Jahren bedeutend klarer und maßvoller in jeder Beziehung geworden! ...

Doch diese ›faktische Berichtigung‹ nur beiläufig ... Ich wollte keine Voß-Apologie schreiben, vielmehr einen Berliner Komplementsbrief. Einen Brief, der zu den fünf Bleibtreuschen Heiligen einen sechsten hinzufügt –: Bleibtreu selbst ...

Und zwar last – aber nicht least! ..

Bleibtreu hat es verschmäht, sich à la Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Chaos des Berliner Literaturlebens zu ziehen und sich selbst zur eigenen kritischen Paradeabnahme auf ein höheres Niveau zu stellen. Wohlan – so muß es denn ein anderer tun – ein anderer, der ihn höher stellt als Herrig und Kretzer – der ihn zur Abwechslung einmal den Vierten im Bunde sein läßt mit Wildenbruch, Heiberg und Voß – ein Kleeblatt, auf das wir ein wenig stolz sein dürfen! –

Auf gewisse markante Analogien hin lassen sich die vier schlechterdings nicht sezieren. Jeder hat sein bestimmtes, charakteristisches Geleise, in dem er unentwegt weiterpilgert –, jeder seine klar ausgeprägte, scharf umrissene Individualität, der er treu bleibt: Wildenbruch der pathetische, mit großen, grellen Effekten arbeitende Dramatiker – als Novellist dito drastisch und plastisch; Heiberg der feingeistige, warmherzige, lebhaft empfindende Humorist; Voß der nervöse, beständig hin- und herarbeitende Novellist und Dramatiker – und Bleibtreu? Ich will seine künstlerische Physiognomie zu bestimmen suchen, indem ich ihn in einigen seiner Werke – in seinen Triumphen charakterisiere.

Als solche sind meines Erachtens vier Bücher herauszuheben: ›Der Traum‹, aus dem Leben des Dichterlords – ›Dies irae‹, ›Aus Norwegens Hochlanden‹ – und der letzterschienene Novellenzyklus ›Kraftkuren‹.

›Der Traum‹ ist ein Künstlerroman – eine mit großartig genialer Fertigkeit und Findigkeit kombinierte Mischung aus Wahrheit und Dichtung. Ich gestehe, daß mich dieses Buch narkotisch berauscht und zugleich bis in die innersten Tiefen meiner Seele erschüttert hat, als ich es zum ersten Male lesen durfte. All der ungestüme Sturm und Drang meiner Jugend, all das unklare, überschäumende, zum größeren Teile metaphysische Suchen und Sehnen, das ich hatte vorüberrauschen lassen, ohne ihm in einer Dichtung konsistente Gestalt zu geben: hier im ›Traume‹ fand ich die kondensierte Quintessenz davon, von einem kongenialen Interpreten an einem genialen Menschen durchgeführt. Der ›Traum‹ hat noch heute für mich diese intim evangelistische Bedeutung, wenn auch nur in immer seltener werdenden Weihestunden für mich jener Zauber, der in ihm latent liegt, flüssig und offenbar, lebendig und hinreißend wird ... So behält das Buch jenen intimsten, ich möchte sagen: biblischen Seelenwert nur für den Jüngling, der in ihm alles das symbolisch konzentriert auf eine gewaltige Dichterindividualität findet, was in ihm in wirr durcheinanderkreisenden Linien wogt und gärt und nach drastischem Ausdruck ringt. Doch davon abgesehen wird das Buch auch für jeden anderen als Meisterstück in Stil, Charakteristik, in dramatisch packender Darstellung dauernd Wert und Bedeutung behalten.

Der junge Leu hatte seine Krallen gezeigt – man durfte auf seine weiteren Manifestationen gespannt sein ...

Sie ließen denn auch nicht lange auf sich warten und, was wichtiger, sie brachten keine Enttäuschungen, wenn auch meines Bedünkens keine wieder jenen berauschenden Parfüm trug, den eine üppige Subjektivität auf einen verwandten Geist überströmen läßt ...

Zunächst kommt also ›Dies irae‹ in Betracht. Das Buch erschien zuerst anonym – erst in der zweiten Auflage bekannte sich der Deutsche Bleibtreu als Verfasser, nachdem es, ursprünglich als Übersetzung aus dem Französischen angesehen – wozu übrigens der Titelzusatz ›Aus den Erinnerungen eines französischen Offiziers‹ leicht Veranlassung bot – die wunderlichsten Schicksale erlebt hatte.

Wieder ein Meisterstück nach Form, Kolorit, Charakteristik – das ganze von einem äußerst dramatischen Leben durchpulst!.. Hier möchte ich sogleich die Bemerkung anhängen, daß überhaupt Bleibtreus gesamtes dichterisches Schaffen einen dramatisch straffgespannten Charakter trägt, wenn er sich auch mit wenigen Ausnahmen – als solche nenne ich das Drama ›Byrons letzte Liebe‹, äußerlich im epischen Gewände repräsentiert. Alles zuckt und zittert – nirgends episch ruhige und nüchterne Auffassung und Darstellung ... Selbst die tausendfach eingesprengten Reflexe und Reflexionen, meist metaphysisch-mystischer, geschichtsphilosophischer Natur, die Bleibtreu anbringt, wenn sich nur der geringste Anknüpfungspunkt bietet, tragen durchgängig ein aphoristisches, stimmungsblitzhaftes Gepräge – nie die Form eines korrekt ausgetragenen, logisch sauber durchgeführten Räsonnements. So meine ich denn, Bleibtreu wird erst dann die ihm anvertraute Künstlermission ganz erfüllen können, wenn ihn eines Tages eine Theaterdirektion für wirklich ›bühnenwürdig‹ erklärt. Ob das allerdings der Fall sein wird, solange die Verlotterung unserer Theaterzustände anhält, bleibt dahingestellt. Das wahre dramatische Talent findet ja heutzutage keinen – in einzelnen Ausnahmefällen nur sehr kargen und dürftigen Boden, in dem es Wurzel schlagen kann. Erleben wir aber, vielleicht in zehn bis fünfzehn Jahren, eine Bühnenrenaissance: dann erst wird Bleibtreus Dichtersonne in voller Glorie und Majestät aufgehen ... Bis dahin müssen wir – Geduld haben – oder? ... Nun – wir werden ja sehen ...

Die Motive zu seinen beiden Novellensammlungen nahm Bleibtreu aus den Ländern, die ihn ein günstiges Geschick in flüssigster, lebendigster, aufnahmefähigster Jugendzeit sehen ließ: aus dem skandinavischen Norden und aus England. Die Geschichten ›Aus Norwegens Hochlanden‹ sind Björnson gewidmet. Ich bin zu wenig Kenner der Björnsonschen Prosa, um das Urteil, das wohl hier und da laut geworden: Bleibtreu habe in diesen Novellen nicht nur seinen ›Freund und Gönner‹ erreicht – er habe ihn sogar in mannigfacher Beziehung übertroffen – einfach bestätigen zu können ... Außerdem ist mir das Buch augenblicklich nicht zur Hand. Ich erinnere mich nur noch, daß mir die beiden wieder sehr dramatisch funktionierenden Novellen ›Auch ein Kulturkämpfer‹ und ›Wie's im Liede heißt‹ außerordentlich imponiert haben. Besonders die erstgenannte. Die störrische, widerspenstige, rebellische Bauernrotte; ihr furchtloser, massiver, stahlharter Seelenhirt; die grandiose Erhabenheit der nordischen Alpenwelt: sind mit eminenter Lebendigkeit und überzeugender Natürlichkeit gezeichnet. Die letzten Szenen, wo der Pastor, Gigant und heilandsgroßer Samariter zugleich, sich endlich die Suprematie erringt, bedeuten ein Juwel dramatischer Epik. – Unter den ›Kraftkuren‹, die ich lieber ohne die drei letzten, mehr feuilletonistisch sich aufspielenden Nummern ›Spaziergänge durch London‹ – ›Die große Revue in Windsor‹ – ›Die große Wallfahrt nach Epsom‹ – gesehen hätte, findet eine Piece, die wieder den ganzen Bleibtreu mit seiner technisch-psychischen Meisterschaft zeigt: ›Metaphysik der Liebe – ein Seestück‹. Die Szene, wo Brown oben im Mastkorb, im fürchterlichsten Orkangetöse, an der Schwelle des Todes, nicht aus Todesfurcht, denn die kennt er nicht, vielmehr durch seine Liebe zu einer ideal fühlenden Frau, von seinem Materialismus zu einer ideal-metaphysischen Weltanschauung bekehrt wird, ist für mich ein in glühendster Begeisterung und mit elementarer Naturkraft vorgetragener Triumphgesang – ein Hymnus auf die Unsterblichkeit und Allmacht des Geistes! – Leider scheint mir der Schluß verfehlt, wenigstens unnatürlich zu sein. Wie durch ein Wunder werden beide durch die orgiastisch rasenden Fluten gesund und heil getragen – und schließlich ohne die geringsten physischen Folgen! Das ist doch wohl in Wirklichkeit nicht gut möglich!

Der annähernden Vollständigkeit halber und mit dem Zusatze, daß ich auf diese Werke wie überhaupt auf Bleibtreus Position als Kritiker, Politiker und Mitmensch, wenn ich so sagen darf, demnächst noch einmal zurückkommen werde, nenne ich heute noch folgende Bücher Bleibtreus, die ich allerdings erst in zweiter Linie für wertvoll erachte: › Der Nibelungen Not, ein Roman aus dem deutschen Mittelalter‹ – › Wer weiß es? Erinnerungen eines französischen Offiziers unter Napoleon I.‹ und das ›Lyrische Tagebuch‹.

So weit mein ›Komplementsbrief‹! oder ist er vielleicht zu einem Komplimentsbrief geworden? Der Leser wird das naheliegende Wortspiel schon gemacht haben. Nun – und wenn es so wäre: Ich denke, ich habe dennoch der Wahrheit die volle Ehre gegeben!

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