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Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 10
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typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein neuer Roman aus der Gegenwart

Schärfer mit jedem Tage wird der Gegensatz, in dem der historische Roman, repräsentiert von Eckstein, Dahn, Ebers, als existenzberechtigt vor allem von Eckstein in sehr schneidigen Kapiteln verteidigt, zu dem Romane aus der unmittelbaren Gegenwart steht.

Die Vertreter des letzteren spalten sich wieder in zwei Lager. Oder besser, weil der Natur entsprechender, in zwei Generationen.

Die ältere Generation, an deren Spitze als Meister Friedrich Spielhagen steht, zu der außerdem Männer wie Max Ring (ich denke an seine ›Lügner‹), Friedrich Friedrich, Karl Frenzel, Alfred Meißner u. a. zählen, sucht der Lösung eines sozialen Zeitproblems oder nur der objektiv-richtigen und sachgemäßen Darstellung bestimmter, charakteristischer Zeitströmungen und Bewegungen durch eine scharf pointierte Fabel, dramatisch lebendige und spannende Entwicklung, durch einen vielseitigen, buntfarbigen Figurenreichtum möglichst nahe zu kommen.

Anders die jüngere Generation.

Sie hat sich nach französischen und russischen Mustern gebildet.

Zola, Daudet, Turgenjew sind ihre Meister und Vorbilder. Auch Flaubert und Balzac.

Zola fußt auf Balzac. Er hat mit der ihm eigenen Härte und Entschiedenheit die ästhetischen Kunsttheoreme Balzacs, die dieser selbst nur annähernd in seiner Produktion realisiert, in die Praxis eingeführt. Es ist gut, daß die deutsche Realistengruppe sich auch willig dem mildernden Einfluß Daudets, Turgenjews hingegeben hat.

Es gibt gewisse spezifisch germanische Lebenselemente, z. B. das des Romantisch-Sentimentalen, die sich nicht negieren lassen.

Würde ihre Unterdrückung durch ein einseitiges, peinlich getreues Spurfolgen in einem Gleise versucht, das ein kontra-germanischer Geist – ich sage mit Absicht so – gezogen, wie z. B. also Zola, so würde das nur zu Zerrbildern, zu Karikaturen führen ...

Das Gute, was unsere junge Realistenschule von den Slawen und Romanen gelernt hat, gipfelt in der dreifachen These, der sie den Treuschwur geleistet: Einfachheit und Natürlichkeit der Fabel, Richtigkeit der psychologischen Analyse, die im Vordergrund steht, korrekte Darstellung der Wechselbeziehungen, die zwischen den aktiven und passiven Gliedern der Handlung, zwischen dem ›Helden‹ oder der ›Heldin‹ und seiner resp. ihrer Umgebung (der Kritiker Zola nennt diese ›milieu‹) bestehen.

Unter unsern Vertretern des Realismus findet sich noch keiner, der seine Meisterschaft in der Beherrschung aller drei Sätze bezeugt.

Als psychologischen Analytiker möchte ich Hermann Heiberg obenan stellen.

Er hat in der psychologischen Zergliederungskunst in seinem Roman ›Die goldene Schlange‹ Großartiges geleistet. Allerdings mehr nach Art Thackerays und Otto Ludwigs. Beide, der Engländer in seinem ›Vanity fair‹, der Deutsche in seiner pathologischen Novelle: ›Zwischen Himmel und Erde‹, sezieren mehr wissenschaftlich, beweisen ihre schlagfertige Dialektik in der Behandlung psychologischer Probleme mehr durch eingeflochtene, selbständige Bemerkungen und Reflexionen, als daß sie immer die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zu Resultaten umsetzten, die aus der Bewegung, Handlung selbst fließen. Sie sind öfter, nicht immer, abstrakt, wo sie stets konkret sein müßten.

Zola, Daudet, Turgenjew hingegen sind fast immer konkret.

Abseits von den zwei angeführten Gruppen deutscher Erzähler stehen Autoren wie Grosse, Jensen, Raabe, Gottschall, Sacher-Masoch, Keller.

Grosse und Jensen haben den Zug gemeinsam, daß sie in kleineren Schöpfungen moderne Motive, moderne Konflikte, allerdings mit einer starken Neigung für romantische Farbengebung, in größeren gern halb historische Stoffe wählen, wenn ich so sagen darf, um den Gegensatz ihrer Stoffwahl zu der von Eckstein, Ebers u. a. zu konstatieren, die aus dem antiken Leben schöpfen.

Dahn und Freytag bilden die Mitte zwischen den letzteren und der Gruppe Grosse und Jensen, die sich mit Gottschall in die neuere Zeit fortsetzt.

Gottschall wählt die Motive zu seinen Schöpfungen gern aus der französischen Geschichte der letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts.

Er kehrt in seinem letzten, farbenprächtigen Roman ›Die Papierprinzessin‹ zu derselben Zeitepoche zurück, der er schon in seiner Sturm- und Drangzeit den Stoff zu seinem lyrischen Epos, besser seiner lyrischen Erzählung à la Musset und Byron ›Die Göttin‹ und seiner Tragödie ›Robespierre‹ entlehnt ...

Ganz einsam steht Wilhelm Raabe. Er dichtet und trachtet im Geiste Jean Pauls. Wenn auch weniger barock und weniger phantastisch, so doch auch nicht so gedankenträchtig und pointiert. Raabe ist unter den Modernen der einzige wahre Humorist.

Sein nächster Geistesverwandter ist der Deutsch-Schweizer Gottfried Keller. Und doch ist Keller andrerseits wieder eine so scharf ausgeprägte literarische, besser künstlerische Persönlichkeit, ein so reicher, vielseitiger Poet, dabei trotz eingesprengter Schichten und Lager romantischer Elemente im ganzen so klassisch klar und durchsichtig, daß eben nur durch die Anwesenheit und das zeitweilige Überwiegen dieser grotesk-romantischen Momente eine gewisse Geistesverwandtschaft Kellers mit Raabe hergestellt wird. Nur ist Keller nie manieriert, Raabe sehr oft. Keller ist nie pessimistisch, obwohl er sehr ernst und finster werden kann; bei Raabe finden sich, besonders in seinen Produktionen aus dem Ende des vorvorigen, dem Anfang des vorigen Dezenniums, im ›Abu Telfan‹ z. B. und ›Schüdderump‹ sehr pessimistische Akzente ...

In eine total andere Welt führt uns Sacher-Masoch. Um es kurz zu sagen: in eine uns eigentlich fremde Gedanken- und Gefühlswelt. Sacher-Masoch ist ein Schriftsteller von internationalem Charaktergepräge. Es ist kein zufälliges Moment, daß er gerade der Begründer der Revue ›Auf der Höhe‹ ist, an der europäische Schriftsteller aller Farben und Konfessionen mitarbeiten. Ein spezifisch deutscher Schriftsteller wäre schlechterdings nicht imstande gewesen, ein Organ mit derartig internationalen Tendenzen zu schaffen.

Was uns bei Sacher-Masoch so merkwürdig reizt und anzieht, ist die elementare Kraft und Leidenschaft seiner Diktion, die ursprüngliche, noch nicht abgegriffene Poesie seiner Darstellung, der exotische Charakter seiner Motive; und last not least die apodiktische Betonung der modernen Emanzipationsgedanken.

Es läßt sich kein größerer Gegensatz denken als der ist, in dem die Naturen Ibsens und Björnsons einerseits zu der Sacher-Masochs andrerseits stehen.

Und doch harmoniert der Slawe mit den Germanen, wo es sich um die Verfechtung radikaler Prinzipien sozialphilosophischen Charakters handelt. –

Ich habe mit großen, groben Linien die ungefähre Physiognomie des zeitgenössischen Romans zu zeichnen versucht und diesen Versuch meiner Kritik des Boy-Edschen Romans vorangesetzt, weil mir dieser mit einem gewissen, durch großes Selbstbewußtsein bedingten Air aufzutreten scheint, als wollte er von vornherein eine starkgeistige, auf innerm Wert begründete Selbständigkeit und zugleich seine Bedeutung als Mitglied einer bestimmten Romangruppe kennzeichnen.

Boy-Eds Roman besitzt diese Selbständigkeit, besitzt diese Bedeutung wirklich.

Es fragt sich nur, zu welcher Gruppe er seinem Wesen und Charakter nach gehört.

Diese Frage ist leicht zu beantworten.

Er gehört in die Kategorie, in der Spielhagens Zeitromane obenan stehen.

Seine Verfasserin hat sich nicht der realistischen Gruppe angeschlossen.

Auch nicht der kleinen Schar, die – was ich oben ausgelassen zu bemerken – durch Hopfen und Franzos repräsentiert, bewußt oder unbewußt die Brücke vom alten zum neuen Glauben bildet.

Boy-Ed legt in dem Roman ›Männer der Zeit‹ das Hauptgewicht auf eine interessante Fabel, auf deren lebhaft spannende Weiterentwicklung, auf den Ausdruck moderner, sozialer Zeitgedanken.

Der Fehler ist nur der, daß diese Ideen, so berechtigt sie an und für sich sein mögen, so stark sie auch ihr Träger, Dr. Aurel Kensing, betont, doch bedeutend hinter das rein novellistische Element zurücktreten, weil sie nicht diskutiert, auf ihren Gehalt, ihre innere Wahrheit hier durch eine Beleuchtung von zwei, einander kontrastierenden Seiten geprüft, sondern einfach nur ausgesprochen werden. Ja – es kommt schließlich sogar noch so weit, daß Kensing selbst zu guter Letzt dem von ihm mit apostolischer Glut gepredigten Glauben untreu wird, daß er, durch eine alles überschäumende Leidenschaft geblendet, inkonsequent genug ist, seiner aufgeklärten Intelligenz entgegen, sich in ein Duell einzulassen.

Er fällt in dem Duell.

Ganz abgesehen davon, daß dieser Schluß ein echter, sozusagen sanktionierter Romancoup ist – was will der Schöpfer des vorliegenden Zeitgemäldes damit sagen?

Wollte er in einer realistischen Anwandlung einmal wirklich nach dem Leben zeichnen, wo die Notwendigkeit der Inkonsequenz, der Konzession als § I des ›savoir-vivre‹-Kodex geschrieben steht?

Dann läßt sich weiter nichts dagegen sagen.

Höchstens läßt sich nur wieder der Vorwurf der Inkonsequenz erheben, den Boy-Ed deshalb mit Recht verdient, weil sie, obwohl sie Anhängerin der älteren Idealistengruppe, nicht unbeirrt so weit geht, daß sie Sieger schafft – Modelle für die Zeitgenossen, um den Keim zu einer wirklich freien und starken Zukunftsmenschheit zu legen – kurz, daß sie nicht Ideale formt, zu denen wir armen, schwachen, charakterlosen, mit Vorurteilen durchtränkten Menschen der Gegenwart voll inbrünstiger Begeisterung aufschauen – wie der Gorilla zu seinem Verwandten, dem Adam Homo, der es so herrlich weiter gebracht hat, während er noch eine unveräußerliche, unversetzbare Garderobe tragen muß ...

Oder hat sich die Verfasserin durch leidige Vorbilder verführen lassen, ebenfalls auf ein brillantes, effektvolles Finale zu sehen? ..

Die virtuose Schilderung, die dramatische Präzision der Szenen, die dem Duell vorausgehen, die verschiedenen Phasen der Duellaffäre selbst, rufen beinahe die Vermutung wach.

Boy-Ed weiß ganz genau, daß die Zergliederung des Stoffs und zwar die im großen und ganzen ungezwungene, logische, natürliche Zergliederung in packenden, blendenden Einzelszenen ihre Hauptforce ist ...

Das Komponieren, das Gruppieren, das Malen ist ihre Sache. Weniger das Charakterisieren.

Ich meine den strikten, durch eine feine psychologische Analyse erbrachten Beweis, daß die und die Persönlichkeit unter den und den Verhältnissen, bei den und den ererbten und ausgebildeten Eigenschaften sich so und nicht anders entwickeln muß!

Am besten gelungen noch ist der Versuch, dieses Experiment zu machen, bei der Figur der Heldin, der Leonore Mareschalk, die mit einer außerordentlichen Plastik gezeichnet ist, wenn auch die Entwicklung ihres seelischen Lebens nicht klar, übersichtlich, logisch zwingend, sondern mehr blitzartig, sprungweise gegeben ist.

Immerhin verdienen die üppige Kraft, die wuchernde Fülle, die Boy-Ed bei der Schilderung dieser Gestalt und ihrer Umgebung entfaltet, das höchste Lob.

Weniger Anerkennung kann ich dem Porträt von André, Leonorens Pflegebruder, zollen; von Medora, Andrés Tante, Schauspielerin, am Anfang des Romans unbedeutende Statistin, am Ende die gefeierte Primadonna, die Darstellerin der ›Iphigenie‹, Schwester der Mutter Andrés, die sich und ihre Kinder – das der erschütternd vorgetragene Inhalt des ersten Kapitels – in Verzweiflung über ihre unaufhörliche Not, ihre konstanten Nahrungssorgen das Leben nimmt – nur André wird gerettet; von Gebhard tor Straten, bei dem man nicht recht herausbekommt, ob er eigentlich geistreich oder geistlos, gut oder schlecht, ein raffinierter Roué oder ein leichtlebiger Gourmand ist.

Die Fabel des Romans ist sehr kompliziert. Ich kann sie hier im einzelnen nicht wiedergeben. Die gemachten Andeutungen mögen genügen.

Sein Wert beruht, wie gesagt, hauptsächlich in der fein erwogenen, mit beneidenswerter Sicherheit durchgeführten Komposition des Romans, in dem blendenden Kolorit, mit dem Boy-Ed die meisten Szenen und einzelnen Persönlichkeiten, wie die Leonore, den Aurel Kensing, auszustatten wußte.

Schwach im ganzen ist die psychologische Analyse. Unwahr sind die Charaktere von André und Medora entwickelt. Man kann das Gefühl nicht loswerden, daß die Verfasserin ursprünglich etwas ganz anderes mit diesen beiden im Sinne hatte, als sie nachher ausgeführt hat.

Unnatürlich ist es, wenn André in einem Alter von acht Jahren Reflexionen über das Elend der Menschen zum besten gibt; wenn er im weiteren Verlaufe des Romans plötzlich sich als Poet entpuppt, nachdem im ersten Teile seine Entwicklung zum Sozialistenhäuptling entschieden begonnen ist.

Ein weiterer Fehler ist, daß nirgends erzählt wird, wie Kensing sich zum Vertreter des modernen sozialen Radikalismus ausbilden mußte! Den Beweis wäre uns ein Autor, der Zolas ›Roman expérimental‹ gelesen, nicht schuldig geblieben. So treten die ›Männer der Zeit‹ durchaus nicht in einem wirklichen Roman auf, vielmehr in einer Dichtung, die aus romanhaften und zugleich rein novellistischen Teilen besteht.

Zum Schluß erwähne ich als mangelhaft noch einmal, daß die modernen Ideen durchaus nicht im Zentrum stehen, durchaus nicht Motoren sind, sondern mehr ornamentale Mitgift, die zwar den Charakter der Dichtung mitbestimmt, allenthalben aber von den rein stofflichen Erzählungselementen überwuchert wird. –

Boy-Ed wird sich bald in die Gunst des literatur-freundlichen, d. h. des Leihbibliotheken durchstöbernden Publikums gesetzt haben.

Natürlich! Wer so mit Spannung zu erzählen weiß, ist der gnädigen Frau ebenso willkommen, wie der Kammerzofe. Warum sollen Kammerzofen keine über das Mittelmaß weit hinausragenden Romane lesen? Und Boy-Eds Roman ragt in der Tat darüber hinaus. –

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