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Gutenberg > Hermann Conradi >

Ich bin der Sohn der Zeit

Hermann Conradi: Ich bin der Sohn der Zeit - Kapitel 1
Quellenangabe
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typeessay
authorHermann Conradi
titleIch bin der Sohn der Zeit
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar
editorRüdiger Bernhardt
year1983
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Tarnkappe und Narr'nkappe

Eine erbaulich-vertrauliche Glosse

Von sechs Worten – vier, die sich reimen lassen!

Wenn das nicht staatsgefährlich ist – was dann? Ich wüßte es nicht!...

Ich sage absichtlich: ›staatsgefährlich!‹

Denn da heutzutage im Staate die Ungereimtheiten patentiert werden, so ist alles, was sich reimt, staatsgefährlich...

Das kann jeder begreifen!

Darum auch die Blüte unserer Poesie!

Sie ist die ehrliche Schwester der Politik ...

Aber ich schreibe keinen Leit(d)artikel über Staat und Kunst – ich halte mich weder im einen noch im andern für kompetent...

Schönes Wort: ›kompetent!‹

»Mitstreber!«

Da haben wir's!

Der Ehrgeiz – das Strebertum – sehr parvenürlich – unmanierlich! ...

»Ein garstig Lied!«

Pfui!

Auch ein Bazillus!

Und im Grunde? Der Bazillus der Narrheit – des Faschings – des Karnevals!

So kommt man vom Hundertsten ins Tausendste!

Könnt' ich's ihm doch auch in den Tantiemen nachmachen!

Recipit eine ›Idee‹ – und er kommt wahrhaftig aus dem Hundertsten in die Tausendsten!

Hört man aber nicht auch hier die Schellen und Klingeln der Narr'nkappe?

Mir summt so etwas vor den Ohren – als sänge man unserer Bühne ein lustiges Renaissance-Lied!

Ja! Ja! Die Narr'nkappe ist eine Tarnkappe – hilft alles nichts!

»«Wieso?« fragt ein angegangener Gedanken-Leser ...

Und ich soll in meiner wüsten Allerwelts-Faschings-Stimmung Lust und Geduld zu einer logischen Deduktion haben?

Viel verlangt!

Aber ich will's versuchen ...

Die Narrheit ist nicht mehr Staats-Monopol wie s. Z. unter Arminius III., der – doch darüber hält sich Klio den Mund zu! ...

Vielleicht ist er auch so zugeklebt... ›Wer weiß es?‹

Eine ›Zeitfrage‹!

Heute, wo die Spatzen auf dem Dache und die Krähen in der Spinnstube das Lied vom Individualismus pfeifen und krächzen, denkt jedermann auf gut französisch: ›l'État c'est moi!‹

Also ist die Narrheit Welt-Monopol geworden! ...

Wir brauchen uns der Löcher in unsern Philosophen-Mänteln nicht zu schämen ...

Wir brauchen nicht zu tun, als ob ... wir geben uns, wie wir sind ...

Wir sind allzumal Narren!

Denkt an das prächtige Kastentum in Staat und Leben! ... An die ›Ordnungen‹.

Denkt an das famose Kapitel von den ›Orden‹!

Denkt an die Eisenbahnwagen erster – zweiter – dritter – vierter Klasse – inkl. Viehwagen für Zurückgebliebene oder Sitzengebliebene ...

Denkt an – doch da fällt mir eine sehr nette Illustration ein: Neulich stehe ich in einem Basar – kaufe für mein Vielliebchen einen rokokolichen Fächer – da tritt eine junge Dame an den Ladentisch – wahrhaftig: ein prächtiges, schmuckes, herziges, leckeres, ›taufrisches‹ Dirndl aus Unheiligenblut – schlägt verschämt die braunen Sternlein nieder und lispelt: »Bitte, ein Paket Klosettpapier für gebildete Stände!«

Da habt ihr's!

›Sogar hier gähnt die Kluft!‹ dachte ich Entsetzter ...

Ich nestelte eine Weile an meinen Handschuhen – endlich fand ich den Mut, leise zu fragen: »Was ist der Unterschied zwischen dem Papier für gebildete Stände und nicht gebildete?...«

Aus den Augen der sonst ja ganz niedlichen Merkur-Jüngerin schoß ein spöttischer Blick ...

»Das wissen Sie nicht? Sie Armer!...«

»Bitte, sagen Sie's mir doch – ich stehe wie auf Kohlen!...«

»Muß man das auch noch ausschwatzen!... Das Papier für die Gebildeten liefert der Verleger – damit seine armen Gedruckten doch wenigstens an einem Orte gelesen werden, da sie sonst niemand liest – und das Papier für die unteren Stände liefern die Wohltätigkeitsvereine, milde Stiftungen und sonstige Missions-Gesellschaften! ...«

»Welche Spezies geht besser – die für die Gebildeten oder die andere?«

»Beide etwa gleich gut ... die Lieferanten sind fast zu eifrig ...«

Ich brach das delikate Gespräch ab – – O Menschheit! Menschheit! Menschheit!

Ist aber diese kleine Szene nicht durchschlagend wie Curellas Brustpulver?

»Εγκωμιον μωριασ!«

Aber ich bin immer noch nicht auf die Tarnkappe gekommen! Was ist das eigentlich für ein Ding?

Ein gar zu schnurriges! So eine Art Schminke nämlich, aber eine Schminke von distinguierter, feiner, satirisch-beißender Art – schier so ätzend und beißend, daß die ganze Persönlichkeit in Rauch aufgeht, wenn man sie den Haaren oder sonst einem schminkwürdigen Körperteile zu nahe bringt! ...

Ein sehr praktisches Ding, wahrhaftig, für Leute besonders, denen es plötzlich wanderselig zumute wird oder auch werden muß! ...

Schade nur, daß wir modernen Hochmutsbeflissenen die famose Kappe nicht mehr zurechtschneiden können – das Rezept ist verlorengegangen ... Im Dreißigjährigen Kriege, glaub' ich ...

Und doch haben wir keinen eigentlichen Grund zur Landestrauer ... Sintemalen eben die moderne Narr'nkappe aus Großvätertagen in ihren raffinierten Effekten nicht viel nachsteht! ...

Denn sagt, ihr alle, die ihr mittanzt im lustigen Karneval des Lebens – sagt, vergeßt ihr nicht darüber – über das Feiern bei Tag und bei Nacht – den eigentlichen Kern eures Wesens? Und vergessen nicht auch, oder besser: lernen ihn je die ergründen, die mit euch hasten und stürzen, zechen und blechen – die mit euch um das Goldene Kalb tanzen – mit euch nach den goldgleißenden Früchten des Lebens haschen? ... Ist nicht der Fasching und sein Zeichen, die Schellenkappe, ein Trank, den ihr hinunterstürzt, der euch honigsüß und köstlich dünkt? ... Und ihr schlürft immer toller und toller und ihr verliert euch immer mehr und mehr – bis ihr nur noch lebt wie im Opiumrausch – mag nun wahre und wahrhaftige Lust, sprühend, schäumend, bacchantisch, euch an ihren Wagen fesseln oder die Nebelluft der Alltäglichkeit, die ebenso giftig wie betäubend wirkt wie die weindünstige Stickluft beim Bankett der Schwelger und Schlemmer ...

Das Geläute der Narr'nkappe zieht durch die ganze moderne Welt ... Nun – ist es denn einmal so: die rollende Kugel halten und bändigen wir doch nicht! Abgetan sei der letzte Zweifel – das letzte Empfinden der Reue erstickt – schlage sie zu, die Pforte, die zum Allerheiligsten deiner Seele führt – ›vergiß deiner Mutter Wiegengesang!‹ – Vergiß alles, was dir teuer gewesen in deiner Jugend Schwärmertagen – – wirf dich aufs Roß der entfesselten Leidenschaft und gehe auf für Phantome auf dem weiten Markte des Lebens oder im engen Gemach, wo sich dein Weib an dich schmiegt, mit ihren Küssen dich trunken macht, an ihre weißen Brüste dich zieht – um dich zu verraten, ehe der Hahn auch nur einmal gekräht hat ...

Du aber weißt das nicht – warum sollst du das wissen oder denken? ...

Tust du denn anders?

Also!

Gehe unter im Taumel üppigsten Genusses oder verknöchere im Taumel eines kindischen Wahnes: Du hast dich verloren oder nie gefunden – du Glücklicher!

Oder?...

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