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Gutenberg > Conrad Ferdinand Meyer >

Huttens letzte Tage

Conrad Ferdinand Meyer: Huttens letzte Tage - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleHuttens letzte Tage
year2000
addressBerlin
titleHuttens letzte Tage
senderobermann@math.tu-berlin.de
authorConrad Ferdinand Meyer
publisherDavid Obermann
firstpub1871
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Huttens letzte Tage

Eine Dichtung

Franz Wille
und
Eliza Wille
zu eigen

Da mir's zum ersten Mal das Herz bewegt,
Hab' ich das Buch auf euern Herd gelegt,

Und nun, so oft es tritt ans Tageslicht,
Vergißt es seine alten Wege nicht.
 
 

... ich bin kein ausgeklügelt Buch,
Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch...
 

Die Ufenau

I Die Landung

Schiffer! Wie nennst du dort im Wellenblau
Das Eiland? – "Herr, es ist die Ufenau!"

Ein grüner Ort. Dank, Zwingli, für die Rast,
Die  du, der Gute, mir bereitet hast!

In braunen Wölklein wirbelt auf ein Rauch,
Bewohnt von Menschen scheint das Eiland auch.

Willkommen, mein gewünschtes Ithaka!
Ein irrender Odysseus bin ich ja.

Viel kämpften, edler Dulder, beide wir;
In andern Stücken gleich' ich wenig dir

Und nicht im Eignen werd' ich wohnen dort,
Ich bleibe Gast auf Erden immerfort.

Dir, Vielgewandter, ward ein besser Los,
Der du im Fabeln und im Lügen groß!

Auch ohne deine Göttin fahr' ich hier...
Ein Kirchlein winkt herüber still zu mir

Und dort! Ein Mann erwartet mich am Strand.
Er grüßt. Den Priester kündet das Gewand.

Es ist der Arzt, den Zwingli mir verhieß...
Hier waltet Friede wie im Paradies!

Die Wache hält ein Eichbaum düsterkühn
Und färbt den kleinen Hafen dunkelgrün.

Der Ferge mäßigt seinen Ruderschwung
In breiter Abendschatten Dämmerung.

Mein Wirt, der Pfarrer, hat ein mild Gesicht,
Mit diesem Antlitz disputier' ich nicht...

– "Die Hand, Herr Hutten! Tretet aus dem Kahn!
Ihr seid's. Das Falkenauge zeigt es an."

Wes ist der Boden? – "Klostergut. Doch jetzt
Schier herrenlos; hier wohnt Ihr unverletzt."

Wie stark ist, Pfarrer, die Besatzung hier?
– "Der Schaffner drüben, ich und, Ritter, Ihr."

Du gibst mir Herberg unter deinem Dach?
– "Ihr habt in meinem Haus das Gastgemach.

Hierdurch! Jetzt, Ritter, bückt Euch, tretet ein!
Die Tür ist niedrig, das Gemach ist klein;

Doch steht der Bau nach allen Seiten frei,
Ihr schlürfet Bergluft ein als Arzenei

Und schauet auf den hellsten See der Schweiz,
Blickt aus! Er ist nicht ohne Augenreiz.

Dem einen Ufer fern, dem andern nah,
Haust, Ritter, Ihr nicht allzu einsam da.

Macht's Euch bequem! Hier werdet Ihr gesund!"
Ich glaub's. So oder so! Wahr spricht dein Mund.
 
 

II Die erste Nacht


Ich hört's im Traum und hör' es noch erwacht:
Ein Glockenreigen wandert durch die Nacht.

Nicht Domesglocken sind es dumpf und schwer,
Des Schaffners Herde weidet um mich her.

Sie läutete vom nahen Wiesenrain
In die Gefilde meines Traums herein.

Mir träumte von der Ahnen Burg so schön,
Die auch umklungen wird von Herdgetön.

Vor zwanzig Jahren aus der Väter Haus
Zog ich mit leichtem Wanderbündel aus.

Ein redlich Stück von Arbeit ist getan,
Nun hebt das Herdeläuten wieder an.

Der Reigen, der die Wiege mir umfing,
Hallt wieder hell und schließt den Schicksalsring.

III Huttens Hausrat

Ich schau' mich um in meinem Kämmerlein
Und räume meine Siebensachen ein.

Ich gebe jedem seinen eignen Ort,
Die Klinge lehn' ich in den Winkel dort.

Die Feder leg' ich, meinen besten Stolz,
Auf diesen Tisch von rohem Tannenholz.

Mein ganzes knappes Hausgerät ist hier,
Mit Schwert und Feder half und riet ich mir.

In einer schwertgewohnten Hand begehrt
Die Feder ihre Fehde, wie das Schwert.

Erst flog sie wie der Pfeil in Feindes Heer,
Doch meine Feder wuchs und ward zum Speer!

Frohlockend stieß ich sie, ein tötend Erz,
Der Priesterlüge mitten durch das Herz.

Und Schwert und Feder, wenn mein Arm erschlafft,
Sind Huttens ganze Hinterlassenschaft.

Mein Schwert, das länger ich nicht führen kann,
Ergreifen mag's getrost ein andrer Mann –

Von keinem Finger werde sie berührt,
Die Feder, welche Huttens Hand geführt!

Die streitet fort. Sie streitet doppelt kühn,
Wann ich vermodert bin im Inselgrün.
 
 

IV "Ritter, Tod und Teufel"

Weil etwas kahl mein Kämmerlein ich fand,
Sprach ich zum Pfarrer: Ziere mir die Wand.

– "Da meine Brief' und Helgen! Hutten, schaut,
Was Euch belustigt oder auferbaut!

Ergötzt Euch "Ritter, Tod und Teufel" hier?
Nehmt hin das Blatt! Der Ritter, Herr, seid Ihr."

Das sagst du, Pfarrer, gut. Ich häng' es auf
Und nagl' es an mit meines Schwertes Knauf.

Dem garst'gen Paar, davor den Memmen graut,
Hab' immerdar ich fest ins Aug geschaut.

Mit diesen beiden starken Knappen reit'
Ich auf des Lebens Straßen allezeit,

Bis ich den einen zwing' mit tapferm Sinn
Und von dem andern selbst bezwungen bin.
 
 

V Consultation

Gib deine Weisheit kund! Was ist der Schluß,
Mein Gastfreund, Seelenhirt und Medicus?

Berichtet hab' ich dir, was ich vermocht,
Du hast mir lauschend an die Brust gepocht.

Wie steht's? Sag an! – "Herr Hutten, Eure Kraft
Erliegt dem Stoß der Herzensleidenschaft

Und Euer Geist, das scharfe Schwert, zerstört
Den Leib, die Scheide, die zum Schwert gehört.

Des Leibes strengstes Fasten tut es nicht,
Solang die Seele noch die Fasten bricht.

Beschränket Euch auf dieses Eiland hier!
Horcht nicht hinaus, horcht nicht hinüber mir!

Vergesset, Ritter, was die Welt bewegt
Und Euch in jeder Fiber aufgeregt!

In dieser Bucht erstirbt der Sturm der Zeit:
Vergesset, Hutten, daß Ihr Hutten seid!"

Für deinen weisen Ratschlag habe Dank!
Ich sehe schon, ich bin zum Sterben krank.

Wie? Wenn der Papst die Christenheit betrügt,
So ruf' ich nicht: Der arge Römer lügt?

Wie? Wirft die Wahrheit auf ihr kühn Panier,
So jubl' ich nicht auf meiner Insel hier?

Wie? Springt ein deutsches Heer in heißen Kampf,
So atm' und schlürf' ich nicht den Pulverdampf?

Wie? Sinkt der Sickingen, bedeckt mit Blut,
So brennt mich's nicht, wie eigner Wunde Glut?

Freund, was du mir verschreibst, ist wundervoll:
Nicht leben soll ich, wenn ich leben soll!
 
 

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