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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Sechstes Buch.
Restauration, Reaction, Revolution.

Erstes Kapitel.
Demagogenriecherei zur Beruhigung aller Gutgesinnten.
Studentenleben in Göttingen.

Hermann Baumgarten reiste gen Norden, begrüßte seine Aeltern und kehrte dann in Göttingen ein, um dort den ersten Band seiner »Geschichte Heinrich's des Löwen« zu vollenden und herauszugeben, um daraus die Venia docendi zu erlangen. Inzwischen feierte Veronica Cruella in Mailand und Rom neue Triumphe. Wir könnten aus zwei dicken Briefbündeln der Liebesleute vieles mittheilen, wenn das eine unterhaltende Lektüre wäre; aber das glüht und sprüht nur von Liebesversicherungen, beklagt die Trennung, seufzt nach baldiger Wiedervereinigung, und ein Brief gleicht völlig dem andern. Die Sängerin hat von Kränzen und Sonetten, Juwelen und Schmucksachen, die ihr zu Füßen gelegt werden, zu berichten, während der angehende Gelehrte trostlos ist und jammert bald über das langsame Fortschreiten des Druckes und die enorme Masse von Druckfehlern, bald über das mehr als zurückhaltende Wesen der künftigen Collegen, sofern sie Hofräthe und Professoren oder etwas noch Höheres dem Titel nach sind. Endlich hatte die Dietrich'sche Buchdruckerei das nach dem Begriffe damaliger Zeit für Göttingen Außergewöhnliche geleistet und dreißig Bogen in einem halben Jahre gedruckt und getrocknet. Nun aber beginnt die Last mit dem Buchbinder wegen des Einbandes der Pflichtexemplare. Das hatte seine gewiesene Form, an Excellenzen durfte nichts versendet werden ohne Goldschnitt und Einband in Maroquinpapier, Geheime Hof- und Justizräthe bekamen mindestens Maroquin, für die künftigen Collegen genügten steife Deckel in seinem grünen oder blauen Papier, die Recensiranstalten erhielten gewöhnliches blaues Papier. Dem Magnificus, als Vertreter der Majestät, gebührte wieder Goldschnitt.

Endlich waren die Exemplare versendet, das Gesuch um Erlaubniß zur Habilitation nebst einer lateinisch geschriebenen Selbstbiographie sauber abgeschrieben und zur Post gebracht. Nun aber ging das Leiden erst recht an; es war hergebracht, daß ein solches Gesuch in Hannover sechs oder acht Monate lag, ehe der Referent Zeit fand, der vielbeschäftigten Excellenz daraus vorzutragen; das hatte man Hermann gesagt, aber wie lange dauerte dem armen Verliebten diese Zeit, wie lange dauerte es, ehe eine der Literaturzeitungen eine Anzeige des Erstlingswerkes brachte!

Indeß gingen acht, es gingen zehn Monate vorüber, ohne daß Hermann eine Resolution bekam. Er wußte nicht, daß seine Personalacten bei dem Referenten »gerechte Bedenken« erregten, ihm die Venia legendi zu ertheilen. Zwar hatte er ein Buch geschrieben zur Glorification des mächtigsten aller deutschen Welfenfürsten, es fehlten ihm gute Kenntnisse nicht, und Luden in Jena hatte ihn vorzüglich empfohlen, wie überhaupt gute Zeugnisse über Fleiß und sein wissenschaftliches Streben vorlagen; allein was wollte das bedeuten? Er hatte sich als ein Mann gezeigt, der nicht nur bodenlosen Theorien huldigte, sondern auch andere junge Leute verführte, er war bei der Feier des Waterloofestes auf dem Hanstein, bei Stiftung der Göttingia, endlich bei der Dabelow'schen Affaire betheiligt gewesen, und einen solchen Mann durfte man unmöglich als Lehrer der Jugend anstellen. Aus dem Berichte der mainzer Central-Untersuchungscommission wußte man schon, daß Hermann sich auf dem Wartburgfeste hervorgethan, daß er die allgemeine Burschenschaft in Jena hatte bilden helfen, daß er dann, wer konnte wissen, ob nicht mit den geheimen Mitteln eines Verschwörungscomité? eine Reise nach Italien und der Schweiz gemacht, dort mit Snell und andern Verdächtigen verkehrt hatte, vielleicht mit den Carbonari in Verbindung getreten war.

Einen solchen Mann mußte man von der Georgia Augusta fern halten, wenn er auch noch so viel gelernt hatte. So wurde denn die Erlaubniß zur Habilitation verweigert.

Hermann erhielt das Rescript im Försterhause zu Mollenfelde am Kranken- und Sterbebette seines Vaters. Der Bescheid schmetterte ihn nieder, denn er schob die Verbindung mit Veronica auf unbestimmte Zeit hinaus.

Als man den Oberförster Oskar Baumgarten zur Erde bestattet hatte, als die Trauerbotschaft nach Italien und Amerika berichtet war, da überlegte Hermann, was nun zu thun sei. Die verständige Mutter sagte. »Aber mußt du denn gerade Professor werden, kannst du nicht als Doctor heirathen? Du hast ein hübsches Vermögen, das bei Onkel Schulz sicher angelegt ist und sich gut verzinst; mit dem, was sich Veronica erspart hat, und es wird nicht wenig sein, müßt ihr von dem Zinsertrage recht gut leben können, wenn auch nicht so, wie die Cousine jetzt in Wien gelebt hat. Nach meinem Tode, und der wird nicht lange auf sich warten lassen, erhaltet ihr Kinder auch noch die Kleinigkeit, die mein Seliger und ich zurückgelegt haben.«

»Das verstehst du nicht, Mutter«, erwiderte der Gelehrte, »ich würde ewig der Mann der Cruella heißen, als eine von ihr gemachte und abhängige Creatur angesehen werden, wenn ich sie auf meinen Doctortitel, ohne Ruf und ohne Stellung, heirathete.«

Er beschloß, in Berlin sein Glück zu versuchen; hatte doch Friedrich von Raumer sich lobend in den »Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik« über das Buch ausgesprochen. Hermann blieb bei der Mutter im Forsthause, bis der Nachfolger seines Vaters eingetroffen und das Inventar übergeben war. Dann brachte er die Mutter zu seiner Schwester Baumann in Hedemünden, bei der sie sterben wollte. Dieser Wunsch ging schnell in Erfüllung, im nächsten Jahre schon ruhte ihre Hülle bei den Gebeinen des Gatten.

In Berlin hoffte Hermann Baumgarten von den Hohenzollern, die ja in weiblicher Linie gleichfalls Nachkommen des Löwen waren, den Dank zu ernten, den ihm die Welfen versagt hatten; aber ihm wurde aus der Geburtsstadt seiner Großmutter, dem goldenen Mainz, ein Stein in den Weg gelegt, über den er stolpern sollte; ihm war gleich vielen seiner Alters- und Kampfesgenossen ein Märtyrerthum vorbehalten, das Gefängniß statt der Hochzeit.

In Mainz tagte seit dem 3. November 1819 die Central-Untersuchungscommission, diese Schandgeburt des zweiten Jahrzehnts des neunzehnten Jahrhunderts. Fürst Metternich und der nassauische Gesandte von Marschall stritten um die Vaterschaft, letzterer hatte schon in der zweiten Sitzung des Karlsbader Congresses am 7. August 1819 den Gedanken an eine solche Commission »zur Beruhigung aller Wohlgesinnten«, angeregt; die Organisation war aber das Werk Metternich's.

Die Central-Untersuchungscommission hatte sich in dem goldenen Mainz wohlgebettet und sich von dem Bundestage bald unabhängig zu stellen gewußt. Man lebte herrlich und in Freuden, machte Excursionen nach der schönen Umgebung, hazardirte in Wiesbaden, mied aber Frankfurt. Der Bundestag forderte wiederholt Bericht über die Thätigkeit der Commission, diese hüllte sich in um so tieferes Schweigen. Was sollte sie auch berichten? Es lag Tatsächliches überhaupt nicht vor. Die Thaten Sand's und Löhning's standen in keinem directen Zusammenhange weder mit der Burschenschaft noch sonst mit geheimen Verbindungen, sie hatten auch schon ihre Richter gefunden. Nun hatte man zwar Tausende von Papieren und Papierschnitzeln zusammengebracht; allein sie waren lückenhaft, in Abschriften, deren Glaubhaftigkeit zweifelhaft blieb, ihrem Sinne nach wenig aufgeklärt, Briefe des unschuldigsten Inhalts, in denen man mit diplomatischer Kunst Hintergedanken suchen mußte.

Anderthalb Jahre brachte man damit zu, eine Kategorientafel zu suchen, nach der gearbeitet werden solle, und kam endlich überein, es würde zweckmäßig sein, wenn man drei große Actenbündel anlegte, mit örtlichem, persönlichem und sachlichem Material. Um die Grundlagen für die Verschwörung, die man finden wollte, zu gewinnen, ging man auf den Tugendbund zurück und machte die Stein und Arndt, Blücher und Gneisenau, Eichhorn und Gruner zu Vätern der demagogischen Umtriebe, ja Fürst Wittgenstein, der beinahe ausschließlich das Ohr Friedrich Wilhelm's III. besaß, wußte in diesem die Furcht vor einer Revolution in hohem Maße zu nähren und alle diejenigen als Demagogen und Verschwörer darzustellen, welche auf Erfüllung des Verfassungsversprechens drangen.

In der That gehört es zu einer der unerklärlichsten Erscheinungen, wie über ein Jahrzehnt eine Commission tagen konnte, der, wie sie selbst bekannte, jedes greifbare Princip, jeder Maßstab, ja die Hauptsache selbst, ein Verbrechen, fehlte. Denn jedes jugendliche Hirngespinst, jeder Gedanke an ein einhelliges Deutsches Reich und an Verfassungsrechte, die man den Völkern versprochen hatte und gewähren mußte, war doch noch nicht Hochverrath?!

Nun hatte man sich von Hannover aus, nachdem Hermann sich um das Privatdocententhum beworben, nach Mainz gewendet und angefragt, ob dort etwas in Erfahrung gebracht sei über das Treiben Baumgarten's seit seiner Promotion. Hannover war bei der Commission nach dem Abgange des Präsidenten von Bar durch Hofrath Falke, der damals noch nicht geadelt war, vertreten, einen Juristen aus der Pütter'schen Schule, der mit Karl Haus auf derselben Zuhörerbank gesessen. Falke berichtete dann, daß sich der Name des Dr. Hermann Baumgarten auf einem Verzeichnisse befinde, von dem man vermuthe, daß es die Namen der Mitglieder des Bundes der Jungen enthalte, sowie daß nach der Aussage eines gewissen Witt, genannt von Dörring, Hermann wirklich Mitglied dieses Bundes sei, wie es auch ermittelt worden, daß derselbe in der Schweiz viel mit Snell zusammen verkehrt habe. Freilich, hatte er hinzugefügt, sei Witt eine sehr anrüchige Persönlichkeit; einige behaupteten sogar, er stehe als Agent im österreichischen Solde.

Als Hermann in Berlin um die Erlaubniß, sich zu habilitiren, nachsuchte, wendete man sich auch von dort vorschriftsmäßig nach Mainz. Der preußische Vertreter, weniger gewissenhaft als Falke, ein Demagogenriecher aus der Schmalz'schen Schule, beantragte, Baumgarten vorläufig als guten Fang zu betrachten und ihn im Interesse der Central-Untersuchungscommission namentlich über seinen Aufenthalt, seine Reisezwecke und Verbindungen in Italien und der Schweiz zu vernehmen. Baumgarten, der fleißig am zweiten Theile seines Werks arbeitete, war nicht wenig überrascht, als man eines Tages seine Papiere versiegelte und ihn erst nach der Stadtvogtei, dann nach Spandau abführte.

Nach Fritz Reuter und Arnold Ruge den Aufenthalt und das Leben auf einer solchen Festung zu schildern, würde verwegen sein. Man inquirirte in das Blaue hinein, verlangte Rechenschaft von jedem Tage, den der Gefangene auf Reisen zugebracht hatte, ging auf das Wartburgfest zurück, forschte nach Verbindungen mit Follen, mit Sand und andere.

Wochen vergingen, ehe Hermann seine Bücher und Papiere zurückerhielt und sich mit den Seinigen brieflich in Verbindung setzen durfte. Von seinen Briefen hatte man nur einen zurückbehalten, in dem der Onkel Schulz in Hannover in seiner derben Manier den Curator der Universität einen bornirten Kopf, die Minister Esel und die Nichtzulassung Hermann's zur Habilitation in Göttingen einfach eine Niedertracht nannte. Vielleicht schickte man den Brief nach Mainz, um die Liste der Demagogen zu vergrößern, vielleicht hatte man ihn auch nur nach Hannover gesendet, um die Minister wissen zu lassen, was ein hannoverischer Bürger von ihnen zu denken wage.

Der Gefangene fühlte sich beglückt durch die Erlaubniß, an seine Braut schreiben zu dürfen, durch die Möglichkeit, am zweiten Bande seiner Geschichte weiter zu arbeiten; er tröstete sich mit der Hoffnung, daß die ganze Untersuchung nur auf einem Irrthume beruhen könne, da ihn seine wissenschaftlichen Forschungen in Archiven und Bibliotheken schon in Jena von phantastischen Geheimbundstreibereien fern gehalten hatten.

Das war etwa um Ostern 1824.

Um dieselbe Zeit bewegte sich auf der Chaussee von Hannover nach Göttingen die von vier Pferden gezogene schwerfällige Postkutsche mit acht Beiwagen den letzten Berg hinan, der den Blick über Göttingen hinaus über das ganze Leinethal bis zu den Werragebirgen erschließt, während zur linken Seite, nach Osten, eine Ruine, die der Burg Pleß, einen langen hohen nebst einem sehr dicken Thurme wie zerfallenes Gemäuer aus noch unbelaubter Bergeshöhe hervorstreckte. In dem letzten dieser Beiwagen saßen zufällig zwei ziemlich nahe Verwandte, der Sohn unsers Freundes Heinrich Schulz aus Grünfelde, ein langaufgeschossener blonder Jüngling, und sein jüngerer Stiefoheim Kuno Claasing. Das war aber nicht der Knabe, welcher 1797 geboren wurde und dessen Geburt Gottfried's Mutter das Anerbenrecht entzog, jedoch die Verheirathung Theresens mit Heinrich förderte; jener Knabe war an einer Kinderkrankheit gestorben. Indeß hatte die Frau Obergestütmeisterin während der Occupation im Jahre 1804 abermals einen Sohn geboren und war die Ehe außerdem mit einer ältern Tochter gesegnet, die schon mehrere Jahre mit dem Dr. juris utriusque Johann Karl Junker in Bremen verheirathet war, welcher, da es mit Senatorentöchtern nicht gehen wollte, auf den Rath seiner Mutter wenigstens eine reiche Frau genommen hatte. Der Gestütmeister Claasing hatte seinen beiden Kindern ein sehr großes Vermögen hinterlassen.

Kuno war ein verzogener Muttersohn, der immer seinen Willen durchgesetzt, wenig gelernt, aber schon von früher Jugend an in allen nobeln Passionen seines verstorbenen Vaters sich ausgezeichnet hatte. Er hatte vom Vater das hübsche Gesicht, das ihn zum Liebling der Frauen machte, zu seinem Verderben geerbt. In Verden von der Domschule war er fortgejagt, weil er seine Commilitonen zu Spiel- und Trinkgelagen verführt hatte. Die Mutter war gestorben, Kuno stand unter Vormundschaft, und da einer der Vormünder einen Bruder in Braunschweig hatte, dem er den reichen Kostgänger gern zuwenden wollte, wurde er auf das Carolinum geschickt.

Hier hatte Kuno die Bekanntschaft des ältesten Sohnes Schlottheim's und Flora's gemacht, der aus gleichem Grunde, wie Kuno aus Verden, von der Ritterakademie in Lüneburg entfernt war, lernte auch Victor Justus Haus kennen, der sich damals schon gern Haus von Finkenstein nannte, obgleich sein Vater noch nicht in den Adelstand erhoben war. Dieser suchte vorzugsweise Umgang mit Adeligen und gab auf die Abstammung von Olga, Reichsgräfin von Wildhausen, viel mehr als auf die von seinem bürgerlichen Vater.

Es war diese Bekanntschaft in die letzten Zeiten der Vormundschaft des Prinzen und in das erste Regierungsjahr des Herzogs Karl gefallen, und da führte man in Braunschweig überall ein flottes Leben, es herrschten ziemlich laxe Sitten, die vielgerühmten braunschweiger Schönheiten gehörten nicht zu den sprödesten.

Der junge Graf Guido Schlottheim, Haus und Claasing zogen sich bald den Beinamen des liederlichen Kleeblatts zu, sie waren die wildesten und ausgelassensten Burschen aus dem Carolinum, und das wollte wahrlich viel sagen.

Schlottheim und Victor Justus gingen ein halbes Jahr früher zur Universität, Kuno wurde von dem Vormunde wider seinen Willen noch ein halbes Jahr im Carolinum zurückgehalten. Claasing wollte in Göttingen nur seine Freiheit, seine Jugend genießen, Reitunterricht bei Ayrer nehmen und es in schönen Pferden und Geldverschwenden dem Adel möglichst zuvorthun. Das Schuldenmachen verstand er schon vorzüglich, und Meyer Itzig und andere heustedter Juden sandten ihm gegen Schuldscheine so viel Gelder, als er begehrte, denn nach zwei oder drei Jahren wurde er volljährig und konnte zahlen.

Gottfried Schulz, einige Jahre älter als Claasing, stand zu diesem, dem Stiefbruder seiner Mutter, in jenem Respectverhältnisse, das die Römer respectus parentelae nannten; allein er konnte Achtung vor dem Stiefoheim nicht haben. Gottfried war eine ganz entgegengesetzte Natur, sanft, schüchtern, selten nur aus sich herausgehend, ein Feind alles burschikosen Treibens. Sein Vater hatte ihn gegen den Wunsch seines Bruders Friedrich bis zur Universität selbst gebildet und mit ihm die »Kritik der reinen Vernunft« noch einmal wie in seinen jungen Jahren durchstudirt. Nach dem Wunsche der Mutter sollte er Theologie studiren, und dies hatte Gottfried denn auch schon gethan. Aber er hatte die Ferien bei seinem Onkel Friedrich dem Maschinenbauer zugebracht und unter dessen Einfluß den Entschluß gefaßt, zur Jurisprudenz überzuspringen. Ihm war aus verschiedenen Lehrvorträgen in Göttingen schon klar geworden, daß die Klage des alten Eichhorn gerecht sei: die Neuern seien bemüht, den Karren, den er und seine Genossen seit funfzig Jahren aus dem Morast zu ziehen bemüht gewesen, noch tiefer wieder hineinzuschieben; er wollte dazu wenigstens nicht helfen. Onkel Friedrich war sehr zufrieden mit diesem Wechsel, er hatte nur das eine Bedenken, daß es dem Neffen zum Juristen an der animalischen Lebenskraft fehle. »Junge«, pflegte er zu sagen, »du bist ja so weich wie die Grasbutter deiner Mutter, wann willst du anfangen hart zu werden? Die Zeit, glaube mir das, ich fühle es in meinen Knochen, die Zeit, die Männer von Stahl und Eisen erfordert, sie wird kommen, über Nacht kommen. Man hat uns um den Siegespreis geprellt, man sucht uns seit zehn Jahren in den Schlaf zu lullen, man sucht sich auf Universitäten ein bedientenhaftes, gedankenloses Beamtenthum zu erziehen, aber das deutsche Volk wird aus diesem Schlafe erwachen. Wenn du Jurist wirst, mußt du auch Hammer werden, komm herüber zur Schmiede, ich will dir zeigen, was Hammer und was Amboß ist.«

Gottfried hatte aber noch nicht gelernt, Hammer zu sein, auf dem Wege von Hannover mußte er, der schon das Brandfuchssemester zurückgelegt, seinem Oheim Claasing, der noch nicht einmal immatriculirt, nach der Studentensprache also noch Maulesel war, als Amboß dienen, auf dem dieser mit rohen Scherzen über Vater Pastor, die Theologie, die grünfelder Gänse u. s. w. herumtrommelte.

In Elze stieg ein Jurist, Weibezahn aus Hameln, der ebenso lang wie Gottfried war, aber durch seine breitern Schultern und seine ausgedehnte Brust andeutete, daß er nicht zum Amboß bestimmt sei, in den Postwagen; er nahm sich Gottfried's als eines Freundes an und machte dem Maulesel seinen Standpunkt klar.

Als man Göttingen näher kam, fragte Weibezahn: »Hast du das kleine Scheusal nicht mitgebracht?«

»Nein, Detmold war krank, er will erst in einigen Tagen nachkommen.«

»Ich habe indeß«, fuhr ersterer fort, »in Hameln eine vortreffliche Acquisition für das ›Katzenpötchen‹ gemacht, einen Fuchs Buchholz gekeilt, einen Witzkopf, der es mit Detmold reichlich aufnimmt, und überhaupt ein Kerl ist, an dem man seine Lust haben muß. Auch höre ich von meinem Vetter in Lüneburg, daß Heinrich Heine wieder nach Göttingen kommt; den müssen wir für das ›Katzenpötchen‹ gewinnen, der hat sich in Berlin herausgemacht, hat eine Tragödie ›Almansor‹ in die Welt geschickt, die Aufsehen erregt hat.«

»Katzenpötchen und Gänseblümchen« hieß nämlich der Titel einer von Gottfried redigirten und illustrirten, in eigenem Verlage erscheinenden geschriebenen Zeitschrift. Jeder Mitleser mußte sich zugleich als Mitarbeiter verpflichten, mindestens alle Wochen ein Gedicht, einen Witz, eine Zeichnung, eine Caricatur zu liefern. Man kam im Sommer wöchentlich einmal auf Ulrich's Garten, im Winter in einem Privatzimmer zusammen, um die Katzenkrallen der Satire und des Spottes unter den Sammtpfötchen hervorbrechen zu sehen. Man ironisirte sich selbst in dem auftauchenden Weltschmerz, man zeichnete Professoren, Professorenfrauen und Töchter, und Detmold war Meister im Caricaturenzeichnen. Gottfried Schulz selbst war gleichfalls ein tüchtiger Zeichner, dem es nur an guter Schule fehlte, der aber desto mehr Phantasie hatte und in alle seine menschlichen Figuren das Seelische hineinzulegen wußte, und dem der Stoff nie ausging. Er konnte eine schöne Landschaft rasch mit Bleistift auffassen, wie in Farben skizziren, ein Angesicht während der Unterhaltung unvermerkt aufs Papier werfen, er war nicht ohne Humor, obgleich ihm nie eine unreine Redensart aus dem Munde kam, und er erröthete, wenn Detmold oder Buchholz sich in studentisch derben, oft cynischen Redensarten ergingen.

Das war ein Kreis »göttinger Kamele«, wie sie die Corpsbrüder nannten, welche selbst, als sie sich die Hörner abgestoßen und drei Jahre an Lappalien wie an Heiligthümern gehangen, das Recht erworben zu haben glaubten, Stockphilister und gefügsame königliche Diener zu werden.

Indeß hatte die Postchaise die Höhe erreicht, und der Postillon fing an ein munteres Lied zu blasen, als er oben angekommen war, welchem Beispiele der nächste Schwager folgte. Nun ging es nach dem nahen Dorfe Weende im Galop hinunter. Dort oben warteten der Post schon mehrere Corps, theils um ältere Corpsburschen zu begrüßen, theils um Füchse zu fangen und zu keilen, das heißt, für die Verbindung zu werben.

Post und Beichaisen, als sie vor dem Weghause hielten, wurden von Studenten umringt, welche brüllten:

Was bringt der Postillon?
Was bringt der lederne Postillon?

worauf ein Chor antwortete:

     Einen Wagen voller Füchs';
    Einen Wagen voller ledernen Füchs'
     Ça ça, ledernen Füchs'!

Ledern war alles, der Herr Papa, die Frau Mama, die Mamsell Soeur, selbst das Bier, das man in die Post hineinreichte.

Kuno Claasing wurde hier von den alten Carolinumsgenossen Schlottheim und Victor Justus Haus, die hohe Kanonenstiefel trugen und an den Mützen, der Brust, den Pfeifenquasten in den Farben der Brunswigia einherstolzirten, in Empfang genommen. Er stieg aus dem Postwagen und wurde ihm von dem Corps ein Rausch angetrunken, daß er nicht wußte, wie er nach Göttingen und in das Bett Schlottheim's gekommen war. Am andern Tage hatte er nichts Nothwendigeres zu thun, als den Katzenjammer vom Vortage wieder hinwegzutrinken und zu singen:

So leben wir alle Tage in der allerbesten Saufcompagnie!

ein Lied, das er schon von Braunschweig her kannte.

Ja ledern, über alle maßen ledern, hölzern, poesielos, eintönig, fade und leer war ein Studentenleben, wie es das liederliche Kleeblatt und viele Hunderte führten.

Schlottheim, Haus, Claasing gehörten zu den wenigen Studenten, die sich eigene Reitpferde hielten und die nur ein Colleg, den Reitunterricht, regelmäßig besuchten.

War die Reitstunde beendigt, so ging es nach dem »Kaiser«, oder man ritt oder fuhr nach dem Rischenkruge, um einer Paukerei zuzusehen oder sich selbst zu pauken.

Nach dem Mittagstische in der Goldenen Krone wurde zu Hause Kaffee getrunken und einige Stunden der Ruhe gepflegt. Nachmittags bereitete man sich im Rathskeller oder der Bosia für den Abend zur Kneipe durch ein Bierspiel, »Pereat« genannt, vor.

Welcher verruchten Phantasie mag dieses Spiel seine Entstehung verdanken? Alles, was selbst den rohesten Völkern heilig ist, die Familienbande, Vater, Mutter, Schwester werden hier auf wahrhaft cynische Weise der Verachtung preisgegeben, in Versen ohne Witz und Verstand! Und da saßen Jahrzehnte hindurch in Göttingen, Heidelberg und andern Universitäten in den glücklichen Jahren der Restauration Hunderte von Studenten in öffentlichen und Privatkneipen, spielten Karten und sangen dazu: »Mein Vater hängt am Galgen!« Und das war noch das Anständigste, was von der eigenen Familie gesagt wurde. Es ist kaum glaublich, daß die roheste Landsknechtzeit ein größeres Schandlied zu Wege gebracht habe.

Abends auf der Kneipe gar lag der ganze Witz im Biercomment, dem Trinken nach gewissen Regeln, dem Verurteilen nach einer Art von processualischen Grundsätzen, und im Singen sinnloser Lieder. Oder was konnte man dabei denken, wenn man das – – Lied Nr. 109 des »Göttinger Commersbuches« sang:

Zieh, Schimmel, zieh,
Im Dreck bis an die Knie;
Morgen wollen wir Hafer dreschen,
Soll das Schimmlein Hülsen fressen.

Oder welcher Verstand liegt in Versen wie die daselbst S. 189:

Druckpapier und Löschpapier,
Löschpapier und Druckpapier.
Komm, du lieber Junge,
Schlag dich auf die Zunge.

In der That, die Universitäten waren für eine große Anzahl junger Leute nicht Schulen der Bildung, der Wissenschaft, nicht Erziehungsanstalten zu schönerer Menschheitsbildung und Sitte, sondern Schulen der Roheit, der Faulheit und des Lasters. Es handelte sich wahrlich nicht um das Fernhalten weibischer Sentimentalität, wie man oft zur Entschuldigung sagte, sondern um das Fernhalten jeder geordneten Thätigkeit, jeder der höhern geistigen Freiheit zustrebenden Ausbildung.

Auch in den Kreisen, in denen sich Gottfried Schulz bewegte, trieb man jugendliche Scherze, ließ man dem jugendlichen Muthwillen seinen Lauf, übte mancherlei Unsinn, aber man war daneben fleißig, hatte höhere Ziele für den eigenen Beruf, für Wissenschaft, Kunst oder die Gestaltung des Menschheits- und Staatslebens selbst im Auge.

Für den Sohn des Pastors aus Grünfelde bezeichnete es einen Lebensabschnitt, als der Philosoph Karl Friedrich Krause sich in diesem Jahre in Göttingen niederließ; Gottfried und ein großer Theil seiner Freunde wurden eifrige Schüler des großen Wissenschaftslehrers, der jedoch im Staate Hannover wenig öffentliche Anerkennung fand.

Veronica Cruella, von ihrem italienischen Triumphzuge nach Wien zurückgekehrt, hatte seit langer, langer Zeit von ihrem Hermann Briefe nicht empfangen, aber sie tröstete sich damit, daß bei der Unregelmäßigkeit der Posten solche verloren gegangen seien.

Da empfing sie den ersten Brief des Geliebten aus der Festung. Sie war außer sich. Ihr Urlaub war abgelaufen, sie durfte zur Zeit Wien nicht verlassen, während es sie mit tausend Banden nach Berlin zog, um dort für die Befreiung des Geliebten zu wirken. Sie eilte zu ihrem alten Gönner Gentz, offenbarte ihm ihre Verlobung und klagte ihm das Unglück des Geliebten, für dessen Unschuld sie bürgen wolle. Gentz versprach zu thun, was er vermöge, und nachdem er durch den österreichischen Bevollmächtigten der Centralcommission Erkundigungen eingezogen, glaubte er sich im Stande, der Verzweifelnden die tröstliche Nachricht zu bringen, daß es mit der Sache nicht viel auf sich habe, daß einige Monate Haft aber wol noch von dem Doctor ertragen werden müßten, da die Untersuchungsrichter und die Centralcommission zu viel zu thun hätten.

Die Sängerin wollte dem Heißgeliebten aber um jeden Preis durch persönliche Einwirkung die Freiheit verschaffen; ihr Contract lief mit dem neuen Jahre ab, sie lehnte eine Erneuerung ab, um mit dem Geliebten sich verbinden zu können, der eine engagirte Sängerin nicht heirathen wollte. Jetzt willigte sie in eine zweijährige Verlängerung des Vertrages unter der Bedingung, daß sie sofort einen vierwöchigen Urlaub bekäme, um in Berlin Gastrollen geben zu können. Zu einem Gastspiele in der nordischen Königsstadt war sie schon öfter aufgefordert, hatte aber stets abgelehnt. Jetzt war sie es, die sich erbot. Gentz verschaffte ihr Empfehlungsbriefe an einflußreiche Persönlichkeiten und empfahl ihr als solche vorzüglich die Gräfin Auguste von Harrach, welche auf den König persönlich den größten Einfluß übe.

So reiste Veronica denn im Herbst nach Berlin und feierte dort dieselben Triumphe, die sie in Wien und Italien erlebt hatte.

Nachdem sie in einem Privatcirkel der Gräfin Auguste von Harrach gesungen und sich am Tage darauf Audienz bei derselben erbeten, übergab sie ihr eine von Gentz selbst verfaßte und nur von ihr als Braut unterzeichnete Bitt- und Denkschrift wegen Befreiung des Geliebten.

König Friedrich Wilhelm III. befahl noch an demselben Tage, da er die Denkschrift durch seine Freundin empfangen hatte, Einsendung der Acten über den Dr. Hermann Baumgarten, und am 10. November, einen Tag nach der in Charlottenburg gefeierten morganatischen Vermählung des Königs mit der zur Fürstin von Liegnitz erhobenen Gräfin Harrach, stürzte der für unschuldig erklärte Demagoge in die Arme der Heißgeliebten. Im Hause Varnhagen's von Ense und bei Rahel, welche sie von der wiener Congreßzeit kannte, hatte Veronica das beste Unterkommen gefunden.

Beide verließen Berlin, nachdem sie durch Schleiermacher in Gegenwart einer Gesellschaft der ausgezeichnetsten Geister Berlins getraut waren. In Wien wollte das junge Paar sich niederlassen.

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