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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Elftes Kapitel.
Untergang des Kurfürstenthums Hannover.

Berlepsch hatte auf dem Rastadter Congreß vergeblich seine Sache gegen den Kurfürsten von Hannover zu verfechten gesucht. Es war dort statt zum Frieden, zu neuen Streitigkeiten zwischen Oesterreich und Frankreich gekommen, welche durch die von österreichischen Husaren geschehene Ermordung der französischen Gesandten nur noch erweitert wurden. Ehe aber das besiegte Oesterreich den Frieden von Luneville geschlossen hatte, mußte Hannover zum ersten mal die mit seiner geographischen Lage verbundenen Unzuträglichkeiten tragen. Obgleich Georg III., als Kurfürst von Hannover, an dem Friedensschlusse von Basel nicht theilgenommen, wurde doch eine Form gefunden, dem Frieden »zu acquiesciren«, und nun stand Hannover von der Zeit an unter Preußens Schutz. Ein geheimer Vertrag des Baseler Friedens, der England gewiß nicht unbekannt war, verpflichtete aber Preußen, Hannover zu besetzen, wenn dieses die Sperrung der Elbe und Weser nicht ins Werk setze.

Konnte aber der Kurfürst von Hannover sich als König von England die Mündungen seiner Flüsse verschließen?

Rechtlich war Georg III. daran nicht gehindert, denn die Engländer hatten, als die hannoverischen Stuarts-Welfen den englischen Thron bestiegen, ausdrücklich jegliche Gemeinschaft mit Hannover abgelehnt; allein englisches Handelsinteresse überwog zu gegentheiligen Handlungen.

Nun war der junge König Friedrich Wilhelm III. von Preußen mit Kaiser Paul von Rußland jenes Bündniß eingegangen, um das wahre Wort: »Frei Schiff, frei Gut«, wieder zur Geltung zu bringen. Er besetzte im April 1801 Hannover, nachdem er am 30. März 1801 erklärt hatte: »daß er das Kurfürstenthum in Besitz nehme, um die Mündungen der Elbe, Weser, Ems zu schließen, weil England sich Bedrückung des neutralen Handels und der Schiffahrt erlaube.«

Inzwischen hatte man von der russischen Charte, dem Meuchelmorde gegen den Tyrannen Paul, Anwendung gemacht. Alexander I. hatte den russischen Thron bestiegen, der nordische Bund fiel, England selbst zeigte sich zum Frieden geneigt, und noch ehe das neue Jahr eintrat, und der Frieden von Amiens folgte, hatte Preußen seine 24000 Mann aus Hannover gezogen, und Hannover war wieder seiner Adelsherrschaft überlassen. Es hatte diese Besetzung Hannover täglich 6000 Thaler gekostet, die eigentlich England dem Lande hätte ersetzen müssen; allein man war nur erbittert gegen Preußen, Publicus kannte die geheimen Artikel des Baseler Friedens noch nicht und wußte nicht, daß Preußen von dem Ersten Consul gezwungen war, Hannover zu besetzen.

Warum eigentlich England die Bedingungen des Friedens von Amiens nicht erfüllte, das war eine Frage der orientalischen Politik, auf die wir in unserer Erzählung zurückkommen. Schon im Herbst waren die Beziehungen zwischen Frankreich und England erkaltet, und Bonaparte hatte dem französischen Gesandten Otto in London durch Talleyrand schreiben lassen: »Im Augenblick einer Kriegserklärung würde England blokirt, die Küsten von Hannover, Holland, Portugal, Italien bis Tarent von französischen Truppen besetzt sein.«

Es war in Hannover, es war in England nicht unbekannt, daß schon das Directorium Georg III. in Hannover zu schädigen beabsichtigt hatte. Die Stimmung hatte sich zwischen England und Frankreich im Frühjahr 1803 immer mehr erbittert. Duroc, im März nach Berlin entsendet, hatte dort kein Hehl daraus gehabt, daß im Fall eines Krieges Hannover besetzt werden müsse. So ungern Preußen eine solche Besetzung Hannovers seiner eigenen zerstückelten Besitzungen wegen sah, so wenig dachte man in Hannover und London daran, preußische Hülfe in Anspruch zu nehmen.

In Hannover, der Quasiresidenz, sagte man an allen öffentlichen Orten: »Lieber Franzosen als Preußen«, und Georg III. hatte Graf Münster, der wegen Austausch Hildesheims von den Preußen nach Petersburg geschickt war, ausdrücklich Auftrag geben lassen, dem Mistrauen, das man in der deutschen Kanzlei in London gegen Preußen hegte, Ausdruck zu verleihen und zu verhindern, daß Preußen unter dem Vorwande, die Occupation durch die Franzosen zu hindern, das Land abermals besetze.

Während man so im Anfang April in der Stadt Hannover Grund und Ursache hatte, sich um ernste Dinge zu kümmern, beschäftigte man sich wochenlang mit Lappalien. Am 4. April war die »Jungfrau von Orleans« im Opernhause zu Hannover zum ersten mal gegeben. Acht Tage sprach man am Hofe, in den Salons des zweiten und dritten Ranges, bei den Paraden, in den Gerichtsstuben, in Wein- und Kaffee-Schenken von nichts als »von dem trefflichen Stücke, der gediegenen Aufführung« – werden die Leser denken, nein, von einem unerhörten Verbrechen, welches bei der Darstellung geschehen war, einem Verbrechen, das zwar nicht durch die Peinliche Halsgerichtsordnung des Kaisers Karl V., dem in Hannover geltenden Strafgesetzbuche, verpönt war, das aber so sehr gegen alles, was in Hannover Sitte und Anstand heischte, verstieß, daß man kaum die richtige Bezeichnung dafür fand.

Man denke auch, die Frau des frühern Judenschulmeisters, jetzt durch Rudloff's Gnaden Commissionsraths Crelinger hatte die Frechheit gehabt, in den ersten Logenrang zu gehen und sich in der Loge niederzulassen, wo die Gräfin von Wildhausen Excellenz und Comteß Heloise saßen. Frau Crelinger war in der Loge erschienen, nachdem der Vorhang schon aufgezogen war. Sie hatte nicht ohne Grund gerade diese Loge gewählt. Dieser Grund nöthigt uns zu einem kurzen Rückblicke auf Neapel.

Es waren jetzt drei Jahre vergangen, da hatte die Gräfin durch die englische Gesandtschaft in London einen Brief ihres Schwiegersohns bekommen, der ihr die Trauerkunde meldete, seine Gemahlin sei auf einer Spazierfahrt nach Capri, die sie in Begleitung Eleonorens und eines deutschen Malers, Hellung, unternommen, verunglückt; die Felucke, Schiffer und Insassen derselben seien niemals wiedergesehen.

Der Graf hatte sich über den Verlust Olga's leicht zu trösten gewußt, suchte ihn doch Lady Emma, soweit die Eifersucht Nelson's dies gestattete, und selbst deren königliche Betschwester zu trösten. Er spielte bei allen Festen, die man zu Ehren der Wiedereroberung Neapels in Palermo feierte, als Mann etwa dieselbe Rolle, die Lady Emma als Frau dabei spielte, nur daß sie außerdem in der Regel die Kosten der Erfindung trug. Wenigstens hatte das eine Arrangement, welches bei der großen Maskerade am 3. September 1799 in den königlichen Gärten zu Palermo Schlottheim angeordnet, der Tempel des Ruhmes mit den Wachsstatuetten Nelson's, Hamilton's und Emma's, den Beifall der letztern nicht. Sie, die in der Lebensgröße als Venus in carrarischem Marmor in den Gemächern des Königs stand, hier im Tempel des Ruhmes in Wachs mit sammtenen und seidenen Flittern? Welche Geschmacklosigkeit! Nelson, statt auf dem Meere seine Schuldigkeit zu thun, lag in den Myrtenhainen Palermos als zweiter Rinaldo in Armida's Armen. Was kümmerte Nelson die Hungersnoth und der Mangel an allem, mit dem Troubridge um Neujahr des neuen Jahrhunderts in Malta kämpfte? Während in Neapel und Malta Tausende an Hunger starben, feierte man in Palermo die Meerfahrt der Cleopatra. Auf einem zwölfruderigen Boote fuhr Nelson mit seiner Kleopatra-Emma in das Meer, und Tausende von Booten folgten. Man besuchte zuerst den von Tomas Louis commandirten Minotaurus und nahm hier ein Frühstück ein; dann fuhr man zu dem größten Kriegsschiffe, das Se. Majestät der König Georg III. im Mittelländischen Meere hatte, dem Foudroyant.

Dort waren alle Kanonen beiseitegeräumt, um Platz für Tische, die unter den Massen von Früchten, Chocolade, Austern, Eis und Wein zu brechen drohten, zu gewinnen.

Nachts wurden Orgien gefeiert, an denen auch die Königin Karoline zuweilen theilnahm, dann hohe Hazardspiele gespielt, bei denen Schlottheim Bank auflegte und seinen Beutel füllte.

In England glaubte man dem Dinge ein Ende machen zu müssen. Hamilton wurde zurückgerufen, der Attaché Schlottheim erhielt seine Entlassung. Als Hamilton's Nachfolger, Paget, in Sicilien angekommen war, fuhr die bisherige englische Gesandtschaft nach Livorno. Die Königin wollte die ihr lieb gewordene Gesellschaft nicht so bald verlassen, sie entschloß sich zu einem Besuche in Wien. Sie, Nelson, Lord Hamilton, Emma, die kürzlich von Paul von Rußland zum Ritter des Malteserordens geschlagen war, und der Witwer Graf Otto von Schlottheim, reisten über Florenz nach Ancona und schifften sich dann auf einer russischen Fregatte nach Triest ein.

Wie man auf dieser Reise lebte, kann man etwa schließen aus dem, was wir von der Fortsetzung dieser Reise, ohne die Königin und Schlottheim, die in Wien zurückblieben, aus dem Tagebuche der Mutter des Dechanten von Westminster kennen. Die Königin Karoline hatte Schlottheim eine Stelle am Hofe zu Wien versprochen, konnte aber ihr Versprechen nicht halten, weil Schlottheim Protestant war und nicht convertiren wollte. Derselbe machte in Wien aber die Bekanntschaft der Baronesse Flora von F., der um einige Jahre älter gewordenen Freundin Huger's und Bollmann's, und der Finanzbaron hielt den norddeutschen Grafen für eine so werthvolle Acquisition für seine älteste Tochter, die trotz aller Liebebedürftigkeit noch keinen Mann gefunden, daß er über den zweiten Sohn hinwegsah und seine Einwilligung zur Verheirathung gab.

Diese hatte nun letzterer seiner Schwiegermutter in Hannover vor kurzem angezeigt und sie zugleich benachrichtigt, daß er wegen des Restes des ihm nach den Ehepacten zukommenden Brautschatzes der Verstorbenen einen Wechsel von 5000 Thalern Gold, nach Sicht zahlbar, auf die Gräfin gezogen habe. Der Wechsel war der Gräfin am Tage vor der obenerwähnten Aufführung vom Herrn Commissionsrath Crelinger präsentirt. Die Gräfin hatte zwar acceptirt, sich jedoch zur Zahlung Frist auf einen Monat ausbedungen, bis wohin die Ostergefälle und Meierabgaben eingegangen sein würden. Herr Crelinger hatte diese Frist mit dem verbindlichsten Danke gewährt, indeß nicht umhin gekonnt, in seinem Hause bei Tisch davon zu erzählen. Daraus hatte die Madame Crelinger den Plan gebaut, einen Anfang zu machen, der Welt zu zeigen, daß sie Geld hätte. Sie calculirte: die Gräfin ist meinem Manne Verbindlichkeiten schuldig, sie wird ein Auge zudrücken, wenn ich mich auf die zweite Bank ihrer Loge setze, da werde ich aber vom Parket und den gegenüberliegenden Logen aus besser gesehen als ganz vorn, denn der Schein des Kronleuchters fällt mehr dahin.

Als Frau Crelinger mit Geräusch in die Loge trat, während unten auf der Bühne Johanna mit Pathos declamirte: »Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften«, sah die Gräfin die ihr unbekannte Jüdin mit einer Miene an, die andeutete, sie habe sich wol geirrt in den Rängen. Allein als Frau Commissionsrath sich ungenirt des kostbaren Zobelmuffs entledigte, einen großen Operngucker aus demselben herauszog und es sich bequem machte, da erhob sich um Melusinens noch immer schöne Nase ein Muskelspiel, das von allen Gläsern aus den übrigen Logen, Parterre und Parket, die auf sie gerichtet waren, beobachtet wurde, und dessen Bedeutung nicht zu verkennen war. Kaum war der Vorhang nach dem Prolog gefallen, als die Gräfin sich geräuschvoll erhob und mit Heloise die Loge verließ, um auf der andern Seite des Theaters bei einer Freundin Platz zu nehmen. Als sie dort erschien, wurde sie von den adelichen Offizieren im Parket applaudirt.

Der hannoverische Adel sah dazumal noch den ersten Logenrang als ein ihm ausschließlich zustehendes hochheiliges Depot an. Ein gleichzeitiger Schriftsteller sagt: »Im alten Rom konnte es keine größere Consternation erregen, wenn etwa die Keuschheit einer Vestalin profanirt worden war, als in Hannover, wenn ein Bürgerlicher sich im Schauspielhause au premier ordre hatte erblicken lassen.«

Als die Gräfin zu Hause angekommen war, schrieb sie sofort an ihren Rentmeister. Sie hatte von der Freundin im Theater noch erfahren, daß »die freche Person« Frau Crelinger sei, und sie befahl nun dem Rentmeister, à tout 5000 Thaler Gold mit der nächsten Post zu senden. Sie wollte den Wechsel nicht einen Tag länger in den Händen des Commissionsraths wissen.

Hannover hatte acht Tage etwas zu klatschen und im Geheimrathscollegium sogar mußte der Geheime Cabinetsrath Rudloff, der Generalsecretär des gesammten Ministeriums, wie wir heute sagen würden, von einer Excellenz ungewohnten Tadel hören, daß er den Mann einer solchen Frau zu dem Titel Commissionsrath empfohlen habe.

Rudloff fragte die Excellenz, ob er das Monitum zu Protokoll schreiben solle? und fuhr dann fort: »Dennoch werden wir nicht umhin können, dem Manne gerade jetzt den Titel Finanzrath zu geben. Nach der königlichen Botschaft an beide Häuser des Parlaments vom 8. März, welche die Nation unter Hinweisung auf Rüstungen in den französischen Häfen zu umfassender Beihülfe kräftiger Gegenmaßregeln auffordert, und der einstimmigen Zustimmung des Unter- wie des Oberhauses ist der Krieg, wenn auch nicht unvermeidlich, doch mehr als wahrscheinlich, und da Wallmoden auf Zusammenziehung der Truppen und Einberufung der Beurlaubten drängt, so müssen wir Lieferungscontracte abschließen. Nach Rücksprache mit Heise ist Crelinger der einzige Mann, mit dem wir abschließen können, er verlangt aber eben Genugthuung für den vom Parket seiner Frau angethanen Schimpf.«

Excellenz Graf Kielmannsegge räusperte sich; sein Sohn, der Kapitän, hatte sich zu Hause gerühmt, er sei es gewesen, der die That der Gräfin Melusine, ebenso groß als die der Jungfrau von Orleans, zu applaudiren angefangen. Excellenz hielt sich deshalb verpflichtet, etwas ungewohnte Opposition gegen die Vorschläge des Leiters aller Dinge zu machen, und glaubte diese sogar mit einer Spitze versehen zu können.

»Herr Abt«, begann er. Rudloff fühlte die Spitze und wurde roth. Um dem beständig in finanziellen Schwierigkeiten befindlichen Geheimen Cabinetsrathe eine Subvention zukommen zu lassen, hatte man ihn nicht nur zum Archivarius, sondern auch zum Abt von Bursfelde, einem säcularisirten Stifte in der Nähe von Münden an der Weser, gemacht. Die Anrede sollte daher den Mächtigen daran erinnern, daß der Kammerpräsident noch mächtiger sei.

»Excellenz befehlen«, fuhr Rudloff auf, legte die Feder, mit der er das Protokoll über die Geheimrathssitzungen führte, beiseite und sah den Grafen groß an.

»Herr Geheimer Cabinetsrath«, lenkte dieser ein, »wissen doch, daß der englische Gesandte Jackson in Berlin sich gegen Graf Schlottheim vertraulich dahin geäußert hat: er schmeichle sich noch immer, daß das französische Gouvernement vernünftigen Vorstellungen Gehör geben werde, um die obwaltende Discussion auf freundschaftliche Weise beizulegen, und daß College Lenthe uns aus London geschrieben, die Minister glaubten nicht an Krieg, die königliche Botschaft und die Beschlüsse des Parlaments seien mehr Demonstration, den ersten Consul einzuschüchtern.

»Auch werden der Herr Geheime Cabinetsrath sich noch des Inhalts der Depesche des Reichskanzlers Woronzow in Petersburg an den russischen Gesandten Grafen Mankow in Paris erinnern, aus der erhellt, daß der Kaiser Alexander den Willen hat, die Ruhe in Europa wiederherzustellen und zu erhalten, und daß der Bruder des Kanzlers in London unsern Collegen Lenthe versichert hat, das nördliche Deutschland habe nichts zu besorgen, weil der Kaiser nicht zugeben werde, daß dessen Ruhe durch Frankreich oder Preußen gestört werde.«

»Ich weiß, Excellenz, ich weiß aber auch, daß Talleyrand am 12. März an Lord Whitworth eine Note gerichtet hat, daß, sobald Rüstungen in England stattfänden, der Erste Consul ein Lager an der hannoverischen Grenze bilden würde, und ich weiß, daß Duroc seit dem 20. vorigen Monats nicht umsonst in Berlin ist, sondern Preußen vorbereiten soll auf die Besetzung Hannovers durch Frankreich.«

»Meine Herren«, hub Claus von der Decken, Staats- und Cabinetsminister, an, » lassen wir das Streiten, warten wir das Collegialschreiben aus London ab, das unterwegs sein muß. Herr Geheimer Cabinetsrath wird uns zeitig avertiren, wenn es angekommen, und das Cabinet zusammenberufen. Excellenz von der Wense hat das Präsidium des Oberappellationsgerichts dem Vicepräsidenten übertragen und in dieser schweren Zeit seinen Wohnsitz hier aufgeschlagen, wir können also täglich zusammenberufen werden. Heben wir für heute die Sitzung auf.«

Kein Vorschlag war im Geheimen-Raths-Collegium zu allen Zeiten lieber gehört und angenommen als der, die Sitzung zu schließen. So auch heute.

Das erwartete Schreiben kam erst am 19. April, es hatte zur Reise von London nach Hannover elf Tage gebraucht. Es war eine königliche Anweisung an die Minister, daß bei der unverkennbaren Gefahr für das Land die jetzige Exercirzeit benutzt werde, die Beurlaubten einzuberufen und die Anstalten zu einem Uebungslager zu treffen, um ohne Aufsehen die Regimenter zusammenzuziehen und wenigstens den Fall zu vermeiden, daß die zerstreuten Garnisonen plötzlich abgeschnitten werden könnten.

Uebrigens war auch hier im Eingange auf die Hülfe Rußlands, das um die Sicherheit des Kurfürstenthums angegangen sei, Gewicht gelegt.

Ein gleiches Rescript empfing der Feldmarschall Graf von Wallmoden-Gimborn, es enthielt indeß noch den Zusatz: »Man muß sich vor jetzt lediglich auf diese Vorsichtsmaßregeln beschränken.« Wallmoden war ein unehelicher Sohn Georges II., also Bastardoheim Georg's III., achtundsechzig Jahre, kein Militärtechniker. Er war Gesandter in Wien gewesen, dann Oberstallmeister, dann hatte er als Vormund die Grafschaft Bückeburg verwaltet, aber er hatte in den Feldzügen von 1793 und 1794 Proben von persönlicher Tapferkeit und Führertalent gegeben, und er selbst glaubte in seinem Stabe ein eminentes Talent, den Obersten von Löw, als Chef zu haben, während alle Militärs von Kenntniß diesen Mann für einen dummen Esel erklärten. Es war die Stimmung im Militär gegen Löw im Jahre 1803 etwa eine ähnliche wie die gegen den Tschirschnitz im Jahre 1866. Aber Wallmoden war rührig, er hatte das Herz auf dem rechten Flecke und ging von dem Grundsatze aus, den er gegen den König selbst aussprach: »daß einem Feinde gegenüber, der sich alles erlaubte, der Furchtsame und Wehrlose immer am meisten unter die Füße getreten werde.«

An Wallmoden lag es nicht, wenn die Mobilisirung nicht energischer betrieben wurde. Es fehlte an allem, zum Theil ohne Schuld der Kriegsverwaltung, denn bei der preußischen Occupation von 1801 hatte das hannoverische Heer demobilisirt werden müssen, und die Pferde waren verkauft. Das Cabinetsministerium zögerte, denn es wiegte sich noch immer in der Hoffnung, daß es nicht zum Kriege komme, oder daß Rußland zu Gunsten Hannovers interveniren würde.

Herr Rudloff war jetzt auf die Seite des Ministerpräsidenten getreten und schrieb dem Feldmarschall im Auftrage des Cabinets: »daß man zur Zeit vermeiden müsse, was Ombrage und Aufsehen erwecken könnte, und dadurch etwas zu attiriren vermögend wäre.«

Dagegen war Herrn Crelinger der Titel Finanzrath verliehen. Ob das dem »kleinen hannoverischen Kaunitz« ein goldenes Extradouceur brachte, verschweigt die Geschichte.

Wallmoden nun hielt es wegen der Theuerung der Lebensmittel für zweckmäßig, statt Eines Lagers deren drei in Aussicht zu nehmen, bei Hannover, bei Hameln und an der Elbe.

Die Unentschiedenheit der Minister wurde aber durch die Unentschiedenheit Georg's III. selbst womöglich noch gesteigert. »Der König«, schrieb Lenthe, oder ließ durch unsern Freund Best schreiben, »erwarte militärischen Widerstand nur insoweit, als er von Nutzen sein könne, nicht aber, wenn er ohne Hoffnung auf Erfolg unnöthiges Blutvergießen veranlassen, den Feind erbittern und zum härtern Verfahren gegen die Unterthanen reizen würde.«

Inzwischen kam der 4. Mai, und nun begann sich eine größere Raschheit in den militärischen Vorbereitungen zu zeigen, die Armirung und Verproviantirung Hamelns wurde angeordnet, statt der verfaulten neue Palissaden angeschafft, Wallbüchsen von Herzberg nach Hameln gesendet, Reit- und Zugpferde angeschafft, sechs Kanonen von der Stadt Hannover erborgt. Die guten Hannoveraner fühlten sich schon dadurch geborgen, daß sie den Sohn Georg's III. in ihrer Mitte hatten. Die Consistorialrathsphantasie verstieg sich durch Consistorialrath Uhle auf der Kanzel zu dem kühnen Vergleiche des Herzogs von Cambridge mit dem Sohne Gottes, der sich selbst zur Erlösung von dem Franzosenübel dahingegeben. »Ja«, hatte er mit höchstem Pathos gesagt: »er ist der Messias, der dem Volke noththut, aber er ist gekommen.«

In Hannover, selbst in Saint James trog man sich noch immer mit der Hoffnung russischer Hülfe für Hannover, nur daß man jetzt, da nach allen Nachrichten öffentlicher Blätter die Franzosen in Holland an der hannover-bentheimischen Grenze schon Truppen zusammenzuziehen anfingen, doch daran dachte, daß, wenn des Zaren Arm auch mächtig sei und weit reiche, er die Invasion der Franzosen unmittelbar nicht werde hindern können. Zum unmittelbaren Schutze war nur Preußen geneigt, und Preußen hatte sich dazu in England erboten, die Sicherheit Hannovers zu gewährleisten, wenn England der preußischen Flagge die Neutralitätsgrundsätze von 1781 gewähren wolle. Diese Anerbietung hatte aber Rußland gegen Preußen erkaltet, denn wie konnte Preußen für sich allein Handelsvortheile erreichen wollen, die Rußland mit dem ganzen übrigen Norden erst kürzlich aufgegeben des lieben Friedens willen?

Münster's Mission, die anfangs nur auf Beistand Rußlands zu dem Eintauschproject Hannovers in Beziehung auf Hildesheim ging, wurde ausgedehnt, eine Besitzergreifung Hannovers durch die Preußen zu hindern.

Indeß fand Münster die Stimmung in Petersburg nicht so günstig, als der russische Gesandte in London sie geschildert; der Kaiser, obgleich er seiner Erziehung und seiner Individualität nach gern den großmüthigen Beschützer der Schwachen und den uneigennützigen Friedensstifter spielte, wenn die Sache mit Phrasen und Noten abzumachen war, war nur zu bewegen, seine Vermittelung zwischen Frankreich und England anzubieten, höchstens die Garantie für Malta oder die Besetzung desselben anzubieten.

So reiste Graf Münster denn nach Moskau zur Bärenjagd. Einige Bauern des Fürsten D. hatten einige Dutzend Bärennester auf dessen Gütern aufgefunden und diesen Fund in üblicher Weise verkauft, das heißt, sie hatten aufgefunden, wo sich Bären im Schnee vergraben hatten, und sich dafür belohnen lassen vom Gutsinspector des Fürsten.

Während dieser Abwesenheit Münster's kamen den frühern entgegengesetzte Depeschen aus London. Man wünschte jetzt preußischen Schutz für Hannover. Allein als Münster am 26. April nach Petersburg zurückkam, waren die russischen Osterwochen eingetreten und der Kanzler sowol als der Kaiser jedem Geschäfte unzugänglich. Eine Audienz am 10. Mai überzeugte Münster, daß auf eine Unterstützung Alexanders nicht zu rechnen sei, und in Berlin, wohin sich zu spät das hannoverische Ministerium direct um Schutz gewendet, erklärte der russische Gesandte, eine Besetzung Hannovers durch Preußen werde geradezu gegen den erst eben in Deutschland hergestellten Frieden laufen.

Am 16. Mai hatte das Cabinetsministerium an die Obrigkeiten ein Ausschreiben erlassen, das durch ungeschickte Form im Inlande überall Bedenken, im Auslande Anstoß erregte. Es sollten die waffenfähigen Mannschaften aufgezeichnet und selbige, wie es hieß, feierlichst verpflichtet werden, im eintretenden Nothfalle zur Rettung des Vaterlandes dahin, wohin sie zu solchem Zwecke gefordert würden, sich unweigerlich stellen zu wollen. Die Unwürdigen, welche diesem Befehle nicht gehorsamten, wurden mit Confiscation ihres Vermögens und ihrer künftigen Erbtheile bedroht.

Man deutete dieses Ausschreiben allgemein dahin, daß es auf einen Landsturm abgesehen sei und die waffenfähige Mannschaft sogar vorher beeidigt werden sollte.

Dieses Ausschreiben setzte viel böses Blut, und nicht allein die Obrigkeiten remonstrirten dagegen, auch die Landschaften fühlten sich veranlaßt, Vorstellung gegen solche Maßnahmen zu erheben.

Berlepsch war nicht mehr im Lande Hannover, er würde seinen Triumph gefeiert haben, denn nun trat das ein, dem er hatte vorbeugen wollen.

Wir sehen bei dem Hofrath Heiliger eine Zahl Anhänger der Berlepsch'schen Auffassung aus dem Ausschusse der kalenberger Landschaft versammelt, die sich in einer Vorberathung über die Lage des Landes ergehen.

»Meine Herren Collegen«, sagte Hofrath Heiliger, »wir sind von England und König Georg auf das schändlichste verrathen und verkauft, es scheint, als wenn das englische Ministerium mit aller Gewalt Hannover los sein wolle, obgleich dieses in gar keiner Verbindung zu England steht. Der König ist dem Ministers gegenüber gänzlich machtlos in dieser Frage, weil Ministerium und Parlament Eins sind. Ich weiß aus den sichersten Quellen, daß das englische Ministerium es gehindert hat, daß bei dem Frieden von Amiens Hannover mindestens formell dem Baseler Frieden, dem es nur acquiescirt, beitrat. Die Minister haben dem Lord Cornwallis ausdrücklich verboten, irgendetwas von deutschen Angelegenheiten in die Verhandlungen zu mischen. Als es dem Erbstatthalter galt, da hatte England Geld, Schiffe und hannoverische Truppen; ja derselbe wurde, als Holland an Frankreich abgetreten, auf deutsche Kosten entschädigt.«

»England will uns nicht nur nicht helfen, obgleich es ja durch seinen Bruch der Bedingungen von Amiens die einzige Schuld am Kriege trägt«, sagte Stietenkron, »es kann uns nicht einmal helfen. Es ist ebenso machtlos auf dem Continent als kräftig zur See. In allen Landkriegen hat es allein durch deutsche, namentlich hessische und hannoverische Truppen zu wirken vermocht. Es bleibt uns nur Preußen und Rußland.«

»Ja, aber Rußland ist weit, und die Franzosen sind nahe«, sagte Hardenberg, »und in Berlin weiß man nicht, was man will, man hat das Gelüst nach Hannover nicht aufgegeben und sieht vielleicht gar nicht ungern, wenn Frankreich dasselbe in Besitz nimmt, um es so aus zweiter Hand zu erhalten.«

»Was können wir aber thun?« frug Heiliger, »was wollen wir morgen im Ausschusse vorschlagen? Ich wüßte einen Ausweg, der kann aber nicht von der Landschaft vorgeschlagen werden, der müßte Georg III. durch die richtige Person insinuirt werden. Allein welches ist die richtige Person? Unser Kaunitz ist viel zu klug und vornehm, als daß er einen Gedanken, und wäre er noch so vortrefflich, der nicht von ihm selbst ausgeht, irgend befürworten oder adoptiren sollte, und die Geheimen Räthe sind salva venia sämmtlich alte Weiber, die nichts thun ohne ihn.«

»Heraus mit dem Gedanken.« sagte Advocat Ebeling.

»Nun, ich dächte, er läge so auf der Hand, daß ich mich wundere, wie noch kein gescheiter Mensch darauf gekommen ist. Unser ganzes Unglück beruht darin, daß wir mit England einen und denselben Regenten haben, obwol wir außerdem mit England nicht das mindeste Gemeinsame haben und die Engländer Hannover als unnützen Ballast ansehen, der je eher desto lieber über Bord geworfen werden muß. Wenn unsere Flüsse mit ihren Mündungen in die Nordsee nicht wären, und unsere Soldaten, die ihnen wo nöthig als Söldner dienen, sie hätten den Ballast schon über Bord geworfen. Nun frage ich, wozu hat der liebe Gott König Georg mit einer so großen Reihe Söhne gesegnet?

»Könige von England können sie nicht sämmtlich werden, denn wenn der Prinz von Wales heirathet, und seine Frau auch nur ein Mädchen gebiert, so erbt die Krone in deren Stamm weiter und die Herzoge und Prinzen gehen leer aus, bis auf die Apanagen. Warum trennt sich Georg III. also nicht von dem Kurfürstenthum, das er selbst doch wenig achtet, denn er hat noch nie sein Geburtsland – bitte um Verzeihung, er ist ja in England geboren, wollte sagen ›Geburtsland seiner Väter‹, mit einem Besuche beehrt. Warum stiftet Georg nicht eine Secundogenitur und entsagt zu Gunsten eines seiner jüngern Söhne, sei es der fünfte oder sechste? Ich sollte glauben, England hätte an vier Prinzen für alle Zeiten genug, denn daß die Welfen unfruchtbar wären, hat noch niemand behaupten können. Sobald der König von England zu Gunsten eines seiner Söhne dem Kurhute entsagt, fällt für Frankreich jeder Grund zu einem Kriege fort, dann steht Hannover im Schutze des Reichsfriedens. Was meinen die Herren Collegen?«

»Der Calcul ist richtig, wenn es dem Ersten Consul überall auf einen Rechtsgrund ankommen könnte«, sagte Hardenberg.

»Ja, dann müßte Preußen aber als Schützer der Demarcationslinie eintreten«, erwiderte Heiliger, »und dem Kaiser Alexander würde jeder Vorwand, unter welchem er die eigentlich zugesagte Intervention jetzt ablehnt, unter den Füßen weggezogen.«

»Die einzige Person, die hier helfen könnte«, sagte Stietenkron, »ist hier die Gräfin Melusine von Wildhausen. Ich weiß durch ihre eigene Tochter, daß sie ungemein erbittert auf Rudloff und die ganze Sippschaft ist, weil man dem Juden zu dem Profit der Lieferungsgeschäfte den Titel Finanzrath gegeben hat. Auch fehlt es ihr nicht an Lust zu intriguiren, und alles, was sie hinter dem Rücken des Ministeriums thun kann, wird sie gern thun. Es muß aber nicht nur hinter dem Rücken des Ministeriums, sondern auch der deutschen Kanzlei in London gehandelt werden, denn mit dem Herrschen und Regieren, das jetzt von hüben und drüben geschieht, ist es vorbei, sobald wir einen selbständigen Kurfürsten haben. Die Gräfin Melusine steht, wie ich weiß, noch leidlich zur Königin wie zu Best. Nun muß die Insinuation entweder durch die Königin selbst oder durch Best in einer Weise geschehen, daß Georg glaubt, es sei sein eigener Gedanke.«

»Nun wohl, ich will mit der Gräfin reden«, sagte Heiliger, »ich habe einige Beziehungen zu ihr, da ich den Concurs über das Vermögen ihres weiland Ehemannes geleitet habe, ich werde noch heute gehen und Ihnen morgen vor der Sitzung das Resultat der Conferenz mittheilen.«

Gräfin Melusine ging mit großem Interesse auf die Sache ein, sie versprach, sofort zu schreiben und die Briefe dem Herzoge von Cambridge, bei dem sie und die Tochter soupirten, zur Besorgung zu übergeben. Sie wollte an die Königin und an Best schreiben. Die Gräfin überlegte bei sich, welchen günstigen Einfluß es auf ihre Stellung in Hannover haben könne, wenn sie diese Umwälzung veranlaßte; sie würde dann wieder Oberwasser bekommen, und der königliche Prinz, welcher Kurfürst würde, müßte ihr sein Leben lang Dank wissen, daß sie den Gedanken der Secundogenitur gehabt. Ihre Gedanken gingen aber weiter. Die Gräfin kannte die drei jüngsten Prinzen ziemlich gut, sie sämmtlich hatten längere Zeit in Hannover verweilt. Der älteste, Herzog von Cumberland, war eigenwillig bis zum Eigensinn. Er war schwer zu lenken, er war dem Vater, und der Mutter vorzüglich, kein Liebling, in das englische Parteigetriebe stark verwickelt, bei dem Volke äußerst verhaßt. Den wählte man in London nicht. Der Herzog von Sussex hatte den dummen Streich gemacht, sich mit Augusta Murray zu verheirathen. War diese nun auch ebenbürtiger, als es die d'Olbreuse gewesen, die Großmutter Georg's II., so hatte doch der König die Heirath für null und nichtig erklärt, und es wurde schwer, eine Prinzessin für ihn zur Gemahlin zu finden, und schon die Existenz eines Nachkommen von Augusta hätte zu einem Streite über den Thron führen müssen. Da man weder zu Eduard, Herzog von Kent, noch zu Wilhelm, Herzog zu Clarence, noch viel weniger zu dem zweitältesten, Friedrich von York, heraufgreifen konnte, so blieb nur Adolf, Herzog von Cambridge, übrig, und er war auch der beste, das heißt der leitsamste. Melusine gedachte schon heute Abend ihn selbst vorzubereiten, um ihm gegenüber als Erfinderin des Planes dazustehen.

Die Stadt Hannover bot in dieser Zeit ein Bild der traurigsten Verwirrniß, überall, wohin man kam, wurde raisonnirt und deraisonnirt, wie man damals sich ausdrückte, überall fehlte es aber an Einsicht und Muth. Die jüdischen Geschäftsleute trugen durch allerlei Gerüchte, die sie auf außerordentlichem Wege erhalten haben wollten, nicht wenig dazu bei, die Gemüther noch mehr zu ängstigen. Jede Stunde wurden neue Gerüchte, neue Ansichten verbreitet. Cohn, der Bankier, verbreitete am Morgen des 22. Mai, er habe eine Depesche aus Amsterdam, wonach Lucian Bonaparte mit Friedensvorschlägen nach London gesendet sei; mittags wußten Meier oder Moses, daß der Krieg förmlich erklärt sei, nachmittags war ein Kurier aus Berlin gekommen mit der Nachricht, Preußen habe in Paris erklären lassen: sobald ein Franzose hannoverischen Boden betrete, würden 50000 Mann Preußen in Hannover einrücken. Am andern Morgen hieß es, die Franzosen seien in Bentheim eingerückt. Dann tauchten wieder Friedensnachrichten auf. Die Rekruten versammelten sich nach und nach, an einigen Orten kam es bei der Aushebung zu Krawallen. Das Ministerium declarirte am 24. Mai das Ausschußschreiben vom 16. dahin, daß es nicht um Landsturm, sondern nur um Aushebung von Rekruten für die wirklichen Regimenter zu thun sei.

Wenn der Bediente des hannoverischen Kaunitz mit dem Kasten von einem Geheimrathe zum andern lief, um eine Sitzung des Geheimrathscollegiums anzusagen, dann wurde er auf der Straße von Neugierigen umdrängt, welche wissen wollten, welche Nachrichten Kriegsrath von Ompteda aus Berlin geschickt habe, oder ob Kaunitz ein freundliches oder finsteres Gesicht mache. Die Silberkammer werde eingepackt und nach Stade geschickt, hieß es, eine Menge Adelicher wurde täglich genannt, die bei Nacht eingepackt hätten und davongefahren wären. Auch Melusine war mit Heloise nach Heustedt abgereist. Gewißheit, daß der Krieg verkündet, die Franzosen in Hannover eingerückt seien, erhielt man erst am 26. Mai. Aber nicht das Ministerium erhielt die erste Nachricht, sondern Finanzrath Crelinger.

Schlimmer als in den höhern Ständen sah es in den niedern Ständen aus, denn dort konnte man den Zusammenhang der Dinge gar nicht begreifen. Man fühlte aber auch die Wirkungen eines Krieges am nächsten. Die untern Stände waren es, aus denen die 15000 Mann Rekruten, die man in den letzten Tagen des Mai aushob, ohne sie mit Kleidung und Waffen versehen zu können, und die nur als eine schwere Last an den Regimentern hingen, zusammenbrachte. Wir werden diese Art der Auffassung am besten kennen lernen aus den Brieffragmenten, welche Friedrich Schulz an seinen Bruder Heinrich schrieb:

 

Nienburg, 30. März 1803.

Lieber Bruder!

Wie gern ritte ich hinüber nach Grünfelde, mein Brauner würde mich in zwei Stunden hintragen, um Dich zu umarmen, Deine liebe Frau zum ersten mal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, meinen kleinen Pathen zu küssen. Aber der Dienst. Ach das ist ein erschreckliches Wort, danke Gott, daß Du das Wort in seiner ganzen Bedeutung nicht kennst.

Wir rücken gegen den Feind. Mit welchem ganz andern Gefühle geschah das vor zehn Jahren. Du siehst heute auch nicht ein freudiges, sieggewisses Gesicht, – alle, Offiziere und Gemeine, sehen finster, mürrisch und verdrossen drein. Wahrlich, als wir in Menin von einer zehnmal größern Menge eingeschlossen waren, sah man nicht ein einziges Gesicht der Art.

Unsere Artillerie ist seit dem 26. März marschfertig, und meine Batterie an diesem Tage schon ausgerückt, vorgestern nach Neustadt – gestern nach hier, wo wir Rasttag hatten, um morgen über die Weser mit der Avantgarde vorgeschoben zu werden. Unsere leichten Dragoner stehen schon bei Lemförde. Das Commando des vorgeschobenen Corps hat General Hammerstein. Das ist ein Trost für mich, aber auch der einzige, denn unser Alter ist besser als ein Dutzend der andern, und ich möchte nur, daß er statt des Generalfeldmarschalls commandirte, dann wären wir wahrlich schon concentrirt, während jetzt ein paar Regimenter bei Stade, andere bei Hameln, einige bei Stolzenau stehen, und wir nach Sulingen den Franzosen entgegen sollen.

Was sollen wir aber dort mit vier Bataillonen, sechs Schwadronen und einer Batterie?

Wir können doch Mortier nicht aufhalten.

Hier sieht es aber klatrig aus. Wenn unser Scharnhorst das sehen könnte! Nienburg soll eine Festung sein, Scharnhorst würde es in vierzehn Tagen dazu gemacht haben. Allein es sind nur zwei Kanonen hier, Dreipfünder. Die Flesche vor der Weserbrücke ist unvollendet, keine Bettung, keine Schießscharten für Kanonen in ihr.

Hart an der Flesche der Weserbrücke steht ein Haus, aus dem die Franzen die Leute in der Flesche mit Bequemlichkeit niederschießen können. Nur wenig weiter nach Lemke, links am Steinwege, ist das Weghaus und ein großes Wirthshaus, welches das Bestreichen des Steinweges mit Kanonen hindert; bis dicht vor Nienburg das ganze Marschterrain mit Knicken eingehegt, unter deren Schutze die Feinde bis an die Weser kommen können, und dann der Wall in Nienburg ohne Brustwehr, durch nichts geschützt als die Linden. Nur eine einzige elende Embrasure ist auf dem Walle neben dem Hasberg'schen Hause angelegt, bezweifle aber, daß sie nach den Regeln des Vauban den Graben der Flesche bestreicht! Unsere erste schwere Batterie steht noch eine Stunde hinter Nienburg bei Meinekensburg auf der Höhe des Grinderwaldes.

Was sollen wir in Sulingen, wenn wir die Weser nicht einmal halten können?

 

Borstel, 1. Juni.

Wir sind heute bis hierher vorgeschoben, die Hälfte des Weges nach Sulingen etwa. Der Herzog von Cambridge hat das Commando der Armee übernommen, er wurde heute in Nienburg erwartet, als wir abfuhren. Eine Deputation aus Hannover, Hofrichter von Bremer, Oberstlieutenant von Bock und Herr Brandes, haben sich in das Hauptquartier Mortiers, welches schon in Diepholz ist, begeben. Heute kam auch der preußische Cavaleriegeneral Blücher hier durch und ging ins Lager zu Hammerstein, dann weiter zu den Franzosen. Es ist ein braver Deutscher; ob sich sein Herz nicht umdreht, wenn er sieht, wie wir von Preußen und dem Deutschen Reiche verlassen, hier gegen eine Mehrzahl kämpfen sollen? Ach nein, nicht kämpfen! Bruder, ich weiß, Du siehst das nicht gern, aber ich muß fluchen. Ich möchte, zehntausend Granaten schlügen die feigen Buben zusammen, da bekommen wir eben Generalordre, nicht zu schießen. Schockschwerenoth, wozu sind wir denn hier? Wozu habe ich meine Kanonen mit Kartätschen laden lassen? Wahrhaftig, es wäre nicht zu verwundern, wenn die Geheimräthe in Hannover auch der Infanterie den Befehl zugehen ließen, von dem Bajonnet mit Moderation Gebrauch zu machen. Hole sie alle der Teufel!

 

Borstel, 3. Juni.

Gestern habe ich mir noch ein Extraplaisir gemacht, mit dem Postmeister bis in die Nacht hinein dessen beste Weine vertilgen helfen. »Wie will 'nen trinken, dat ist better, als wenn de Franzose 'n utsöpt«, meinte der brave Mann, und da haben wir denn unser Möglichstes gethan.

Hatten übrigens am Tage auch so eine kleine Freude. Die Franzosen kamen von Sulingen her, wo unterhandelt wird, und machten hinter Sieden halt, während Lieutenant Krauchenberg vom 10. leichten Dragonerregiment auf der Höhe von Borstel nach Campen zu stand und unsere Batterie etwa tausend Schritt hinter ihm dicht vor dem Dorfe nach Westen. Wir sahen einen Trupp Infanterie und ein Piket Reiter aus den Fuhren kommen und hörten, wie auf den Krauchenberg'schen Posten geschossen wurde, dem zwei Pferde getroffen wurden. Nun sollten wir nicht schießen! Krauchenberg ging also mit seinen neun Pferden auf die mindestens dreimal so starken französischen Chasseurs los und hieb dieselben zusammen. Der französische Offizier wurde im Einzelkampfe vom Pferde gehauen, vier oder fünf Chasseurspferde irrten reiterlos im Felde umher. Krauchenberg schwenkte nach der südlichen Dorfspitze zu seinem Regiment ab, als ein halbes Bataillon Infanterie auf den Kampfplatz zueilte. Die andere Hälfte des Bataillons kam auf der Landstraße direct auf uns zu – wir standen zum Feuer bereit, und ich blickte auf unsern Lieutenant Tieling. Ich wußte, er durfte kein Feuer commandiren, als die Franzosen uns aber näher und näher kamen, ließ ich drei Kanonen mit Kartätschen vorfahren und zwei auf die Infanterie, eine auf die Chasseurs abprotzen. An beiden Stellen schlugen die Kartätschen ein, die Franzosen machten halt und kehrten um, sie waren besorgt, etwas mehr auf den Leib zu bekommen, und wahrhaftig, sie hätten es, denn kaum nach fünf Minuten erschien Krauchenberg mit einer halben Schwadron und er würde die Chasseurs in die Flucht getrieben haben, wenn sie nicht schon hinter den Fuhren Schutz gesucht hätten.

Ich kam mit einem nicht sehr ernstlich gemeinten Donnerwetter von seiten Tieling's davon.

 

Abends.

Wir sollen zurück. Ob wir die Weser halten wollen? Dann hätte Nienburg freilich in andern Stand gesetzt werden müssen, und da, wie ich höre, eine Abtheilung der Franzosen schon auf Hoya im Marsche ist, so kann man uns umgehen und die Rückzugslinie an der Aller abschneiden. Wenn Mortier's Corps in der That 50–60000 Mann stark ist, so ist es allerdings Zeit, daß wir machen, an die Elbe zu kommen. Ich gebe diesen Brief an unsern treuen Postverwalter, der für seine Ueberkunft sorgen will. Lebe wohl.

 

Essel, 6. Juni.

Wir sind im vollen Rückzuge über Haus Wölpe, Steimke nach hier! Welche Wege! Ueber Wölpe, Steimke, Bothmer hierher in drei Tagen. Der Herzog von Cambridge hat das Obercommando nur einen Tag gehabt; als er nicht losschlagen sollte, hat er dasselbe niedergelegt. Die Unterhändler sollen bei Sulingen eine Convention geschlossen haben, die das ganze Land den Franzosen übergibt und uns den Rückzug hinter die Elbe gestattet. Wir sollen auf Soltau marschiren, also durch die Lüneburger Heide. S . . . Wirthschaft das!

 

Lüneburg, 8. Juni.

Ich habe diese Leute gesehen, vor denen wir reißaus nehmen! Wir waren hier in Lüneburg mit ihnen zusammen einen Tag einquartiert. Es sind zum größten Theile junge Conscribirte, die noch kein Pulver gerochen haben, kleine schwächliche Leute, vor denen unsere hoyaer und kalenberger Bauerburschen verdammt wenig Respect haben. Dürften wir nur über sie, wie sollten wir sie! Dazu schrumpfen die ganzen Mortier'schen 50000 Mann auf 17000 zusammen. Wären nicht feige Höflinge an der Spitze der Regierung, den Leuten hätten wir bei Stolzenau, das noch dazu ohne Brücke ist, bei Nienburg und Hoya wol den Uebergang über die Weser streitig machen können.

Es ist Sünde und Schande, vor solchen Leuten wie Feiglinge fliehen zu müssen.

Wir lasen hier zuerst im »Hamburgischen Correspondenten« die dreimal verdammte Sulinger Convention. Könnte ich die Unterzeichner an einen Galgen hängen, ich selbst würde am Stricke ziehen.

Nun heißt es noch, man habe uns wieder an die Engländer verkauft, um uns nach Westindien einzuschiffen. Da kriegen sie Friedrich Schulz nicht hin, der hat einmal als englischer Söldner eine Kugel in den Rippen gehabt, verlangt nicht nach der zweiten und haßt jeden Söldnerdienst.

 

Lauenburg, 27. Juni.

Nun sind wir am rechten Elbufer. Ob wir endlich zum Schlagen kommen, wenn die Franzosen den Uebergang forciren? Der Wachtmeister vom 7. Dragonerregiment, mein alter lieber Kamerad vom 93., sagte mir, daß sämmtliche Offiziere der hier versammelten Cavalerieregimenter den Plan ausgedacht, auch ohne Ordre und gegen die Convention über die Elbe zu gehen, bei der Schwäche und der Zerstückelung der Franzosen über diese herzufallen und bis zur Weser reine Bahn zu machen. Was sich von Infanterie und Cavalerie anschließen will, soll mitgenommen werden. Bravissimo! Ich bringe meine Batterie mit, mitsammt unserm Lieutenant.

 

Gülzow, 1. Juli.

Der schöne Plan ist zu Wasser geworden, obgleich die verdammte Convention uns nicht mehr bindet, da Georg III. sie nicht ratificirt hat. Unser Alter hat abgerathen. Aus Feigheit ist das nicht geschehen, denn in Menin war er einer der Muthigsten von allen Muthigen. Aber Diplomatengesichter sind wieder in seiner Nähe, und das hannoverische Ministerium mit dem Kriegsschatze und sonstigem in der Eile Geretteten steckt in Schwerin, und Rudloff scheint wenig von einem Helden zu haben. Unsere Position ist unangreifbar, da das Ufer, an dem wir stehen, höher und steil abfallend ist, und wir das ganze linke Ufer beherrschen. Ich könnte sämmtliche Schiffe, welche die Franzosen drüben bei Artlenburg zusammengebracht haben, in Grund schießen. Ich begreife nicht, warum man zögert? Heute sind freilich wieder Deputirte des Landes, wie sie sich nennen, eigentlich aber Deputirte der Ritterschaften, angekommen, um von unnützem Blutvergießen abzumahnen. Auch der Oberstlieutenant von Bock treibt sich wieder im Lager umher.

Man hat uns benachrichtigt, daß die Berthier'schen Vorschläge vom Feldmarschall zurückgewiesen sind, und die Armee war voll Jubels. Warum schlagen wir aber nicht los?

 

Gützow, 8. Juli.

Oh der Schmach! nein besser, o! des schändlichsten Verraths! Das Land Hannover wird den Männern, welche zu der Elbconvention vom 16. Messidor des Jahres 11 der französischen Republik die Veranlassung gewesen, ewig fluchen. Sie übergibt das Land, auch das diesseit der Elbe, bedingungslos den Franzosen. Die Armee legt die Waffen nieder, gibt ihre Pferde an die französische Armee und wird aufgelöst. Die Truppen verpflichten sich auf ihr Ehrenwort, gegen Frankreich und dessen Alliirte nicht eher die Waffen wieder zu führen, als bis sie in gleichen Graden gegen ebenso viel Truppen ausgewechselt werden, die im Laufe dieses Krieges von den Engländern zu Gefangenen gemacht sein möchten.

Die Offiziere behalten ihre Degen und nehmen Pferde und Effecten mit sich. Bis zur Rückkehr der Truppen in ihre Heimat soll für deren Subsistenz gesorgt werden.

Eine schöne Convention das. Nun, ich werde nicht in die Heimat gehen, damit man mir dort mein Seitengewehr abnehmen kann, ich werde dem Kriegsdienste Valet sagen und ein freier Mann und Bürger werden. Pereat das feige Geschmeiß!

 

Hamburg, 20. Juli.

Ade, lieber Bruder, Ade, liebe Aeltern und Geschwister. Ich schiffe mich heute noch ein, um nach England zu gehen und mein altes Handwerk wieder aufzunehmen. Ein Schulz muß Handwerker und Bürger bleiben.

Friedrich Schulz.

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