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Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben

Georg Weerth: Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben - Kapitel 9
Quellenangabe
typesketch
booktitleHumoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben
authorGeorg Weerth
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007948-9
titleHumoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben
pages1
created19990518
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1847
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VIII
Die Spekulation

Wie unsre Leser bereits wissen, umfaßte das Geschäft des Herrn Preiss verschiedene Branchen. Herr Preiss liebte es, in vielen Gegenständen zu »machen«. Er behauptete, daß man sich an den Schafen erholen müsse, wenn man an den Ochsen verloren habe, und daß die Heringe wieder einbringen würden, was an den Korinthen flötengegangen sei. »Der gute Durchschnitt ist die Hauptsache!« rief er aus. »Und wenn ich am Ende des Jahres meine zehn- oder fünfzehntausend ehrlich ›herum‹-gebracht habe, da ist es mir einerlei, ob ich sie am Wein verdiente oder am Essig, am Weizen oder am Hühnerdreck.«

Der Herr Preiss war in diesem Räsonnement urdeutsch, aus dem einfachen Grunde, weil er ein Deutscher war und kein Engländer. Wäre der Herr Preiss ein Brite gewesen und hätte er z. B. in Mark Lane gewohnt, so würde er natürlich nur in Korn »gemacht« haben; hätte er in Bermondsey gehaust, so würde er ausschließlich in Leder beschäftigt gewesen sein, und wäre seines Bleibens in Lower Thames Street gewesen, so würde er sich lieber den Hals abgeschnitten haben, als in etwas anderm zu handeln als in den Diamanten der »Schwarzen Indien«, in den Steinkohlen von Wales und Northumberland.

Aber Herr Preiss interessierte sich nur für den Durchschnitt, eben weil er sich für alles interessierte. Weltumfassend war sein Gemüt. Sein Geist schwang sich hinauf bis zum Höchsten und ließ sich herab bis zum Niedrigsten, und wenn seine Spekulationslust plötzlich ihre Grenzen fand, so war es gewöhnlich da, wo der Gott des Gewinstes aufhörte, das Gebet seines treusten Jüngers zu erhören, und der Teufel des Verlustes anfing, jene greulichen Gesichter zu schneiden, die da gleichen den Königsfratzen auf beschnittenen Dukaten oder den Grimassen derjenigen, die solche Dukaten annehmen müssen zum vollen Kurse.

»Na, sehn Se, Lenz«, sprach der Herr Preiss zu seinem Buchhalter, »da ist schon wieder ein Brief von einem Bankier, der sich beklagt, daß wir keine Geschäfte mit ihm machen; neulich haben uns noch die Herren Brummfliege Eidam & Co. und die Scorpion frères aus Amsterdam und Paris geschrieben, heute kommt dieser Hamburger – es ist großartig! Die Bankiers reißen sich förmlich um mich, die ganze Welt will mich mit Geld überschütten. Aber ich kann keinen Gebrauch davon machen; ich habe schon an meinen eignen Fonds zuviel – es gibt doch nichts Langweiligeres, als wenn man nicht mehr weiß, was man mit seinem Gelde anfangen soll! Was meinen Sie, Lenz?«

»Ich meine, daß ein reicher Kaufmann, der an seinem Plus leidet, eigentlich mit einem armen Teufel, der sich mit seinem Minus herumschlägt, auf derselben Stufe der Gemütsstimmung steht. Verlegenheit hier und Verlegenheit dort. Verzweiflung bei einem Millionär und Verzweiflung bei einem Bettler. Himmlischer Vater, deine Ratschlüsse sind unerforschlich, aber nimm mir das nicht übel, deine Menschen sind die kuriosesten Geschöpfe, die mir in meiner Praxis vorgekommen sind!«

»Philosophieren Sie nicht, Lenz! Der Gedanke, daß mein Kapital schlechte oder vielleicht gar keine Zinsen einbringt, kurz, der Gedanke, daß kein Geld verdient wird, ist ebenso schrecklich für mich als der Gedanke, daß Geld verlorengeht. Raten Sie mir daher, was ich mit meinem überflüssigen Gelde tun soll!«

Lenz hätte in diesem Augenblick die geistreiche Bemerkung machen können, daß der kürzeste Weg zum Ziele eine gewissenhafte Teilung aller Reichtümer zwischen Herr und Diener sei; aber Lenz war ein zu vollkommener Buchhalter, um eine solche moderne Scheußlichkeit nur zu denken, geschweige auszusprechen, und mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt erwiderte er:

»Ja, Herr Preiss, das ist eine fatale Geschichte. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, aber ich muß gestehen, daß ich bis jetzt noch keinen unbedingt glücklichen Ausweg zu finden wußte.« –

Der arme Lenz! Er, der nur 600 Taler jährlich verdiente, mit Mühe und Arbeit; er, der mit allen Münzsorten, großen und kleinen, auf dem freundschaftlichsten Fuße stand, dem sie alle willkommen waren, den sie aber leider grade am allerseltensten besuchten – er, der arme Lenz, wußte keinen Ausweg für überflüssige Gelder – seltsames Geständnis einer schönen Buchhalterseele!

»Ich bin doch nicht ängstlich in meinen Unternehmungen«, fuhr Herr Preiss fort, »ich mache Geschäfte in allen nur möglichen Artikeln, aber trotzdem sammeln sich bei allen meinen Bankiers Kapitalien an, für die ich keine Verwendung weiß. Ja, man sollte sich fast darüber freuen, wenn man mitunter eine Fallite erlebt – oh, der verfluchte Sebastian Johannes! Ja, wir reichen Leute sind übel dran. Das Geld wird immer billiger. Wir werden erdrückt von unserm Kapital. Retten Sie mich, Lenz!«

»Wenn ich kann, mit Vergnügen!«

»Und schlagen Sie mir alles vor, was Ihnen Ihr gesunder Menschenverstand eingibt.«

Lenz nahm eine große Prise und sprach:

»Ich habe wohl einmal daran gedroht, daß es gut wäre, wenn Sie Land kauften. Land ist ein sicherer Artikel. Das Land geht nicht kaputt, das Land läuft nicht davon. Land ist etwas Solides. Ja, es hat etwas für sich, Land zu besitzen, ein Stück von diesem Erdball, einen Brocken von dieser sichtbaren Welt. Kaufen Sie Land!«

»Land, Land! Liebster Lenz, ich bin kein Bauer; ich verstehe ja nichts vom Lande; was soll ich mit Land tun? Soll ich morgens hinausgehen und die Lerchen singen hören? Das hab ich schon jetzt umsonst. Soll ich die Sonne hinter den Kornfeldern aufgehen sehen? Kostet mir schon jetzt nichts! Dazu brauche ich kein Land zu kaufen. Was soll ich mit Land tun?«

»Wenn Sie Ihr Land nicht selbst bebauen wollen, so können Sie es verpachten.«

»Verpachten! Land verpachten! Lenz, das ist mir ein Greuel. Da müßten wir ja Pachtkontrakte machen, müßten etwas Schriftliches geben, müßten uns binden, für lange Zeit – Lenz! Und wir bekämen mit Advokaten und Notaren zu tun – es graut mir! Machen wir um Gottes willen keine Geschäfte, wozu ein Rechtsgelehrter nötig ist«

»So verkaufen Sie Ihr Land wieder. Spekulieren Sie in Land, wie Sie in Kaffee und Zucker spekulieren.«

»Kaffee und Zucker kenne ich, aber ich kenne kein Land. Es geht mir mit dem Lande wie Jannchen von Amsterdam mit dem Wasser: Jannchen war sieben Jahre zur See gewesen und hatte noch kein Wasser gesehn; ich laufe schon seit fast siebzig Jahren auf dieser Erde herum und habe noch kein Land gesehen. Was soll ich mit Land tun? Ich kenne kein Land. Wenn ich mich zu einer Landspekulation einschiffte, so würde ich ohne Steuer und Kompaß fahren und an dem ersten groben Bauer so sicher scheitern, wie ich im Kaffee- und Zuckerhandel noch immer wohlbehalten im Hafen angekommen bin.«

»Wenn Sie keine Ländereien kaufen wollen, so spekulieren Sie wenigstens in Grundstücken innerhalb der Stadt, in Bauplätzen –«

»Nicht wahr, und ich soll auch noch die Häuser darauf bauen lassen?«

»Allerdings! Das wäre noch besser!«

»Lenz! Zu welchen Extravaganzen wollen Sie mich verleiten! Wenn ich nicht aus jahrelanger Erfahrung wüßte, daß Sie mein treuer Diener wären, daß Sie mein Interesse zu dem Ihrigen machten, so würde ich denken, daß Sie im Solde irgendeines Schwindlers ständen, mit dem Sie ein Komplott geschlossen hätten, um mich unglücklich zu machen. Ich soll Land kaufen; dann Hausplätze, und jetzt soll ich sogar Häuser bauen lassen! Haben Sie denn ganz vergessen, was uns vor einigen Jahren passiert ist? Gewiß, Sie haben's vergessen! Ich will Sie daran erinnern. Die Mordgeschichte steht mir vor dem Gedächtnis, als ob sie erst gestern geschehen wäre. – Ökonomisch, wie ich bin, und ich habe alle Ursache, ökonomisch zu sein, faßte ich dennoch einst den traurigen Entschluß, mir das ausschweifende Vergnügen eines neuen Pferdestalles zu bereiten. Unglückselige Idee einer schwachen Stunde! Aber ich hatte gerade viel Geld verdient; es war mein Geburtstag, und ich hatte meinen Kindern verboten, mir irgend etwas zum Geschenk zu machen. Geschenke meiner Kinder! Als wenn ich so etwas nicht aus meiner eignen Tasche bezahlen müßte! ›Kinder‹, sprach ich daher, ›auf euer Geschenk habe ich verzichtet, aber ich ehre euern guten Willen, und da ich weit davon entfernt bin, euch die Freude, mir Freude zu machen, zu verderben, so erlaube ich euch, mir die Erlaubnis zum Bau eines neuen Pferdestalles zu geben.‹ – ›Ein Pferdestall! Ein Pferdestall!‹ hieß es da, daß mir die Ohren gellten, und mein ältester Sohn lief sofort zu dem Architekten – Gott verzeih' ihm! Ich schäme mich, seinen Namen auszusprechen; und ehe drei Tage herum waren, legte man mir einen Riß vor, von dem ich soviel verstand wie die Kuh vom Sonntage.‹ –

›Kinder, die Geschichte wird zu kostspielig!‹ rief ich. Aber das half nichts. ›Wie wird sich der Schimmel freuen, wenn er in den neuen Stall kommt!‹ meinte meine jüngste Tochter. ›Was wird der Fuchs sagen, wenn er an der neuen Krippe steht!‹ versetzte die zweite. ›Der Stall ist wirklich vortrefflich projektiert!‹ versicherte mein ältester Sohn. ›Und er kostet fast gar nichts‹, fügte mein Jüngster hinzu. Genug, ich unglücklicher Mann ließ mich beschwatzen. Architekt, Maurermeister, Zimmermann, Arbeiter, eine ganze Bande von Schwindlern stürzte uns ins Gehege hinein, und ehe ich mich recht besinnen konnte, lag der ganze Hof voll von Steinen, Ziegeln, Mörtel, Brettern usw., daß man Hals und Bein zu brechen meinte.

Es läuft mir noch kalt über den Rücken, wenn ich an das Abenteuer denke. Es war in der Tat abenteuerlich. Vom Morgen bis zum Abend ein ewiges Hämmern, Sägen, Singen, Schreien, Saufen – zwei Fässer Rum sind uns in jener Zeit wie durch ein Wunder ausgelaufen; sechs Tönnchen Heringe fehlten – aber was das Schlimmste war: das Geschäft wäre beinah darunter zugrunde gegangen. Die Jungen auf dem Comptoir verloren in allem Spektakel Sinn und Verstand; kein Mensch konnte mehr richtig addieren; keine Seele wußte mehr einen Brief zu schreiben; immer mit der Nase bei dem neuen Bau; alles mit Augen und Gedanken bei dem neuen Pferdestall!

Endlich stieg dieses Ungeheuer aus der Erde empor; ich hatte keine Zeit, mich danach umzusehen. Da tritt der Moses Hersch ins Comptoir und fragt mich: ›Herr Preiss, was lasse Se denn baue?‹ – ›Einen Pferdestall, Moses!‹ erwiderte ich ihm. ›Abraham und Isaak!‹ schreit da der Jude, ›Herr Preiss, nemme Se mir das nicht übel, aber ich hab wraftig meint, Se wolle unserm Volk e neue Synagoge baue!‹ Ich biß mir die Lippen. – Am nächsten Tage besucht mich der Geheime Regierungsrat von Plunder: ›Aber was lassen Sie denn bauen, werter Freund?‹ – ›Einen Pferdestall, Herr Regierungsrat!‹ – ›Verzeihen Sie, ich glaubte in der Tat, Sie ließen der Venus einen Tempel setzen.‹ – Ich wurde fast ärgerlich. Aber es sollte noch schlimmer kommen, denn nicht lange nachher kommt auch unser gutmütiger, dummer Nachbar Ziegenbein, der Schneider, und erkundigt sich mit spöttischem Lächeln, ob ich mir ein Familienbegräbnis errichten ließe. Da riß mir die Geduld; ich konnte es nicht länger aushalten. Ich stürze vor die Tür und beschaue mir meinen Stall einmal von oben bis unten – die Leute hatten recht. Die Geschichte sah fürwahr einer Judenschule, einem Venustempel oder einem Grabmale ähnlicher als einem Pferdestall, und voller Wut springe ich auf den Architekten los, um ihn an die Gurgel zu fassen. Daß ich mich nicht wirklich an ihm vergriffen habe, ist ein Wunder. Aber der Mann, oder besser gesagt dieser abscheuliche Schwindler, machte ein sehr ernsthaftes Gesicht und erklärte mir alle Vorteile und Schönheiten seines Meisterwerks mit so unendlicher Ruhe und Gelassenheit, daß ich unwillkürlich stutzte und nicht mehr wußte, was ich sagen sollte.

›Ja, ich glaube, mir ein Monument durch diesen Stall gesetzt zu haben!‹ rief er zum Schlusse, indem er den Kopf stolz in den Nacken warf. Sprach's und verschwand, und wie sich von selbst verstand, mußte ich sein Monument bezahlen, mit, Gott verzeih' mir, 1800 Talern Preußisch Kurant und einigen Silbergroschen.«

»Ich weiß«, seufzte der Buchhalter.

»Aber hiermit war der Skandal noch nicht zu Ende. Denn als endlich der liebe Schimmel in seinem neuen Stalle steht und der liebe Fuchs an die schöne Krippe gebunden wird und der Hengst seinen Platz einnehmen soll: da findet es sich plötzlich, daß das Monument so liederlich enge gebaut ist, daß auch die geduldigste Schindmähre keine zehn Minuten darin stehen kann, ohne rasend zu werden. Der Schimmel beschädigt sich schon in den ersten vierzehn Tagen dergestalt am linken Vorderfuße, daß ich ihn 15 Louisdor unter Kostpreis verkaufen muß. Der Fuchs hält es länger aus, da aber die Wände mit schneeweißen, glänzenden Fliesen ausgelegt sind und die Sonne durch das Glasdach schräg darauf hinunterprallt, so wird das arme Tier durch das ewige Flimmern und Blitzen in Zeit von einem halben Jahre so stockblind, daß ich schließlich froh bin, es für ein Glas Bier und ein Butterbrot an den ersten besten Droschkenkutscher loszuwerden. Und was den Hengst angeht – nun, das werden Sie nicht vergessen haben! Er wurde derart von allen Mängeln seines Stalles tollgemacht, daß er sich aufs Beißen und Schlagen legte und unserm Johann zwei Rippen zertrümmerte. Da hatte ich das Monument satt. Es wurde verändert und wieder verändert; aber umsonst! Zuletzt brachten wir die Gäule wieder in den alten Stall zurück. Das Monument stieg zur Bestimmung einer Waschküche. Später wurde es ein Magazin, es war alle Aussicht vorhanden, daß es endlich zu einer Synagoge, zu einem Venustempel oder zu einem Grabmal avancieren würde. – Da ich aber weder Jude noch Heide bin und vor allen Dingen keine Lust habe, mich schon begraben zu lassen, so kamen wir endlich im Familienrat darin überein, daß das Monument eines genialen Künstlers zu einem –«

»Aber Herr Preiss, ereifern Sie sich nicht!«

»Ja, daß dieses Denkmal moderner Baukunst zu einem Abtritt eingerichtet werden solle.«

»Ach, Herr Preiss –!«

»Und jetzt sprechen Sie mir nicht mehr von Häuserbauten.«

»Aber was soll ich Ihnen sonst vorschlagen?«

»Was Sie wollen. Nur kein Land, nur keine Hauspläne, nur keine Häuser. Himmlischer Vater! Häuser soll ich bauen, Straßen sogar, ganze Straßen voll Synagogen, Venustempel und Grabmäler. Es schwindelt mir, ich werde verrückt. Schlagen Sie mir alles vor, nur nicht das!«

»Wenn Sie kein Land kaufen, keine Bauplätze akkaparieren und keine Häuser bauen lassen wollen, so interessieren Sie sich einmal bei einem Bergwerk, bei einer Eisen-, Blei-, Zink-, Kupfer-, Silber- oder Goldmine.«

»Da haben wir's! Ein neuer Schwindel! Ich hätte nie gedacht, daß Sie so fruchtbar an ruinösen Projekten wären. Aber ich versichere Ihnen, daß Sie mich nie zu solchen Tollheiten überreden werden. Bergwerksunternehmungen sind in der Tat nur Bauunternehmungen in umgekehrter Richtung. Bei einem Hause verbaue ich mein Geld nach oben, bei einem Bergwerke nach unten. Ja, ein Bergwerk ist unter hundert in neunundneunzig Fällen das sicherste Grab für jedes ehrlichen Mannes Hab und Gut. Bergwerke bauen! Das fehlte noch! Daß einen die Regenwürmer und die Kobolde auslachen bis in den Mittelpunkt der Erde – Ich begreife Sie nicht, Lenz; denken Sie denn gar nicht mehr an den mexikanischen Bergwerksverein, von dem ich noch heute unter Glas und Rahmen eine Aktie aufbewahre, die meinem alten Ohm Peter, Gott habe ihn selig, tausend Bergische Taler kostete und die ich bei der Erbschaftsteilung, bloß um meine nächsten Verwandten besonders zu verpflichten, für vier gute Groschen übernahm?« –

»Nun, so will ich Ihnen etwas Besseres vorschlagen.«

»Los damit!«

»Wir leben in einem großen Jahrhundert –«

»Meinen Sie?«

»Das meine ich nicht bloß, es ist so.«

»Habe noch wenig davon gesehen; zwei mal zwei ist noch immer nicht mehr wie vier.«

»Mit gerechtem Stolz, ja, mit einem gewissen mitleidigen Lächeln können wir bei dem Werk unsrer Tage zurückblicken auf die größesten Momente –«

»Von Anno Tobak.«

»Auf die größesten Taten aller Zeiten und Völker.«

»Na, mäßigen Sie sich, Lenz; es wird einem angst und bange bei Ihrem Enthusiasmus.«

»Ja angst und bange wird es einem bei jenem gewaltigen Umschwung, den alle Verhältnisse genommen haben, seit uns der Geist der Gegenwart lehrte, statt der Hand des Menschen, statt der Kraft des Rosses, statt der Gewalt des Sturmes jenes große Mittel der Bewegung zu benutzen, welches über die Häupter unsrer Vorfahren als Rauch des heimischen Herdes, als lieblicher Duft bei festlichen Gelagen oder als leichtes Opfergewölk unbegriffen dahinzog.«

»Fassen Sie sich kurz, Lenz. Wovon sprechen Sie?«

»Von jener großen Erfindung –«

»Des Pulvers? Dagegen protestiere ich. Renommieren Sie mir nicht mit dem Pulver. Sie haben es nicht erfunden!«

»Von jener großen Erfindung –«

»Der Luftpumpe, der Elektrisiermaschine, der Guillotine, der Klistierspritze –?«

»Nein, von der Erfindung der Dampfmaschine!«

»Aha, das ist etwas andres! Sie wollen also, daß ich in Eisenbahnaktien spekuliere?«

»Allerdings!«

»Lenz, Sie sind ein gefährlicher Mensch. Ist es mir doch nie eingefallen, daß Sie durstiger Dezimalbruch von einem sterblichen Buchhalter solche hochfahrende Dinge in Ihrem Haupte beherbergten! Also in Eisenbahnen soll ich spekulieren? In Aktien schwindeln und meine teuern Prozente einbezahlen, damit die liebe weite Welt billig auf Reisen gehen kann? Oh, ich kenne das! Heute kauft man zwölf Stück Aktien, und morgen hat man 12 Prozent gewonnen. Freude ist in Trojas Hallen; man denkt, das werde alle Tage so fortgehen, und man kauft noch zwölf andre Aktien hinzu, und man gewinnt von neuem, und man gewinnt zum dritten Male, und der Teufel, dem man den kleinen Finger gab, nimmt bald die ganze Hand. Kein Halten, keine Rettung! Wie ein Spieler sitzt man am grünen Tisch; die Stirne brennt, die Augen glühen. Schreien hundert Mäuler: ›Der Schwindel ist aus!‹, so schreien tausend Zungen: ›Der Schwindel geht erst an!‹ Und immer tollkühner stürzt man sich in den Strudel hinein, jeder hofft, daß er noch vor Toresschluß sein Schäfchen scheren werde; niemand glaubt, die Zeche bezahlen zu müssen: Da wendet sich plötzlich das Blatt, der Gipfel der Schwindelei ist erreicht, und mit leerem Beutel und mit langer Nase purzelt man fluchend und verwünschend aus dem Himmel der Glückseligkeit in die Arme des ersten besten Gerichtsdieners, auf die Streu des Schuldturms – Und ein solches Schicksal wollen Sie mir bereiten, Lenz, mir, Ihrem gütigen Prinzipal, der Vertrauen in Sie setzt, der Ihnen gern sein Inneres erschließt – Lenz! Bedenken Sie –«

»Ich muß gestehen, Herr Preiss, daß ich sonst keine Vorschläge mehr zu machen habe«, fuhr Lenz fort, ohne sich im geringsten an die Aufregung seines Herrn zu kehren. »Sie haben mich gefragt, und ich habe Ihnen geantwortet. Meine Pläne gefallen Ihnen nicht – gut. Es tut mir leid, daß ich nichts Besseres weiß.«

»Ja das sei Gott geklagt!«

»Allenfalls können Sie auch Feuerversicherungsaktien kaufen –«

»Nicht wahr, damit ich keine Nacht mehr ruhig schlafen kann, damit ich bei dem Schrei jeder Eule glauben soll, der Nachtwächter rufe Feuer, damit ich das Morgenrot für den Schein von hundert brennenden Dörfern halte, damit mich überall ein brennlicher Geruch verfolgt wie ein Gestank der Hölle, aus ewiger Angst um meine lumpigen Aktien –?«

»Oder Seeversicherungsaktien können Sie kaufen!«

»Nicht wahr, damit mich statt des Feuers das Wasser verfolgt. Damit ich bei jedem Windstoß zusammenschaudre und ausrufe: da ist ein Schiff gescheitert. Damit ich nachts von Klippen und Untiefen träume, von Haifischen und Korsaren. Damit mein ganzes Vermögen von Wind und Wetter abhängt und meine Gemütsstimmung mit dem Barometer steigt und fällt – Hören Sie auf, Lenz!«

»Ich höre auf.«

Eine lange Pause entstand.

Vater Preiss war so sehr in Eifer geraten, daß sein Gesicht hochrot glühte. Er lief mit hastigen Schritten durchs Zimmer, den Foulard aus der Tasche reißend, um den Schweiß von der gewaltigen Stirn zu trocknen. Einem aufmerksamen Beobachter würde es indes nicht entgangen sein, daß der schlaue Alte hinter seiner scheinbaren Opposition gegen alles, was der Buchhalter vorbrachte, nur die brennende Lust zu den meisten Spekulationen zu verbergen suchte. In der Tat, unser Freund befleißigte sich stets, das Gegenteil von dem zu sagen, was er dachte, und wenn er selbst seinem Buchhalter gegenüber in dieser Weise auftrat, so geschah es nur, um die Gedanken des guten Lenz desto sicherer zu ergründen. – Blieb Lenz trotz allen Widerspruches bei seinem ursprünglichen Plane, so war dies ein Grund mehr, um die Sache reiflicher zu überlegen, im Kleinen zu versuchen und endlich im Großen auszuführen.

Nur wenige Tage verflossen daher nach dieser stürmischen Konversation: da wandte sich Vater Preiss schon mit der ganz beiläufigen Frage an den Buchhalter:

»Sie meinten also, daß ich Land kaufen sollte?«

»Allerdings, Herr Preiss; ich halte dies für ein sehr sicheres Geschäft.«

»Nun, ich bin davon überzeugt, daß ich Geld daran verlieren werde; aber ich will es riskieren, bloß um Ihnen durch den Erfolg zu zeigen, daß ich recht habe – Die Altenburgische Herrschaft soll verkauft werden – eine Herrschaft! Es wird mir ganz mittelaltrig zumute. Einerlei. Schreiben Sie dem Notar, daß ich auf die Parzelle 6 hunderttausend Taler biete.«

Der Buchhalter gehorchte, und die Parzelle Nr. 6 wurde Eigentum des Herrn Preiss.

Einige Tage später bemerkte der Alte, als ob es ganz zufällig wäre:

»Nicht wahr, Lenz, Sie rieten mir, Bauplätze zu kaufen?«

»Allerdings, Herr Preiss!«

»Ein schlechter Rat! Aber wir wollen es wagen. Bieten Sie dem Gärtner am Rattentor bis zu 50 000 Taler für seine Grundstücke.«

Der Buchhalter gehorchte, und die Grundstücke des Gärtners wurden Eigentum des Herrn Preiss.

»Wollten Sie mich nicht auch zu einer Schwindelei in Eisenbahnaktien verleiten?« fragte der Alte, als wiederum eine Woche verstrichen war.

»Ich riet Ihnen bei bestem Gewissen, den günstigen Moment für diese Transaktion nicht vorübergehen zu lassen.«

»Es ist unsittlich, Lenz, zu schwindeln; und ich werde mich ins Unglück stürzen, ich weiß es. Aber mein Geld liegt untätig; was soll ich machen? Schreiben Sie dem Direktor der Dülken-Buxtehude-Nordbahn, daß ich die offerierten 90 Stück Aktien akzeptiere.«

Der Buchhalter gehorchte, und die halbe Dülken-Buxtehude-Nordbahn wurde Eigentum des Herrn Preiss.

»Sonst nichts Neues?« fragte der Buchhalter.

»Auch bei der neuen Feuerversicherungsgesellschaft wollen wir uns für ein Pöstchen beteiligen, aber schreiben Sie auf einen halben Briefbogen; das Papier ist teuer.«

»Und die Bergwerksaktien?«

»Na, auf Ihre Verantwortlichkeit will ich sie nehmen. Schicken Sie den Betrag in bar. Aber die leeren Geldsäcke will ich zurück haben; heiliger Gott, die Säcke kosten Geld!«

»Nichts mehr zu befehlen –?«

»Mensch, Buchhalter, Lenz! Versuchen Sie die Götter nicht!

›Meine Ruh' ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.‹«
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