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Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben

Georg Weerth: Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben - Kapitel 7
Quellenangabe
typesketch
booktitleHumoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben
authorGeorg Weerth
year1992
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-007948-9
titleHumoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben
pages1
created19990518
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1847
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VI
Der Reisende, wie er ist

Während der Herr Preiss seinem Freunde über den Reisenden schrieb, »wie er sein soll«, näherte sich bereits der Tür »der Reisende, wie er ist«. Es hatte dem Alten in der Tat beim Schreiben des Briefes nur das Bild dieses ausgezeichneten Mannes vorgeschwebt, in dem er längst jenes »Menschenjuwel« besaß, das er eben in einer zweiten Person so sehnlich herbeiwünschte. Ja, der Herr Fridolin Sommer, der erste Weinreisende des Hauses Preiss, trat ins Zimmer, leuchtend und lustig wie ein frischgeschlagener Friedrichsdor. Ein Mann in der Blüte des Lebens; ein Mann, nicht zu dick und nicht zu dünn; ein Mann, nicht zu alt und nicht zu jung; ein Mann, der gelebt hatte, ohne abgelebt zu sein; ein Mann, der gerieben war, ohne aufgerieben zu sein; ein Mann, dem die phantastisch gekräuselten Haare nicht übel standen, den der romantische Schnurrbart ausnehmend zierte; ein Mann, dessen Zähne schimmerten wie Perlen, dessen Hände weiß waren bis in die Fingerspitzen und dessen Hemd reiner war als die Unschuld, vor allen Dingen reiner als sein Gewissen; ein Mann, der Geschmack zeigte in der Wahl seiner Kleider, dessen Frack, dessen Hose und dessen Weste vortrefflich harmonierten; ja, ein Mann, dessen Krawatte in eine unaussprechliche Schleife gebunden war, mit den Zipfeln gen Morgen und gen Abend starrend wie die Arme an einem Meilenzeiger, wie die Flügel an einer Windmühle.

Fast zu gleicher Zeit den Kutscher bezahlend, einige Befehle in betreff seines Gepäcks erteilend und das Comptoirpersonal flüchtig grüßend, war Herr Sommer bis in die Mitte des Zimmers vorgedrungen, wo der würdige Prinzipal plötzlich in seiner Wanderung innehielt und, das Haupt emporhebend, jetzt mit dargebotenen Händen dem vortrefflichen Diener bewillkommend entgegeneilte.

Herr Sommer verneigte sich ehrfurchtsvoll. – Den Hut vom Kopfe reißend und den Kopf verbindlich lächelnd auf die Brust senkend, riskierte er mit herabhängenden Armen und mit anmutig verschränkten Beinen dasselbe Kompliment, welches schon so viele Leute entzückt hatte, wenn er ihnen in melodischem Tone die frohe Botschaft verkündete, daß er der Herr Fridolin Sommer sei, der das Vergnügen habe, das Haus Preiss zu repräsentieren, und sich die Ehre gebe, ihnen seine Offerte in Rheinweinen zu machen, beste Qualität und ausnehmend billig.

Erst nach zweimaligem Wiederholen dieser wundersamen Verbeugung wagte er die Hände des Prinzipals mit den seinigen zu berühren und unter herzlichem Druck und Schütteln auf den Ruf: »Ach, da sind Sie ja!« die geistreiche Antwort: »Ja, da bin ich!« folgen zu lassen, »und ich hoffe, daß Sie sich wohlbefinden, Herr Preiss, und daß Sie nicht an der Zukunft verzweifeln in diesen schlimmen Zeiten, wo die Konkurrenz immer größer wird – doch wie befindet sich Ihre werte Familie?«

Da war der erste Sturm des Begrüßens vorüber. Die Rückkehr des Herrn Sommer war ein Ereignis. Der Buchhalter Lenz hatte unwillkürlich drei große Prisen genommen; August, der Korrespondent, legte die Feder auf den Rand des Tintenfasses, und der Lehrling hörte auf im Kopieren der Briefe, andachtsvoll den großen Mann betrachtend, der so glücklich war, mit dem gestrengen Prinzipale händeschüttelnd die freundlichsten Grüße wechseln zu dürfen.

Weder dem Buchhalter noch dem Korrespondenten, noch dem Lehrling war es indes erlaubt, schon jetzt ihren Gefühlen weiter Luft zu machen, denn der Prinzipal bugsierte seinen Reisenden sofort in das Geheimkabinett des Geschäftes, wo er ihn mit den Worten: »Nun, was haben Sie denn auf Ihrer Tour ausgerichtet?« in die eine Sofaecke drückte, während er selbst aufmerksam horchend in der andern Platz nahm.

»Die Zeiten sind schlecht geworden –«, begann Herr Sommer und sah plötzlich so trostlos aus wie ein protestierter Wechsel. –

Wir müssen bei dieser Gelegenheit ausdrücklich bemerken, daß es unter Kaufleuten Sitte ist, stets über schlechte Zeiten zu klagen. Und wären die Zeiten so brillant, wie sie sich ein einigermaßen ehrlicher Mann nur denken kann, ja, wälzte sich die halbe Kaufmannschaft im Golde herum: die ehrenwerten Ritter von der Bank und der Börse, wenn man sie nach ihrem Verdienste fragte, würden dennoch die Hände ringen und wie Nilpferde, die am Zahnweh leiden, jammernd erwidern, daß die Welt sich mit jedem Tage verschlechtere, daß man kaum das Salz verdiene, geschweige das liebe tägliche Brot, und daß sie alle gesonnen seien, nächstens den ganzen Kommerz an den Nagel zu hängen, um in der Stille und Zurückgezogenheit auf irgendeinem billigen Dorfe von jenem wenigen Fette fortzuexistieren, das ihnen des Schicksals Unerbittlichkeit aus frühern, bessern Zeiten übriggelassen.

Dies ewige Klagen über schlimme Tage, über schlechten Verdienst ist nicht nur jetzt an der Tagesordnung, nein, die hübschesten Anekdoten aus den neunziger Jahren beweisen uns, daß sich damals die Handelswelt nicht weniger darin gefiel, stets die Ohren hängen zu lassen, um hinter möglichst sauern Gesichtern die heimliche Freude zu verbergen, daß der schlaue Gott des Gewinstes ihre Unternehmungen so trefflich unterstützt hatte. So wird uns von einem alten märkischen Fabrikanten erzählt, daß er einem jüngern Verwandten auf die Frage, ob es wohl noch der Mühe wert sei, diese oder jene Fabrik anzulegen, mit schmerzlicher Stimme zur Antwort gegeben habe: er möge sich derlei tolle Pläne aus dem Kopfe schlagen, die Zeiten seien gar zu schlecht geworden, man verdiene kaum 90 Prozent mehr. Selbst auf die Schriftsteller der Handelswelt ist die Sitte des Lamentierens übergegangen, denn fast alle englischen Nationalökonomen schließen ihre Räsonnements mit jenem großen Stoßseufzer über den Verfall des Handels, decline of commerce – die armen Engländer, die armen Kaufleute!

»Verehrter Herr Preiss, die Zeiten sind schlecht geworden«, begann der Reisende Sommer, als er mit seinem Prinzipale allein war. »Die Konkurrenz erdrückt uns. Man arbeitet wie bei einer halb verlorenen Schlacht, wie in den Schrecken eines Schiffbruches – ja, wahrlich, das Geschäft bietet wenig Freude mehr.«

»Trösten Sie sich«, unterbrach hier der würdige Prinzipal, dessen feine Nase nur zu gut roch, daß der erfindungsreiche Sommer mit dem Gedanken umging, durch die einleitende Jeremiade das glückliche Resultat seiner Bemühungen doppelt belohnenswert erscheinen zu lassen, »trösten Sie sich, liebster Herr Sommer, wir sind hier unter uns, ersparen Sie sich alle überflüssigen Phrasen. Es ist zwar richtig, daß sich die Welt mit jedem Tage verschlechtert, aber wir Menschen werden auch mit jedem Tage gescheiter, und so korrigieren wir leicht das grause Verhängnis, so daß am Ende des Jahres, wenn wir Bilanz machen, stets das alte gute Gleichgewicht wiederhergestellt ist. Sagen Sie mir daher frei heraus, was Sie auf Ihrer Reise durchgesetzt haben. Geben Sie mir einen vollständigen Reisebericht.«

Da räusperte sich Herr Sommer und erwiderte mit Anmut: »Zuerst ging ich zu unsern Landsleuten und Nachbarn, die wie alle Rheinländer noch dieselben empfänglichen Gemüter haben. Sie interessieren sich für alles, schwatzen womöglich über noch mehr, und ihre Konversation kommt zugleich mit ihrem Durste erst dann plötzlich ins Stocken, wenn ihnen nachts im Wirtshause einfällt, daß sie den Hausschlüssel vergessen haben und daß die zärtliche Ehehälfte das schrecklichste Donnerwetter verhängen wird, wenn die Sitzung nicht sofort bis zum nächsten Abend verschoben wird. Oh, solange der Hausschlüssel des Rheinländers einzige Waffe ist, solange wird der Absatz der verwerflichsten Weinsorten nie eine Unterbrechung erleiden. Ich habe mich aufs neue hiervon überzeugt, indem ich sogar unsern sauern Moselwein bis auf den letzten Tropfen verkaufte.«

»Unsern sauern Moselwein? Ei, das ist mir ja sehr lieb!« – Der besondere Nachdruck, den Herr Preiss auf das Wort sehr legte, bewies, daß der fragliche Moselwein sehr, sehr sauer sein mußte.

»Aber wen haben Sie mit dieser hoffnungsvollen Partie beglückt?«

»Unsern speziellen Freund, den Wirt ›Zu den Drei Lilien‹.«

»Arme Lilien! Offenherzig gestanden, Herr Sommer, ich bin der festen Meinung, daß dies das letzte Geschäft ist, was wir mit diesem Manne gemacht haben. Und glauben Sie nicht, daß wir die entsetzlichsten Schikanen bei diesem Verkauf erleben werden? Fürchten Sie nicht, daß der Mann die ganze Partie zu unsrer Verfügung lassen wird, sobald er sie nur von ferne berochen hat?«

»Bei einem Wirte ist freilich alles möglich. Aber bis dahin mache ich ja in den ›Drei Lilien‹ wieder meine persönliche heitere Aufwartung. Persönlich macht sich alles besser. Mein ehrliches Gesicht, meine Überredungsgabe, mein liebenswürdiges Betragen, das Feuerwerk meiner schlechten Witze, die Sündflut meiner schönen Anekdoten – alles dies ist zu berücksichtigen, alles dies wird dazu beitragen, um das Rückgängigwerden des Geschäftes zu verhindern. Und sollte unser alter Freund dennoch in einige Skrupel verfallen, da sinke ich gerührt an seine Brust, küsse seiner Frau die Hand und schwöre seiner häßlichen Tochter Julie –«

»Hören Sie auf, Herr Sommer! Ihre Herzensangelegenheiten sind mir gleichgültig; Ihre Verkäufe werden mir stets willkommen sein.«

»Aus den Rheinlanden pilgerte ich ins Wuppertal. Die Leute jener Gegend zerfallen in zwei Klassen: in sogenannte ›Wilde‹, d. h. vernünftige Menschen, die leben und leben lassen und ihre Weine da kaufen, wo sie am besten und billigsten sind, und in sogenannte ›Feine‹, d. h. Pietisten oder horntolle Kerle, mit denen man nur dann ins Geschäft kommt, wenn man sich wie sie auf den Kopf stellt und den Steiß mit Fäusten schlägt nach der Melodie: ›O weh mir armen Sündenbock‹.

Die Luft im Wuppertale ist frisch, und beide Parteien trinken bedeutend; da aber die erstere der ganzen Konkurrenz offensteht, so ist mit der zweiten bei weitem mehr anzufangen, falls man sich ihren Hokuspokus und ihren christlichen Jargon richtig anzueignen weiß. Dies zu unternehmen hielt ich für eine mir würdige Aufgabe. Ich zog daher meine rheinische Karnevalsjacke aus und erschien im schwarzen Frack, mit umgeklappten Vatermördern wie ein Seminarist, mit Haaren, die auf der Stirn gescheitelt wie bei einem Bonner Professor; mit stieren, blöden Augen wie eine alte Eule bei Sonnenaufgang, den Kopf auf der linken Schulter und in den Mundwinkeln ein wehmütiges Lächeln.

Ich will mich hängen lassen, wenn ich nicht wie der größte Jammerkerl aussah, den je ein vernünftiger Mensch vor die Tür geworfen hat. In dieser Maske ging ich sonntags in die Kirche, schlug die Hände über dem Kopf zusammen wie ein Telegraf, entfaltete mein großes Gesangbuch und brüllte wie ein frommer Wüstenleu. Meine Nachbarn raunten sich sofort in die Ohren, daß ich ein fremder Kandidat sein müsse, der wahrscheinlich nächstens zur Probe predigen werde, der etwa auf die bevorstehende Synode pilgre oder sonst in kirchlichen Zwecken eine Reise an den heiligen Strand der Wupper unternommen, und der Gesang war auch kaum vorüber, als schon ein Mensch, der wie ein Laubfrosch bei schlechtem Wetter aussah, sich verschämt zu mir herüberbog, mich ›Bruder‹ nannte und mir eine Prise offerierte.

Von dieser Prise datiere ich eine der besten Geschäftsreisen, die ich je gemacht habe; denn wenn man nach dem Schlusse der Predigt auch erfuhr, daß ich zwar kein Kandidat sei, so überzeugte man sich doch davon, daß ich große Lust verspürte, einst ins Himmelreich zu kommen, und die Folge davon war, daß ich mit meinem neuen Bekannten schon am selben Abend in einem christlichen Bruderkränzchen so treulich zusammensaß, als hätte ich seit zehn Jahren nichts wie Gebetbücher gefressen.«

»Sie müssen sich schön in dieser Gesellschaft ausgenommen haben«, unterbrach Herr Preiss.

»Vortrefflich!«

»Aber die Geschäfte –?«

»Sie haben recht, ich will Sie nicht länger warten lassen. Die Sache machte sich vorzüglich. Nachdem nämlich ein frommer Wechselmakler das Einmaleins nach der Melodie ›Wer nur den lieben Gott läßt walten‹ gesungen, ferner ein frommer Bankier seinen Kurszettel in ein Gebet übersetzt und andächtig gesprochen, hierauf ein frommer Häuserspekulant seine uneigennützigen Absichten in betreff eines neu zu errichtenden Gotteshauses dargetan und schließlich ein frommer Rentner den Segen gesprochen und darauf hingewiesen hatte, wie es fürnehmlich des Christen Pflicht sei, sich Schätze zu erwerben, so da nicht Motten und Rost fressen: trat vor dem Auseinandergehen der frommen Bruderschaft noch ein Mann auf –«

»Welcher Mann?«

»Ein Mann, Herr Preiss –«

»Schießen Sie los!«

»Ich selbst trat auf!«

»Hören Sie mal, Herr Sommer, das war frech.«

»Sehr frech, aber ich fühlte mich vom Heiligen Geiste inspiriert, und ich trat auf und machte den Vorschlag –«

»Welchen Vorschlag?«

»Daß sich alle Frommen des Wuppertales dazu vereinigen möchten –«

»Um Ihnen 10 Stückfaß Neununddreißiger zu bestellen?«

»Nein, um einen Mäßigkeitsverein zu stiften –«

»Sind Sie des Teufels?«

»Ja, um einen Mäßigkeitsverein zu stiften, der allen Wein, allen Schnaps und alles Bier ausschließe und die Bevölkerung des Wuppertales zu dem Genuß einer der größesten Gottesgaben, zu dem Genuß des kalten Wassers zurückführe.«

»Aber ich verstehe Sie nicht, Herr Sommer.«

»Dasselbe war der Fall mit fast der ganzen Versammlung, der Skandal wurde allgemein. Ich ließ mich aber nicht irre machen und berief mich auf das 23. Kapitel der Sprüche Salomonis, Vers 29 bis 32, wo der Trunk entsetzlich blamiert wird.«

»Ich hätte Ihnen diese Bibelkenntnis nicht zugetraut.«

»Dieser Spruch machte die frommen Brüder stutzen. Der Handschuh war hingeworfen. Die Debatte begann.«

»Verschonen Sie mich!«

»Alte und junge Leute, rote und blasse Nasen, runde und keine Bäuche suchten mich zu widerlegen. Man machte mich darauf aufmerksam, daß die angeführte Stelle mit andern Versen ganz im Widerspruch stehe. Salomo selbst spreche im Hohenliede in den blumenreichsten Ausdrücken von Trauben, Weinstöcken und Weinkellern. Außerdem habe Christus eigenhändig das Wasser in Wein verwandelt und endlich sei mein Zitat aus dem Alten Testamente, könne also im Wuppertale, wo man sich mehr an die vier Evangelien halte, von gar keiner Bedeutung sein – genug, ich fiel mit meinem Vorschlage glänzend durch.«

»Gott sei Dank!«

»Wehmütig gestand ich meine Niederlage ein, indem ich hinzusetzte, daß ich denn jetzt, wo eine so gelehrte Gesellschaft meine Skrupel überwunden habe, allerdings fortfahren werde, für das Haus Preiss in Rheinweinen zu arbeiten, obgleich mir diese Beschäftigung seit einiger Zeit so gottlos erschienen sei, daß ich eben im Begriff gewesen wäre, mich von dieser vermeintlichen Sünde durch jenen Mäßigkeitsvorschlag auf immer loszusagen.«

»Herr Sommer, Sie sind ein großer Heuchler!«

»Und alles in Ihrem Interesse, Herr Preiss. Sie können sich gar nicht vorstellen, welchen Effekt dieser Schluß machte. Man umringte mich; man wünschte mich näher kennenzulernen; man lud mich für alle Tage der Woche zu Gaste; die so ganz gegen mein Interesse unverhohlen ausgesprochenen Regungen meiner schönen Seele machten die Runde von Mund zu Mund.«

»Und der Erfolg war?«

»Daß ich in den nächsten Tagen Aufträge von allen Ecken und Enden erhielt. Der fromme Wechselmakler, der das Einmaleins sang, bestellte einen Anker Laubenheimer zu 36.«

»Und der Bankier, der den Kurszettel betete?«

»Bestellte ein Ohm Scharlachberger zu 70.«

»Und der fromme Gotteshausspekulant?«

»Erbittet sich zwei Ohm Traminer zu 90.«

»Und der fromme Kapitalist, den nicht Motten und nicht Rost fressen?«

»Wünscht umgehend ein Stückfaß Steinberger Kabinett zu 120. Alles comptant. Doch erlauben Sie, dem Manne, der mich ›Bruder‹ nannte und der mir eine Prise offerierte –«

»Ja, diesem?«

»Ja, diesem gab ich einen Anker Piesporter gratis.«

Vater Preiss konnte nicht umhin, wohlgefällig zu lachen.

»Aus dem Wuppertal zog ich nach Westfalen, in unser geliebtes Münsterland, in das Land der preußischen Regierungsräte und der geistlichen Herren. Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß sich unsre alten Freunde noch sehr wohl befinden. Nur der Kanonikus Schmits ist gestorben; er wollte grade unsern Probe-Anker Erbacher zu 70 einer gewissenhaften Prüfung unterwerfen, als er plötzlich in ein besseres Jenseits abberufen wurde.«

»Schade, der Mann zahlte bar.«

»Das Münsterland liebe ich vor allen deutschen Gauen. Ein solcher Durst und so hartnäckige Trinker sind mir noch nie vorgekommen. Und die Leute trinken etwas Gutes. So fand ich z. B. den alten Domherrn Valentin, der gerade in seinem Studierzimmer damit beschäftigt war, eine Abhandlung über die unbefleckte Jungfrau zu schreiben, hinter einer wahren Batterie von teils leeren, teils halb ausgetrunkenen Flaschen Rüdesheimer, Markobrunner usw. Als er mich hereintreten sah, jauchzte er, als ob ihm der Heiland in Person erschienen, fiel mir um den Hals und ruhte nicht eher, als bis ich seinen ganzen Keller durchgetrunken und – Ave Maria purissima! – solche Kreise im Zimmer beschrieb, daß das Manuskript über die unbefleckte Jungfrau samt Tintenfaß und Sandbüchse, samt Flaschen und Folianten dem allgemeinen Umsturze verfiel. Der alte Valentin hielt sich die Seiten vor Lachen, und gemeinschaftlich setzten wir uns dann auf die Trümmer seines Studierzimmers und sangen das Lied von der Ratt' im Kellernest. Einige Stunden später sang er die erste Messe. Bestellt ein Ohm Steeger zu 60.«

»Und der alte Herr von Säuerig?«

»Ist noch immer derselbe alte Gimpel wie früher. Jetzt hat er wieder eine neue Marotte; er ist nämlich vor kurzem in Berlin gewesen und bildet sich nun ein, daß er bei Hofe gern gesehen sei. Außerdem hält er sich für einen großen Politiker. Der alberne Kerl teilte mir ›die höchsten Staatsgeheimnisse‹ mit, und erst am Abend, als wir in seinem Gemüsegarten durch die Brennesseln spazierten, blieb er plötzlich stehen und sagte mir, indem er auf eine alte hölzerne Statue zeigte: ›Herr Sommer, lassen wir den Staat einstweilen ruhen; es mögen viele Dinge im Staate vorgehen, welche uns gerechte Ursache zur Besorgnis geben, aber, Herr Sommer, ich versichere Ihnen hier an diesem schönen Orte, hier zu den Füßen dieses Olympiers, daß die zwei Ohm Assmannshäuser, die Sie mir im verflossenen Herbst gesandt haben, von der niederträchtigsten Qualität sind.‹ – ›Herr von Säuerig‹, erwiderte ich ihm, ›Sie sind ein zu großer Staatsmann, um eine solche Kleinigkeit erwähnen zu dürfen. Lassen Sie die zwei Ohm von Ihren Dienstboten austrinken, und ich will Ihnen zwei neue Fässer senden, die Ihrer würdig sind.‹ Natürlich war Herr von Säuerig ein viel zu großer Staatsmann, um so etwas refüsieren zu wollen.«

»Und was macht unser Freund Söffig?«

»Ja, der alte Söffig ist sehr aufgebracht. Er ist der Meinung, daß wir ihn stets herzlich schlecht bedient haben.«

»Kann wohl sein –«

»Um den Mann zu besänftigen, bot ich ihm unsern Vorrat Brauneberger zu einem sehr billigen Preise an. Aber vergebens. Und ich würde vielleicht ohne Auftrag von dannen gegangen sein, wenn mir nicht noch zur rechten Zeit eingefallen wäre, daß der alte Söffig in der Liebe zu seiner Frau und zu seinen Kindern die schwächste Seite hat. Ich stellte mich daher in Position und sprach mit Pathos: ›Teuerster Herr Söffig, ich gestehe, daß Sie ein hübsches Detailgeschäft haben und vor der Not des Lebens gesichert sind. Aber bedenken Sie, was Sie tun. Eine der billigsten Partien Brauneberger entgeht Ihnen. Denken Sie an Ihre Frau und an Ihre Kinder, und wenn Sie einen Rest von Liebe für sie im Herzen tragen, so vernachlässigen Sie nicht so rücksichtslos die Interessen Ihrer armen Familie. Ja, besinnen Sie sich, ehe es zu spät ist. Weisen Sie meine Offerte nicht von sich! Akzeptieren Sie diese Partie Brauneberger 5 Taler unter Kostpreis!‹«

»Und er tat es?«

»Das versteht sich von selbst. Sein gutes westfälisches Herz konnte nicht widerstehen.«

»Es ist mir lieb, daß wir den Brauneberger los sind!« So fuhr der Reisende Sommer fort, seinem Prinzipal zu erzählen, wie er die Provinzen des Reiches mit guten und schlechten Gewächsen überschwemmt hatte, hier durch seine Überredungsgabe siegend, dort durch schlaue Verstellung, und der Gott der Kaufleute und der Diebe blickte lächelnd hinab auf die treusten seiner Jünger. Der Buchhalter Lenz, der Korrespondent und der Lehrling saßen indes auf ihren Comptoirstühlen und ärgerten sich nicht wenig, daß ihnen der Reisebericht des gewandten Geschäftskollegen entging. »Sollte es nicht möglich sein, die Türe leise zu öffnen?« fragte endlich verschämt der Lehrling. »Das würde ein zu großes Vergehn sein!« erwiderte der Korrespondent. »Ein zu großes Verbrechen!« meinte der Buchhalter.

»Meinen Sie nicht, daß wir den Schlüssel leise aus dem Schlosse ziehen könnten?« fuhr der Lehrling fort. »Vielleicht ließe sich wenigstens etwas hören.«

»Lauschen ist ein Vergehen!« erwiderte der Korrespondent. »Ein Verbrechen!« meinte der Buchhalter.

»So lassen Sie uns die andern Türen und ein Fenster öffnen, vielleicht daß dann die Tür des Geheimzimmers von selbst aufspringt –«

Dieser Vorschlag schien selbst dem Buchhalter durchaus unschuldig zu sein, und im Nu flogen Fenster und Türen offen, und das Schloß des Geheimzimmers, durch den Luftzug erschüttert, knarrte in seinen Riegeln und sprang zurück.

Leider hatte der Reisende Sommer in diesem Augenblick seinen Bericht schon so gut wie beendigt. Oberflächlich erkundigte sich Herr Preiss nur noch nach einigen Kunden, die der Reisende nicht genannt hatte.

»Was macht der Herr Bengel?«

»Hat sich in Spekulationen aufgelöst.«

»Wie befindet sich Madame Meyer, die Wirtin in der ›Ente‹?«

»Danke für gütige Nachfrage, will erst bestellen, wenn der Frühling kommt –«

»Und die Veilchen blühn – aber bestellte Ihnen Herr Freundlich nichts?«

»Nein, dieser Mann war sehr unfreundlich. Er drohte, mich wie ein falsches Stück Geld auf den Tisch nageln zu wollen, wenn ich mich je wieder bei ihm sehen ließe.«

»Da nehmen Sie sich doch lieber in acht. Aber was treibt unser alter Freund Sebastian Johannes?«

Herr Sommer, der alle Fragen seines Prinzipals bisher so rasch und lustig beantwortet hatte, zog bei dem Namen Sebastian Johannes plötzlich sein Gesicht in die verhängnisvollsten Falten.

»Nun, wie steht es mit dem Johannes?« Der Alte blickte seinen Reisenden forschend an.

»Herr Preiss«, fuhr dieser endlich fort, und seine Stimme zitterte, »Herr Preiss, ich hatte es gut mit Ihnen vor; ich wollte Ihnen den heutigen Tag nicht verderben; Herr Preiss – ach, Herr Preiss, der Sebastian Johannes –«

»Nun, rücken Sie mit der Sprache heraus!«

»Der Sebastian Johannes –«

»Nun, was ist mit ihm?«

»Der Johannes ist –«

»Heiliger Gott, er ist doch wohl nicht –«

»Fassen Sie sich, Herr Preiss!«

»Ist er –?«

»Kaputt ist er –«

»Kaputt!« seufzte der Alte.

»40 Prozent in der Masse.«

Tiefe Stille entstand. Aus dem Comptoir herüber klang aber bald darauf vernehmlich die Stimme des Buchhalters: »Folio 213. Sebastian Johannes: 522 Taler, 10 Silbergroschen, 6 Pfennig im Debet.«

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