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Humoristische Geschichte von New-York

Washington Irving: Humoristische Geschichte von New-York - Kapitel 35
Quellenangabe
typesatire
booktitleHumoristische Geschichte von New-York
authorWashington Irving
translatoranonym
firstpub1829
year1829
publisherJohann David Sauerländer
addressFrankfurt am Main
titleHumoristische Geschichte von New-York
created20050630
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel.

Beschreibung des gewaltigen Heeres, das sich bei der Stadt Neu-Amsterdam sammelte, und der Zusammenkunft Peters des Starrköpfigen mit dem unglücklichen General Van Poffenburg.

Während der unternehmende Peter mit vollen Segeln an den Gestaden des königlichen Hudson hinfuhr und die phlegmatischen kleinen holländischen Niederlassungen zum Krieg aufbot, vereinigte sich eine mächtige Schaar von Streitern in der Stadt Neu-Amsterdam.

Sie sammelten sich auf dem öffentlichen Platz vor dem Fort, der nun das Bowling-Green heißt; dort stand das Zelt, um welches sich die Leibgarde des Gouverneurs, die wackern Bürger von Amsterdam zusammenfanden. Ihr Anführer war der tapfre Stoffel Brinkerhoof, der an der Austernbai so unsterblichen Ruhm gewann – sie entfalteten als Banner einen aufsteigenden Biber in einem orangefarbenen Felde, das Wappen und Siegel der Provinz, welches so schön die beharrliche Industrie und Amphibiennatur der Niederländer ausdrückt.

Rechter Hand sah man die Vasallen des berühmten Mynheer Michael Paw – der über die schönen Gefilde des alten Pavonia und der Länder nach Süden bis zu dem Navesink-Gebirg gebot, auch Patron der Gibbet-Insel war. Seine Fahne trug sein treuer Knappe Cornelius Van Vorst; sie zeigte eine große ruhende Auster in meergrünem Felde, das Wappen seiner Lieblings-Hauptstadt Communipaw. Er führte einen stolzen Trupp zu Felde, schwer bewaffnet, denn jeder trug zehn Paar leinwollene Beinkleider und war überschattet von breiträndrigen Bibern, mit kurzen Pfeifen im Hutbande. Es waren die Völker, die im Morast an der Küste hin vegetirten und nach der Fabel ihren Ursprung von den Austern herleiteten.

In geringer Entfernung stand ein Kriegerstamm aus der Nachbarschaft des Höllenthors. Diese commandirten die Suy Dams und Van Dams, heftige Flucher, wie ihr Name andeutet – sie waren von furchtbarem Anblick, in breitschößige Kittel gekleidet, von jenem sonderbar gefärbten Tuch, welches in der Modesprache Donner und Blitz heißt – ihre Fahne trug als Sinnbild drei schwebende Stopfnadeln des Teufels in feuerfarbenem Felde.

Dicht daneben war das Zelt der Krieger von den Marsch-Ufern der Wallfisch-Bucht (seitdem Wallabout genannt, wo jetzt der Admiralitäts-Hof steht) und von der benachbarten Gegend – sie hatten saure Gesichter, weil sie sich von den hier im Ueberfluß vorhandenen Krabben nährten. Sie waren die ersten Stifter des berühmten Ritterordens «Trutz den Marktdieben» (? – Fly market shirks) und wenn die Ueberlieferung nicht irrt, so führten sie den berühmten Tanz Dubbel-Trubbel, eine Art Schottischen ein. Sie commandirte der furchtlose Jacobus Varra Vanger, und bei ihnen war eine nette Bande von Breukeler Fährleuten, die ein recht braves Concert auf Muschelhörnern hören ließen.

Ich muß dem Unternehmen entsagen, eine genaue Beschreibung von den andern zu liefern, als da sind die Helden von Bloemen-dael, Wee-hawk und Hoboken und von andern in der Geschichte und im Gesang wohl bekannten Orten – denn nun schmettern die kriegerischen Töne der Einwohnerschaft von Neu-Amsterdam von den Wällen der Stadt herab. Plötzlich verstummte dieser Lärm, und siehe, mitten aus einer großen Staubwolke hervor sah man die schwefelfarbenen Beinkleider und das schimmernde Silberbein Peter Stuyvesants im Sonnenschein glänzen. Er nahete mit einem furchtbaren Heere, welches er längs den Gestaden des Hudson ausgehoben hatte. Der treffliche anonyme Verfasser des Stuyvesant'schen Manuscripts ergießt sich jetzt in eine lobpreisende Beschreibung der Waffenmacht, die durch das Hauptthor der Stadt herausmarschirte.

Zuerst kamen die Van Bummels, welche die lieblichen Ufer der Bronx bewohnen, kurze fette Menschen mit ungeheuern Pluderhosen, berühmt als Tellerhelden und als Erfinder der Suppawn oder Milchschwammerlinge. – Dicht an ihren Versen marschirten die Van Vlotens, von Kaatskill, furchtbare Aepfelmost-Säufer und Schnapshelden. – Nach ihnen kamen die Van Pelts und Groodt Esopus, geschickte Reiter auf besenschweifigen Stuten der Esopus-Race, sie waren Rattenjäger, besonders der Bisamratze, und nach ihnen nannte man die Thierfelle Pelze. – Dann erschienen die Van Nests von Kinderhoek, ein tapfres Geschlecht von Vogelnest-Aushebern; sie werden für die Erfinder der Schlapp-Jacke und Buchweizen-Kuchen gehalten. – Nun die Van Higginbottoms, von der Wapping's Bucht; sie kamen mit Stöcken und Ruthen bewaffnet, ein Geschlecht von Schulmeistern, die zuerst die wunderbare Sympathie zwischen dem Sitz der Ehre und dem Sitz des Verstandes entdeckten, und fanden, daß der kürzeste Weg, Kenntnisse in die Köpfe zu bringen, der sey, sie dem H— einzubläuen. – Dann die Van Grolls von Antonis-Nase, die ihren Schnaps in netten runden Buttelchen nachführten, weil sie ihn wegen ihrer großen Nasen nicht anders trinken konnten. – Darauf die Gardeniers vom Hudson und der Gegend, die sich besonderer Fertigkeiten rühmten, als der Kunst, Wassermelonen zu holen, Kaninchen aus ihren Löchern zu rauchen und dergleichen, und welche die gebratene Schweinenschweifchen sehr gern aßen, daher für die Vorfahren der berühmten Congreßmitglieder dieses Namens gehalten werden. – Sodann die Van Hoesens, von Sing-Sing, große Chorsänger und Maultrommelspieler; sie marschirten zwei und zwei und sangen das große Lied vom heiligen Nikolaus. – Hiernächst die Couenhovens von Sleepy-Hollow; von ihnen stammen die trefflichen Gastwirthe ab, welche die Erfindung machten, eine Viertelmaß Wein auf Schoppenbouteillen zu ziehen. – Dann die Van Kortlandts, die an den wilden Ufern des Croton lebten und große Entenjäger waren, die sie mit langen Bogen geschickt erlegten. – Nun die Van Bunschotens von Nyack und Kakiat, die ersten, welche immer mit dem linken Fuß austraten; sie waren ritterliche Buschklopfer und Waschbären-Jäger beim Mondschein. – Dann die Van Winkles von Harlem, gewaltige Eierausschlürfer und bekannt als Pferderenner und Kreidemänner im Wirthshause; sie waren die ersten, die mit beiden Augen zugleich nickten. – Zuletzt kamen die Knickerbockers, aus der großen Stadt Scaghtikoke, wo die Leute bei windigem Wetter Steine auf die Häuser legen, damit sie nicht weggeblasen werden. Sie leiteten ihren Namen, wie Einige sagen, von knicker, schütteln, und Becker, Becher, her, als ob sie große Zechbrüder gewesen wären, aber diese Ableitung ist falsch; es heißt vielmehr Büchernicker oder Leute, die über vielem Bücherlesen endlich einschlafen – von diesen stammt der Schreiber dieser Geschichte ab.

Dieß war die Legion von rüstigen Buschklopfern, die durchs große Thor von Neu-Amsterdam ein und aus zogen. Das beregte Manuscript nennt noch weit mehr Kriegerstämme, aber sie aufzuzählen wäre bei dem Drang der Ereignisse zu lang. Peter Löwenherz war hoch erfreut über die Schaaren edler Krieger, die an ihm vorbeidefilirten, und er beschloß, ihren Muth nicht länger in Fesseln zu schlagen und die Unthat auf Fort Casimir unverweilt zu rächen.

Ehe ich aber zu diesen glorreichen Thaten eile, muß ich eine Pause machen und das Schicksal des Jacobus Van Poffenburg erzählen, der als General en chef ein trauriges Loos fand. So bösartig ist die Natur der Menschen, daß kaum die Nachricht von seiner Niederlage anlangte, als auch tausend Gerüchte sich in Neu-Amsterdam verbreiteten, welche auf einen Verrath, auf ein Einverständniß mit dem schwedischen Commandanten anspielten, und sogar von Geldbestechung sprachen.

So viel ist gewiß, daß der General die Unbescholtenheit seines Charakters mit den heftigsten Schwüren und Protestationen rechtfertigte und jeden aus den Schranken der Ehre hinauswarf, der daran zweifelte. Wie er nach Neu-Amsterdam zurückkehrte, paradirte er die Straßen auf und ab mit einem Haufen von argen Fluchern, seinen Zechkameraden, die er tränkte und fett machte, und die bereit waren, ihn durch alle Gerichtshöfe durchzupolstern, Helden von seiner eignen Beschaffenheit, mit steifgewichsten Schnurbärten, breitschulterige Eisenfresser und Mordkerls, die aussahen, als könnten sie einen Ochsen mit Haut und Haaren verschlingen und die Hörner nur so abknaupeln. Diese Leibgardisten schimpften allen auf ihn gehäuften Schimpf durch, fochten alle seine Schlachten aus und sahen alle, die die Nase nach dem General drehten, mit einer Miene an, als wollten sie sie fressen. Ihre Rede war mit Flüchen gespickt wie mit Knallerbsen oder Sackpuffern, und zu jeder Rodomontade gab es eine donnernde Ausrufung, wie bei patriotischen Toasts das Geschütz gelöst wird.

Alle diese heldenhaften Ergießungen machten einen großen Eindruck auf gewisse weise Leute, die nun nicht mehr an der Rechtschaffenheit des Generals zu zweifeln wagten, besonders weil er sie immer auf Soldaten-Ehre versicherte. Ja einige Rathsmitglieder gingen so weit, daß sie den Vorschlag thaten, man solle seinen Heldenleib durch eine unvergängliche Statue von Pariser Gyps verewigen.

Aber der wachsame Peter der Starrköpfige ließ sich nicht verblüffen. Er beschied den General-Feldmarschall privatim vor sich und ließ sich seine Geschichte mit allen Eiden und Betheuerungen haarklein wiederholen, dann aber sagte er – «Höre, Kamerad, nach deinen eignen Reden bist du der bravste, edelste und würdigste Mann in der ganzen Provinz, aber du hast leider das Unglück, einen verteufelt schlechten Namen und Ruf zu genießen. Nun ist es zwar hart, einen Mann für unglückliche Ereignisse zu züchtigen, und ob es auch sehr möglich ist, daß du völlig frei an jenen, dir zur Last gelegten Verbrechen bist, so läßt doch der Himmel, gewiß aus weiser Absicht, deine Unschuld nicht an den Tag kommen, und ferne sey es von mir, mich gegen seine hohen Rathschlüsse aufzulehnen. Außerdem darf ich nicht wagen, meine Armeen einem Befehlshaber anzuvertrauen, den sie verachten, und mein Volk einem Helden preiszugeben, dem sie mißtrauen. Ziehe dich daher, mein Freund, zurück von den Mühseligkeiten und Sorgen des öffentlichen Lebens, mit dem tröstenden Gedanken – wenn du schuldig bist, daß du nur gerechten Lohn erhältst – wenn unschuldig, daß du nicht der erste große und brave Mann bist, der in dieser argen Welt mißhandelt und mit Füßen getreten worden ist, ohne Zweifel aber in einer besseren Welt dafür belohnt wird. Unterdessen aber komme mir nicht wieder vor die Augen, denn ich habe eine schreckliche Aversion vor Gesichtern unglücklicher großer Männer wie du.

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