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Humoristische Erzählungen

Karl May: Humoristische Erzählungen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorKarl May
titleHumoristische Erzählungen
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Die Kriegskasse

1. Die beiden Müller

Der Obermüller konnte den Niedermüller nicht leiden, und der Niedermüller war dem Obermüller nicht gewogen. Das hatte seine Gründe. Die Obermühle war bis vor zehn Jahren die einzige Mühle im Tal gewesen, und ihr Besitzer hatte sich recht gut dabei gestanden; da war der jetzige Niedermüller gekommen, hatte seine neumodische Klapper an den Bach gesetzt und dem Nachbar die Mahlgäste weggenommen. Der Obermüller hielt das für eine teuflische Konkurrenz, zumal er den teuren Prozeß verlor, den er anstrengte, um sich seines Wettbewerbers zu erwehren. Dieser aber war ein durchtriebner Pfiffikus, lachte sich eins ins Fäustchen und hatte seine Freude über den Ärger seines nun mehr und mehr verarmenden Berufsgenossen.

Doch die zwischen den beiden Männern herrschende Abneigung hatte noch einen andern Grund. Der Obermüller war nämlich ein echtes, braves Rheinlandskind und konnte es nicht verwinden, daß das schone deutsche Vaterland am Rhein unter dem Druck der rücksichtslosen französischen Herrschaft schmachtete. Der Niedermüller aber, der von der Obermoseler Gegend herabgekommen war, pflegte heimlich nach Frankreich hinüberzuschielen und kannte keinen andern Herrgott als den großen Bonaparte, der den Mut gehabt hatte, seine gewaltige Hand nach ganz Europa auszustrecken. Nun hatte der Niedermüller eine Tochter, der wegen ihrer Schönheit, Sittsamkeit und Herzensgüte, vielleicht auch wegen des zu erwartenden Erbes die Jungburschen alle im Weg herumliefen. Aber das machte doch die Sache nicht anders, vielmehr steigerte sich die Abneigung des Obermüllers ganz bedeutend, als er bemerkte, daß sie es seinem Franz auch angetan hatte, der des Abends um die Niedermühle strich und am Tag vor lauter Zerstreuung statt des zu mahlenden Getreides einen Kartoffelsack in den »Rumpf« ausleerte.

Auch heut hatte er allerlei Ungebührlichkeiten, die sonst gar nicht in seiner Art lagen, begangen, und als es nun Abend geworden war, fuhr er mit den Armen in das Sonntagsnachmittagswams und schickte sich zum Fortgehn an.

»Wohin willst du, Franz?« fragte der Vater mit jenem unzufriednen Ton, der jetzt öfters bei ihm zu hören war.

»Hinunter ins Dorf; es gibt heut Tanz.«

»Wirst aber wohl nicht ganz hinkommen, weil dir die Niedermühle im Weg liegt!«

»So geh ich an ihr vorbei.«

»Oder bleibst ein wenig stehn, bis die Anna herauskommt.«

Franz errötete. »Soll ich denn etwa vor ihr ausreißen, Vater?«

»Nein, das ist nicht notwendig; aber du weißt, daß ich das fremde Volk da unten nicht leiden mag. Der Niedermüller ist ein Franzosenfreund; er hat uns um unser Brot gebracht und ist schuld, daß wir Tag für Tag unser Leben wagen müssen, wenn wir nicht verhungern wollen. Die Anna mag gut sein, aber du kannst schon noch eine andre bekommen!«

»Aber ich mag keine andre, Vater! Wir haben uns lieb, und du würdest ihr gewiß auch gut sein, wenn du sie so kenntest wie ich. Sie spricht gar herzig von dir und der Mutter und möchte gern an euch gutmachen, was ihr Vater Ungutes an euch getan hat.«

»So!« meinte der Obermüller nachdenklich und seine Stimme klang beträchtlich milder. »Sie hat mich zwar immer freundlich gegrüßt, wenn ich ihr begegnet bin, weiter aber kenne ich sie nicht. Was sagt denn ihr Vater dazu?«

»Der weiß noch nichts davon. Er will, sie soll den Zolloffizier Jambrieu nehmen, den französischen Gecken, der in St. Goar angestellt ist.«

»Siehst du! Wenn die Anna so denkt, wie du sagst, so möcht es meinetwegen möglich sein, daß ich einmal ja sage, aber der Alte wird es nimmermehr zugeben, daß sie den Sohn seines Todfeindes heiratet. Such dir also eine andre! Du bist durch ganz Deutschland gewandert und auch mehrere Jahre in Frankreich gewesen, und wer so viel gesehn und gelernt hat, der bekommt schon eine tüchtige Frau.«

Der Sohn antwortete nicht, sondern nahm die Mütze zur Hand und schritt nach der Tür. Er hatte sie schon geöffnet, als hinter ihm die Weisung ertönte:

»Punkt elf bist du wieder daheim! Es gibt heut ein gutes Geschäft, und um zwölf müssen wir über das Wasser sein. Wir haben Neumond, so daß uns nicht leicht jemand sehn wird. Wenn uns der Zufall nicht die ganze Zollwache auf den Hals führt, so stecken wir ein schönes Geld in die Tasche. Mit einem oder einigen nehmen wir es schon auf.«

»Ist's viel, was wir zu laden haben?«

»Mehr als gewöhnlich, und darum wird auch die Gesellschaft voll beisammen sein. Vielleicht wird es gar an Fahrzeugen fehlen.«

»So nehmen wir den Kahn des Niedermüllers mit. Anna wird mir den Schlüssel dazu geben.«

»Weiß sie denn, daß –-?«

»Ja, sie weiß es. Sie ist ganz zufällig dahintergekommen, und ich konnte nicht leugnen. Aber ihr andern braucht keine Sorge zu haben; ich hab's nur von mir gestanden.«

»So! Und sie hat nichts verraten? Das ist brav von dem Mädchen!« sagte der Vater. »Ich sehe nicht ein, warum die einen Deutschen den Zucker und Kaffee teurer bezahlen sollen als die andern, und zwar bloß deshalb, weil Herr Napoleon einen Grenzstrich zwischen sie gezogen hat.«

»Soll ich also den Kahn nehmen?« fragte der Sohn.

»Ja; nur nimm dich in acht, daß der Alte nichts merkt! Du brauchst da gar nicht wieder zur Obermühle zu kommen, sondern kannst gleich hinüberrudern. Du weißt ja, wo wir zu treffen sind.«

Franz ging. Er war ein rüstiger, auch hübscher Bursche, dem ein Mädchen schon gut sein konnte; das wußte die Anna am allerbesten, und darum lehnte sie bereits seit einer Viertelstunde am Gartenzaun und horchte in die stille Nacht hinaus, ob sich der bekannte Schritt des heimlich Geliebten nicht bald vernehmen lassen wolle.

*

2. Der entgangne Fang

Es war zwölf Uhr nachts. Im Zollhaus zu St. Goar saß der Leutnant Jambrieu bei der Lampe und schrieb an einem Bericht, den er morgen in der Frühe an seine Vorgesetzten nach Bacharach abgehn lassen wollte. Das Schreiben lief ihm heut gar nicht recht aus der Hand. Seine Gedanken waren auf der Niedermühle, wo es ein schmuckes, deutsches Mädel gab, das dem Franzosen gar sehr gefallen hatte.

»Morbleu!« murmelte er, die Feder zur Seite legend, »ich bringe diesmal keinen gescheiten Satz fertig, weil mir das verteufelte Mädchen im Kopf liegt. Ich bin so nervös und unruhig. Sollte das vielleicht eine Ahnung sein? Ich habe gehört, sie scharmiert mit dem Franz aus der Obermühle. Vielleicht steckt sie grad jetzt mit ihm in einer Ecke und läßt sich das rote Mündchen küssen. Wenn ich so etwas bemerkte, ich stäche den armseligen coïon den Degen durch den Leib! Coïon, ja, so hat der Kaiser gesagt, und so ist es auch wahr; coïons sind sie alle, diese choucroute, Brigands und Spitzbuben, die in ganzen Banden den Schmuggel betreiben, ohne daß man ihnen beikommen kann.«

In diesem Augenblick hörte er eilige Fußtritte dem Haus nahen, und einige Sekunden später trat ein langer, hagerer Mann ins Zimmer, dem der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand.

»Verzeihung, Herr Leutnant, daß ich so spät störe!« entschuldigte er sich; der Angeredete ließ ihn aber den beabsichtigten Satz nicht beginnen, sondern erwiderte, sich erhebend, mit dem Ton eines Gönners:

»Ihr seid es, Niedermüller? Ihr stört mich nicht, und wenn Ihr mitten in der Nacht mich aus dem Schlaf weckt. Was führt Euch zu mir? Ihr seid ja ganz außer Atem!«

»Es ist auch die Sache danach, Herr Leutnant, und ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht so gelaufen wie jetzt, um noch zur rechten Zeit zu kommen!«

»Zur rechten Zeit? Diable! Das klingt ja fast, als hättet Ihr mir eine wichtige Botschaft zu bringen. Setzt Euch und sprecht!«

Der Müller nahm auf dem dargebotenen Stuhl Platz und begann:

»Sie kennen den Obermüller und seinen Sohn, den Franz, Herr Leutnant?«

»Ja. Warum fragt Ihr?«

»Sie wünschen die Schmuggler zu fangen, die Ihnen bisher so geschickt entgangen sind?«

»Ob ich will? Sacré nom du dieu, ich habe keinen heißeren Wunsch, als sie einmal auf frischer Tat zu ertappen. Sie schaffen nun seit Jahr und Tag die kostbarsten Waren im Wert von vielen tausend Francs über die Grenze, ohne daß es gelungen ist, ihrer habhaft zu werden. Aber was hat das mit dem Obermüller zu tun?«

»Er ist ein Mitglied der Bande oder gar ihr Anführer.«

»Hélas! Ist das möglich! Woher wißt Ihr es?«

»Das sollen Sie gleich hören! Schon seit einiger Zeit habe ich bemerkt, daß die Anna zu einer gewissen Abendstunde in den Garten geht; es ist mir aufgefallen, und ich beschloß, ihr einmal nachzuschleichen, um zu sehn, was sie zu so ungewöhnlicher Zeit da draußen zu tun habe. Heut bin ich ihr nachgehuscht, und was denken Sie, was ich entdeckt habe?«

»Nun?«

»Sie stand mit dem Franz am Zaun und verhandelte allerlei ungereimte Dinge mit ihm. Ich war schon im Begriff, mich zu erkennen zu geben, als er von ihr den Schlüssel zu meinem Kahn verlangte, auf dem ich den jenseitigen Kunden das Mehl zu bringen pflege.«

»Weiter, weiter!« drängte der Zolloffizier.

»Weiter? Ich bin fertig, das übrige können Sie sich denken!«

»Denken? Hm, ja. Also der Franz scharmiert mit Eurer Tochter. Das habe ich mir längst gedacht! Ich hoffe aber, daß –«

»Keine Sorge, Herr Leutnant! Nun ich weiß, was hinter meinem Rücken vorgeht, werde ich darauf achten, daß es nicht wieder geschieht.«

»Natürlich! Aber Ihr könnt doch unmöglich mit Eurer Geschichte fertig sein?«

»Ich bin fertig, denn das andre ist für mich gleichgültig«, meinte der vorsichtige Müller, der seine Tochter nicht in Gefahr bringen wollte. »Nur das habe ich zu sagen, daß der Bursche mit meinem Kahn hinüber ist; sein Vater fuhr später auch ab, und etwas weiter unten bemerkte ich ebenfalls einige Boote, die vorsichtig hinübersteuerten. Man hatte die Ruder mit Lappen umwunden. Es gilt jedenfalls ein Unternehmen, und ich bin daher Hals über Kopf nach St. Goar gelaufen, um Ihnen Nachricht davon zu bringen.«

»Ich danke Euch, Niedermüller; es wird Euer Schaden nicht sein!« antwortete Jambrieu und begab sich nach der Tür, um den im Vorraum befindlichen Zollwächter herbeizurufen. Nachdem er ihm die nötigen Befehle erteilt hatte, schnallte er sich den Degen fester, steckte die geladenen Pistolen bei und warf den Mantel über.

»So, jetzt bin ich bewaffnet, und nun allons, Niedermüller! Ihr geht ruhig nach Haus; es braucht niemand zu wissen, wem ich die Kunde verdanke; ich aber begebe mich nach dem Stelldichein, an dem ich meine Leute erwarten werde.«

Die beiden Männer verließen das Haus und schritten am Ufer abwärts, bis sie den Platz erreicht hatten, wo nach der Aussage des Niedermüllers Franz mit dem Boot abgestoßen war. Der Müller verabschiedete sich hier, um nach seiner Wohnung zu gehn, der Leutnant aber begab sich nach einer in der Nähe liegenden Stelle, wo er bereits einige seiner Untergebnen vorfand, die er durch den schnell abgesandten Boten an diesen Ort befohlen hatte. In kurzer Zeit stießen noch mehrere hinzu, und bald waren die Wächter in einer Anzahl versammelt, die genügend war, auch einen größeren Trupp, als die Schwärzer gewöhnlich zu bilden pflegten, siegreich in Empfang zu nehmen.

Der Offizier verteilte seine Leute stromabwärts und stromaufwärts in einer Weise, daß eine bedeutende Strecke des Rheins von ihnen beobachtet werden und ihre Vereinigung auf das gegebene Zeichen doch leicht und schnell erfolgen konnte. Bald lag tiefe Stille auf der Gegend, die in jedem Augenblick der Schauplatz eines erbitterten Kampfes werden konnte.

Die Zeit verging. Mitternacht war längst vorüber. Es schlug eins und zwei. Da endlich ließ sich unterhalb des Orts, an dem Jambrieu sich befand, ein klagender Unkenruf vernehmen. So rasch und geräuschlos wie möglich eilte er vorwärts und traf fast zu gleicher Zeit mit den andern bei dem Zollbeamten ein, der das Zeichen gegeben hatte.

»Was gibt's, Sombrier?« fragte er ihn. »Hast du etwas bemerkt?«

»Bücken Sie sich nieder, Herr Leutnant«, lautete die Antwort, »daß Ihr Auge in gleiche Linie mit dem Wasser kommt, und blicken Sie dort hinüber!«

Der Offizier folgte der Weisung und suchte das nächtliche Dunkel in der Richtung zu durchdringen, die ihm der erhobene Arm des Sprechers angab. Der leise Phosphorschimmer, der die Oberfläche des Wassers kennzeichnete, ließ einige schwarze Punkte erkennen, die auf dem Strom sich bewegten und bei ihrem Nahen sich mehr und mehr vergrößerten.

»Voilà, da sind sie! Tretet zurück; laßt sie ruhig aussteigen und die Boote befestigen. Dann aber rasch auf sie los!«

Er hatte sich in seiner Voraussetzung verrechnet: die Schmuggler waren vorsichtiger, als er dachte. In sichrer Entfernung vom Ufer ließen sie die Boote halten, und bald zeigte ein leises Plätschern, daß einer von ihnen ins Wasser gesprungen war, um an das Land zu schwimmen und daselbst nachzusehn, ob alles sicher sei.

Mit kraftvollen Armen teilte der Kundschafter die Flut, stieg langsam die Dammböschung empor und blieb hier horchend stehn. Da klang ein leiser Ton durch die Nacht, so leise, daß er einem andern vielleicht entgangen wäre; er aber hatte ihn vernommen und griff zum Messer.

»Sacré,« murmelte Jambrieu zwischen den Zähnen, »muß ich auch jetzt grad an den verteufelten Säbel stoßen! Ich werde dem Kerl den Rückweg abschneiden, damit er nicht zurück ins Wasser kann!«

Er hatte einen höchst unklugen Entschluß gefaßt. So leise er auch aufzutreten versuchte, der Schmuggler vernahm doch das Geräusch seiner Schritte und wandte sich nach dem Strom um. Jedenfalls war es seine Absicht, die Boote schwimmend wieder zu erreichen; er konnte sie aber nicht ausführen, denn noch hatte er keinen Fuß im Wasser, so fühlte er sich von dem Offizier gepackt und angehalten.

»Zurück!« rief er mit laut schallender Stimme; »die Zollratten sind da!« Zu gleicher Zeit strengte er sich an, von dem Leutnant loszukommen.

Es glückte ihm nicht, denn zahlreiche Hände hatten sich ausgestreckt, die ihn packten, und während er mit den überlegnen Gegnern rang, zog einer von ihnen die geöffnete Blendlaterne unter dem Mantel hervor und ließ ihm den hellen Schein ins Gesicht fallen.

»Der Franz!« rief es, »der Franz aus der Obermühle!«

»Bindet ihn!« fügte der Offizier hinzu.

Franz war erkannt; gelang es ihm nicht, zu entkommen, so war sein Los die Galeere. Der starke Bursche fühlte bei diesem Gedanken seine Kräfte sich verdoppeln: wie der Bär die Hunde, so schüttelte er die kleinen, schmächtigen Franzosen von sich ab; sie stürzten rund um ihn zur Erde, und nur Jambrieu hielt so fest, daß nicht von ihm loszukommen war.

»Laß los, Bonapartenpudel, sonst magst du sehn, wie es dir geht!«

»Meinst du, coïon? Zeig doch, was du kannst!«

»Sollt's gleich sehn!« antwortete er.

Der blasse Schimmer einer blanken Messerklinge leuchtete auf den Offizier nieder; der stieß einen kurzen, schrillen Wehlaut aus, fuhr zuckend mit den Armen in die Luft und brach dann zusammen.

Mit einigen Sprüngen brachte Franz sich aus dem Bereich seiner Feinde und war im nächsten Augenblick in der Finsternis verschwunden. Ein fernes Plätschern bewies, daß die Boote den Warnungsruf beachtet hatten und schleunigst davonruderten. Der Fang war den Häschern entgangen.

*

3. Ein Soldat der großen Armee

Es war um Weihnachten. Der Winter war übers Land gegangen und hatte seine Schneeflocken auf Feld und Flur gestreut. Deutschland lag unter der erwartungsvollen Stille, wie sie dem Sturm vorherzugehn pflegt; am Rhein war die politische Schwüle am drückendsten, und der Heilige Christ, der sonst so fröhliche Gesichter findet, begegnete gar manchem ernst blickenden Auge, das von Dingen redete, die der Mund nicht auszusprechen wagte.

Auch auf den beiden Mühlen ging es ruhig zu. Von Franz hatte man seit jener Nacht nichts wieder gehört. Jambrieu war von der erhaltenen Messerwunde vollständig genesen und wohnte jetzt in der Niedermühle. Er schien sich in St. Goar nicht mehr sicher zu fühlen und hatte diese Unterkunft gewählt, weil er bei dem zu erwartenden Rückzug der Franzosen gern ein reiches deutsches Mädel mitgenommen hätte.

Anna sträubte sich zwar nach Kräften gegen die ihr vom Vater aufgezwungene Verbindung mit dem aufgeblasenen französischen Offizier, aber das Drängen des Leutnants wurde von Tag zu Tag nachhaltiger, und es war vorauszusehn, daß er den Müller endlich zu einem rücksichtslosen Machtspruch bewegen werde.

So war der zweite Feiertag gekommen. Die Familie saß noch spät in der vom brennenden Tannenbaum hell erleuchteten Stube und horchte auf die ruhmredigen Berichte über die Heldentaten der »grande nation«, die Jambrieu zum hundertstenmal vortrug. Da klopfte es an die Tür, und auf das laute »Herein« des Müllers trat ein Mann ein, dessen zerfetzte Kleidung auf überstandene schwere Strapazen deuteten. Er trug den linken Arm in der Binde und über das Gesicht ein Heftpflaster, das sich von der Nase bis fast ans Ohr erstreckte. Hätten ihn nicht schon die Wunden als Krieger gekennzeichnet, so wäre es sicher durch das Kreuz der Ehrenlegion geschehn, das seine breite Brust schmückte.

»Kut' Apend!« grüßte er in gebrochnem Deutsch. »Kann ein arm' Soldat 'ab' un peu ßu ess', ßu trink' und ßu schlaf?«

Der Zolloffzier erhob sich sofort und zog den beklagenswerten Mann an den Tisch. Es verstand sich von selbst, daß ihm das Begehrte reichlich vorgesetzt wurde. Zahlreich waren auch die Fragen, die er während des Essens zu beantworten hatte. Er gehörte zu der großen französischen Armee, die sich aus Rußland zurückgezogen hatte, in Deutschland geschlagen wurde und ihre versprengten Teile als Bettlertrupps heim in das gelobte Frankreich sandte. Im Lauf des Gesprächs fand es sich, daß er ein Müller sei, und dieser Umstand bewog den Hausherrn zu der Frage, ob er auf der Niedermühle bleiben wolle, bis er sich von den ausgestandnen Beschwerden erholt habe. Der fremde Mann willigte mit Freuden ein und ward nach vollendetem Abendbrot aufgefordert, sich von der Tochter des Hauses zur Ruhe weisen zu lassen.

Anna ergriff eins der Lichter, um ihn zu begleiten; es zitterte in ihrer Hand, aber sie brachte ihre Angst nicht eher zum Ausbruch, bis sie in der Kammer stand, wo kein Lauscher zu befürchten war.

»Franz!«

Nur den Namen sprach sie aus, aber der Ton sagte mehr, als alle Worte es vermocht hätten.

»Anna! So hast du mich erkannt?«

»Nicht gleich, aber endlich doch. Um Gottes willen, geh fort von hier; wenn du entdeckt wirst, bist du verloren!«

Er nahm das falsche Haar vom Kopf, entfernte den struppigen Bart aus dem Gesicht und warf die Binde fort, die seinen Arm gehalten hatte.

»Ich bleibe hier, Anna; ich muß hier bleiben, und niemand wird mich erkennen. Ein jeder hält mich für einen Franzosen, da ich die Sprache unsrer Bedrücker sehr gut beherrsche.«

»Nein, du mußt fort; ich würde sonst vor Angst sterben!«

»Es geht nicht; ich muß bleiben, Anna, und damit laß es gut sein! Wie steht es mit dem Jambrieu?«

»Ich bin gezwungen, ihn zu nehmen, wenn keine Hilfe kommt.«

»Sie wird kommen, und zwar bald! Deswegen bin ich hier. Wie geht es meinen Eltern?«

»Sie sind gesund und wohl. Was ist's hier mit dem Pflaster? Kann man das auch heruntermachen?«

»Nein, der Hieb ist nicht falsch; ich habe ihn wirklich erhalten.«

»Einen Hieb? Sag doch, wo!«

»Das werde ich dir später erzählen. Jetzt geh hinab, damit niemand Verdacht schöpft!«

Er schlang die Arme um sie, gab ihr einen herzlichen Kuß und schob sie dann zur Tür hinaus. Nachdem er diese verriegelt, öffnete er das Fenster. Es führte auf den Damm des Teichs, den der Bach hier bildete, und an den sich die Rückseite des Hauses lehnte. Mit einem gewandten Sprung stand er draußen und gelangte auf einem Umweg zu dem Pfad, der längs des Wassers hinauf zur Obermühle führte. Dort fand er die Tür verschlossen und alles Licht erloschen. Die Eltern, die er sehn wollte, waren schlafen gegangen. Sollte er sie in ihrer Ruhe stören? Nach kurzem Besinnen beschloß er umzukehren. Er mußte mehrere Tage bleiben und konnte sie also auch morgen aufsuchen.

Langsam schritt er den Weg, den er gekommen war, wieder hinab und stand, als er die Niedermühle erreicht hatte, eben im Begriff, seine Kammer aufzusuchen, als er Schritte vernahm, die sich von vorn dem Haus näherten.

Er blieb lauschend stehn. Es wurde geklopft, und als nach einiger Zeit der Müller aus dem geöffneten Fenster blickte, fragte eine Stimme in fremdländischem Akzent nach dem Leutnant Jambrieu.

Franz schlich sich näher und versteckte sich hinter einem Haufen Reisholz, das in der Nähe der Tür aufgeschichtet lag. Der Leutnant erschien nach einiger Zeit; aber kaum hatte der späte Gast einige Worte zu ihm gesprochen, so faßte er ihn am Arm und zog ihn von der Tür hinweg bis in die nächste Nähe des unberufnen Lauschers.

Dieser vernahm jedes Wort der hastig geführten Unterhaltung und erhob sich, als die beiden Männer sich mit raschen Schritten entfernt hatten, mit einem tiefen Atemzug aus seiner gebückten Stellung.

Es währte eine lange Zeit, ehe sie wiederkehrten, aber nicht zu zweien, sondern zu dreien. Sie trugen einen schweren Gegenstand, machten einen möglichst weiten Bogen um die Mühle und verschwanden in dem Gesträuch, das den Teich von drei Seiten umgab. Nach wenigen Minuten knirschte es wie zerbrochnes Eis; es wurde ein kurzes Plätschern hörbar, als werde ein fester Gegenstand ins Wasser gesenkt und fahre, von den haltenden Händen losgelassen, mit dumpfem Schlag zu Boden.

Am nächsten Morgen fand der Müller statt des einen Franzosen, den er gestern aufgenommen, noch zwei, die durch den Leutnant hier ein Obdach gefunden hatten und für einige Tage hierzubleiben erklärten. Und zur selben Zeit traf man bei St. Goar auf einen leeren Wagen, vor den ein alter Gaul gespannt war, der traurig und hungrig den Kopf zur Erde senkte. Das Geschirr war aus irgendeinem Grund von seinem Führer verlassen worden.

*

4. Überrumpelt

Das Neujahr 1814 war gekommen. Draußen in der Welt bereiteten sich große Dinge vor, und auch in der Niedermühle schien ein Sturm im Anzug zu sein. Es mußte auch den Deutschen zu denken geben, daß die sonst so anmaßenden Franzosen von Tag zu Tag kleinlauter wurden; sämtliche Zollwächter hatten Nachricht bekommen, sich marschfertig zu halten, aber der Befehl zum Rückzug verzögerte sich von Stunde zu Stunde. Der Glaube an die Allmacht des großen Korsen war so stark, daß man an den erlittenen Niederlagen zweifelte und alle Augenblicke den Bericht erwartete, er sei an der Spitze seiner Legionen erschienen und habe den Feind mit einem seiner gewaltigen Schläge für immer zu Boden geworfen.

Die vier Franzosen, die jetzt die Mühle mitbewohnten, waren darüber einig, daß diese Hoffnung in Erfüllung gehn werde, und der eine von ihnen, der Müller war und das Kreuz der Ehrenlegion trug, übertraf sogar den Leutnant an Eifer, für seinen glorreichen Kaiser mit der Zunge zu fechten. Er schien ihm auch in andrer Beziehung den Vorrang ablaufen zu wollen; wenigstens bemerkte der eifersüchtige Jambrieu, daß zwischen ihm und Anna trotz seines nichts weniger als ansprechenden Äußern eine immer wachsende Zuneigung sich entwickelte, und schon zu wiederholten Malen hatte er daher im Begriff gestanden, sein vermeintliches besseres Recht nunmehr zur Geltung zu bringen.

Der Müller fühlte sich nirgends wohler als in der Gesellschaft dieser vier Männer, die den gleichen Abgott mit ihm hatten und – es sich an seinem Tisch trefflich schmecken ließen. Je mehr er grad jetzt um seines politischen Bekenntnisses willen von den Nachbarn gemieden wurde, desto fester hielt er daran, und die Gerüchte, die über den Vormarsch der Verbündeten im Umlauf waren, machten so wenig Eindruck auf ihn, daß er die Verlobung Annas mit Jambrieu auf den heutigen Abend festgesetzt hatte.

Er hatte erwartet, bei der Tochter kräftigen Widerstand zu finden, und wunderte sich nicht wenig, als sie sein Machtwort mit der gleichgültigsten Miene hinnahm und die notwendigen wirtschaftlichen Vorbereitungen zu dem Familienfest ohne besondre Anweisung traf. Er glaubte, sie sei endlich klug geworden; denn ein französischer Zolloffizier war in seinen Augen ein Mann von Welt, und wenn eine deutsche Müllerstochter ihn zum Mann bekam, so hielt der Niedermüller das für eine »glänzende Partie«.

Es waren für den Abend wenig Gäste geladen; aber der Kreis der Verwandten und Hausgenossen war doch so zahlreich, daß sich bald eine angeregte Unterhaltung entwickelte, die gegen Mitternacht hin, wo das bindende Verlöbnis stattfinden sollte, infolge des reichlich genossenen Weins überaus lebhaft wurde.

Nur Jambrieu teilte nicht die frohe Laune der andern, er bemerkte gar zu wohl die Blicke, die verstohlen zwischen Anna und dem Legionär gewechselt wurden; so wohlwollend er diesem in den ersten Tagen gegenübergestanden hatte, so wenig konnte er ihn jetzt leiden, und es schwebte von Minute zu Minute ein scharfes Wort auf seinen Lippen, das er nur zurückhielt, weil das schöne Mädchen ihm doch sicher war. Er gab sich Mühe, seine Eifersucht zu überwinden, und ergriff das gefüllte Glas, um einen Trinkspruch auf seinen Kaiser auszubringen. Alles stimmte in das »vive l'impereur!« ein und nur der Legionär bückte sich unter den Tisch, als sei ihm irgend etwas zur Erde gefallen.

Jetzt erhob sich auch der Müller zu einem Trinkspruch. Er spöttelte über die Feinde der Franzosen und forderte auf, die Gläser auf deren baldigen Untergang zu leeren. Alle folgten dieser Weisung, nur der Legionär blieb, sein Glas zwischen den Fingern drehend, ruhig sitzen.

»He«, meinte Jambrieu, »bist du an den Stuhl gewachsen? Was soll das heißen, daß du dich gar nicht rührst?«

»Das soll 'eiß, Napoleon sein perdü, Napoleon sein futsch, Napoleon sein kaput, sakt die Kossak«, antwortete jener in seiner gebrochnen Sprache.

Diese Worte brachten ein außerordentliches Aufsehn hervor; eine solche Versündigung an dem Franzosenherrscher war unerhört, und Jambrieu machte Miene, sich auf den Verbrecher zu stürzen, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und ein Zollbeamter mit Sack und Pack hereintrat, um dem Leutnant einen verschlossenen Brief zu überreichen.

Jambrieu besah den Umschlag. Das Schreiben kam von seinem Vorgesetzten. Er las es, und tiefe Blässe breitete sich über seine erschrocknen Züge.

»Der Feind ist da!« rief er; »wir müssen fort. Rasch vorwärts in die Berge, bis der Kaiser ihn wieder packt und vernichtet!«

Jambrieu eilte zur Tür, prallte aber dort um einige Schritte zurück, denn davor stand die hochaufgerichtete Gestalt des Legionärs, der ihm die Pistole entgegenhielt.

»Wart Si nok ein klein wenik, 'err Leutnant«, meinte er lächelnd. »Sie 'hab' verkeß', mitßunehm' Ihr Braut!«

»Was soll das heißen!« fragte der verblüffte Offizier.

»Es soll 'eiß', daß Franzos sein kaput und die 'err Leutnant sein auk kaput!«

»Kaput? Ich?«

»Oui, kaput, ßerr kaput!«

»Zurück, Schurke; laß deinen dummen Witz! Ich habe keine Zeit, ihn anzuhören.«

»Ah, die 'err Leutnant muß lauf, lauf über die Berg vor der coïons, die choucroute freß' all' Franzos' und all' Douaniers. Hélas, die 'err Leutnant muß bleib' in diese chambre, bis komm' die coïons!«

Jambrieu wollte ihn fassen; der Legionär aber stieß ihn zurück, riß die Perücke vom Kopf, den Bart vom Gesicht und warf sein altes Wams vom Leib. Ein Schrei des Schreckens entfuhr der aufgeregten Versammlung, denn statt des verwundeten Franzosen stand Franz vor ihnen, der dem Zolloffzier mit einem raschen Griff den Degen entriß. Er trug eine schwarze, rot vorgestoßene Litewka, von der die goldgelben, halbmondförmigen Achselstücke sich glänzend hervorhoben; das dunkle Lederzeug steckte voller Waffen, und seine ganze Haltung wurde so drohend, daß keiner der Franzosen sich auf ihn zu werfen wagte, zumal alle seine ehrenvolle Uniform nur zu gut kannten: er war ein Lützower.

Der mutige Deutsche lehnte den Degen Jambrieus hinter sich an die Wand und zog eine zweite Pistole hervor. Die Hähne knackten, ein leiser Druck der Finger und die tödlichen Schüsse mußten krachen.

»Kennen Sie mich jetzt, Herr Leutnant?« fragte er ernst, »Sie wollten einst den Schmuggler fangen, jetzt hat er Sie im Sack. Und nun paßt auf, ihr Leute: wer nicht sofort tut, was ich befehle, den schieße ich auf der Stelle nieder!«

Man sah es ihm an, daß er Ernst machen werde, und als ein kurzes, barsches »Setzt Euch!« erscholl, suchten alle außer Jambrieu die verlaßnen Sitze wieder auf.

»Herr Leutnant, ich schieße! Setzen Sie sich! Eins – zwei –«

Der eingeschüchterte Offizier wartete die verhängnisvolle »Drei« nicht ab.

»Aber was wollen Sie denn eigentlich von uns?« fragte er kleinlaut, während er sich ruhig auf den Stuhl niederließ. »Wir werden Ihnen nicht das geringste zuleid tun, sondern ganz ruhig unsres Wegs ziehn!«

»Ich habe noch mehreres mit Ihnen zu verhandeln!« lachte der mutige Lützower. »Zunächst sage ich Ihnen meinen Dank für den Unterricht, den Sie mir über die großartige Lage der Ihrigen so ruhmredig gegeben haben.«

»Mille tonnerres!« fluchte der bloßgestellte Zollbeamte zwischen den Zähnen.

»Ferner muß ich Ihnen dafür danken, daß Sie im Eis des Mühlteichs ein so deutliches Zeichen angebracht haben. Ich hätte sonst nicht so leicht die Stelle gefunden, wo der eiserne Kasten von Ihnen versenkt wurde.«

»Sacré bleu!« Der Offizier sprang auf. »Ich muß fort; der Kerl weiß alles! En avant, Ihr Leute, schlagt ihn nieder; wir müssen die Kriegskasse retten!«

Er kam nicht weit, der drohende Lauf der Pistole hielt ihn zurück.

»Niedergesetzt!« erklang es scharf. »Für die Kasse werden bessere Leute sorgen als Sie!«

Des Leutnants Augen blitzten wütend auf, aber er mußte gehorchen, wenn er sein Leben nicht verlieren wollte.

Franz wandte sich jetzt zum Niedermüller.

»Jetzt kommt an Euch die Reihe! In wenigen Minuten ist Euer Haus von den siegreichen coïons besetzt. Wißt Ihr, wie Ihr stets von ihnen gesprochen und was Ihr ihnen erst vorhin noch gewünscht habt?« Der Müller erbleichte; er vermochte nicht zu antworten.

»Euer Schicksal hängt von Euerm gegenwärtigen Verhalten ab. Ich habe keine Zeit zu langen Reden. Antwortet mir also kurz und bündig: Ist Eure Tochter noch frei?«

»Ja«, erwiderte der Französling zitternd. »Ihr habt Euch auf eine Verlobung eingerichtet. Der Herr Leutnant wird entsagen müssen. Anna, komm her!«

Das Mädchen, das angstvoll Zeugin des ganzen Vorgangs gewesen war, trat zu dem Lützower. Der faßte ihre kleine, bebende Hand.

»Herr Niedermüller, Ihr wißt, daß wir beide uns liebhaben. Gebt mir die Anna zur Frau!«

Der Müller schwieg.

»Antwortet! Ja oder nein?«

Der Gefragte blickte ratlos im Kreis umher ...

*

5. Das befreite Vaterland

Eine neue Zeit hatte angehoben, ein neuer Geist des Muts und der Zuversicht wogte durch Deutschlands Gaue. Lange hatten die tapfern Herzen und Geister ihr gewaltiges Werk verborgen treiben müssen, weil die Übermacht der Franzosen das deutsche Land knebelte. Nur die Geschöpfe der Franzosen rissen ihren Mund weit auf; die wackern deutschen Männer aber sprachen still im vertrauten Kreis von der Not des Vaterlands, von der verlornen deutschen Heimat und von der drohenden Verelendung ihres einst so blühenden Landes.

Im geheimen, aber mit großer Zielsicherheit, hatte der Mann, dessen Vorfahren seit Jahrhunderten auf der stolzen Burg im schönsten Seitental des Rheins saßen, der Freiherr vom Stein, der zum Grundstein der neuen deutschen Freiheit werden sollte, gemeinsam mit den Russen das Werk vorbereitet, das der hochmütigen französischen Herrschaft ein Ende machte.

Wie schlugen begeistert die deutschen Herzen, als die welschen Soldaten, die mit hochfahrenden Welteroberungsplänen gegen Osten gezogen waren, nun besiegt und geschlagen in ihr Land zurückkehren mußten und der Deutsche wieder wagen durfte, frei aufzuatmen und ein freies Wort zu sagen, ohne daß die Spitzel der Franzosen dafür sorgten, daß er von Haus und Hof verjagt oder gar erschossen wurde. Da brachten deutsche Mädchen ihr Haar dem Vaterland zum Opfer, da wurden goldne Ringe für eiserne umgetauscht und aller entbehrlicher Zierat ward geopfert, um das Heer zu schaffen, das Napoleon Bonaparte endgültig vom deutschen Boden verjagen sollte.

Wie war es schwer gewesen, all die bangen Jahre hindurch den heimlichen Groll gegen die eitlen Sieger still mit sich umherzutragen; nun wallte es auf in den Herzen hochgemuter Deutscher, die Zuversicht eines neuen Frühlings zog durch die Seelen, und besonders am Rhein, am herrlichsten Strom des Vaterlands, klangen die Becher, und die Lieder der Dichter jubelten, daß nun bald der Franzmann die deutschen Gaue verlassen müßte.

Die Begeisterung des nahen Siegs sprach auch aus dem jugendlichen Lützower, der jetzt endlich hoffen durfte, die Tücke des französischen Gecken heimzuzahlen und das geliebte Mädchen als seine Frau heimzuführen. Diese Zuversicht des stolzen und tapferen Herzens war es, die auch die Französlinge erbleichen machte. Noch einmal sagte Franz mit scharfer Stimme: »Es wird Zeit, Niedermüller. Zögert nicht länger! Ja oder Nein?«

In diesem Augenblick erklang vom Hof herauf lautes Pferdegetrappel, ein scharfer Kommandoruf ließ sich vernehmen. Die Haustür wurde aufgerissen.

»Was fackelt ihr noch?« mahnte der Lützower. »Die Entscheidung ist gefallen; sie sind nun da – die choucroute, die coïons.«

»Ich – habe – nichts dawider!« lautete des Niedermüllers seufzende Antwort, während Jambrieu mit einer Armbewegung Einspruch erhob und aufsprang. Franz aber zog das Mädchen an sich und drückte einen innigen Kuß auf ihre Lippen.

»So ist's recht!« erklang da hinter ihm eine markige Stimme; »nur vorwärts, wer Glück und Sieg begehrt!«

Es war ein Greis, der diese Worte sprach. Er mochte siebzig Jahre zählen, aber seine Haltung war noch ungemein rüstig. Ein langer Mantel fiel von seinen Schultern, eine leichte Feldmütze bedeckte den graubehaarten Kopf; der dichte, weiße Schnurrbart stand ihm gar grimmig zu Gesicht, und wie er eintrat, die Linke am Degengriff, in der Rechten die kurze, qualmende Pfeife, und mit dem großen, scharfen Auge die Versammlung überflog, da hätte es wohl keiner gewagt, ein Wort zu sprechen, ohne von ihm gefragt zu sein. Er hatte die Lage sofort vollständig begriffen.

»Aha, eine Verlobung auf dem Degenkopf! Oder nicht?«

»Zu Befehl, Exzellenz, ja!« antwortete Franz mit grüßender Handbewegung.

»Wünsche viel Glück! Der Alte dort wird Wort halten müssen!« Und auf Jambrieu deutend, fuhr er fort: »Ist das der Zöllner, dem wir deine Nachricht verdanken, mein Sohn?«

»Zu Befehl!«

»Er wird uns die Moneten lassen müssen! Wo stecken sie?«

»Im Teich, Exzellenz.«

»Fi donc!« lachte der alte sarkastische Feldmarschall, der vor kaum einer halben Stunde bei Kaub über den Rhein gegangen war. »Die Napoleons im kalten Wasser! Wir müssen sie erretten; zeig uns den Ort, mein Sohn!«

Der Feldmarschall strich Anna freundlich über das Haar und schritt hinaus; ein Wink an die Draußenstehenden genügte, die in der Stube befindlichen Personen unter sichre Wache zu bringen. Franz folgte ihm und nahm unten im Hof eine Hacke zur Hand.

Eine Schar Lützower hielt vor dem Haus. Die berühmten Freischärler, die tapfre Vorhut der deutschen Erhebung, hatten den Rheinübergang eröffnet und waren von Blücher zur Begleitung nach der Mühle befohlen worden. Die Offiziere schlossen sich dem Feldherrn an. Beim Teich deutete Franz auf eine tiefe, hartüberfrorene Stelle, die unweit des Ufers lag.

»Hier ists, Exzellenz! Sie haben den Kasten an Stricken befestigt, deren Enden sie so im Eise anbrachten, daß sie miteingefroren sind.«

»Schön; so haben wir leichte Arbeit. Hack zu; ich habe nicht viel Zeit!«

Mit wenigen Schlägen war die Scholle herausgehauen; die Stricke wurden gefaßt, und bald lag der Kasten am trocknen Ufer des Teiches.

»Übernehmen Sie die Schatulle, Horwitz!« wandte sich Blücher an einen der Offiziere. »Und berichten Sie mir am Morgen über ihren Inhalt. Die Douaniers werden sofort mitgenommen! – Du aber, mein Sohn, hast zwei volle Tage Urlaub. Ich werde dafür sorgen, daß deine Verdienste nicht vergessen werden. Wohl dem, der seinem bedrohten Vaterland in schwerer Not zur Seite steht!«

Nach wenigen Minuten ertönte wieder lautes Pferdegetrappel, und bald lag die Niedermühle einsam wie zuvor im nächtlich dunklen Tal. In der Stube aber, wo der Feldmarschall die Liebenden überrascht hatte, ging es noch lange Zeit munter und lebendig her. Obermüllers waren geholt worden; Franz saß jetzt an der Seite Annas auf demselben Stuhl, der vorhin den Zollleutnant getragen hatte. Trinkspruch auf Trinkspruch erklang. Auch der Niedermüller, der wie er sich bisher von den siegreichen Herren Franzosen hatte blenden lassen, nun vor dem so erfolgreichen jungen Mann eine ganz gehörige Achtung bekommen hatte, brachte den seinigen aus: er klang ganz anders als kurz zuvor und hatte nicht mehr die Offiziere der fremden Besatzung zum Gegenstand, sondern verherrlichte den wackern, alten »Marschall Vorwärts« und das befreite deutsche Vaterland.

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