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Hubertus

Paul Keller: Hubertus - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleHubertus
publisherBergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn
printrun112. bis 121. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidc06b310b
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Zweites Kapitel.

Von Herrn Balthassar und von Mielchen und Malchen. Vom Skatspielen und von der Lehrerin mit dem Reisekorb und dem Kleiderschrank.

Ich halte es ohne menschliche Gemeinschaft nicht aus. Die Wogen des Meeres, auf dem ich bisher draußen fuhr, schlagen in diesen stillen Hafen herein und schütteln das »gerettete Boot« zum Erbarmen. Ich studiere wie ein Student, der in sechs Monaten durchs Examen sein will, weil die Geliebte auf die Heirat wartet. Philosophie, Kunstgeschichte. Auch einige naturwissenschaftliche Werke liegen auf meinem Tisch. Ich habe in meiner Schulzeit einen jämmerlichen naturwissenschaftlichen Unterricht gehabt und muß eigentlich von vorn anfangen. Doch halte ich mich vielfach an Bücher, die Volksschullehrer geschrieben haben; die sind einfach, sinnfällig, anschaulich. Es liegt auch manchmal ein Schimmer von Poesie über dem Text.

Der erste Bekannte, den ich gewonnen habe, ist der Gutsinspektor Balthassar. Dieser Mann trat eines Tages in meine Stube und sagte, ich möchte entschuldigen, er erlaube sich, mir einen Antrittsbesuch zu machen. Ich glaubte zwar mit gutem Grund, daß der »Antrittsbesuch« als Neuankömmling meine Sache gewesen wäre, aber ich hieß in meiner Einsamkeit den Gast herzlich willkommen.

Herr Balthassar ist ein etwas überproportionierter Vierziger, dessen Äuglein munter und freundlich aus dem roten Landmannsgesicht leuchten. Er verwaltet das Waldgut eines reichen Kaufmanns, der nur selten aus der Hauptstadt zu Besuch kommt, und ist der Amtsvorsteher und auch der Lokalschulinspektor des Ortes.

»Wenn Sie sich hier einbürgern wollen, Herr Hubertus, so kann ich Ihnen vielleicht hie und da nütze sein.«

Timm mußte Wein bringen und bediente mit der nur mir erkennbaren Lässigkeit, die der Schlingel immer zeigt, wenn ein nach seiner Meinung nicht ganz »gesellschaftsfähiger« Gast da ist.

Herr Balthassar ist ein gesprächiger Mann. Es stellte sich heraus, daß er die bauliche Einrichtung meines Hauses viel genauer kannte als ich selbst; denn er hatte sich während der Bauzeit ständig in dem Neubau herumgetrieben, obwohl ihn die Sache gar nichts anging.

»Als Amtsvorsteher,« sagte er, »muß man sich um alles kümmern.«

Ich beschloß, diesen Mann als Auskunftsbüro zu benutzen, wenn immer ich ein solches nötig hätte. Ich tat ihm zunächst den Gefallen, ihn durch meine Zimmer zu führen, um seine deutlich erkennbare Neugierde zu befriedigen, mußte aber zu meinem Bedauern bemerken, daß das, was er da sah, seine Zutraulichkeit beeinflußte. Er wurde kleinlaut und verlegen. Das bißchen Komfort oder auch Luxus, das ich habe, machte der naiven Haut Beklemmungen. Das lag nun gar nicht in meinem Interesse.

»Herr Balthassar,« sagte ich, »es freut mich, Sie kennen gelernt zu haben. Ich will ja hier ganz einsam leben – wie lange, weiß ich noch nicht – ich will den Wald haben und im übrigen in meinem Hause und bei meinen Büchern sitzen. Aber manchmal möchte ich doch ausgehen und ein paar Bekannte treffen. Auch ins Gasthaus möchte ich manchmal. Gehen Sie auch ins Gasthaus, Herr Balthassar?«

»Jawohl – jawohl – ich gehe auch ins Gasthaus – selten natürlich – aber es kommt doch vor.«

»Spielen Sie auch Skat?«

»Skat!«

Sein Gesicht verklärte sich.

»Jawohl – jawohl – sogar sehr gern – man sagt mir nach, ich sei ein guter Spieler. Mit allen Schikanen. Herr Bernert hier – er ist Kantor und Hauptlehrer – spielt auch 'ne gerissene Nummer. Ist übrigens der einzige gebildete Mensch, der als Dritter in Frage käme.« »Na schön! Vielleicht paßt es den Herren mal. Die Winterabende sind lang, und das Gasthaus unten macht ja einen recht netten Eindruck. Es ist wohl im Sommer Ausflugslokal?«

»Jawohl – recht nettes Gasthaus. Wird von zwei Schwestern bewirtschaftet. Eine heißt Emilie, eine Amalie. Mielchen und Malchen werden sie gerufen. Wenn mir's egal ist, welche kommen soll, rufe ich Mulchen.«

Er lachte über seinen Scherz und drückte mir beim Abschied die Hand herzlich und schmerzlich.

Als er fort war, sah mich Timm stumm, aber vorwurfsvoll an.

»Das ist unsere neue Gesellschaft?«

Ich hatte selber einige Zwittergefühle in der Seele, beschloß aber, solange ich Waldbewohner sei, mit den Waldbewohnern im Einvernehmen zu leben.


Gestern ist nun der erste Skatabend gewesen. Das Gasthaus heißt »Zur Traube«. Warum, weiß ich nicht; denn in dem ganzen hochgelegenen Waldtal gibt es nicht einen Weinstock. Die beiden Wirtinnen, Mielchen und Malchen, sind zwei saubere Mädchen von etwa dreißig Jahren, Zwillingsschwestern und von fabelhafter Ähnlichkeit. Da sie beide den blonden Scheitel und die Haarkrone ganz gleich tragen, beide ganz dieselbe Stimme, ganz denselben Gang haben, sich auch ganz gleich kleiden, so begreife ich nicht, wie sie ein Mensch zu unterscheiden vermag.

Der Kantor erzählte mir, als kleine Kinder seien sich die Mädchen so ähnlich gewesen, daß auch die Eltern sie nicht zu unterscheiden vermochten. Da habe man denn dem Mielchen bald von der Geburt an immer ein rotes und dem Malchen immer ein blaues Schleifchen angemacht. Einmal aber, als die Kinder etwa zwei Jahre alt waren, hätten beide gleichzeitig die Schleifen verloren, und es sei nun eine schwere Not gewesen, festzustellen, wer das Mielchen und wer das Malchen sei, zumal die Kinder auf alle Fragen nach ihrer Identität nur mit einem ganz gleich klingenden Gebrüll antworteten. Da habe denn der Traubenwirt als Vater auf gut Glück entschieden: »Diese ist das Malchen und diese ist das Mielchen, und jetzt werden schleunigst neue Schleifen gemacht. Und was ich jetzt gesagt habe, dabei bleibt es!« Wolle Gott, daß sich der Traubenwirt nicht geirrt habe und daß es wegen des Taufregisters stimme.

Der Kantor sagte weiter, er könne die beiden auch nicht unterscheiden, obwohl er sie doch in der Schule gehabt habe und sie nun immer wiedersehe.

Herr Balthassar lachte spöttisch.

»Das ist, mein Lieber, weil Sie keinen Blick haben, sozusagen keine Schätzung! Ich weiß immer, welche von beiden es ist. Aber das ist mein Geheimnis.«

»Ja,« sagte die eine der Schwestern, die uns gerade Bier brachte; »das Geheimnis ist aber sehr einfach. Ich habe einen goldenen Backenzahn und das Malchen nicht. Da paßt Herr Balthassar auf, wenn eine spricht oder gähnt, und dann weiß er's.«

Da war der Prahlhans entlarvt.

Es ist hübsch in der »Traube«. Ein ganz molliges Honoratiorenstübchen ist da mit brauner Holztäfelung. An den Wänden hängen vier gute Bilder, drei Landschaftsstücke und ein Porträt. Dieses heißt »Mielchen und Malchen«. Das Porträt stellt nur eine Person dar und diese könnte ebensogut die eine wie die andere der Schwestern sein, und ich vermutete gleich, daß beide abwechselnd Modell gesessen hätten, je nachdem, welche von beiden gerade Zeit hatte.

Das Porträt und auch die Landschaften sind Originale, alle von demselben Maler mit guter Technik gemalt.

Wieder war es der Kantor, der mir Aufschluß gab.

»Die Bilder sind von Werner Lohmann. Der ist ein junger Künstler, der meist im Ausland lebt, aber manchmal hierherkommt.«

»Der Sohn von meinem Gutsherrn,« setzte Balthassar erläuternd hinzu. »Er soll sehr begabt sein. Sein Vater, mein Gutsherr, war ja ganz dagegen, daß der Sohn Maler wurde, und er hatte recht. Mir gefallen diese Klexereien gar nicht. Früher, da hing hier 'n Kaiser Wilhelm und 'n Bismarck und 'n Moltke. Hat der junge Herr alles rausgeschmissen, obwohl jedes dieser Bilder über zwanzig Mark gekostet hat.«

»Ja,« sagte das Mielchen wie entschuldigend zu mir, »wir konnten nicht anders, weil es doch der Sohn vom gnädigen Herrn ist.«

»Mein liebes Fräulein,« entgegnete ich, »die Lohmannschen Bilder sind gut – das Porträt da ist geradezu entzückend.«

Sie lachte.

»So soll ich aussehen? O Gott, o Gott! Dann muß es das Malchen sein, die hat viel öfter Modell gesessen als ich!«

Es ist hübsch in der »Traube«. –

Und nun kam es zum Skat. Herr Balthassar, der Kantor Bernert und ich. Ich halte es mit dem Skatspielen wie mit dem Theatergehen. Alle Tage – schrecklich! Aber von Zeit zu Zeit – ganz gerne.

Ich verlor andauernd. Meine Mitspieler waren mir weit überlegen. Herr Balthassar ist der Typ eines guten, aber nervösen Spielers. Wenn ich als sein Gegenspieler einen Fehler machte, wodurch er sein Spiel gewann, lachte er gutmütig und tröstete mich: »Na, die Fehler, die nicht gemacht werden, haben ihren Beruf verfehlt!« Wenn ich aber als sein Partner etwas verbockte, wurde er aufgeregt, und nur der Respekt, den ich ihm als Neuling eingeflößt hatte, hielt ihn zurück, mir grob zu kommen. Seine kritischen Bemerkungen wurden aber doch immer deutlicher. Zuerst sagte er nur: »Man hätt's auch anders machen können!« – dann: »Na ja, man greift halt manchmal daneben!« – dann: »Dunnerwetter! Dunnerwetter!« – dann: »Aber erlauben Sie mal!« – dann: »Verdammt, nu schneidet er mir die Zehn raus!« – zuletzt: »Aber, Herr Hubertus, so passen Sie doch endlich auf!«

»Ich kann's nicht besser,« sagte ich.

»Ja, aber ich habe Ihnen doch gesagt; immer die lange Farbe anziehen! Unter allen Umständen die lange Farbe! Die da sagen: dem Spieler die kurze, dem Gegenspieler die lange Farbe, das mögen ganz gute Leute sein, aber vom Skatspielen haben sie keine Ahnung. Denn sehen Sie, entweder hält die ›Lange‹, dann ist der Gegner futsch, oder sie hält nicht, dann kommt er um einen Trumpf zu kurz. Ist immer ein Vorteil.«

Wenn das mein Diener Timm beobachtet hätte – o weh! Ich aber blieb geduldig. Die Skatspieler leben in ihrer mündlichen Unterhaltung von etwa einem Schock feststehender Redensarten, angefangen von: »Na, wer gibt?« über »Dicke rinn, gered't wird nicht!« und »Mancher lernt's nie und dann noch unvollkommen« bis: »Da leg' ich die Karten hin und scheide aus« und endlich zum Schluß: »Wann spielen wir wieder?«

Ist das so lächerlich? Alle Hantierungen des Menschenlebens haben ihren Kanon: Regierungsmaßnahmen, Milchwirtschaft, Hotelbetrieb, literarische Kritik.

Warum sollte ich mich über Herrn Balthassar erbosen?

Es kam auch bald eine ganz neue Note in die Unterhaltung.

Balthassar legte die Karten hin und sagte:

»Der Skat ist eigentlich ein recht demokratisches Spiel; denn die Könige haben dabei nicht viel zu sagen.«

»Das ist eine gute Bemerkung!« warf ich höflich ein. Auch der Kantor griff die Idee auf. Er meinte:

»Dann müssen die Asse die Großgrundbesitzer sein; denn die zählen am meisten.«

Damit kam er mm bei Herrn Balthassar sehr schlecht an; denn der war ein Agrarier bis auf die Knochen.

»Jawohl – jawohl: immer die Landwirtschaft – wenn man der nur was am Zeuge flicken kann, und sei es auch bloß durch eine bissige Bemerkung! Die Großgrundbesitzer zählen am meisten? Geld meinen Sie wohl? Sie haben 'ne Ahnung! Fragen Sie mal, was die Kohlenbarone und die Herren Fabrikbesitzer und was vor allen Dingen die Juden zählen, dann werden Sie wissen, wer die Asse sind.«

»Der ganze Vergleich ging ja von Ihnen aus,« entgegnete der Kantor. »Jawohl, und nu will ich Ihnen auch sagen, wer die Buben sind, die alles wegstechen, gegen die nichts anderes aufkommt, obgleich sie alle zusammen nicht so viel wert sind wie der lumpigste Zehner: das sind die Herren Reichstagsabgeordneten und die Pressefritzen und die Volksredner und die anderen großfressigen Kerle.«

»Meinen Sie mich?« fragte der Kantor in Seelenruhe.

»Na, 'n Reichstagsabgeordneter sind Sie ja nich – Gott sei Dank! – aber in Volksreden haben Sie sich auch schon betätigt, und in der Zeitung haben Sie – nur nichts für ungut – auch schon manchen gehörigen Bockmist verzapft. Zum Beispiel neulich über die Kartoffelpreise.«

Der Kantor nahm die Brille ab, putzte sie mit seinem Taschentuch und sagte:

»Bockmist kann man nicht verzapfen – das müßten Sie doch wissen, Herr Inspektor. Das ist ja 'ne ganz falsche Ausdrucksweise.«

»Ausdrucksweise hin – Ausdrucksweise her! Was verstehen Sie denn von Kartoffelpreisen? Was wissen Sie denn, wieviel teurer und mühsamer der Kartoffelbau z. B. ist als die Gerstenbestellung? Und was einem verfault! Und die Abfuhr zur Bahn! Keine Ahnung haben Sie – ebenso wenig wie ich 'ne Ahnung von Ihrer Schulmeisterei hab'.«

»Dabei sind Sie Lokalschulinspektor – also mein Vorgesetzter, nach dessen pädagogischen Anweisungen ich eigentlich –«

»Qualm! Reden Sie doch nicht! Was kann ich denn dafür, daß ich Lokalschulinspektor bin? Ich pfeif' doch darauf! Ich bin's doch bloß par ordre du mufti geworden. Störe ich Sie etwa? Lieg' ich Ihnen auf der Pelle? Wenn Sie mir schon Ihre dämlichen Listen und Plans zum Unterschreiben schicken, wird mir schlecht. Und jedes Jahr die Schulprüfung. Drei Stunden lang auf einem so elenden Stuhle zu sitzen und sich die Zehngebote und 's Einmaleins und die Schlacht bei Fehrbellin anhören! Ich danke!«

»Bitte, bitte – immer gemütlich!« warf ich ein.

»Ja,« sagte der Kantor, »spielen wir einfach weiter!«

»Nee!« brummte der Inspektor; »Sie haben mich zu nervös gemacht. Ich muß erst mal rausgehen.«

Er verschwand. Als er zurückkam, grollte er schon von der Tür her:

»Mit dem Lokalschulinspektor haben Sie mich gerade aufs richtige Hühnerauge getreten. Nischt wie Schererei hat man. Zum Beispiel jetzt wieder mit der neuen Lehrerin, die in drei Tagen ankommt. Abgeholt soll sie werden von der Bahn mit ihren Sachen. Ja, was geht mich denn diese Lehrerin an mitsamt ihrem Reisekorbe und ihrem Kleiderschrank? Da heißt's: die Gemeinde müßte sie abholen, der Schulze wäre verantwortlich; dann wieder heißt's: der Schulverband muß sie abholen, ich als Lokalschulinspektor wäre verantwortlich; dann wieder: 's Dominium muß sie abholen, was für mich dasselbe ist, weil 's Dominium Patron is – Schockschwerenot noch mal! – und auf wem bleibt dieses Frauvolk, diese Lehrerin, mitsamt ihrem Reisekorb und ihrem Kleiderschrank schließlich sitzen? Auf mir!«

»Das wird schwer sein,« sagte der Kantor, »wenn so alles auf Ihnen sitzt: die Lehrerin und der Korb und der Schrank!«

»Höhnen Sie nur! Sie haben es ja leicht. Sie gehn ihr einfach bis an die Haustür entgegen und sagen: ›Gott segne Ihren Eingang und Ausgang!‹ oder so was Ähnliches, und dann singen Sie mit den Kindern: ›Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschiehenen, dideldum, dideldum, dideldum!‹ oder so was Ähnliches. Basta! Das ist alles, was Sie zu tun haben. Aber ich! Auf mir –«

»Sitzt sie!« warf der Kantor ein.

»Sitzt sie auch!« grollte Balthassar. »Seit drei Wochen handle ich mich mit dem Schulzen wegen des Abholens rum. Dreimal bin ich bei ihm gewesen, dreimal hab' ich mir von ihm saugrob kommen lassen; ich hab' sogar schon einen Beschwerdebrief an den Landrat geschrieben, ich hab' ihn bloß noch nicht abgeschickt.«

»Das hätte ich mir viel einfacher gemacht,« sagte der Kantor.

»Einfacher? Wieso?«

»Ich hätt' mich an Ihrer Stelle gar nicht erst aufgeregt; ich hätte das Fräulein einfach abgeholt.«

Ein Lachen kollerte durch die Stube.

»Das glaub' ich! Das glaub' ich! Immer alles aufs Dominium abwälzen – das glaub' ich! Haben ja Pferde genug! Haben ja Wagen genug! Haben ja Leute genug! Das glaub' ich! Daß wir jetzt Holz- und Kohlefuhren haben und Kartoffeln abzufahren haben, daß wir mit dem Dreschen noch nicht fertig sind, das geht ja keinen Menschen was an. Wir können ja alles stehen und liegen lassen und die Lehrerin abholen lassen! Wissen Sie, was ich machen werde? Niesen werd' ich Ihnen was, mitsamt der Lehrerin und – und –«

»Und dem Reisekorb und dem Schrank!« ergänzte der Kantor.

Herr Balthassar grunzte nur noch, und es ward still in der Stube. Nach einer Weile erkundigte ich mich:

»Wo kommt denn die neue Lehrerin her?«

Der Kantor gab mir Auskunft.

»Aus Breslau. Direkt vom Seminar. Es ist ihre erste Stelle. Sie ist also wahrscheinlich noch ganz jung. Erika Isenloh heißt sie.«

»Wie?« fragte Balthassar.

»Erika Isenloh.«

Balthassar schüttelte den Kopf.

»Komisch!« sagte er.

Dann lachte er.

»Erika! Wenn eine schon Erika heißt und aufs Land kommt, das ist schon das Richtige!«

»Nu,« meinte der Kantor, »es können ja nicht alle Weibsbilder Selma oder Ida oder Pauline heißen.«

»Aber 's paßt besser,« sagte Balthassar; »es paßt besser aufs Land!«

Und wieder war es still, und wir dachten darüber nach, wieso ein Mädel, das aufs Dorf kommt, Erika heißen könne.


An diese Erika Isenloh dachte ich noch, als ich kurz vor Mitternacht nach Hause ging. Es ist merkwürdig, daß ich mir eine fast richtige Vorstellung von ihr machte, wie ich nachmals feststellen konnte.

Damals in dem blauweißen Licht der Winternächte gingen meine Gedanken hinunter nach Breslau. Ich sah da ein junges blondes Mädel am Tisch sitzen, in die Lampe schauen und von der nahen Zukunft träumen. Vor ihr lag ein Schreiben der Regierung, in dem stand der Ort ihrer ersten Wirksamkeit als Lehrerin.

Was war in diesem jungen Herzen für Glück, was waren in diesem blonden Kopf für gute Vorsätze und ernste Entschlüsse! All ihr junges Leben, all ihre Kraft wollte sie einsetzen für die Kinder jenes Walddorfes, wollte ihnen Lehrerin sein, Mutter, Gespielin, wollte es dahin bringen, daß die Kinder in glühender Liebe und Begeisterung an ihrem »Fräulein« hingen.

Sie dachte an nichts anderes als an ihren Beruf, nicht an Lieb und Leid, an Gefahr und Feindseligkeit, nicht an einsame Verlassenheit und Verzagtheit, die kommen würden, nur an das lichte Ideal, von dem die pädagogischen Autoren so schön sprechen und von dem noch viel schöner das eigene junge Herz sich ein Bild in goldenem Rahmen schuf.

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