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Hubertus

Paul Keller: Hubertus - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleHubertus
publisherBergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn
printrun112. bis 121. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidc06b310b
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Ausklang

Die meisten Romane enden mit einer Hochzeit. Es geben sich zwei die Hände zum Lebensbund, und die Geschichte ist aus. Das ist der vielbeliebte, aber auch viel verspottete »befriedigende« Ausgang, der freilich künstlerisch ebenso berechtigt ist wie der andere Ausgang, der immer Selbstmord oder Wahnsinn oder Tod heißt. Die eine Sorte der Romane endet an einem Kreuzweg, die andere in einer Sackgasse oder an einem Abgrund.

Auch mein Hubertusroman hat mit einer Ehe abgeschlossen.

Erika Isenloh ist meine Frau geworden.

Aber ich weiß, nun hat die Geschichte kein Ende; jetzt fängt sie für uns erst wirklich an. Jetzt erst kommt das neue Leben, die Probe aufs Exempel, jetzt erst beginnt der weite Weg, das eigentliche Schauspiel. Ich glaube trotzdem nicht, daß ich diese Blätter fortsetzen werde. Ich werde meine Liebe leben, aber nicht beschreiben. Es gibt Journalisten der Liebe, Reporter der eigenen Empfindungen; ich gehöre nicht zu ihnen, ich habe keine Sympathie für sie und auch keine hohe Achtung vor ihrer Kunst.

So schlicht, wie meine Werbung war, ist unsere Hochzeit gewesen. Balthassar aber hat es trotzdem verstanden, sie zu einem schönen Volksfest für die ganze Gemeinde zu gestalten. Es war ein großes Spalier von Menschen den Bergweg zur Kirche hinauf und die Schulkinder sangen ihrem »Fräulein« das Hochzeitslied schön wie die Engel. Einen einzigen Ärger gab es; Timm, der auch zur Hochzeit geladen war, bekam einen furchtbaren Streit mit Frau Sturz, weil er gesagt hatte, sie habe einen so skandalösen Anzug, daß sie die ganze Feierlichkeit verwüste. Die Sturz sah wirklich fabelhaft aus. Sie hatte sich ein rosa Kleid und einen hellblauen Kapottehut angetan; aber sie paßte doch ganz gut ins Bild der Waldhochzeit. Wunderschön sah meine gute Mathilde aus in ihrem schwarzseidenen Kleid. Erika hatte ihr von der eigenen Brautmyrte ein grünes Kränzlein gemacht und silberne Blüten hineingeflochten. In diesem Kranze saß die reine, treue Seele, die Freundin meiner Mutter, beim Hochzeitsmahl an meiner linken Seite.

Es ist bei meiner Ehe kein Wechsel ausgestellt worden, der nicht eingelöst werden kann. Es ist eine Vernunftehe. Andere Ehen sollten überhaupt nicht geschlossen werden. Geld spielte keine Rolle; denn ich habe davon hinreichend und Erika hat gar keines; aber es waren doch Vernunftgründe, die mich bei der Eheschließung leiteten. Erika ist ein Weib von blühender Gesundheit und einer Anmut, die die Wahrscheinlichkeit für sich hat, lange zu bleiben; sie ist lustig und lebhaft, aber kein quecksilbriger Sprühteufel, den ich um alles in der Welt nicht ständig um mich haben möchte; sie hat ein solides Maß von Bildung, also wird sie mich nicht langweilen, aber sie wird mich auch nicht (was schlimmer wäre als Langeweile) zu Tode geistreicheln. Sie ist Gott sei Dank keine Künstlerin, dichtet nicht, malt nicht, hat keinen Ehrgeiz, der über ihr Haus und ihren Wirkungskreis hinausgehen wird, hat aber eine hübsche Stimme und spielt auf dem Klavier gute Hausmusik. Sie liebt die Kinder und interessiert sich für wirtschaftliche Fragen; aber ich fürchte nicht, daß sie eine jener braven und doch so entsetzlich faden Hausfrauen werden wird, deren Horizont so groß ist wie der Rand ihres Kochtopfes. Ich weiß, daß Erika vor geistigem Hunger nicht zu Bett gehen könnte, wenn sie nicht wenigstens etwas am Tage in einem guten Buche oder in einer guten Zeitschrift gelesen hatte. Und schließlich weiß ich (was ja allerdings so ziemlich jeder Mann zu wissen glaubt), daß mich Erika nie belügen oder betrügen wird.

So bin ich glücklich. Es ist kein Rausch, kein Aufjubeln, kein Stürmen in Blut und Seele – es ist ruhiges, sicheres Wohlgefühl. Ich ziehe mir das vor. Es mag ein wenig philisterhaft erscheinen; aber ich bin ja schon lange im Philistertum des Menschenalters, und dann – mit manchem haben die Philister recht.


Wir sind schon tief im Winter. Morgens um neun Uhr beginnt in unserem Tale der Tag, nachmittags um drei Uhr ist er schon zu Ende. Diese sechs lichten Stunden sind wir meist draußen, auf Schneeschuhen, auf dem Rodel oder als Wanderer auf der Straße. Manchmal stehen wir vor einem silbernen Winterbilde lange schweigend da. Erika stört mich dann nie durch exaltierte Freudenausbrüche oder banale Bemerkungen; kaum daß sie manchmal mit der Hand still nach irgend einer besonderen Schönheit hinweist. Aber unsere Seelen sind ganz einig.

Zuweilen auch kehren wir in einer Bauernkneipe ein und nehmen da an der Verzapfung breitesten Unterhaltungsbreies teil, lustig und mit gutem Appetit; wir tun das nicht etwa, um die Bauern auszuforschen oder uns gar über sie lustig zu machen, nein, nur um bei Menschen zu sein. Die Bauern werden immer ein wenig verlegen, wenn wir uns zu ihnen setzen, und einer hat sogar einmal in einem Anflug von Ritterlichkeit seine qualmende Tabakspfeife ausgehen lassen, worauf ihm Erika ein brennendes Streichholz hinreichte. Da sagte der Bauer: »Sie sind eine patente Frau!«

Dieses Lob hat mich sehr gefreut.

Balthassar sehen wir selten. Er hat sein Malchen geheiratet und mag wohl mit ihr ganz zufrieden sein; aber ich glaube nicht, daß er sich zum Minnedienst viel Zeit nimmt; er arbeitet an der Einrichtung seiner neuen Wirtschaft.

Nächstens kommt sein Bruder an. Dann übernehmen wir das Gut. Wir haben uns fest vorgenommen, uns in den Guts- und Gemeindebetrieb einzurichten, und uns gelobt, das Gut wieder zu verkaufen, wenn wir einsehen sollten, daß wir nicht die »Herrschaft« sind, die dem Gut und dem Dorf zum Segen wird. Wir wollen nicht gewissenlos genug sein, auf einer so wichtigen Stelle zu bleiben, wenn wir merken, daß wir ihrer nicht gerecht werden können.

Balthassar schwört Stein und Bein, daß Erika die prachtvollste Gutsfrau der ganzen Provinz werden wird. Was mich anlangt, so sagte er nachdenklich, da müsse erst die weitere Entwickelung abgewartet werden. Viel Hoffnung habe er nicht! Es könne einer ganz gut Hubertus heißen und doch gar nicht in den Wald passen. Das heißt, in den Wald paßte ich ja, das sei erwiesen; aber zum Gutsbesitzer, glaube er, fehle mir das Genie und der Instinkt, da solle ich mich also auf meine Frau, auf seinen Bruder und auf ihn verlassen, wenn ich ihn weiter meines Vertrauens würdigen wolle.

Seit der Zeit studiere ich abends in landwirtschaftlichen Büchern. Balthassar hat das herausgekriegt und für äußerst gefährlich erklärt.

»Denn«, sagte er, »wenn sich einer erst so was zusammengeochst hat, will er's dann natürlich probieren, und wenn er's probiert, fällt er rein!«

»Aber, zum Geier, Balthassar, was soll ich denn da auf meinem Gute vorstellen?«

Er kratzte sich hinter dem Ohr.

»Gar nichts! Das heißt doch: natürlich die erste Person, den Besitzer. Denken Sie sich doch, Herr Hubertus, in einem Staate einen guten König! Was tut er? Er ist vor allen Dingen stille. Er sagt sich, die Sachverständigen in meinem Reich verstehen den Kram besser als ich; also will ich sie gewähren lassen und nicht hineinpfuschen. Sehen Sie, Herr Hubertus, so macht es ein guter König. Ein eitler König will alles selber machen, und da geht der Karren schief.«

»Sie meinen also – eine Null soll ich auf dem Gute sein?«

»Null nicht! Wer wird so übertreiben! Na, wie heißt es denn doch immer in der Zeitung: eine Persönlichkeit!

Was ist's doch aber für eine Persönlichkeit?«

»Eine repräsentative Persönlichkeit!«

»Ganz richtig! Sie sind auf Ihrem Gut die repräsentative Persönlichkeit, die Respektsperson, und Ihre Frau und mein Bruder sind die Minister, die das Geschäft leiten, und ich alter Balthassar, ich bin – na, wie Sie wollen, Ihr kleiner Bundesgenosse oder Ihr Botschafter in der Gemeinde, der auf alles aufpassen wird. Wird dann schon alles gut gehen und gedeihen.«

Wenn's nicht gerade Balthassar gewesen wäre, der mir diese Vorschläge machte, hätte ich sie ja übel genommen. Aber diesem Menschen, wenn er's so kreuzehrlich dahersagt, kann man ja nichts übelnehmen.

Ich studiere weiter. Im übrigen werde ich aber Balthassar folgen. In den ersten Jahren werde ich auf meinem Gut nichts anderes sein als eine »repräsentative Persönlichkeit«. Gut, daß man wenigstens eine schöne Marke hat!


Der alte Krügel ist gestorben. Er hat keinen Baum mehr fällen mögen im Wald, wollte aber doch von früh bis spät tätig sein. So hat er verschlammte Gräben ausgeschachtet, seinem lieben Walde die Adern gesäubert.

Krügels Arbeitslust war nie zu bändigen. Er ist ihr zum Opfer gefallen. Eine schwere Erkältung in dem schlammigen Sumpf, eine Lungenentzündung – aus!

Ich habe früher einmal darüber nachgedacht, wie der Krügel im Sarge liegen wird.

So war es. Mit struppigem Kopf, mit mürrischem Gesicht.

Aber die Hände! So einfach in ihrer verschrobenen Form, so zerschrotet durch ein Leben voll schwerer Arbeit und nun still auf die Brust gelegt. Muß jeder einmal seine Hände im Sarge zeigen! Es kommt dann nicht mehr an auf Maniküre, auch nicht auf Ringe oder sonstige schöne Form. Nur darauf, ob der Herrgott, wenn er in einer der drei Totennächte am Sarge vorbeigeht und die Hände sieht, zu dem Toten sagt: »Hast dir die ewige Ruhe verdient!« – Zu Krügel wird er's sagen. Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die am Sarge stehen können, ohne ein Gebet zu sprechen in ihrem Herzen oder doch zum Abschied etwas zu spenden, was wie ein Gebet ist, sei es auch nur einen ernsten Gedanken.

Ich habe an Krügels Sarge gedacht: »Lieber Herrgott, ich weiß nicht, wie es in deinem Paradiese ist; aber wenn du dort so etwas Ähnliches hast wie einen Wald, dann laß den alten Krügel drin wohnen!«


Manchmal an den stillen langen Winterabenden träumen Erika und ich vom nahen Frühling. Dann wird ein neues Leben beginnen.

Ohne dieses blühende junge Weib hätte ich die Wintereinsamkeit nicht ertragen. Aber so war ich immer zufrieden, auch wenn ich über meinen Büchern saß. Es genügt mir zu wissen, daß Erika da ist, und ich bin gar nicht einsam.

Einmal aber sagte sie:

»Ich habe einen großen Wunsch. Verkaufe oder verpachte dieses Haus!«

»Warum? Es ist eigens nach meinem Geschmack gebaut; es ist viel bequemer und angenehmer als drüben dieses sogenannte Schloß.«

»So verpachte die Wohnräume des Schlosses.«

»Warum? Des geringen Verdienstes halber?«

»Nein, um des Pächters willen.«

»Und wer soll das sein?«

»Irgend ein Mensch von Geist aus der Stadt, am besten einer deiner früheren Freunde.«

»Ah – wegen der Gesellschaft für mich? Du willst, daß ich nicht vereinsame. Willst du nicht immer meine Gesellschafterin sein?«

»Nein! Nicht immer! Manchmal mußt du in anderer Gesellschaft sein, auch manchmal allein reisen. Daß du dann immer wieder aufs neue weißt, wo deine Heimat ist.«

»Ja!« sagte ich und gab ihr die Hand.


Hubertus! Wenn man den Namen hört, denkt man an die Jagd.

Ein Jäger werde ich nicht sein – meine Jagdzeit ist vorbei, sowie sie für den lebenslustigen Prinzen von Aquitanien vorbei war, als er zwischen dem Hirschgeweih das weiße Kreuz des großen Ernstes hatte leuchten sehen. Aber als Hubertus will ich immer im Walde wohnen, in seinem tausendfältigen Leben, in seinem herrlichen, grünen Zelt.

Nach einem Jahre weiß ich nun, daß der Wald nicht das einfache, stille Blätterhaus ist, als das er den meisten Menschen erscheint; der Wald hat seine Qualen und seinen Frieden, seine Schreie und seinen Gesang. Was im eigenen Herzen klingt, weckt im Walde ein Echo.

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