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Hubertus

Paul Keller: Hubertus - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleHubertus
publisherBergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn
printrun112. bis 121. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidc06b310b
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Fünfzehntes Kapitel.

Gewitterangst. – Eine unerwartete Begegnung.

Timm antwortete auf mein Telegramm in recht hoffärtiger Weise. An einer nachträglichen »Rehabilitation« liege ihm nichts. Herrn Balthassar hat er wegen »verleumderischer Beleidigung« zu verklagen gedroht; seiner Braut gab er bloß durch den »Waldboten« von seiner Unversöhnlichkeit Kunde.

»Ich komme nicht, wenn dir das Herz auch bricht,
Ewig verlor'nes Lieb, ich komme nicht!«

Darauf schrieb ich Timm, wenn er in Zukunft wieder mal allzu starke Anleihen bei anderen deutschen Dichtern machen wolle, so solle er sich nicht gerade Heinrich Heine aussuchen, da die Gedichte dieses Mannes in Deutschland ziemlich bekannt seien. Ich wußte, daß diese Kritik seinen Hochmut dämpfen würde.

Im übrigen beschloß ich, den eitlen Gesellen trotz der guten Eigenschaften, die er sicher in reichlichem Maße hat, und trotz des offenbaren Unrechts, das ihm geschehen war, aufzugeben. Es ist mit allerlei Menschenvolk schließlich etwas auszurichten, nur nicht mit Dummianen und Hochmutspinseln. – –

Die Leute haben eine schwere Ernte in diesem Jahre. Die Sonne sticht heiß, sodaß alles Getreide rasch reift und auf einmal unter die Sense genommen werden möchte, damit die überreifen Ähren nicht ausfallen. Aber dazu langen die Arbeitskräfte nicht aus. Liegt aber erst das Getreide, so ist es schwer zu bergen; denn jeden zweiten Tag kommt ein Gewitter. Balthassar sagt, ein so gewitterreiches Jahr habe er in dem Waldtal noch nicht erlebt. Es ist schlimm mit den Gebirgsgewittern. Wenn sie tief gehen, verfangen sie sich, stoßen sich an den Bergen, werden von den Wäldern festgehalten, bleiben, kommen nicht vom Fleck und laden sich über dem schmalen Landstrich ganz aus. Oft sechs, acht – zwölf Stunden lang dauert solch ein Wetter in diesem Bergtal.

Mein Haushalt ist ja klein und also leicht zu überschauen, wenn wieder so eine Wetterkatastrophe hereinbricht. Was mich selbst anlangt, so fürchte ich mich nicht vor dem Gewitter, wenn ich auch offen zugebe, daß ich mich eines unangenehmen Gefühls dabei nicht erwehren kann, daß ich ein störendes Geladensein der Nerven verspüre. Zu den Protzen, die behaupten, bei einem Gewitter sei ihnen kannibalisch wohl, sie könnten gar nicht genug Blitze am offenen Fenster bewundern und streckten immer die Arme nach den königlichen Schlangen aus, gehöre ich nicht. Ich habe Leuten, die so reden, nie ganz getraut.

Alles Federvieh flüchtet beim ersten scharfen Donner nach dem Stalle. Dem Pudel ist unbehaglich; er scheint auch elektrische Störungen zu spüren. Der Dackel beantwortet die Donnerschläge zuerst mit einem Gebell, dann mit einem Knurren und gibt es endlich auf, sich weiter mit der polternden Himmelserscheinung auseinanderzusetzen. Er schläft; nur bei den einzelnen Schlägen blinzelt er mißmutig mit den Augen. Er macht dann sein Philosophengesicht, das unkundige Menschen für »dumm« halten. Er fühlt sich belästigt.

Meine gute Mathilde hört beim Gewitter zu arbeiten auf; sie würde auch gewiß nicht ein bißchen essen oder auch nur einen Schluck des geliebten Kaffees trinken. Man weiß nicht, was geschieht, sagt sie, und man soll beim Sterben nicht gerade arbeiten oder essen oder trinken. So sitzt sie still mit gefalteten Händen da, als ob sie auf den Tod warte. Sie gehört zu den ganz ruhigen Seelen, die sagen können: Tod, wo ist dein Stachel? Ihr Lebensende wird einmal voller Frieden sein. Königreiche wären um den Reichtum hinzugeben, den meine gute Mathilde besitzt. Voll Ruhe, Ergebenheit, Vertrauen – so ist Mathilde im Leben und so wird sie im Sterben sein.

Ganz anders ist die Sturz. So ein loses Maulwerk sie sonst hat – wenn der erste Donnerschlag kommt, wird sie kleinlaut ... urplötzlich bescheiden ... anschmiegsam ans Haus. Sie rennt zwar noch mit aufgeregtester Hast im Hofe und im Garten umher, um allerhand draußen befindliche Gegenstände vor dem Beregnen zu schützen; aber sobald die ersten Tropfen fallen, ist sie im Hause, schlägt die Hände zusammen und schreit: »So ein Wetter! So ein Wetter!« Vor dem Blitz erschrickt sie nicht allzusehr. Aber vor dem Donner! Dann wickelt sie ihren Kopf in die Schürze ein und macht Verneigungen fast bis zur Erde.

Ich habe die Gewitterfurcht der Sturz zu mildern versucht.

»Frau Sturz,« habe ich gesagt, »von jeder Viertelmillion Menschen, die in Deutschland sterben, stirbt ein einziger am Blitzschlag, das ist statistisch nachgewiesen; verstehen Sie, das ist genau ausgerechnet!«

»Das ist ja schrecklich!« rief das Weib; »das ist ja schrecklich!«

Es war ganz vergeblich, der Person die verhältnismäßige Ungefährlichkeit eines Gewitters klar zu machen, ihr zu beweisen, daß eine Influenza fünfzigmal gefährlicher sei – sie blieb dabei. Es donnert! Und das ist entsetzlich!

Balthassar dagegen lief während des Gewitters im Dorfe umher. Er hatte dann einen langen Gummimantel mit Kapuze um.

»Na, sehen Sie,« sagte er mir einmal; »den Gummimantel hat mir einer in der Stadt, als ich zufällig mal nicht mehr absolut nüchtern war, für ein Sündengeld aufgeschwatzt. Soll der Mantel das ganze Jahr im Schrank hängen, verdorren und Risse kriegen? Bei Regenwetter aufs Feld anziehen kann ich ihn nicht, da lachten mich die Leute aus. Na, da nehme ich ihn eben als Gewittermantel. Ich weiß doch: Gummi isoliert. Es kann mir also in dem Mantel nichts passieren.«'

Er lachte.

»Na, und sehen Sie, wenn's doch mal wo einschlägt – Ihre Berechnung mit dem einen Mann auf eine Viertelmillion stimmt vielleicht auf ganz Deutschland, aber lange nicht prozentualiter auf unser Waldtal, also wenn's mal bei so 'nem Häusler einschlägt, da ist man doch gleich da und kann zufassen.«

Balthasar ist sicher ein ganz besonders edles Stück in der Perlenkette von Amtsvorstehern, die Frau Borussia um ihren königlichen Hals hängen hat.


Letzten Dienstag war wieder praller Sonnenschein. Ich war bis nachmittags gegen sechs Uhr im Walde, und es war darin so dunstig-heiß und die Fliegenplage war so arg, daß ich nichts von dem »kühlen Schatten« verspürte, den die Dichter zur »heißen Sommerszeit« so überschwenglich preisen. Die Luft stand zwischen den Bäumen wie der Kohlenglast zwischen den Mauern eines Backofens.

Ich war immer froh, wenn ich an freie Wiesen kam. Da war zwar kein Schatten, aber es war lose, etwas bewegte Luft.

Vater Wald hat im Sommer ein schwüles Herz.

Siebenmal habe ich noch bei Erntearbeiten geholfen, das achte Mal wurde ich abgewiesen. Höflich und lächelnd, aber doch etwas beschämend. Die Leute trauen meinen Muskeln, meiner Ausdauer und meiner Geschicklichkeit nicht.

Ein Bauer sagte mir ehrlich:

»Sehen Sie, Herr Hubertus, Ihren guten Willen in Ehren. Wir freuen uns. Aber so Bauernarbeit verstehen Sie nicht. Und dann, wenn Sie mitmachen, da gaffen die Knechte und Mägde und machen ihre dummen Witze, und da hält das mehr auf, als daß es was nützt.«

Seit diesem Ausspruch faulenze ich wieder mit gutem Gewissen.

Am letzten Dienstag hatte ich mich früh auf die Beine gemacht, hatte einen weiten Marsch zurückgelegt und kam von der unserem Tal entgegengesetzten Seite auf die Moorhütte zu. Ich lebte von den Vorräten aus meinem Rucksack. Am späten Nachmittag legte ich mich in eine Lichtung. Wie die Sturz Furcht vor dem Gewitter hat, so habe ich eine fast krankhafte Angst vor Kreuzottern. Ehe ich mich im Walde auf die Erde lege, klopfe ich erst die ganze Umgegend mit einem Stocke ab. Auf der ganzen Welt gibt es für mich nichts so Entsetzliches, so etwas, vor dem Leib und Seele schaudert, wie solch eine Viper.

Müde und matt lag Ich im Heidekraut. Wilde Bienen summten ihre heißen Honiglieder. Ein großes Einsamkeitsgefühl ergriff mich, und ich bereute, die Hunde nicht mitgenommen zu haben. Ich hätte weitergehen können und sinne jetzt noch darüber nach, was mich eigentlich damals an jenen einsamen Platz, von dem aus es nicht einmal ein Stückchen Aussicht gab, so lange bannte. Ich lag dort weit über eine Stunde.

Plötzlich knackte und raschelte es hinter mir. Meine alte Schlangenfurcht wurde sofort rege, ich sprang in die Höhe und wandte mich um.

Und stieß einen Schrei aus.


Vor mir stand Emil Bönisch.


Der Verschollene!

Er erschrak ebenso furchtbar wie ich. Wir hatten wohl beide blasse Gesichter, stammelten und lallten.

»Emil Bönisch – wo – wo kommen Sie –«

Da schrie er und ballte die Fäuste.

»Sie sollen nicht wissen, daß ich hier bin – sollen es niemand sagen! – Wehe, wenn Sie –«

Er wandte sich um.

»Emil, bleiben Sie – sprechen Sie mit mir!«

»Nein! Nein! Nein!«

Ganz wild sagte er das und stürzte davon. Ich folgte ihm ein Stückchen; aber er war ohne Spur verschwunden.

Mir war eiskalt.

»Wo – wo ist denn mein Hut?«

Ich taumelte, als ich so zu mir selber sprach. Ich fand den Hut und ging endlich nach dem Wege. Dort fing ich an zu laufen, als ob ich gejagt würde, als ob ein Mörder hinter mir her sei. Bald war ich an der Moorhütte. Ich erschrak vor ihr wie vor einer Räuberhöhle. Das Hexengesicht der alten Krügeln tauchte am Fenster auf und verschwand sofort wieder. Zumeist im Trabe legte ich den Weg nach dem Dorfe zurück.

Ich mußte mit jemandem sprechen. Mit wem? Balthassar war irgendwo auf dem Felde.

So eilte ich nach der Schule. Ich bat Erika Isenloh, mich ein Stück zu begleiten, da ich ihr etwas mitzuteilen hätte. Dieses Mädchen war in Wirklichkeit schon meine Frau; ich hatte das zwingende Bedürfnis, ihr von all meinem wichtigeren Erleben Kunde zu geben.

»Sie haben ihn wirklich gesehen?« fragte sie erschrocken.

»Ich hab sogar mit ihm gesprochen. Es war entsetzlich, weil es so unerwartet kam.«

»Sie sehen blaß aus trotz der Hitze. Wir müssen nachdenken.«

»Sagen Sie, Erika, warum treibt er sich plötzlich hier herum?«

»Aus Heimweh oder –«

»Oder?«

»Weil ihn sein Verbrechen hierher ruft.«

»Oder aus beiden Gründen.«

»Ja. Wir müssen es Herrn Balthassar anzeigen. Emil Bönisch ist steckbrieflich verfolgt; es wird endlich Licht in die Sache kommen. Es ist auch um den alten Krügel.«

Wir gingen nach dem Schloß und hörten, daß Balthassar auf einem Gerstenfelde sei. Frau Schubert, die Wirtschafterin, war höflich genug, uns einzuladen, im Garten Platz zu nehmen; sie werde sofort nach Herrn Balthassar schicken. Ich schrieb auf ein Notizbuchblatt: »Fräulein Isenloh und ich müssen Sie in dringendster Angelegenheit sofort sprechen. Bitte, kommen Sie nach Hause. Wir warten in Ihrem Garten. Hubertus.«

Ein flinkes Mädchen ging als Botin ab und kam nach einer halben Stunde schweißtriefend zurückgerannt. Sie brachte ebenfalls einen Notizbuchzettel als Antwort. »Die dringendste Angelegenheit ist jetzt die Gerstenernte, zumal es heute abend wieder regnen wird. Bitte, lassen Sie sich von Frau Schubert inzwischen eine kalte Ente ansetzen. Sobald es regnet, komme ich. Balthasar.«

Also hinaus aufs Feld. Schade um die halbe Stunde, die verloren war. Von weitem schon hörten wir Balthassars mächtige Kommandostimme. Er sah uns, kam uns aber nicht zehn Schritte entgegen, sondern ließ sich gar nicht stören. Ich trat zu ihm, und da Arbeiter in der Nähe waren, flüsterte ich ihm ins Ohr:

»Emil Bönisch ist in der Gegend aufgetaucht.«

Er sah mich ganz bestürzt an und nahm mich zur Seite.

»Sie haben wohl 'n Sonnenstich?«

»Ich habe ihn gesehen und ihn sogar gesprochen.«

»Was will er denn hier?«

»Das weiß ich nicht. Er erschrak furchtbar, als wir uns begegneten, und als ich ihn anredete, lief er davon.«

»Verdammt noch eins, und jetzt habe ich gerade die Gerste. Also, was tun? Die Gerste sowohl wie der Kriminalfall erleiden keinen Aufschub. Ich bleibe hier auf dem Felde, und Sie gehen augenblicklich zurück, lassen sich telephonisch mit der Staatsanwaltschaft (Nr. 70) und mit der Polizeiinspektion (Nr. 43) verbinden und erzählen alles, was Sie wissen. Verstehen Sie?«

»Jawohl; es wäre mir allerdings lieber gewesen –«

»Lieber gewesen gibt's nicht. Ich bitte Sie, sich nicht zu versäumen.«

»Ich gehe schon.«

Er wandte sich wieder zu den Arbeitern.

»Emil Bönisch,« brüllte er, »das heißt, ich wollte natürlich sagen, Max Seidel, rücken Sie doch mit dem Wagen weiter nach rechts!«

Erika Isenloh und ich hasteten zurück. Die Arbeiter schauten neugierig hinter uns her, und Balthasar tobte und wetterte, um sein fatales Versprechen zu vertuschen.

Noch ehe wir das Dorf erreichten, kam ein Reiter hinter uns her gesprengt: Balthasar – auf ungesatteltem Ackerpferd.

»Ich will doch lieber selber telephonieren. Die Gerste muß der Vogt beaufsichtigen.«

Wir saßen dann im Garten und berieten.

»Nun, was ist die nächstliegende Aufgabe?« fragte Balthassar.

»Man müßte den Wald absuchen,« sagte Erika.

Balthassar lachte.

»Sehr richtig! Vielleicht schickt der Kaiser zwei Armeekorps Soldaten, daß wir mal 'ne Quadratmeile Wald abpürschen können.«

Der Detektiv regte sich wieder in ihm.

»Der Bursche muß essen und wird irgendwo unter Dach schlafen wollen. Und wissen Sie, wo das ist?«

»In der Moorhütte etwa?«

»Ja. Nur dort. Wo anders hin traut er sich nicht. Am wenigsten in die Brettschneide. Also bei der alten Krügeln ist er. Ich werde heut abend das Räubernest ausnehmen. Telephonieren werde ich nicht; die Kerls in der Stadt erwischen ihn ja doch nicht. Ich reite jetzt nach dem Felde zurück, und Sie beide haben inzwischen weiter nichts zu tun, als reinen Mund zu halten.


Bei eintretender Dunkelheit war der zweite Kriegsrat. Der Polizist war da und der Kantor. Erika durfte nicht mehr teilnehmen.

»Wir sind ihrer vier, das genügt,« sagte Balthassar. »Jeder hat einen Revolver. Um zehn Uhr ist's finster. Wir haben Neumond. Wir gehen nicht durchs Dorf, sondern um die Lehne. In guten Abständen voneinander. Dreihundert Meter vor der Moorhütte, bei dem Baume, von dem die Lehrerin behauptet, es sei unsere einzige Espe, wird gewartet. Herr Hubertus bewacht die Haustür, Sie, Polizist, die beiden Fenster nach Süden, und Sie, Herr Kantor, die Hintertür und die Heubodentreppe. Niemand darf entwischen; im Notfall wird geschossen. Ich selbst gehe in die Höhle hinein.«

»Ich werde mit hineingehen,« sagte ich.

»Sie werden parieren!« schnauzte er mich an. »An der Haustür Wache halten, niemand herauslassen. Sie, Polizist, bummeln jetzt ins Dorf, damit es nicht auffällt, daß Sie hier sind. In der ›Traube‹ trinken Sie zwei Glas Bier. Keinen Tropfen mehr! Wir drei andern werden im Garten einen Skat spielen, damit uns die Leute sitzen sehen.«

Aus dem Skat wurde nicht viel. Keiner war bei der Sache. Balthassar schimpfte immerfort über die Unaufmerksamkeit der anderen und verlor selbst am meisten.

Die Luft war von quälender Schwüle, das Mückenzeug von lästiger Aufdringlichkeit.

»Wir kriegen heute nacht wieder ein dolles Wetter,« sagte Balthassar. »Aber es ist gut so. Vor dem Wetter wird er sich bestimmt unter Dach und Fach flüchten.«

Um viertel vor zehn grollte ferner Donner. Kurz nachher kam der Polizist angeschlichen; Punkt zehn brachen wir auf.

Ich ging als Dritter. Die ungewohnte Räuberromantik regte mich auf. Ich hatte schnellen Puls und stolperte manchmal auf dem dunklen schmalen Waldpfade. Der Weg über die Lehne nach der Moorhütte ist über eine Stunde lang; er beschreibt einen großen Bogen nach Osten und führt abwechselnd bergauf und bergab.

Der Donnerschall kam näher; das fahle Licht einzelner Blitze gespensterte durch das Dunkel des Waldes.

Um ½ 11 Uhr fing es prasselnd an zu regnen. Ein paar Donnerschläge zerknallten die Luft. Balthassar, der die Spitze unseres Trupps bildete, wartete auf uns andere und sagte:

»Nun können wir zusammenbleiben; jetzt begegnet uns sicher kein Mensch mehr.«

Ich war ordentlich froh, wieder bei den anderen zu sein. Wie unheimlich war es in dem finsteren Gewitterwalde! Der zitterte und stöhnte in Sturm und Regen.

Und wir hatten geladene Waffen in den Taschen und waren auf der Menschenjagd.

Langsam und schweigend gingen wir weiter. Ein paarmal fielen Blitz und Donner dicht zusammen.

»Schlag!« sagte dann Balthassar allemal.

Es mochte wenig nach halb elf sein, als blutrotes Licht am Himmel aufstieg.

»Es brennt!« rief der Kantor.

»Vor uns ist es, vor uns!«

»Das kann nur die Moorhütte sein!«

»Vorwärts!« stöhnte Balthassar, »vorwärts! Sonst kommen wir zu spät!«


Als wir keuchend und triefend an der Moorhütte ankamen, fiel soeben der morsche Schornstein um auf die zusammengebrochenen Holzwände. Der Regen rang vergebens mit dem Feuer.

»Zu spät!« knirschte Balthasar; »zu spät! Da hat der Himmel gerichtet!«

»Krügeln!« brüllte er plötzlich; »Krügeln, wo sind Sie? Wir kommen Ihnen zu Hilfe; wir tun Ihnen nichts!«

»Emil Bönisch! Emil Bönisch! Geben Sie ein Zeichen! Wir tun Ihnen nichts!«

Keine Antwort. Der Sturm heulte, der Regen raste, das Feuer zischte giftig gegen das Wasser.

Die Moorhütte war bereits völlig niedergebrannt. Die morschen Wände, vielfach mit Moos ausgestopft, waren wie Zunder aufgegangen.

Ein paarmal rief Balthassar noch. Ganz vergebens.

»Sie werden erschlagen und verbrannt sein,« sagte er endlich. »Es bleibt nur noch übrig, morgen nach ihren Überresten zu suchen.«

Unten im Tale raste das Wetter. Jede Minute fiel ein Blitz.

Da ging ein zweites Feuer auf, kaum ein paar Augenblicke später ein drittes.

Wir standen erschüttert diesem schrecklichen Unglück gegenüber. Wie ein Weltuntergang war das, was wir erlebten. Balthassar rang mit Tränen.

»Mein Dorf! Mein gutes Dorf!« Doch bald faßte er sich.

»Rasch hinunter! Sie, Polizist, halten die ganze Nacht hier bei der Moorhütte Wache. Niemand rührt mir die Trümmer an!«

Man merkte dem Mann an, wie unheimlich ihm der Auftrag war; aber er legte die Finger an seine Dienstmütze und sagte:

»Jawohl, Herr Amtsvorsteher!«

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