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Hubertus

Paul Keller: Hubertus - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleHubertus
publisherBergstadtverlag Wilh. Gottl. Korn
printrun112. bis 121. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071128
projectidc06b310b
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Dreizehntes Kapitel.

Sommerzeit. – Die goldene Mutter. – Der Krügel-Prozeß.

Seit einigen Wochen habe ich meine Aufzeichnungen nicht fortgesetzt. Ich glaube, ich war zu träge dazu. Schon in der Schule stand ich mich zur Sommerzeit immer schlecht und mußte in den kühleren Monaten nachzuholen suchen, was ich in den heißen versäumte.

Der Sommer macht mich zum Träumer. Stundenlang kann ich am Waldrande liegen und weißen Wolken zusehen, die durch das blaue Himmelsmeer ziehen. Weiße Schiffe sind es, von einer geisterhaften Mannschaft bedient. Was sie geladen haben, das sind menschliche Wünsche und Sehnsüchte, Jubelschreie und Klagerufe, die hinauffliegen, Tränen der Freude und der Qual, die an menschlichen Wimpern verdunsteten, einsame Gedanken und letzte Erinnerungen, die sich wie Ertrinkende an ihren Bord klammern. Das fährt über den blauen Ozean Gottes und verbrennt alles im Abendrot.

Dann kommt die Nacht. – –

Das wissen alle: daß der Wald das Urbild der gotischen Dome ist mit seinen ragenden Säulen, dem geheimnisvollen Dämmerlicht, der feuchten Kühle und den dunklen Fenstern.

Fröhlich sein kann ich im Walde nicht; das kommt mir so vor, wie wenn jemand in einer schönen Kirche schwätzt. Erst wenn ich zu den Wiesen komme oder zu den sonnigen Feldern, löst sich etwas in der Brust wie ein Druck, und ich kann lachen und übermütig sein, wie ein Bauer, der nach der Kirche in die Schenke geht.

Die Ernte hat begonnen. Balthassar ist den ganzen Tag auf dem Felde. Ich bin müßig wie immer. Einmal, als ein Gewitter drohte, habe ich bei unserem Nachbar ernten geholfen. Ich habe zwei Fuder Roggen aufgeladen. Mit einer großen Gabel mußte ich die Garben auf den hohen Wagen reichen.

Am andern Tage konnte ich kaum ein Glied rühren vor Muskelschmerzen und hatte Blasen an den Händen.

Die Sturz – glaube ich – hat mich heimlich ausgelacht. Dabei tut das dumme Weib nichts bei der Erntearbeit. Sie lauert nur, wo ein Feld abgeerntet ist – dann geht sie Ähren sammeln und kümmert sich den Teufel darum, daß sie eigentlich bei mir in Dienst steht. Halbe Tage lang ist sie weg. Aber wer soll auf sie schelten? Ich gewiß nicht. Lieber lade ich noch Roggen auf. Im Herbst wird mir wahrscheinlich die Sturz ihr »Gelesenes« zu teuren Preisen als Hühnerfutter verkaufen. Mag sie! Welcher Mensch machte nicht mal sein Nebengeschäft, chen? Das Geschäft der Sturz ist ärmlich genug.

Einen neuen Diener habe ich. Er ist ein blasser Gesell von recht langweiliger Physiognomie. Oft sehne ich mich nach Timm zurück. Der war selbst dann interessant, wenn man sich über ihn ärgerte.

Die beiden Hunde schlafen von morgens bis abends und von abends bis morgens. So ein Hundevieh wird durchschnittlich zwölf Jahre alt. Von dieser Lebenszeit verschläft es elf Jahre. Wozu es da überhaupt erst auf die Welt kommt!

Wenn mich solche ja nicht übermäßig geistreiche Betrachtung doch einmal zu sehr ärgert, bade ich die Hunde. Das Ereignis vollzieht sich im Hofe in einem großen Schaff. Es wird allemal ein Heidenspektakel; denn sobald die Hunde merken, daß die Sturz das Schaff nach dem Hofe schafft, verduften sie. Es geht nun ein Suchen und eine wilde Jagd los, wobei die Sturz so lärmt, daß es mir der angrenzenden Bewohner halber peinlich ist.

Der Pudel wird immer zuerst erwischt. Er sitzt, zitternd wie Espenlaub, in dem Schaff, läßt sich mit warmem Wasser abseifen und dann mit einer kühlen Brause besprengen. Die Brause temperiere ich vorher gewissenhaft: l7 Grad Celsius. Die Sturz, das gemütlose Frauenzimmer, will nie das Thermometer holen, sondern die Gießkanne einfach aus dem Brunnen füllen. Nun, das rede ich ihr ja energisch aus.

Den Dackel erwischen wir später und manchmal gar nicht. Er ist äußerst widerborstig. Während der Pudel mir nach dem Bade gutmütig mit seiner langen roten Zunge die nassen Hosen ableckt, macht der Dackel ein äußerst verbostes Gesicht, schneidet mich und spricht sozusagen mit mir drei Tage lang kein Wort.

Beide Hunde aber rasen nach dem Bade wie toll umher und wälzen sich im Staube, wodurch die ganze Prozedur in ihrem Reinlichkeitszwecke eigentlich hinfällig wird. – Timm hat mir einen Brief geschrieben. Er bedankt sich für alles Gute, das er von mir empfangen hätte, und bittet mich um Verzeihung, daß er geflohen sei. Aber er hätte es müssen, da aus dem ihm liebsten Munde der Welt ein schmählicher Verdacht gegen ihn gefallen sei. Im »Waldboten« erschien ein Gedicht »An die Ungetreue«. Es führte aus, daß allein grenzenloses Vertrauen das Fundament der Liebe sei, und schloß:

»Ohne Schuld und ohne Reue
Irr' ich durch die Welt,
Siehe zu, du Ungetreue,
Wie es dir gefällt.«

Unterschrieben war das Gedicht: Max Timm, Berlin. Das Mielchen hat einen verzweiflungsvollen Brief auf gut Glück an Max Timm in Berlin gerichtet und eines Tages eine grobe Postkarte erhalten, die besagte: Er – der Absender – sei Eisendreher und Familienvater und hätte mit solch übergefahrenem Frauenzimmer da hinten im Buschlande nichts zu tun. Emiliens Sehnsuchtsschrei war also an ein falsches Ohr gedrungen. Unser Postbote hatte die Karte auswendig gelernt und ihren Inhalt überall erzählt. Darauf wurde das Mielchen krank, und wenn sie auch nicht – wie das Malchen schluchzend erzählte – ein tödliches Nervenfieber hatte, so ging es ihr doch bemitleidenswürdig schlecht.

Strahlende Sommerzeit. Die Welt voller Reife und Überfluß. Und Menschenherzen leiden Not.

Ich kümmerte mich indes wenig um diese Schatten und Leiden; ich hielt es mit der Sonne. Ich liebe die goldene Mutter der Erde mehr als alles Geschaffene. Als Kind lag ich oft auf der Wiese und lugte durch ein geschwärztes Glas nach der Sonne hinauf. Ich meinte, die Sonne müsse in den Himmel sehen können, wo mein Vater und meine Mutter waren, und ich wollte sehen, was sie für ein Gesicht mache, da sie doch das Beste sehen konnte, was es gibt: den Himmel und meine Eltern. Von allem, was ich in der Schule hörte, hat nichts so mein Herz erschüttert wie die Kunde von der Sonne, von ihrer Größe und weiten Entfernung, und daß sie mit der Glut ihres Herzens alles Lebende auf Erden ernähre und erhalte, daß aber auch dieses riesenhafte Mutterherz einmal verglühen werde und daß dann alle Erdenkinder sterben müssen: die Menschen, die Tiere und die Pflanzen.

Später, als ich mein Weltstadtleben führte, sah ich die Sonne selten. Die Theater lieben das Lampenlicht: die Theater der Bühne und die Theaterspielereien der Gesellschaft. Ich war immer im Theater und habe bei Tage geschlafen. Nur wenn ich zu müde geworden war, flüchtete ich an einen sonnigen Strand und suchte da mit anderen Kranken den tröstenden Schein aus dem Auge der goldenen Mutter.

Nun, da ich ein stiller Hubertus geworden bin, schaue ich mir auch oft den gestirnten Himmel an. Ich habe mir einige Bücher angeschafft, kleine volkstümliche und praktische Schriftchen, nach denen ich mich am Horizont leicht zurechtfinden lerne; denn von tausend gebildeten Menschen wissen ja bis auf einen oder zwei alle rein nichts von dem silbernen Wunderreich über ihren Häuptern.

Wenn ich nun die blassen Plejaden betrachte oder das schöne Himmelskreuz des Orion oder sonst einen der Fixsterne und weiß, das alles sind Sonnen, größere als die unsere und so weit, daß tausend Lichtjahre vergehen, ehe ihr Schein zu uns dringt, dann schließe ich oft erschreckt die Augen und will – ein Erdenkind – mich doch lieber an »meine« Sonne halten, an das freundlichste Wunder der Welt.

Manchmal in dieser Sonnenfreudigkeit kommt ein tiefes Verlangen nach Liebe. Es hat immer dieselbe Richtung und stirbt mit dem Abendrot.

In der kühlen Nacht sitze ich am Klavier oder bei meinen Büchern oder träume zum Fenster hinaus über die rauschenden Wälder.


Letzten Dienstag war die Schwurgerichtsverhandlung gegen den alten Krügel. Ich habe es nicht über mich bringen können, ihr beizuwohnen. Balthassar war Geschworener. Da hat sich fast das ganze Dorf, vor Neugierde brennend, an ihn um Eintrittskarten gewandt. Er hat alle abgewiesen. Schließlich hat er einen Anschlag an das Spritzenhaus gemacht, in dem deutlich zu lesen stand, es sei eine »unchristliche Sauerei«, der Verurteilung eines Gemeindegenossen neugierig zusehen zu wollen; die Leute sollten lieber ihre Erntearbeit besorgen, das sei vernünftiger.

Balthassars Amtsstil ist etwas patriarchalisch. Aber er ist doch ein Staatskerl. Ich freue mich, daß er mein Freund ist.

Von Balthassar und auch aus den Berichten der Zeitungen weiß ich nun von dem traurigen Hergang dieser Verhandlung. Der Vorsitzende hat genau nach den Ergebnissen der Voruntersuchung den alten Krügel über seine Schuld abgefragt, und Krügel hat alles gestanden. Balthassar hat als Geschworener von seinem Recht, Zwischenfragen zu stellen, reichlich (und wie ich vermute, in etwas rauher Form) Gebrauch gemacht; er hat z.B. den Angeklagten einen alten »Quasselkopp« genannt, der nicht mehr wisse, was er »labere«, so daß Balthassar sich eine scharfe Rüge des Gerichtsvorsitzenden zuzog, der bemerkte, die Einwendungen des Herrn Geschworenen seien nur dazu angetan, den Angeklagten zu verwirren und ihn von dem löblichen und für ihn selbst nur vorteilhaften Bestreben abzubringen, seine Schuld zu gestehen.

»Sehen Sie,« sagte Balthassar, »das habe ich mir nicht gefallen lassen; ich habe mir das Recht, als Geschworener mitzureden, nicht nehmen lassen wollen, und da hat es einen Heidenkrach gegeben. Den Roten Adlerorden krieg' ich ja nu bestimmt nicht; aber das ärgert mich immer noch weniger, als wenn sie den alten Krügel unschuldig einlochen. Ich hab' ja den Krügel nie leiden können, schon weil er in der Moorhütte wohnte, wegen der das Dominium seine Prozesse verlor. Aber daran ist weniger der alte Krügel als der Justizrat Mizowski schuld gewesen. Der war unser Anwalt, und der ist nun auch der Anwalt des alten Krügel gewesen. Mizowski ist überhaupt der Anwalt unserer ganzen Gemeinde; deshalb ist auch bei uns noch nie ein Prozeß gewonnen worden. Nun hätte doch der Kerl in seinem malerischen Talar mir beispringen müssen, da er sah, daß ich seinem Klienten, dem Angeklagten, helfen wollte, nicht solch unsinniges Zeug einzugestehen. Keine Spur! Eine Verneigung vor dem Vorsitzenden hat der Verteidiger gemacht. Da war ich natürlich geliefert, und der alte Krügel auch. Der Staatsanwalt, ein junger Mann, hat in einer schneidigen Rede »bewiesen«, daß Krügel ein Mörder sei. Dann hat er aber die Unterfrage gestellt, ob nur Totschlag – nota bene, mir persönlich wäre es egal, ob ich ermordet oder bloß totgeschlagen würde –, also der Staatsanwalt hat die Unterfrage nach Totschlag gestellt. Sie müssen wissen, Herr Hubertus, Totschlag ist nicht Mord, ist eine Handlung aus sogenanntem Affekt, und wegen Totschlag kann man nicht geköpft werden.

Wir gingen dann ins Beratungszimmer. Vorher sah ich mir den alten Krügel noch einmal an. Er kauerte auf der Anklagebank wie ein Häuflein Blödsinn und Gebrechlichkeit. Im Beratungszimmer machte ich nun meinen Standpunkt geltend. Ich sagte:

1. Krügel ist ein alter Trottel. Er kann nichts als Holzhacken.

2. Krügel sauft gern einen, wenn er einen hat. Meist hat er keinen, und darum ist er ein ziemlich mäßiger Mann.

3. Krügel ist mein politischer Gegner, denn er hat, so glaube ich bestimmt, sozialistisch gewählt; auch habe ich wegen des Hauses, in dem er wohnt, eine Reihe von Prozessen verspielt.

4. Krügel ist also für mich durchaus keine Gemeindeperle. Aber das Eine weiß ich, daß er auf keinen Fall seine Enkeltochter erschlagen hat. Dazu ist er nicht fähig. Es ist in meinem Dorfe ein Gasthaus, die ›Traube‹, das von zwei jungen Mädchen bewirtschaftet wird. Die haben mal dem Krügel, der, wie gesagt, gern einen säuft, wenn er einen hat, einen halben Liter Schnaps angeboten, wenn er ihnen ein Paar Tauben schlachte, aber Krügel hat gesagt, das bringe er nicht fertig, lieber verzichte er auf den Schnaps. Unser Obmann unterbrach mich. ›Diese Dinge hätte der Verteidiger sagen müssen,‹ meinte er. Der Verteidiger, dieses Roß, hatte sie aber nicht gesagt.

Ich konnte noch reglementswidrig ausrufen: ›Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß es der alte Krügel nicht gewesen ist‹ – dann kamen einige Formalitäten, und dann kam die Abstimmung.

Zuerst auf Mord.

Ich sage Ihnen, Herr Hubertus, seien Sie froh, wenn Sie niemals Geschworener sein müssen. Es ist greulich, vor die Frage gestellt zu werden: Soll ein Mensch weiterleben oder soll er ins Jenseits befördert werden? Wo doch nu mal – Schockschwerebrett! – einer sitzt, der dir deinen Spruch nachprüft und der darauf wartet, bis du mal selber rüber kommst, und wo einem immerfort im Leben so ein Armesünder-Grabhügel vor den Augen stehen bleibt.

Also ›Mord‹? Von den zwölf Geschworenen erkannten wirklich vier auf ›Mord‹. Demnach wäre also dem alten Krügel der Kopf abgehackt worden; es wäre, wie man so sagt, bei ihm Haareschneiden, Barbieren und Zähneziehen mit einem Schlage besorgt worden.

Aber zu einer Verurteilung gehören bei dem Zwölfmänner-Gericht acht Stimmen, also Zweidrittelmehrheit. Die vier Stimmen versanken demnach, und Krügels schöner Kopf war gerettet. Ich atmete auf.

Nun die zweite Frage: Totschlag? Hat Krügel im Zorn, in der Erregung, nicht vorbedacht die Bianka erschlagen?

Abermalige Abstimmung.

Siebenmal ›Ja‹! Fünfmal ›Nein‹! Zur Verurteilung gehören acht ›Ja!‹ Ein ›Ja!‹ fehlte also. Krügel war frei. Ich zerrieb mir die Hände unter dem Tisch vor Freude.

Auf einmal sagt einer der Geschworenen: »Bitte, Herr Obmann, ich habe mich getäuscht. Ich habe die Frage nicht richtig aufgefaßt; ich habe Ja statt Nein sagen wollen.

Dann müsse noch einmal abgestimmt werden, entschied der Obmann.

Da kriegte ich die Wut, und es wird ja wegen meines Auftretens noch allerhand Weiterungen geben. Ich behauptete, Abstimmung sei Abstimmung, jeder von uns müsse ›Ja‹ und ›Nein‹ unterscheiden können, und das Urteil sei gefallen. Krügel sei freizusprechen.

Wissen Sie, was passiert ist? – Es ist ein Gerichtsbeschluß herbeigeführt worden, und der entschied, es sei eine nochmalige Abstimmung zulässig und erforderlich.

Die lautete dann achtmal ›Ja‹, viermal ›Nein‹. Krügel wurde des Totschlags schuldig befunden und erhielt zehn Jahre Zuchthaus.

Ach, Herr Hubertus, was ist menschliches Recht? Einer verspricht sich oder verspricht sich nicht, und ein anderer kommt deshalb frei oder er kommt ins Zuchthaus«.

»Zehn Jahre. Es ist furchtbar für Krügel,« sagte ich.

»Nein, Herr Hubertus, es ist gleich für ihn, ob er zwei oder zehn oder fünfzehn Jahre kriegt. Denn länger als ein halbes Jahr lebt er nicht mehr. Und dann ist er frei. Aber der Döskopp, der sich bei der Abstimmung ›verspricht‹, der nicht Ja und Nein, Schwarz und Weiß unterscheiden kann, der müßte die Reststrafe für den Krügel absitzen.« An dem Tage, da mir Balthasar das alles erzählte, hat er sich betrunken und drei Weingläser zerschlagen. So viel »Pereats« hat er auf den »Justizmord« ausgebracht.

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