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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Ein Blick über das Ganze.

Als ich Ottilie den Vorschlag machte, einen allgemeinen Ueberblick über die Ausstellung zu gewinnen, wollte sie gleich mit dem Fesselballon hoch.

»Nein,« sagte ich. »vorläufig warten wir ab, ob er Zwischenfälle kriegt, und, wenn die dann nach einigen Wochen rasch und leicht beseitigt sind, steigen wir mit. Auch meine ich mit Ueberblick nicht ein Häppsken Vogelschau, sondern das fest im Gedächtniß haftende Terrain der Ausstellung, damit man weiß, was vorhanden ist, wo es liegt, wie man hinkommt, wie viel Zeit man auf das Einzelne verwenden kann. Es sind über viertausend Aussteller und nun rechne aus, wenn auf jeden nur fünf Minuten gründlicher Besichtigung fallen, wieviel Arbeitstage Du im Ganzen gebrauchst, den Tag zu acht Arbeitsstunden angenommen?«

»Kopfrechnen erlauben mir meine Nerven nicht,« antwortete Ottilie nach einiger Anstrengung, als sie nicht mehr mochte.

Sie bat mich gleich am ersten Tage um verwandtschaftliche Du-Anrede, die ich ihr bewilligte, da sie so allein steht und der Anschmiegung bedürftig ist.

»Nun,« fragte ich, »hast Du es?«

»Nein.«

»Also rund zweiundvierzig Tage. Das sind beinahe anderthalb Monate. Von Alt-Berlin, Kairo, dem Vergnügungspark, dem Theater, der Diamantschleiferei, dem Panorama, der Stearinfabrik, Etzetera ist dabei keine Rede und Du hast weder Naß noch Trocken, noch Ausruhen, noch Musikgenuß, noch irgend eine nothwendige Pause. Deshalb ist planvolles Vorgehen geboten. Heute ist Planschwetter, wir können nichts Besseres beginnen, als uns vorzubereiten.«

Sie seufzte. »Ich weiß nicht, ob meine Nerven« ... fing sie an. – »Ich weiß, daß es ihnen gut bekommt,« entschied ich und breitete den officiellen Plan der Ausstellung auf dem Tische aus.

»Wie Du siehst,« begann ich, »wird das Gebiet durch die Treptower Chaussee in zwei gleiche Theile gespalten, wovon der eine reichlich noch mal so groß ist wie der andere, und dies Röthliche, was wie ein Stiefelknecht aussieht, ist das Hauptgebäude.«

»Ich meinte, es wäre so sehr schön.«

»Dies ist ja nur der Grundriß, dasselbe, was beim Zuschneiden das Muster.«

»Ach so.«

»Hier, gerade vor, das Blaue ist der Neue See mit den echten Gondolieren aus Venedig.«

»Wo sind die Gondoliere?«

»Draußen in Treptow,« erwiderte ich sehr deutlich, denn die Hast, mit der sie sich mit einem Male den Plan betrachtete, während sie eben noch ihre Nerven überlegte und nicht die geringste Theilnahme zeigte, verdroß mich.

»Singen sie auch das himmlische Lied: ›Komm' nach der Piazetta, Rosetta‹?«

»Für ein Trinkgeld gewiß.«

»Für Geld? wie unpoetisch!«

»Gegenüber liegt das Hauptrestaurant. Die Laubengänge dorthin sind mit Tausenden von Lämpchen behängen, bei Tage wie die größte Eiersammlung der Welt, an Erleuchtungsabenden feenhaft wie früher bei Kroll. Ist das Wetter schön, wirst Du es erleben. Von hier kann man nun durch das Spreewaldgehöft, durch Chocolade und Thee, bis zur todten Katze gelangen ...«

»O, pfui!«

»Nicht Pfui sagen, wenn Dir etwas nicht recht ist, das ist kleinstädtische Geziertheit.«

»Aber ich hasse todte Katzen.«

»Das wird denen ziemlich dasselbe sein. In diesem Falle ist die Katze das ausgestopfte Motto eines stilvollen Bürgerbräu-Ausschankes in Bauernmanier, und kletternder weise am Vorgiebel angebracht, also durchaus nicht Pfui sondern kennzeichnend für den Volksmund, der stets mit unerwarteter Sofortigkeit das Besonderliche in Worte formt.«

Ich konnte nicht umhin, ihr diesen kleinen Erziehungs-Schupps zu verabreichen, weil sie ihre schiefen Urtheile nie zurückhält und dadurch zum Stein des Anstoßes wird, ja ich hielt es für Pflicht, bändigend einzugreifen, wie Goethe so treffend in Mey & Edlich's letztem Abreißkalender schreibt: »wenn wir die Menschen nur nehmen wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.« – Unser vorjähriger war mit Speisezetteln versehen, aber weil die Zuthaten meist in die andere Jahreszeit fallen, haben sie als Morgenandacht keinen sittlichen Werth, wogegen man Sprüche und Lebensregeln ohne weitere Vorkehrungen benutzt. Dazu sind ja auch die Dichter und dergleichen.

Ottilie schien von ihren Obliegenheiten entweder keine Ahnung zu haben oder keinen Gebrauch machen zu wollen, es kann auch sein, daß sie Berlin mehr für eine Amüsirerholung hält als für ein Arbeitsfeld. Oder hatte sie sich mich scherzhaft gedacht, als sie auf meine Vorschläge einging, an den Ausstellungsberichten mit all' ihren wissenschaftlichen Kräften thätig zu sein und dafür angemessen entschädigt zu werden, nicht nur durch Kost und Unterkommen und rücksichtsvolle Behandlung, sondern auch durch Honorarantheil an dem schriftstellerischen Erwerbe. Man nimmt doch keine Waschfrau, um die Arbeit selbst zu thun.

Von Ottilie verlange ich ja nicht das Gröbste – das kann ich von alleine – sondern das wissenschaftliche und Gondoliere sind nicht wissenschaftlich. Deshalb regte es sich in mir.

»Man kann aber auch.« fuhr ich fort, »östlich gehen, leicht abschwenken und durch echt märkische Sandpfade nach Alt-Berlin gelangen. Hast Du den Weg?«

»Wo ist südöstlich?«

»Die Himmelsgegenden ermittelt man mit dem Compaß.«

»Geht das?«

»Nun natürlich. Auf Reisen in Italien und im Orient fand mein Karl die Wege stets mittels Compaß und Plan; diese Kunst ist ebenso einfach, wie unfehlbar, wenn man sich nicht irrt, und im Treptower Park durchaus nothwendig, sobald das Dickicht sich so belaubt, daß selbst das Auge der Aufseher nicht durchdringt, um Jemand zu entdecken, der heimlich den Bleistift zieht und notirt, Zeichnungen aufnimmt oder vielleicht photographirt, worauf so gut wie Todesstrafe steht. Es ist nämlich jegliches verpachtet und unerlaubt; deshalb Vorsicht, Ottilie, daß Dich die Wärter nicht anzeigen, von denen, dem Ton nach zu urtheilen, viele auf der Unteroffizier-Akademie geschliffen wurden.«

»Ich werde mich in Acht nehmen.«

»Du kennst doch einen Compaß?« kehrte ich zu unserem Gegenstand zurück.

»Und wie; sehr genau. Das heißt, im Examen hab' ich ihn gehabt – – – in der Hand noch nicht. Er wird im Norden vom Nordpol angezogen und im Süden vom Südpol und war bereits im Jahre 2133 vor unserer Zeitrechnung den Chinesen bekannt.«

»Vergiß die Jahreszahl nicht, die gebrauchen wir in unseren Berichten. Die Leute sollen sich wundern. Selbst nachgezählt hast Du wohl nicht? Ich meine blos, wenn Einer es noch genauer wüßte und verlästerte uns nachher öffentlich – das möchte ich Onkel Fritzens wegen nicht. Der höhnt gleich. Aber Du bist ja darauf geprüft.«

»Wenn eine Kanonenkugel mit der Fluggeschwindigkeit von fünfhundert Meilen in der Stunde sich von der Erde auf den nächsten Fixstern zu bewegt, erreicht sie denselben erst nach vier Millionen fünfmalhunderttausend Jahren,« sagte Ottilie rasch und fließend.

»Hilf daran denken, wenn wir über das Riesenfernrohr schreiben, obgleich ich für meine Person es für Unsinn halte, nach den Sternen zu schießen, es sei denn aus rein wissenschaftlichen Zwecken. Da geschieht ja manches. – Hier hast Du den Compaß, nun suche zunächst Norden.«

Die magnetische Nadel machte ihr Spaß, aber sie konnte sich nicht daraus vernehmen und je mehr ich ihr es auseinandersetzte, um so weniger faßte sie es, bis ich zuletzt ebenfalls das feinere Unterscheidungsvermögen verlor. Auf Reisen war es ja auch hauptsächlich mein Karl, der gleich die Richtung heraus hatte. »Ottilie,« sagte ich deshalb, »in unseren wissenschaftlichen Abhandlungen gehen wir um das Magnetische bogenartig ausweichend herum. Im Park kann man am Ende fragen. Auch stehen an vielen Orten Wegweiser.«

»Entzückend!« rief Ottilie, und legte den Compaß weit weg.«

»Ferner müssen wir Bedacht nehmen, daß die Berichte umschichtig gelingen. Erst die Haupthalle, dann Photographie, dann meinetwegen Unterricht und Erziehung, hierauf Hagenbecks Affenparadies, das sich an das Kindliche schließt. Gasindustrie kann mit Gärtnerei abwechseln, dann nehmen wir die vereinigten Destillateure, die Volkswohlfahrt, die größte Kanne, Fischerei, Stufenbahn, Harzbahn, Volksbrausebad ...«

»Ich kann keine Brause vertragen.«

»Nur ansehen.«

»Pfui!«

»Ottilie, ich habe Dich schon einmal ermahnt, diese Redensart zu pensioniren. Sollen die Leute fragen, wer mag die junge Dame sein, die so schwach mit Lebensart ist? Bei solcher Gelegenheit müßte ich Dich verleugnen und Dich wieder siezen.«

»Es ist das letzte Mal gewesen, ganz gewiß,« betheuerte sie.

»Schön, passirt es noch einmal, kommst Du nicht mit nach Kairo, das sie so naturgetreu aufgebaut haben, als wäre man leibhaftig in Egypten.«

»Ach ja, Sie waren ja dort. Wie himmlisch! Wie ich für Kairo schwärme, kann ich garnicht sagen. Diese Lotosblumen, die Palmen mit beschwingten Papageien, die Muselmänner in goldgestickter Seide; alles Marmor und Elfenbein im Glanze des Morgenlandes ...«

»Halt' die Luft an, Ottilie, Du machst Dir eine total umgedrehte Vorstellung. Die natürliche Echtheit ist das Bezaubernde; das Zerfallene, die malerische Ungewaschenheit ...«

»O, Pf ... pfie, wie schade!«

»Na ja, das wollt' ich mir auch ausgebeten haben. Du wirst die Schönheiten Kairos schon unter meiner Leitung herausfinden und, soweit ich das Arabische von damals her noch beherrsche, mit den Beduinen und Fellachen, den Händlern und Eseljungen in Dialog treten. Sie verstehen uns nämlich bedeutend leichter als wir sie. Mit den Neu-Guinea-Leuten am Karpfenteich, der halb die Spree und halb den stillen Ozean vorzustellen hat, stehe ich jedoch in keiner sprachlichen Beziehung.«

»Gehen die Wilden wirklich wie abgebildet?«

»Ich glaube je nach der Witterung, weiß es aber nicht genau.«

»Wollen wir sie nicht lieber auch umgehen?«

»Sie sind unvermeidlich als unsere Kolonialbrüder, wir müssen sie kennen lernen und sie uns, damit ein bürgerliches Gesetzbuch geschaffen wird, das ebenso für Klein-Popo und Kamerun klappt wie für das große Berlin.«

»Die Gesetze werden doch mit den Menschen geboren!« bemerkte Ottilie.

»Deshalb sind sie auch danach, denn was wird nicht Alles verheirathet? Er zu lang, sie zu kurz oder umgekehrt, und auch in der Breite uneinig, jedoch wegen geistiger Vernachlässigung gegenseitig nichts vorzuwerfen. Talent höchstens zum Absätze krummtreten; Literatur: Litfaßsäulen; Ideal: wo's die größten Portionen giebt. Und solche Leute insultiren die Lehrer, wenn ihre Kinder es nicht weiter bringen als zu Sitzquartalisten und verlangen vom Staate garantirte Carrière für die Blasenköpfe. Darum ein völlig frisches Gesetzbuch von der gediegensten Jurisprudenz verfertigt mit peinlichster Rücksicht auf die herrschenden Zustände, die manchmal schon keine mehr sind, wie oft habe ich gehört, daß das römische Recht, wonach sie sich richten, mit dem deutschen nicht stimmt, und das kann es unmöglich, was wußten die alten Römer von Clavierspielen nach zehn Uhr oder von Maulkörben oder von unlauterem Wettbewerb? Ueberhaupt, was geht uns Rom an?«

»Sie waren dort ja auch! Sagen Sie, Frau Buchholz, macht Italien wirklich den Eindruck eines Stiefels, wenn man darin herunterfährt?«

»Nicht völlig,« gab ich zur Antwort. Dann sagte ich langsam: »Ottilie, die Welt und die Bücher sind zweierlei, Du mußt noch viel lernen und viel vergessen.«

»Warum noch lernen? – Ich habe mein Examen gemacht und Zeugnisse, daß ich genug weiß. Die Quälerei hab' ich hinter mir. – Aber ich meine, es ging doch ausgezeichnet mit den vorhandenen Referendaren.«

»Mit den vorhandenen Gesetzen, wolltest Du sagen. Früher langten sie vielleicht, aber seitdem wir uns kolonial ausbreiten, steigern sich die Ansprüche ungeahnt. Bedenke, wie schrecklich, daß unsere wilden Afrikabrüder bis jetzt die Sonntagsruhe nie ordentlich gehalten haben, daß das Auswärtige Amt einen Extra-Sonderbefehl hinüber senden mußte, alle Arbeiten bis auf die dringlichsten an den Sonntagen in Afrika, so weit wir zu sagen haben, an den Nagel zu hängen. Die Missionare haben sich beschwert wegen Radau. Nun lernen die Wilden auf der Ausstellung die Berliner Sonntagsruhe aus eigenster Anschauung, wo sie den vorüberdrängenden Menschenströmen ihre Tänze vorspringen müssen und rudern und Matten flechten und fechten und was sie sonst auf der Walze haben zur Verbreitung anthropologischer Studien. Ob sie solches des Sonntags dürfen, wenn sie retour gekommen sind, das steht auf einem anderen Brett. Ich habe schon Herrn Kriehberg empfohlen, sobald seine Ausstellungsthätigkeit beendet ist, nach Deutsch-Afrika überzusiedeln und einen stilistischen Ausschank mit Vergnügungsgarten zu eröffnen, womit er nach Einführung der Sonntagsruhe dort glänzende Geschäfte machen muß.«

»Was werden die Missionare aber dazu sagen?«

»Die sind dem Gesetzbuch unterworfen und haben stille zu sein. Gleiches Recht für Alle. Geld erwerben am Sonntag ist große Sünde, Ottilie, aber Geld verthun darfst Du, und wenn Du hinterher am Montag abgespannt bist, als hättest Du vierundzwanzig Stunden hart geschuftet.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Gesetze sind eben schwer verständlich für den Mittelstand.«

»Wer ist Herr Kriehberg, den Sie eben erwähnten?«

»So zu sagen unser Mitarbeiter in Architektur und Bauwissenschaften.«

»Wie entzückend! Ist er hübsch?«

»Ottilie, kennst Du die Jungfrau von Orleans?«

»Wieso?«

»Der war verboten, sich um die Herren zu kümmern, damit sie ihre Aufgabe unentwegt erfüllte. Als sie sich für einen jungen wann interessirte und nicht mehr auf dem Posten war, lag sie drin.«

»Aber ich ...«

»Jawohl. So wie von Sachlichem die Rede ist, sind Dir Deine Gehörnerven zu kostbar und jetzt, blos da Kriehberg's Name genannt wird, spannst Du wie eine Elster. Ich warne Dich, Ottilie! Es kann lange dauern, ehe Kriehberg's Wirthschaft mit Karussel und Schießstand hinter dem Aequator blüht, und wenn er auch sonst Gaben besitzt, die beste Eigenschaft eines Mannes ist ein gesichertes Einkommen. Und die fehlt ihm.«

Ottilie machte ein langes Gesicht. Sie fühlte sich ertappt.

Ich brach die Vorstudien ab und gab ihr den Ausstellungs-Katalog zu lesen. Der überhitzt ihre Phantasie wenigstens nicht.

Ich selbst aber fürchte, Meine Phantasie malt mir allerlei Unerfreuliches an die Wand.

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