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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Der Hausbesuch regt sich.

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Noch bin ich nicht zu meinen Berichten gekommen, wie kann ich auch?

Kaum haben nämlich die Herrschaften auswärts in den Zeitungen gelesen, daß die Ausstellung angegangen ist, ehe sie fertig war, sie sich, wie sie gebacken sind, hingesetzt und geschrieben, sie kämen erst später. Die Antworten darauf und das Umkatern der Anmeldezeit, der Zimmerbesetzung und gegenseitiges verständigen, da Ungermann's jetzt mit Tante Lina zusammenfallen und der Amtsrichter dito mit ihr zusammenstößt, wenn auch Ungermann's umgelegt werden, das hinderte. Ungermann's müssen in die gute Stube und Tante Lina läßt sich allenfalls nach Butsch's abzweigen, andererseits jedoch ist der Amtsrichter unmöglich mit der Mädchenkammer zufrieden. Das Fremdenzimmer ist besetzt. Und die Dorette sperrt sich gegen das Schlafen aus den Boden.

Hat man den Kopf voll von Einrichtungen, kann man keine allgemein einleuchtende Berichte über die Größe der Industrie und das Bedeutendste der Gesammtleistungen verfassen. Es sind in der That Leistungen draußen, von denen man, wie Napoleon oder wer es war, nur sagen kann: es sind welche! Und wie manches, geradezu nicht hoch genug anzuerkennende ist in einem Seitenflügel angebracht. – Jawohl, das ist es! – Da wird es Pflicht der Berichterstattung, es hervorzuziehen und laut zu verkündigen: da seht her, was hier gewebt ist, diese prachtvolle Dualität und dauerhaft im Tragen. Und preiswürdig! Denn bei den immensen Kosten will doch auch der Aussteller sein Geschäft machen und das kann er nicht in einem Winkel, an dem das Publikum sinnlos vorüberrennt und seinen Fleiß, seine Arbeit, seine Tüchtigkeit links liegen läßt.

Aber ich will's schon schieben.

Was Auswärtige nun unter »nicht fertig« denken, das würden sie selbst mit den schrecklichsten Daumenschrauben nicht gestehen können, da sie ja garnicht wissen, wie die Ausstellung werden soll, wenn sie fertig ist. Freilich, desto vollendeter sie ist, desto mehr Totaleindrücke giebt sie her, aber für viele thut sich ohne dies schon fast zu reichlich. Außerdem hat bis jetzt noch keine große Ausstellung ihren Zeitpunkt innegehalten. Den letzten Pinselstrich hat wohl noch Niemand gesehen, wie mein Karl meint.

Was ihn selbst betrifft ... er will nicht in der Fabrik schlafen und sagt: »er sei nun einmal ein Gewohnheitsthier und werde, so weit in seiner Macht stände, sich auch nicht ändern.«

»Karl,« hielt ich ihm vor, »die Aufgabe des menschlichen Geschlechts liegt neuerdings in der Vervollkommnung. Man muß das Thierische, das Einem noch von den Vorzeiten anstammt, immer mehr abstreifen, namentlich Gewohnheiten.«

»Meine Familie hat sich nie zu der Darwin'schen Religion bekannt,« sagte er. »Wie Deine es damit gehalten hat, wirst Du selbst am besten wissen.«

»Was willst Du damit behaupten? Was kannst Du mir vorwerfen? Oder willst Du meine Vorfahren verächtlich machen? Karl, die liegen in ihren Gräbern und können sich nicht vertheidigen und Du schiltst sie Gorillas?«

»Mit keiner Silbe!«

»Wenn einer Darwin sagt, meint er Affe. Und das verbitte ich mir für meine Ahnen, das waren Musterleute, was mich selbst betrifft, bin ich viel zu aufgeklärt, um zu leugnen, daß ich nicht auch meine Fehler hätte.«

»Ganz sicher.«

»So; und welche wären das? wie? Ich möchte sie wirklich kennen lernen. Jawohl, das möchte ich. So nenne sie doch.«

Er besah seine Fingernägel, als wären es Polizeiakten, aber es stand nichts darauf.

»Siehst Du, Karl, wie leicht etwas nicht bewiesen wird? Gesetzt den Fall, ich wäre nicht Deine Dich innig liebende Gattin, sondern Besuch von Außerhalb und ginge Dich direct verklagen? Bedenke den Blam! Du in allen Zeitungen, an jedem Biertisch gelesen und straffällig gefunden, verurtheilt von der öffentlichen Meinung und nie – nie Kommerzienrath. Du urtheilst zu rasch, mein Karl, Du bist zuweilen recht unüberlegt; ich will es nicht gerade tadeln, weil es an Deinem jugendlich aufwallenden Blut liegt – Du hast Dich auffallend gut konservirt – aber wenn wir Fremde haben und Du läßt Dich hinreißen und schmetterst in Deinem Leichtsinn gerichtliche Ehrenkränkungen hin wie eben ... Karl, hast Du die Folgen bedacht? Ich meine Folgen, wenn ich Folgen sage ...«

»Wilhelmine, ich weiß nicht, wie Du mir vorkommst.«

»Bange Blicke in die Zukunft, die Besorgniß um Dich ...«

»Aber Kind ...«

»Karl, es ist das Beste, ... Du schläfst in der Fabrik, dann kann so etwas garnicht passiren.«

»Nein!«

»Und wenn's nachher zu spät ist? wenn es sich erfüllt, wie ich voraussehe?«

»Für das, was geschieht, übernehme ich, Karl Buchholz, die Verantwortung. Bist Du damit zufrieden?«

»Vollständig. Gewiß, mein Karl. Ich möchte den sehen, der Dir irgendwie käme ... Aber wenn Du in der Fabrik schlafen wolltest ...«

Was er sagte, als er das Lokal jetzt verließ, verstand ich nicht genau. Ich glaube beinahe, er fluchte.

Aber er hat nun einmal das Prinzip, nicht in die Fabrik überzusiedeln und Prinzipien sind um so eigensinniger, je höher sie gehalten werden.

Und doch ... mein Karl muß in die Fabrik.

Meine Stimmung war eine durchwachsene; es that mir wohl, daß mein Mann nicht von mir weg wollte, und gleichzeitig verdrossen mich seine Sperenzken. Um diese beiden Drehpunkte bewegten sich meine Gedanken, als ich mich nunmehr hinsetzte, der Kliebisch Tag und Woche zu schreiben, wann wir sie mit Gatten bei uns sehen könnten, und nebenbei einige Andeutungen über ihren Briefstil zu verabreichen, der mein Mißfallen erregt hatte.

Daß die Kliebisch kommen wollte, war mir recht, wenn auch mein Karl murrte.

Wir lernten uns in Italien kennen, nicht als gewöhnliche Eisenbahnabtheils-Bekannte oder Table d'hôte-Mitesser, sondern mancherlei Erlebnisse brachten uns näher, Gefahren und glückliches Entschlüpfen, wie ich in dem Buche »Buchholzen's in Italien« wahrheitsgemäß wiedererzählt habe, von dem jedoch die Krausen hinter meinem Rücken laut behauptet, ich hätte es garnicht geschrieben, sondern Jemand anders. Ganz derselben Meinung war früher die Bergfeldten. welche Mühe hat es mich gekostet, ihr diesen Wahnwitz auszureden. »Bergfeldten,« fragte ich sie eindringlich, »wie kann man ein Buch über etwas schreiben, wenn man nicht da war? wie denken Sie sich das? So aus heiler Haut? Meinen Sie vielleicht, man setzt sich an den Schreibtisch und, haste nicht gesehen, Neapel geschildert oder Rom oder die Bevölkerung und, was sonst malerisch ist, ohne persönliche Anschauung?«

Und was antwortete sie daraus? was?

»Das Papier ist geduldig.«

Hierauf wollte ich tödtlich werden, wie es sich auch eigentlich gehörte, aber da ich kürzlich vorher in der Familienbeilage unseres Blattes gelesen hatte, daß Langmuth und Unnachgiebigkeit herrlicher von Erfolg gekrönt werden als Jähzorn mit Handhabungen, wendete ich Nachsicht an und sagte, sie möchte doch um Alles in der Welt nicht über Dinge reden, die für sie ewig unaufgegangene Seifensieder blieben, so lange sie sich absichtlich der Wahrheit verschlösse.

Da gestand sie denn, daß sie blos sagte, was die Krausen gesagt hätte. Ich hatte die Krausen damals noch nicht so durchschaut wie später, und stand einigermaßen ziemlich mit ihr, so daß diese Offenbarung mir durch und durch ging, weshalb ich rügte: »Man muß sich nie als Sprachrohr gebrauchen lassen, weil zu viel verdreht herauskommt.«

Die Kliebisch sowohl wie ihr Gatte sollen nun der Butschen sowohl wie der Krausen mitten in's Gesicht beeidigen, daß ich mit ihnen zusammen in Italien war. Lügen müssen wie die Schwaben immerwährend ausgerottet werden, sonst dauern sie lebenslänglich.

Was mich in ihrem Schreibebriefe ärgerte, das waren Bemerkungen. – »Wir haben hier auch das Abschreckungs-Plakat in dem Dorfkruge hängen,« schrieb sie, »und hatten in Folge dessen anfangs gar keine Lust zur Ausstellung. Der sehnige Arm, der aus der Erde sich brutal erhebt und mit dem Hammer Jeden zu zerschmettern droht, hatte für mich etwas widriges, bis mein Hinnerich sagte, das Plakat stelle blos Berliner Blau vor (weil doch der Hintergrund so blau ist), und der Hammer bedeute die Landwirthschaft, die bald unter den Hammer käme. Da haben wir denn herzlich über den Witz gelacht. Mein Mann macht mitunter ganz brillante Witze und ist auch ringsum dafür bekannt. Unsere Anna ist konfirmirt und mir eine rechte Stütze im Haushalt. Sie hat den praktischen Sinn ihres Vaters geerbt und ebenso hellblondes Haar wie er und dabei seidenweich. Heinrich weiß noch nicht, was er werden will, wir lassen ihn deshalb die Schule noch ruhig besuchen, bis er sich entscheidet. Landwirth sieht mein Hinnerich ungern, weil zu wenig verdient wird und ein junger Mann ohne großes Kapital zu lange bis zur Selbstständigkeit warten muß. Henriette dagegen, unsere dritte, ist idealer veranlagt, mit gutem Gehör und einer allerliebsten Stimme. Adalbert und Friedrich gehen in die Dorfschule, was für den letzteren, da er von den Masern her immer noch nicht ganz wieder der Alte ist, seine Bedenken hat. Lene und Male ...«

Die unflügge Nachkommenschaft war für mich wenig von Interesse, da ich sie nicht kenne, aber ich empfing doch die Ueberzeugung, daß die Gegend dort zu den fruchtbaren gehört. Auf den Ehesegen ging ich daher nicht näher ein, wohl aber aus Herrn Kliebisch's Randglossen über das Ausstellungs-Plakat. Die hatten mich verdrossen.

»Es freut mich,« schrieb ich, »daß Sie Alle wohl und munter sind und Ihr Herr Gemahl trotz der agrarischen Lage noch zu Scherzen aufgelegt ist. Was diese anbetrifft, möchte ich mir nur die Mittheilung erlauben, daß wir unsere Witze über Berlin gewöhnlich selber zu machen pflegen.

»Das Plakat will verstanden sein. Es schließt sich der neueren Kunstrichtung an, die den sogenannten schönen Schein als unnatürlich meidet und in erster Linie darauf zielt, daß von dem Kunstwerk gesprochen wird, Wie? ist Wurst. Und das ist erreicht, sogar bei Ihnen auf dem Lande. Sie haben sich geängstigt: wollen Sie noch mehr Wirkung? Liebe Frau Kliebisch, seit wir uns in Italien sahen, hat die Kunst unermeßliche Fortschritte gemacht, daß die alten Meister, wenn sie aus ihren Gräbern hochkämen, sämmtlich umlernen müßten, wie Tag und Nacht ist der Unterschied. Alles Braune und Dunkele gehört in die Museen und der Antike an. Alles Mehlige und wie in den Regenbogen Getauchte ist modern und zulässig für Ausstellungen. Dies muß man sich merken und Rafael und Rubens und die verstorbenen Malermeister nicht loben, das nehmen die jüngeren krumm. Wir werden über Manches zu plaudern haben und vieles zu besichtigen, denn eine enorme Gemälde-Ausstellung ist Treptow gegenüber am anderen Ende der Stadt eröffnet. Wir rechnen in Berlin eben mit größeren Entfernungen als in kleineren Orten und so ist es auch mit dem Geistigen und den Scherzen. Berliner Blau gehört zu den überlebten; ich bezweifle, daß Ihr Mann Glück damit machen wird.«

Als ich über eine stilgerechte Schwenkung in die Kinderstube nachsann, kam die Dorette, und meldete, vor der Thüre hielte eine Droschke mit Massen-Gepäck; ob das wohl Besuch für uns wäre?

Wir Beide aus dem Fenster gesehen. Richtig. Die Droschke beladen wie ein Möbelwagen zur Umzugszeit, vornehmlich mit einem Reisespinde, daß der Kutscher völlig unfallversicherungsreif daneben auf dem Bock pendelte.

Wer konnte es sein? Nach dem Kontrolirverzeichniß, das ich rasch zu Rathe zog, Niemand. Aber da öffnete sich die Thür, eine junge Dame flog auf mich zu mit den Worten: »Ich bin es. Wie ich mich freue.«

»Ottilie?« fragte ich.

»Ja, Ottilie.«

»Warum schrieben oder telegraphirten Sie nicht?«

»Ich wollte Sie überraschen, das hatte ich mir zu entzückend ausgedacht. Ach es geht nichts über Ueberraschungen, die sind zu himmlisch.«

Sie hatte es gut gemeint und so fügte ich mich denn, obgleich mir genaue Anmeldung lieber gewesen wäre, weil ich dann meine Anordnungen getroffen hätte.

Ich betrachtete sie mir. Sie war viel ansehnlicher, als auf der Photographie, namentlich das lebhafte Auge verlieh ihr etwas Reizvolles und, wenn sie sich bewegte, kam ihre schlanke Figur zur Geltung. Nun ward mir auch mit einem Male klar, warum sie sich nicht glücklich in ihrer Heimath fühlt und weshalb sie allerlei auszustehen hat. Sie ist über ihren Stand hübsch.

Ich hieß sie willkommen und fügte hinzu: »Wir haben ereignißreiche Tage vor uns, aber mit gutem Willen, verständiger Anordnung und Fleiß werden wir sie bewältigen.«

»Ach und recht oft in die Oper,« rief sie, »Oper ist zu himmlisch. Ich muß die Sucher hören, sie soll als Isolde zu entzückend sein. Und Zirkus. Ich schwärme für Zirkus!«

»Ottilie,« unterbrach ich sie, »Zirkus ist eine Wintersache, also jetzt nicht vorhanden. In die Oper werden wir auch einmal gehen. Die Hauptsache ist unsere gemeinsame Ausstellungsarbeit. Haben Sie Bücher mitgebracht?«

»Gewiß, zwei Kisten voll.«

»Zwei Kisten?« fragte ich entsetzt.

Der Droschkenkutscher und Dorette schleppten gerade einen schweren Kasten die Treppe herauf. »Das praktische scheint ihr fremd zu sein,« dachte ich und fragte: »Was sind denn das für Bücher?«

»Zunächst Meyer,« antwortete sie.

»Was für'n Meyer? Doch nicht das ganze Conversationslexikon?«

»Nun ja, darin steht Alles.«

»Ottilie,« rief ich, »den Meyer habe ich selbst; die Ueberfracht hätten Sie sparen können, was sonst noch?«

»Ein französisches und ein englisches Lexikon, Daniel's großes Handbuch der Erdkunde, Velhagen und Klasing's Atlas, Brehm's Thierleben, wegen der Fischerei-Ausstellung, Krüger's Physik ...«

»Das scheint mir das einzig richtige. Haben Sie auch Chemie mitgebracht?«

»Chemie? Nein, die hab' ich vergessen.«

»Aber Ottilie, wo ich Ihnen doch schrieb, welche Sorge mir das chemische Industriegebäude macht, was fangen wir nun an? Wir müssen das Buch schicken lassen.«

»Das geht nicht. Ich habe die Schlüssel zu meinem Bücherspinde bei mir.«

Ich seufzte. »Kommen Sie, ich will Sie auf Ihr Zimmer führen. Später ziehen Sie zu mir.«

»Ach wie reizend.«

Der Droschkenmann wurde allmählich befriedigt; die Ladung war nicht billig. Auch machte er Seitenbemerkungen, als Dorette meinte, das Heraufbefördern von Gepäck läge mit in der Taxe und sei mit zwei Groschen hinreichend belohnt.

»Denn muß das Freilein das nächste mal mit'n Rollwagen fahren,« sagte er. –

Als mein Karl zu Tisch kam und ein drittes Gedeck vorfand, legte er sich auf's Rathen, für wen es sei, kriegte es aber nicht heraus, weil das Zunächstliegende stets das Schwierigste ist. Er wurde ärgerlich und grollte: »Du willst Dich wohl zur Sphinx ausbilden, das ist das einzige, was auf dem Ausstellungs-Kairo noch fehlt.«

»Hast Du so genau nachgesehen?« – »Ja!« – »Ohne mich?« – »Du gehst ja Deine eigenen Studirwege.« – »Karl!«

In diesem Ausrufe lag eine ganze Tragödie, und das fühlte er, denn er fragte »wo bleibt das Essen?« wenn Männer ablenken, regt sich ihr Schuldbewußtsein.

»Die Araberinnen sollen dort ja zum Theil unverschleiert herumlaufen?« fragte ich durchbohrend. »Ist das wahr?«

»Ich bin hungrig, Wilhelmine!«

»Ich nicht. Mir ist der Appetit vergangen.« – »Wovon denn?« – »Was weiß ich?« – »Eben warst Du noch guter Dinge.« – »Eben, ja.« – »Bin ich Schuld an Deiner Laune?« – »Nein.« – »Wer denn?« – »Niemand.« – »Wilhelmine, willst Du mich erzürnen?« – »Nein; ich bitte Dich, was soll Ottilie denken, wenn sie gleich am ersten Tage Zeuge tiefsten Familienzwistes wird.« – »Uebertreib' nicht, sei so gut. Also für Ottilie ist gedeckt ... wo bleibt sie aber? Ich möchte essen.«

»Sie macht Toilette.«

»Sie soll sich beeilen. Von der Gesellschafterin verlange ich Pünktlichkeit. Ich werde einen Ton mit ihr reden.«

»Karl, mir zu Lieb sei freundlich gegen sie. Bedenke, ich muß Wochen lang mit ihr auskommen. Und Du weißt, sie hat Nerven.«

»Sie kann sich meinethalben an ihren Nerven aufhängen.«

Ich klingelte. Mein Karl war bereits in dem Hungerstadium, wo die Männer borstig werden. »Dorette, schleunigst die Suppe und Fräulein nochmal zu Tisch ansagen.« Glücklicherweise hatten wir Kerbelsuppe, die mein Karl schon öfter für sein Leibgericht erklärte, mit Ei und gebratenem Brot. Er schlemmte ordentlich, so ausverkauft war sein Magen gewesen und mit jedem Löffel ward er friedlicher, wäre jetzt Ottilie nicht gekommen, hätte er deren Antheil mit vertilgt; ein Ei bekam sie schon weniger.

Mein Karl war überrascht bei ihrem Anblick, ich noch überraschter. Er stand auf und verbeugte sich und sie machte einen Quadrillenknix wie frisch vom Tanzmeister, schon mehr die reine Hoffeierlichkeit. Und was hatte sie an? Ein marineblaues Kleid von demselben Stück wie meines und eben solche crêmefarbige Klöppelarbeit und der Schnitt aus demselben Modenblatt.

Mein Effect, den ich vorhatte, war hin. Zweie aus dem nämlichen Laden erregen allerdings Aufsehen, aber nur weil Jede sagt: sie gehen gleichartig aus Billigkeitsrücksichten, Gott weiß, wo sie den Rest gekauft haben? Und dazu schafft man doch nichts Neuestes an.

Ich hatte Karl zwar gebeten, freundlich zu sein, aber daß er Ottilie mit unverhohlenem Wohlbehagen ansah, das war nicht ausbedungen.

Das Gespräch wurde bald recht lebhaft. Ottilie schwärmte schon mächtig für Berlin. Nach dem Spreewald wollte sie und einen kleinen Abstecher nach Dresden machen, und recht, recht oft in's Theater.

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»Meine Liebe,« sagte ich, »was wird aber aus Ihren Nerven?«

»Oh,« erwiderte sie, »die sind facultativ. Ich bedarf der Anregung, die wird mir Flügel verleihen, Flügel des Geistes, sie wachsen mir jetzt schon. Ach, Berlin ist zu himmlisch.« Dabei streckte sie Jedem von uns eine Hand hin und sprach: »wie lieb Sie sind, mich so glücklich zu machen.«

Wir schlugen ein, weil sie so überrumpelnd war und mein Karl, das sah ich, fand Vergnügen an dem Händedrücken.

»Ottilie,« bemerkte ich strenge, »so lange Sie hier sind, vertrete ich Mutterstelle und das sage ich von vorn herein: geflogen wird nicht.«

Sie hätte nur bildlich gesprochen. – »Bei uns reden wir deutsch.«

Nach Beendigung des Mahles schlug ich im Meyer »facultativ« nach. »Dem eigenen Ermessen freigestellt« stand da.

Hierauf fragte ich meinen Mann: »Karl, weißt Du, was facultativ besagt, in Bezug auf Ottiliens Nerven?«

»O ja,« entgegnete er trocken, »ihr freiert.«

»Und deshalb ziehst Du in die Fabrik und Ottilie schläft bei mir. – Ohne Widerrede, mein Karl.«

Er redete auch nicht wider. Ottilie ist wirklich zu hübsch und ohne Erfahrung. Es wird nicht leicht sein, sie zu hüten.

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