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Hôtel Buchholz

Julius Stinde: Hôtel Buchholz - Kapitel 24
Quellenangabe
authorJulius Stinde
titleHôtel Buchholz
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Glückliche Leute.

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Noch einige Tage und mein Hôtel steht leer. Der letzte Gast, der Vetter Amtsrichter, muß wieder in Dienst. Daß ein so liebenswürdiger, hochgebildeter Mann von Verbrechen leben muß! Aber andererseits, wenn blos Edles auf Erden begangen würde, wären die gesammte Jurisprudenz brodlos, und es sähe für reich betöchterte Familien noch flauer aus als jetzt, wo zum Aufziehen gebildeter Weiblichkeit die Gelegenheiten immer massenhafter, die zum Versorgen jedoch immer zählbarer werden. Da steckt es.

Wir sehen ihn ungern scheiden und hoffen von nun an in regerem Verkehr zu bleiben, wenigstens einmal im Jahre, und dann auf längere Wochen. Die Uhren ticken freilich ihren gleichen Schritt, aber die Zeit wird eilsamer im Alter, und Wochen fliehen wie Tage und die Tage wie kurze Stunden. Kaum hatten wir uns über das erste Grün gefreut, und nun fielen schon gelbe Blätter hier und da. Und doch war der Sommer nicht eigentlich heiß gewesen, ausgenommen für mich. Mir war nicht schlecht eingekachelt worden.

Doch das war vorbei.

Ottilie schrieb mir reumüthige Briefe. Es war ja auch nicht 'was, durchzubrennen, während ich mich in ihren Angelegenheiten Reisegefahren aussetzte, aber indem sie um Verzeihung flehte und schriftlich über sich nachzudenken gezwungen war, kam sie zu der Erkenntniß ihrer Unvollkommenheiten, und den Gewinn schlage ich als ihre beste Mitgift an. Auch Musjeh Urian, ihr Verlobter, gestand seitenlang seinen Frevel ein und bat um mein ferneres Wohlwollen. Kann man ihm denn böse sein?

Verliebte sind unzurechnungsfähig, und Rudolph mußte man lassen, daß er verhältnißmäßig vernünftig gehandelt hatte, wenn man sich es recht benahm. Denn wie verliebt war er trotz Ottiliens Fehlerhaftigkeiten. Schöne Gestalt hat große Gewalt.

Das hatte Kriehberg auch an sich erlebt, obgleich nicht so wie Rudolph, sondern mehr mit Geldnebengedanken.

Ich fragte den Vetter Amtsrichter: »Wenn Einer von Einer schriftliche Indizien verwahrt und derselbe beabsichtigt, wenn diejenige demjenigen, der dieselben besitzt, denjenigen vorzieht, welchen dieselbe später kennen lernte, mit denselben zu schikaniren und derselbe sich nicht entblödet in das Ja vor dem Geistlichen hineinzufahren. Darf derselbe das?«

Der Vetter entgegnete: »Ich habe Sie nicht ganz verstanden, verehrte Cousine.«

»Das wundert mich, ich gab mir doch Mühe, Amtsstil zu reden.«

»Der ist bisweilen selbst ergrauten Actenlesern zu viereckig, als daß sie daraus klug würden. Aber wenn Sie die Güte haben, mir den Fall in der gewöhnlichen Umgangssprache mitzutheilen, hoffe ich, Ihnen Auskunft geben zu können. Und wenn ich bitten darf, ohne Voreingenommenheit und ohne Beschönigung.«

»Zu beschönigen ist nichts, Kriehberg ist, wie er ist, ein Subject.«

»Erlauben Sie, das scheint mir parteilich.«

»Wo denn? Wenn ich Partei nehme, doch für Rudolphen, und von dem hab' ich kein Sterbens-Atom erwähnt.«

»Ahem!« sagte der Vetter. »Liebe Cousine, so kommen wir nicht weiter. Also zunächst der genannte Kriehberg. In welchem Verhältniß stehen Sie zu ihm?«

»Herr Vetter, solche Fragen muß ich mir dringend verbitten. Ueberhaupt Kriehberg! Ich kenne keinen Menschen, mit dem ich quaranzetter stände, als mit ihm.«

»Ich verstehe. Waren Sie von Anfang an derselben Meinung?«

»Herr Vetter, wie jemand sich entwickelt, solchen Verlauf nimmt die Freundschaft!« Und nun erzählte ich ihm von den Berichten und von Kriehberg und Ottilie als Hilfs-Assistenten und von Tante Lina in ihrer Eigenschaft als Erbvorspieglerin und von Rudolph und Ottilien, als wirkliche Liebe, und von Kriehberg's Eifersucht und von Ottiliens Entführung und Kriehberg's Herausforderungsgelüsten, die sich sogar bis auf mein Lamm von Mann erstreckten. »Warum ist es nicht möglich, das Duell mit Stumpf und Stiel auszurotten?« fragte ich.

»Weil die Ehre, Gott sei Dank, noch lebt, die höher steht als das Leben. Ihr Hort gegen Vergewaltigung und Heimtücke ist der Zweikampf. Wer sich an die Ehre wagt, wisse, daß er sein Leben auf's Spiel setzt.«

»Ganz recht, auf den Zufall! Der entscheidet.«

»Wie im Kriege um die Ehre des Vaterlandes, der Sieg oft Werk des Zufalls ist. Wer die Ehre nahm, mag auch das entwerthete Leben nehmen oder das seinige lassen als Sühne, wie es sich fügt.«

Die Antwort hätte ich mir denken können; die Schmisse des Herrn Vetter – sie stehen ihm nicht übel zu Gesicht – sagen ja offenkundig, daß er schon als Jüngling mannhaft für sich eintrat.

Und Rudolph hat auch so einen Kratzer auf der Stirn, von der technischen Studentenzeit und dem Farbentragen. Der geht los. Deshalb fragte ich: »Es existiren doch Festungen. Ist keine frei für Kriehberg, ehe er beleidigt und zwar mit lebenslänglicher Beköstigung?«

»Nein,« sagte der Vetter, »die Freiheit eines Menschen einzuschränken ist nicht gestattet.«

»Aber wenn man doch weiß, daß er Unheil anrichten wird?«

»Auch dann nicht.«

»Warum leben wir nicht mehr in Alt-Berlin, Herr Vetter? Damals saß die Senge loser als heute.«

»Sie machen sich unnöthige Sorge, wenn das Fräulein die Verlobung rückgängig machen will, werden wir ausreichende Gründe finden. Er vermag ihr keinen Unterhalt zu bieten, sein exaltirtes Wesen deutet auf geistige Störung. Ist ihm irgend ein verschrobener Verwandter nachzuweisen, liefern wir ihn den Psychiatern aus.«

»Ist das sehr etwas Schlimmes?«

»Bei einem Anhänger Lombroso's ist er so gut wie verloren, dem genügt schon eine dämliche Kinderfrau zur erblichen Belastung bis ins vierte Glied.«

»Das ist Alles recht schön; aber wer hindert ihn, das Glück der Beiden durch seine Unvernunft zu stören? Und da Ottilie nicht frei von Schuld ist, welch' ein Brautstand wird das, welch' eine Ehe? Das ist meine Behauptung. Und solche Verbrechen an Glück und Freude sind straflos?«

Dies sah der Vetter ein. Glück muß rein sein, sonst ist es kein Glück.

Er ließ sich Kriehberg's Adresse von mir geben, von ihm selbst zu erfahren, ob er aus Liebe handele oder aus Eigennutz. – »Von jedem etwas,« sagte ich »halb sauer und halb mit Essig.« –

Als der Vetter wiederkam, waren wir einen Tippel klüger, aber auch nicht mehr. Kriehberg wollte gegen eine Abstandssumme zurücktreten und Ottiliens Briefe herabrücken.

Es waren man blos 5000 Mark, mehr nicht. Und die sollte ich berappen. Wer sonst?

Ottilie verfügte nicht über so viel. Und Rudolph konnte doch unmöglich seine Braut kaufen? Blieb ich allein vor dem Rest sitzen.

Oder Tante Lina.

Aber die konnte ja nicht an das Ihrige heran.

Machte ich mir wirklich ungelegte Eier, wie der Vetter meinte: »Genau genommen, geht Sie die ganze Angelegenheit gar nichts an.«

Wie oft hatte ich mir das einzureden versucht, und Onkel Fritz sagte es auch. Es half jedoch nicht. Mir war Ottiliens und Rudolphs Zukunft zur Herzensfreude geworden. Daran lag es, daß ich Unheil von ihnen zu wenden suchte, was jedoch erschwert wurde durch Ottiliens Rückkehr.

Rudolphs Eltern wollte sie zu mir bringen, meinen Karl und mich kennen zu lernen, und die Verlobung sollte gefeiert werden.

Und wenn wir rufen: »Hoch lebe das Brautpaar!« und Kriehberg stürzt herein und vollführt Aufruhr? Oder schießt gar? Und keiner mag an die Stunde zurückdenken, die sonst wie eine Sonne aus der Erinnerung in's Leben hineinstrahlt, wenn trübe Tage kommen, weder Rudolph noch Ottilie. Und können sie auch nicht vergessen.

Ich setzte mich hin und weinte.

Dorette meldete Besuch.

»Ich kann Niemanden empfangen, ich habe Migräne.«

»Det paßt jrade. Der Herr is ooch wat Feines.«

»Mein Mann ist im Kontor.«

»Nee, er will bei Madame,« sagte Dorette und hielt mir die Karte hin.

Dorette hatte die Thür halb aufgelassen. »Verzeihen Sie, wenn ich ungelegen komme, aber meine Zeit ist gemessen.«

»Ich blickte hin, der Herr war mir fremd ... und doch bekannt, wo hatte ich ihn gesehen? Richtig, auf der Ausstellung. Er war es, Johannes Viedt.«

»Sie kommen von Tante Lina?« fragte ich, ohne die Vorstellungsförmlichkeiten zu erledigen.

»Ich bringe Grüße von ihr. Und um kurz zu sein, sie hat mich gebeten, einem jungen Manne in seinem Fortkommen drüben behilflich zu sein, einem Architekten ...«

»Ja, ja,« unterbrach ich ihn. »Kriehberg heißt er, eine außerordentliche Kraft ...«

»Freut mich zu hören. Für einen tüchtigen Baumeister ist bei uns ein lohnendes Feld. Ich selbst habe große Unternehmungen vor in St. Louis. Sein Weg ist gemacht, wenn er sein Fach versteht.«

»Besser als die anderen, er baut Ihnen Alles.«

»Sonderbar, und doch kämpft er mit Schwierigkeiten?«

»Wo soll er hier seine Kräfte entfalten? Aber drüben in dem freien Lande wird er Bedeutendes leisten.«

»Freut mich. Die Dame nimmt innigsten Antheil an ihm ... wie eine Mutter.«

»Das fiel mir nie auf. Aber wer weiß?«

Er schwieg.

»Sie spricht nicht über ihre Vergangenheit,« fing ich an. »Und doch spürt man aus Allem, daß sie ein verlorenes Leben betrauert. Deshalb ist sie mitunter so verbittert, und wiederum weich zu anderer Zeit. Ist es ihr Wunsch, dem jungen Mann fortzuhelfen ... ich würde ihn erfüllen, wenn es an mir läge ... so bald wie möglich ... vielleicht ist es die einzige Freude, die sie noch hat. Sie glauben nicht, wie ich ihr dies nachfühle.«

»Das macht Ihrem Herzen Ehre,« sagte Herr Johannes Viedt.

»O, bitte.« – Wie er sich wohl meine Erröthung deutete?

»Wo ist der junge Mann? Von Ihnen würde ich Auskunft erhalten ...«

»Sagte Tante Lina? Ja, das habe ich ihr versprochen. Ich werde Ihnen Herrn Kriehberg senden.«

»Kaiserhof, Zimmer fünfundvierzig.«

»Soll geschehen.«

»Ich danke Ihnen.«

Er ging. Ich mit fliegender Hast auf und davon nach Kriehberg. Glücklicherweise traf ich ihn, wenn auch nicht in rosenfarbner Laune. Er sollte Miethe abladen und es fehlten ihm die Groschen.

»So weit sind Sie herunter und doch noch hoch zu Pferde?« rüffelte ich ihn an. »Noch immer keine Einsicht? Und nun schleunigst mit Ihnen nach dem Kaiserhof, da ist einer von den amerikanischen Naböbbern, Sie mitzunehmen zum Cementanrühren und was Sie sonst vom Bau los haben. Aber so können Sie nicht antreten ...

»Ich kann doch meine Pfandscheine nicht anziehen?«

»Nee,« sagte ich, »aber wir können sie einlösen.«

»Würden Sie das?«

»Gewiß, aber erst her mit Ottiliens Briefen.«

»Sie legen mir eine Falle!«

»Junger Mann, die Vorsehung reicht Ihnen die Hand. Hier das erbärmlichste Elend – dort eine Zukunft, um die Sie Hunderte beneiden. Und sie zögern auch nur eine Minute? Ich zähle bis drei. – Mit drei ist unwiderruflicher Schluß. Also: Eins!«

Er rührte sich nicht. Ich ging einen Schritt auf die Thür zu.

»Zwei! – Freie Ueberfahrt nach den Goldbergen. Sogleich in Thätigkeit!« – Ich faßte den Thürgriff.

»Zwei ein halb. Adje Herr Kriehberg. Eins und zwei und ...«

»Halt!«

»Na, sehen Sie!«

Er holte die Briefe hervor und die Versatzamts-Dokumente. Auch die Miethe wurde erledigt.

Und was sagte er, als ich ihm noch Taschengeld ließ aus der Wechselei mit seinen Hausleuten?

»Sie schreiben mir es wohl auf meine Arbeiten gut.« – Ob das Bramsigkeit war den Leuten gegenüber oder Unverfrorenheit, daß er sich solche Worte herausnahm, soll unentschieden bleiben, ich ließ ihn ohne Antwort stehen. Mit dem war ich fertig.

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»Aber er war noch lange nicht über das Wasser, wenn Herr Viedt ihn nicht mitnahm?«

Ich hatte wenigstens die Briefe, damit konnte er nichts mehr anstiften.

Ich las sie zu Hause durch. Unverantwortlich überschwänglich mit himmlisch und entzückend, mit Liebe und Daseinswonne und Seligkeiten und doch kein Satz aus dem Herzen, sondern aus Büchern, ebenso wie ihre Wissenschaften eine bloße Behaltssache mit dem Kopfe; nichts Innerliches. Solchen Brast hatte ich oft genug gelesen; wahrscheinlich in denselben Romanen, woraus Ottilie sich mit Liebesweisheit belernte. Nein, geliebt hat sie Kriehberg nie. Es war die reine Gymnasialpoussade, nicht mehr und nicht dauerhafter, ohne einen Fleck zu hinterlassen, obgleich man nie vorsichtig genug sein kann! Umgang färbt ab.

Und doch der Schreck, als Kriehberg am Spätnachmittage erschien ... Natürlich Herrn Viedt vor den Kopf gestoßen und der Tanz beginnt von Neuem, war meine feste Ueberzeugung.

Aber gottlob nein. Der Himmel hatte ein Einsehen gehabt mit meinen Leiden. Er war angenommen, am folgenden Tage ging es nach Hamburg und von da in die neue Welt, neuem Leben entgegen. Nun wollte er mir danken.

»Herr Kriehberg,« sagte ich, »daß Sie glauben, mir Dank schuldig zu sein, nehme ich als ein Zeichen Ihrer Reue an, im Uebrigen will ich Ihren Dank nicht, was ich für Sie ausgelegt habe, steht zu Buch. Sie werden mir es wiedererstatten, wenn Sie in Dollars wühlen. Wir haben blos geschäftlich miteinander zu thun. In meiner Zuneigung haben Sie weder Sitz noch Stimme.«

»Wenn Sie wüßten, wie die Gesellschaft mich behandelt hat, diese selbstsüchtige, verlogene Brut, die mir feindlich gesonnen ist von jeher, die mich nie verstanden hat ...«

»Ach was, Gesellschaft! An Ihnen liegt es, daß Sie überall gegen rennen. Sie wollen mehr für Ihr Bischen Können haben, als es werth ist, das ist Ihr Zorn, verstehen Sie die Welt, dann werden Sie wieder verstanden werden.«

Das mochte er nicht hören, er empfahl sich mit einer kurzen Verbeugung und verschwand. –

Ich athmete auf, die Luft war rein. Aber ganz frei fühlte ich mich erst, nachdem ich dem Vetter die Unterhaltung mit Kriehberg erzählt hatte. »Wenn jetzt nichts aus ihm wird, trifft mich keine Schuld,« schloß ich, »an ihm ist gethan, was gethan werden konnte.«

Der Vetter lächelte. »Keine mächtigere Gunst als Frauengunst,« sagte er. »Nach meinem Urtheil ist Kriehberg ein Mensch, der immer wieder angebracht werden muß, da er selbst sich meistens unmöglich macht. So einer ist auf Protection angewiesen und findet sie auch, so bald es ihm gelingt, mit doppeltem Boden als vielversprechendes Talent zu imponiren und als verkanntes Genie Mitleid zu erwecken. Und hat er einmal die Gönnerschaft eines weiblichen Herzens gewonnen, bleibt sie ihm und hilft ihm vorwärts, auch wenn er sie nicht mehr verdient!

»Sehr richtig, Herr Vetter, als wenn ich Tante Lina leibhaftig vor mir sähe; meine Gunst dagegen hatte Kriehberg längst verscherzt. Aber sagen Sie selbst, hätten Sie es über sich gebracht, ihn in seiner Laufbahn zu behindern? Schließlich dauert er Kinen doch und er kann sich ja auch ändern.«

»Vielleicht findet er eine liebende Gattin, die ihn erzieht.«

»Für seine Zukünftige wäre das Beste, er bliebe unverheirathet. Oder auch er kriegte seinen Lohn durch sie. Die Vorsehung wird schon wissen, wie sie's anfängt.« –

Mein Karl mußte noch einmal in seine Fabrikwohnung ziehen, da ich Ottilie bei mir hatte.

Es war ein wunderliches Wiedersehen, als sie kam und nicht wußte, ob es Schelte gäbe oder gute Worte und er dabei war, ihr Bräutigam. In seiner Gegenwart mich einer Kanzelrede für fähig zu halten, traute sie mir nicht wohl zu, aber wäre inhaltlose Höflichkeit nicht eben so hart gewesen, wie ein Ausputzer mit Amen und Sela? Genug, sie fürchtete, ob ich doch nicht ...

Nein. Als sie zögernd dastand und ihre Blicke schüchtern baten, breitete ich die Arme aus und sie umhalste mich schluchzend und bebend.

»Kind, Kind, es ist Alles gut,« sagte ich und flüsterte ganz leise: »Alles, Alles.«

Sie mußte verstanden haben, was ich meinte. Nun ließ sie mich erst recht nicht los.

»Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben,« wandte ich mich an Rudolph. »Sie sind mir der Rechte. Sie versprechen mir, keine Thorheiten zu begehen – ja, das haben Sie – und kaum bin ich aus der Sehatmosphäre, entführen Sie Ottilie.«

»Das war doch keine Thorheit.«

Als er das sagte, lachte er über das ganze Gesicht. Und ich ... ich lachte mit. –

Herrn Braun's Eltern waren im Hôtel de Rome abgestiegen, mein Pfuschhôtel konnte ich ihnen nicht gut anbieten; sie sind es vornehm gewohnt, wenn auch nicht ausgeschlossen ist, sie einmal in richtiger Berliner Manier bei uns zu sehen, mit warmem Abendbrot, einfach und gediegen und dafür lieber etwas reichlich. Die Leute sind wirklich nette Leute. Obgleich so reich, mußte ihr Sohn von der Pike auf dienen, arbeiten und schlossern und schmieden und zeichnen und rechnen, als hätte er nichts zu erwarten. Und deshalb hatte er auch die Freiheit nach seinem Herzen zu wählen. Er konnte etwas und stand auf eigenen Füßen.

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Und dabei die Ungermann, des älteren Herrn Brauns' Schwester. Familienäpfel fallen doch manchmal sehr weit vom Stamm. Oder aber Ungermann hat sie schädlich angewöhnt. Der ist nach keiner Richtung empfehlenswerth. Denn anstatt von meinem Karl einen größeren Posten zu kaufen, hat er eine Lappalie bestellt und unserem Konkurrenten alle verregnete Maare billig abgenommen und sonst noch viel dazu. So etwas gehört sich nicht. –

Braun's besuchten die Ausstellung nicht des Vergnügens wegen, sondern in wichtigster Absicht. Es galt, dem Sohn ein eigenes Heim einzurichten, und wo konnte das Zubehör besser ergründet und beschafft werden, als da, wo das Beste und Schönste nahe bei einander war?

Das höchste Ziel des heutigen Menschen ist eine eigene Villa. Ottilie hatte es erreicht. Die Pläne waren bereits entworfen, die Ausstattung stand fertig in den Hallen der Ausstellung, wir brauchten blos aussuchen. Brauns senior bezahlte.

Wie ganz anders doch die einzelnen Gegenstände erscheinen, wenn sie erworben werden sollen und nicht als gewerbliche Anstauungsleistungen ermüden. Und Möbel haben wir gewählt: propper! Die Villa wird kostbar. –

Auch die Hochzeitsreise ist bereits geographisch abgesteckt, mit Madrid als Endpunkt. Nun kommt Ottilie dahin, und kann die spanische Residenz mit ihrer Examensarbeit vergleichen. Rudolph sucht eben jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, selbst den weitesten, wenn sie nur nicht verwöhnt wird. Aber Mama Brauns ist eine kluge Frau. Und Ottilie ordnet sich ihr unter aus freien Stücken. Sie hat ja eine Mutter in ihr wieder.

Als ich mit Ottilie allein war, am ersten Abend nach ihrer Rückkehr sagte ich: »Reich mir mal die Schweden und mach die Ofenthür auf.«

Nachdem sie dies gethan, hielt ich ihr ein Päckchen Papiere hin und fragte: »Kennst Du diese?«

»Meine Briefe!« rief sie verlegen.

»Deine Jugend-Dummheit, von ihr soll nichts bleiben, als Staub und Asche, weg und aus!«

Wie der Ofen voller Flammen prasselte, sagte ich: »Schade, daß wir Deine Wissenschaften nicht mit eins verbrennen können, oder ergiebst Du Dich ihnen auch noch ferner?«

»Nein, nein!« erwiderte sie rasch.

»Du hast noch manches nachzuholen, wobei Dir die Wissenschaft im Wege ist. Du mußt Hausstand studiren und Nahrungsmittel lernen und Dienstmädchen regieren und ...«

»Meinen Rudolph glücklich machen.«

»Kind, das ist das einfachste von der Welt: Liebe ihn mehr als Dich.«

Sie faltete unwillkürlich die Hände und senkte schweigend das Haupt. Ich küßte sie.

Wenn ein Engel durch das Gemach flog, weiß ich wohin er ging mit dem stillen Gebet um Liebe. –

Die Verlobungsfeier fand in dem runden Thurmgemach im Hauptrestaurant statt. Auf der Ausstellung hatten die jungen Leute sich gefunden, dort wollte Rudolph uns alle an seinem Bräutigamsglück theilnehmen lassen. Wir kamen auch sämmtlich – Sanitätsraths hatten eigens nur dürftig zu Mittag gegessen – und Butsch und Frau hatte er gebeten, war sie doch sein Kompagnon. Das heißt Antheil wollte er nicht, das war Scherz gewesen, dagegen die Barometer -Idee der Butschen hatte er beim Patentamt gehißt. Zweitausend und hundertundfünfzig Mark hatte sie nach Abzug der Musterschutz-Auslagen bekommen und für später waren Procente in Aussicht.

Sie, die Butschen, strahlte, als ich ihr zu dem Erfolge gratulirte. »wer hätte das für möglich gedacht?« sagte sie, »aber es ist so. Butsch will, daß ich noch ein Mädchen halte und blos noch sitze und erfinde.«

»Haben Sie denn schon wieder etwas?«

»Ach nee und wenn ich noch so blödsinnig nachdenke. Und Butsch thut es auch nicht gut. Der wird schon en ganzer Simulante.«

»Wie so?«

»Na ja, er simulirt in eins weg Barometer. Aber er bringt sie nicht zum Hacken.«

»Daß er nur sein Geschäft nicht darüber versäumt. Am Vorbei-Erfinden ist schon mancher zu Grunde gegangen.«

»Ach nee, da paßt er auf. Seine Weiße ist die Beste überall in der Gegend. Es kommt auch kein Tropfen Wasser mehr mang, als muß. Er will nicht an Ausstellungsfremden verdienen, wie viele thun. Butsch weiß, was er der Ehre Berlins schuldig ist.«

»Ja, ja,« sagte ich. »Es hat so jeder seine Ehre.«

»Wie meinen Sie das?«

»Liebe Butschen, so ausgezeichnet Sie auch im Erfinden sind, die Fragen der socialen Gesellschaft zu lösen muthe ich Ihnen nicht zu und wenn Sie noch drei Mädchen nähmen. Auch ist hier nicht der Ort für dergleichen. Kommen Sie, es geht zu Tisch, wir werden vergnügt sein, so recht von Herzen vergnügt.«

»Buchholzen! Sie treffen doch immer die Gefühle Anderer mitten auf den Kopf. Wenn Eine vor Lust krieschen möchte, bin ich es. Blos ich habe Bange, daß Butsch zu viel kriegt. Dann singt er. passen Sie auf, er singt.«

Wir aßen und tranken und waren froh. Es war zu hübsch. Und so schön auch Gemach und Tafel waren, mit Blumen und kostbarem Gedeck, das schönste war doch das Brautpaar. Und wir Alle freuten uns an ihrem Glück.

Als es dunkelte, begann draußen die Illumination. Wir traten an die Fenster und blickten auf den lichtumrankten See, auf den Flammen-Springbrunnen und das Hauptgebäude, das wie ein Riesenschloß in feurigen Umrissen gegen den Nachthimmel stand. Und die Töne der Musik drangen herauf in jubelnden weisen.

»Ein Fest der Arbeit ist die Ausstellung,« sagte der alte Herr Brauns. »Möge allzeit Segen ruhen auf redlicher Arbeit, sie ist die Kraft des Vaterlandes.«

Rudolph winkte. Die Lohndiener brachten frisch gefüllte Gläser mit Dressel's bestem Rheinwein.

»Der Deutschen Arbeit in Deutschem Wein!« rief er. »Ihr gilt dieses Glas«. Und dann noch eins:

»Auf das, was wir lieben!«

Und Herr Butsch stimmte an:

»Hoch soll'n sie leben. Dreimal hoch!«

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